Laus Erasmi (von Boris Yoffe, 2023)
Darf man heute noch zwischen einem guten und einem schlechten Witz unterscheiden, bzw. diesen Unterschied benennen? Lachen ist das Anderssein eines guten Witzes, seine Verwandlung, Transformation. Ein schlechter Witz versinkt in einer freudenlosen Stille. Denn das Lachen ist ein Reflex. Allerdings lässt es sich spielend vortäuschen: einem stumpfen Witz eines eingebildeten Dummkopfs schallt ein aufgezwungenes Kichern entgegen, ob aus einer zweifelhaften Höflichkeit oder aus einer falsch verstandenen Toleranz heraus.
Je humorloser jemand ist, umso schneller fühlt er sich durch den Mangel an Lachern über seine Witzeleien gekränkt.
Ersetzt man jedoch das natürliche Lachen mit einer Imitation, so beleidigt man die Natur.
Dies ist aber nur ein Witzeln gegenüber dem Vergleichen etwa einer schönen und einer unschönen Frau. Darüber darf man sich heute zwar nur unter vier Augen austauschen, mit Einem, dem man blind vertraut. Und wenn man lernen kann, leere Komplimente zu machen und ein Verliebtsein vorzutäuschen, um eine – warum auch immer – unattraktive Frau als anziehend auszugeben, so kann man die Begierde, die nun ja auch ein Reflex ist, mit Hilfe von Medikamenten fördern. Eine schöne Frau hat bereits ihren Lohn vorweggenommen, und womit hat sie ihn verdient? Es scheint wirklich vieles hoffnungslos ungerecht zu sein, aber – läßt sich Gerechtigkeit durch Heuchelei retten?
Das Schlimmste wäre, wenn ich von einem faszinierenden, klugen, scharfsinnigen, gebildeten, begabten, ehrlichen und poetischen Menschen reden würde. Das wäre eine Beleidigung in Gegenwart derer, die diese Eigenschaften nicht besitzen. Und es sind so viele! Die berüchtigte
„Mehrheit“ eben, die, indem sie Mehrheit von irgendwas ist, auch Recht bekommt.
Dieses Menschenmehr oder -meer kann ohne Weiteres beschließen, dass es einen guten Witz, eine schöne Frau, einen begabten, gebildeten und freidenkenden Menschen garnicht gäbe, dass sie Mythos seien, Märchen, gefährliche Hirngespenste.
Einem solchen Realitätsbild kann ich nichts als meine eigene Erfahrung entgegenstellen, aus der ich unmittelbar weiss, dass es – mindestens vier oder fünf solche Menschen auf der Welt gibt, und in der Vergangenheit sogar noch mehr gegeben haben dürfte – wie dies viele überlieferte wissenschaftliche und künstlerische Werke ja bezeugen.
Es ist also kein Märchen, aber auf jeden Fall ein Wunder, einem solchen Menschen zu begegnen. Die Begegnung mit Erasmus wäre eindeutig ein Wunder, hätte sie nicht auf dem wunderreichen venezianischen Boden stattgefunden… Habe ich „Boden“ gesagt?
Wir wundern uns aber kaum noch über Wunder, weil die Zahl der bedeutenden wie unbedeutenden Zufälle, die uns verbinden, jede Statistik herausfordert. Selbst die Quarantäne- Zeit ist so ein Zufall, denn ohne deren Umstände wären wir nicht in den Modus täglichen schriftlichen Austausches geraten – zu jedwelchem Thema, selbst mit einem Schwerpunkt in Blödeleien, aber doch auch zu ernsten und komplizierten Anliegen. Gut zu Blödeln ist eine ernste und komplizierte Angelegenheit, und jeder Witz von Erasmus hat in meinem natürlichen Lachen sein Anderssein gefunden. Meistens erscheint sein Witz auch in einer dichterischen Form, was das Lachen zum künstlerischen Erlebnis macht; in seinen Villon-Anspielungen lernt man ihn vielleicht am besten kennen: ein aussergewöhnlicher Kenner, ein Experte, der sich im Labyrinth der europäischen Kunst und Literatur, von Troja bis zum verpackten Reichstag wie in seinem eigenen, völlig vertrauten Raum bewegt (Villons Balladen auswendig in Originalsprache), ohne daraus eine akademische Tugend oder eine Einnahmequelle zu machen – sondern lediglich, weil er es interessant findet – und – wie ein Kind – frei, offen und authentisch bleibt. Jemand, der nicht nur virtuos des Lesens und Schreibens (Gedichte, Essays, wissenschaftliche Aufsätze…) mächtig ist, sondern gern und geschickt mit den Händen arbeiten kann, ein Bauer war, und eine alte Dorfkirche eigenhändig restauriert hat – wie ein Held Adalbert Stifters, den man gerne als einen
„Utopisten“ gebrandmarkt hat. Aber auch jemand, der mit metaphysischem Stoff handwerklich
virtuos umgehen kann und eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellt; hättest du, verehrter Leser, einmal die Laune zu lernen, Tintorettos Bilder mit den Augen ihres Schöpfers zu sehen, so frage Erasmus um Hilfe.
Erasmus ist auch gut und geduldig; bestimmt hat ihm meine Einleitung hier nicht gefallen, denn er besitzt wahre Toleranz und teilt meine bösen Ansichten nicht, ob über experimentelle Kunst etwa, die ich als „machen wir irgendwas, mal sehen, vielleicht kommt was raus“ wahrnehme, oder über die konzeptuelle Kunst, deren Konzept sich für mich darauf begrenzt, etwas zu schaffen, was auch ein ungebildeter Nichtskönner schaffen könnte – im Namen sachlicher Gleichheit und Gerechtigkeit.
Er ist vertrauensvoll – und wie ich von dieser seiner wunderbaren Eigenschaft Nutzen ziehe! Anderseits ist er kritisch und genau, ehrlich und direkt, ein Meister darin, ein Original von einer Fälschung oder Übermalung zu unterscheiden – davon profitiere ich genauso…
Erasmus schreibt ein Tagebuch, das teilweise für niemandes Augen bestimmt ist -, ein Beobachter, der durch sein Betrachten eine Realität schafft, wie ein Kunstwerk.

Angela und Boris an Erasmus, April 2025
3. Mai 2025 (von Jenny Yoffe)
Eine unsterbliche Seele verlässt den Körper eines alten Mannes, der seine letzten Momente in einem tristen Raum verbrachte, vielleicht schon gar nicht mehr bemerkte, wie die Sonne auf und ab ging und wie die Welt sich für alle um ihn herum weiter kreiste. Irgendwann ist die Zeit stehen geblieben und etwas passiert, dass sich die Lebenden nicht vorstellen können, so sehr sie sich bemühen. Zurückgeblieben ist ein Hauch von Inspiration, bewegte Luft, ein Wind, der in den Menschen wirbelte, die die Seelenkraft des Mannes sahen und bewunderten. Ein Mensch, der von Kämpfen und Herausforderungen heimgesucht wurde, der die Welt dennoch auf eine Art erblickte und verstehen konnte, umschreiben konnte, wie es fast nur übersinnlich zu begreifen ist. Die Worte, die Erasmo finden konnte, um Leben, Schmerz, Anmut und Schrecken zu beschreiben, sind in ihrer Zusammensetzung so originell wie tragisch und unendlich bewegend. Ebenso amüsant und spielerisch hat Erasmo seine Umgebung erfasst und uns allen ein Geschenk gemacht, dessen Ausmaß zu verstehen wir noch lernen werden. Mir wird immer das Glück in Erinnerung bleiben, was er meinem Vater, meiner Mutter und meinen Schwestern bereiten konnte. Dass er meinen Vater sehen und erfühlen konnte, ihn belehrt und weiterentwickelt hat. Dass er Ana wie einer Ebenbürtigen entgegentrat, unsere Familie nicht nur beobachtet, sondern ehrlich wahrgenommen und verstanden hat. Unsere Macken gesehen und dennoch geliebt hat, ein Teil von uns wurde, den man nicht beschreiben kann. Sicher doch hätte er aber die richtigen Worte hierfür gefunden. Gern hätte ich ihn noch einige Jahrzehnte erlebt, von ihm gelernt und durch seine Augen geblickt.
Schwermütig und vollster Dankbarkeit verabschiede ich mich von diesem
wunderbaren, einzigartigsten und empfindsamen Menschen, dessen Seele weiterleben wird und Lachen uns immer in Erinnerung bleiben wird. Am Galgen der Zeit.
Erasmus l’éternel magicien (von Micha Venaille Venise)
Rilke a écrit : Où la mort peut-elle conduire cette personne que nous avons portée dans notre coeur, si ce n’est dans ce coeur. Évidemment pour moi il ne s’agissait pas d’amour mais d’amitié. Mais en peu de temps nous avons communiqué, en nous rencontrant quelques fois sur les fondamente de Venise qu’il aimait tant. Et ces conversations avec Erasmus (je l’écoutais, surtout !) à propos de la peinture étaient magiques pour moi. Car on sentait que son regard lumineux voyait très loin. Par exemple en quelques phrases il m’a fait comprendre Tintoret comme personne d’autre ne l’avait fait jusque-là. Il communiquait avec l’artiste lui-même, voyait à l’intérieur de ses tableaux, trouvait les mots pour le montrer. Une pensée humaine. Pas celle d’un professeur même talentueux, bien plus qu’une analyse, même de qualité. Oui, un magicien. Il m’avait dit tant de belles phrases, profondes et inspirées, par exemple : lorsque qu’on est émus face à un tableau, la sensation pénètre à l’intérieur de nous et la toile déclenche une émotion de l’âme. Et il m’avait montré que Tintoret était l’architecte de la peinture, il a su jouer avec la lumière, nous faisant réaliser qu’elle fait exister les corps. Lorsqu’ils sont théâtralement éclairés, on voit différemment un bras, un cou, un dos, une épaule, des muscles. La lumière qui met littéralement en scène des situations : dans l’Enlèvement de Saint Marc, les silhouettes fantomatiques qui s’enfuient, d’un gris flou très pâle, la perspective idéale, vertigineuse, des arcades verticales argentées, en contraste avec la réalité lourdement charnelle du corps de San Marco.

Oui, il savait que la forme et le fond sont intimement liés dans une oeuvre d’art, et lors d’une conférence à Cambridge il a prouvé que Tintoret n’avait pas besoin de mettre à contribution toutes les “règles de l’art” officielles pour créer des toiles parfaites.
Tintoretto in creating his painting was less governed by abstracts concepts like “The Golden Section” or the theory of the central perspective. Tintoretto focussed his attention closely on aspects of handicraft and carefully analysed the site and the size of a commission in situ, and he studied the local circumstances of light. He used simple proportions of piedi and braces, squares and grids for the transmission of measures. He employed useful divisions, like halves, quarters and diagonal sections, the eye levels of figures and especially circular arcs to connect the aeras of high iconographical significance in a painting. Thus, he could highlight the value and evidence of gestures and other means of signification. He displayed his knowledge of perspective in a more practical way like a stage manager or scene painter, but he did not studiously ponder abstract geometrical problems like the Renaissance artists Piero Alberti o Leonardo. Highly sophisticated visual effects and a heightened expressiveness of action were more important to him than the bravura and intelligence of a pictorial concept.
Il a enrichi notre vision de Tintoret mais Tintoret a aussi enrichi sa vision du monde.
Alors on pourra faire face à ce deuil, en gardant en soi non seulement le souvenir de l’être humain mais de tout ce qu’il a écrit, si personnel. Et c’est son âme, immortelle, qui continuera à exister, Cicéron l’a dit dans De Senectute : Les hommes illustres ne recevraient pas après leur mort d’honneurs durables si leurs propres âmes n’agissaient pas par elles-mêmes pour nous conserver plus longtemps leur souvenir. Pour ma part, jamais je n’ai pu admettre que les âmes vivent tant qu’elles restent dans des corps mortels pour mourir quand elles en sont sorties, ni que l’âme perde la pensée quand elle s’est évadée d’un corps qui n’en a pas ; c’est au contraire quand, libérée de toute union corporelle, elle devient pure et sans mélange, qu’elle peut penser.
Et plus sentimentalement, on peut à nouveau écouter Rilke, celui des Élégies de Duino, pour qui il est vain de chercher à apaiser la douleur d’un deuil, l’on doit au contraire apprendre à sentir qu’elle fait partie de nous.
Nous gaspillons les douleurs,
d’avance nous en projetons la fin dans la triste durée
en nous demandant si elles ne vont point s’en aller.
Mais elles sont
notre feuillage d’hiver, notre obscure pervenche,
une des saisons de l’année secrète – non seulement
saison mais place, hameau, camp, sol, demeure.