Gereimtes und Ungereimtes

ERASMUS WEDDIGEN alias ELIJA RIJEKA

Auszüge

aus der Tage-Buchhaltung „1000 Seiten Einsamkeit“ der anni horribili covidiani 2019/2023 in Venedig

Anstelle eines Vorwortes

Tituli verschiedenster ungeordneter Inhalte:

Carmina Murrina

Denksteine Randsteine

Tristia jocosaque

Nachworte, Unworte

Epustulae ex Ponto Realtino

Schimpf und Schändereien

Intimissili

Pisciatoi proibiti

Gewidmet meiner Xenia Pandämona zum 2.2.2022

Nachricht vom digitalen Alltag

(Montag, 2.9.2019; 23.59)

Lasst mich ihr Musen den informaticus Hymnus In modern getimten Rhythmen laut deklamieren: Ich öffne das „esc“ doch sieh‘ da

Der Rechner versagt den geregelten Ausstieg!

Ein später Hacker scheint

Sich des Gerätes bemächtigt zu haben Wie auch schon.

Ein Rundlauf sommernachtsträumlichen Spukes befällt meine Tasteln

Ich weiss nicht ob’s Wahn oder Wirklichkeit ist Im schwindelnden Spiele

Da werben Blondinen aus östlichen Ländern um meinen Gefallen

Wird Viagra vertrieben und Rezepturen Erfahrenster Gerontologen!

Plötzlich stoppt das System Und schwenkt in Weibes Regionen

Mit erotischer Spitze, Parfums und verjüngenden Salben Erneut bringt Zalando Pakete ins ferne Castello Erhoffen sich Männer mit mir – MIR !

Lustvoll mein Bett zu bechatten Erfrecht sich ein Hautarzt, mir Falten zu glätten Dann meldet die Swisscom, sie sei im Umbau

Der Server befallen, Geduld sei geboten

Ich bringe in Panik die passwords ausser Verwendung Tappe mich blind durch Sicherheitsnormen Verlasse das Grab aller erlernten Struktur’n

Und hechle durchs Chaos: Versuche

Den blackout mit erneutem Starten zu blocken Doch alles vergebens, der Rechner

Verrechnet sich mehr und immermehr mehrend In wachsend entferntre Domänen

Plündert das Strandgut von längst entsorgtem Papierkorb Schleust mich durch Autoverkäufer, Traum-Reisen-Makler Und Modeschuh-Werbern erotischer Absätz

Geratend in Zeichentrick-Kinderfilm-Torschluss-Offerten Mit Musik-Angeboten der neuesten Rapper Dazwischen ein Aufruf der Schule der Kinder

Nach Wanzen und Flöhen zu suchen

Es werde auch wieder im Hause gestohlen Und längst gehaltene Tintoretto-Symposien Versprechen den Zulauf der Massen.

Erschöpft erneure ich Konten, Domains und Adressen Vergesse das Passwort von fünf Minuten zuvor

Und starte mit neuem; da kommt ein Aufruf Mir unbekannter Amtsschimmel-Polypen

Ich habe mein Auto in verbotene Richtung gesteuert Ich, der ein staufrei gewähntes Venedig bewohne.

So steig ich resigniert in die Längstverwaisten Laken Morpheos Mit künstlich geliftetem Busen,

Ein rosenrot Bändel am Schwanz Mit Armani-getränktem Aroma

Lasse den letzten Tango aus Lautsprechern dröhnen Tränke das lautere Wasser mit imaginiertem Bellini

Blase ein Mädel auf, solidesten Gummis aus dem Hause Pirelli Und folge den Weisungen von Herstellern ehrbarster Herkunft.

Und wache dann hoffentlich auf,

Bevor mir die Welt des Konsums so fadenschweinig Die Momente des Glückes

Beschwert. 02.Uhr 20.


Carmen Avaritiae

An der langen Arsenalmauer längs des Tana-Kanals sitzt ein frühgealterter rumänischer Akkordeonspieler mit reichlich Talent in der brennenden Sonne, spielt und spielt, bekannte, meist elegische, aber auch volkstümliche Melodien. Auf etwa achtzig Passanten, zumeist betuchte Besucher der Biennale, lässt etwa einer eine Centesimo-Münze fallen. Mit Gaben geizende Leute:

übersehn den Musikanten, als sei er gar nicht vorhanden beschleunigen zum Trabe die schlendernden Schritte führen ein Handy ans Ohr, als telefonierten sie Wichtiges gestikulieren geschäftig im Pulk in angestrengten Gesprächen graben in Umhängetaschen und zucken bedauernd die Achseln drehen sich ab und fotografieren ins gegengesetzte Abseits knipsen Andre den Spieler als Genremotiv und spurten sich weiter tänzelt ein Paar zum rhythmischen Liede und weg sind sie wieder trinken eifrig aus Wasserflaschen, und teilen Proviant mit andren nicken freundlich aber verlegen, in Hosentaschen was suchend müssen gerade mit beiden Händen was Unhandliches tragen nehmen den Hund nun wortreich und kürzer gestrafft an die Leine schmiegen Pärchen sich Arme verschränkend jäh eng aneinander machen Flegel sich Spässe über die so altmodischen Weisen wirken Alte noch älter und schauen stur bücklings voraus. Nur Kinder betteln vergeblich bei Eltern dem Mann was zu geben…

N a c h z w e i S t u n d e n p a c k t d e r M u s i k a n t  r e s i g n i e r t  s e i n Klappschemelchen, das Instrument, den geflochtenen fast leeren Sammelkorb, sein Plastikbündel und humpelt gen Sette Martiri. Als achter Märtyrer. Ich habe ihm fünf Euro zugesteckt; er lächelte glücklich.


bange

kannnstdu, wirstdu je wieder tasten

den samt deiner hand

kannstdu, wirstdu je wieder schmecken das salz deiner tränen

kannstdu, wirstdu je wieder lauschen

der zwiesprache echo

kannstdu, wirstdu je wieder spiegeln

den blick deiner augen

kannstdu, wirstdu je wieder atmen

die düfte des gestern

kannstdu, wirstdu je wieder hoffen

auf früchte von morgen

kannstdu, wirstdu je wieder glauben

an die helle von worten

kannstdu, wirstdu je wieder lieben

dein lachen im glück?


gib mir zeit

zu wachen zu streben zu lachen und geben

zu lindern zu losen zu mindern und kosen

zu murren zu händeln zu knurren und tändeln

zu dösen zu sieben zu lösen und lieben

zu lügen zu lauern zu rügen und trauern

zu bäumen zu neiden zu träumen und leiden

so geb ich dir

räume und zeiten dein los

zu bestreiten

_

Gloria in Excelsis

(Fragment von Abu Bach-abi, ca. 1300 arab. Zeitrechnung.)

Eigentlich wollte ich doch lieber in den Himmel kommen.

Der Aufenthalt in überheizten Räumen hatte mich immer schon genervt. Und die Bekanntschaft mit Übeltätern meiner Kategorie hatte mich nie gereizt, ob sie nun gesotten oder luftgetrocknet zu werden pflegten, zum vergeblichen Wuchten von Felsen, oder zum animalischen Zerfleischen von Herz, Leber und Niere hatten herhalten sollen.

Also stellte ich mich geduldig an, in der unabsehbaren Zweierreihe von sich ähnelnden kleinwüchsigen Wesen, von denen man ob des weissen Mundschutzes nur die Augenschlitze wahrnehmen konnte. E i n g e s p r e n k e l t i n d i e s e n Ta t z e l w u r m s c h w e i g e n d e r, schicksalsergebener, spitalmässig in Weiss gewandeter Mumien gab‘s hin und wieder einen bunteren Europäer, etwa mit einer e h e m a l i g e n P r o s t i t u i e r t e n a m A r m , m i t e i n e m gleichgeschlechtlichen Sida-Beau, oder einer Rollkoffer-bestückten Patch-Familie im Schlepptau, dann und wann eine bleichgesichtige Eleganz aus dem mobilen Bühnengewerbe, dann sich unentwegt räuspernde oder hustende Schalterbeamte, Chefärzte mit Stethoskop, Bestatter, Bürgermeister, Taschenspieler, Verkehrs- Rowdies, Wasserleichen, Oberlehrer und vieles Unerquickliche mehr.

Es vergingen Tage in denen der rostige Rollladen nicht zur Ruhe kam, um die des morgens duldsam Anstehenden an der Pforte mit Quietschen und Rumpeln zu empfangen. Ein Dienstengel mit Gummiknüppel verengte die Zweierreihe auf einen einspurigen Gänsemarsch, was den Stau nach hinten beträchtlich verlängte.

Schliesslich kam ich mit Zimperlein, Ischias und ächzenden Gelenken am windschiefen Billetthäuschen an, in dem Erzengel Michael, so hiess er doch, durch eine angehauchte Scheibe spähte und unsere virtuellen Habseligkeiten hinter einer Handreiche auf eine Goldwaage häufte. Sein Schwert hatte er der Enge halber draussen, wie Exkalibur, in eine nächstliegende Wolke gerammt; auch war es beträchtlich in rostzeitliche Jahre gekommen, hatte man doch den offenen und ritterlichen Kampf gegen die Ungläubigen, die Verräter und Lügner, die Ehebrecher und Mafiosi, Vorstandsmitglieder und Volksverhetzer längst aufgeben müssen.

„Currrriculum!“ raunzte Michael, kurz Mike genannt, weil er sich eines mickerigen Wortschatzes bediente.

Ich entrollte einen modrigen pergamentenen Palimpsest, den mir der himmlische Postdienstmann Mercurio bereits vor hunderten von Metern zugesteckt hatte: er zeugte von unzähligen Rasuren und Korrekturen, radikalen Waschprozessen, was die Sparsamkeit der ge- und beflügelten Archivbeamten auswies.

„Zivilstand!“ – „ äh, unv.“ – „Du lügst, zwei Minuspunkte.“ – „Ja, aber –“ – „Noch einer.“ „Oh Gott!“ – „Du sollst nicht fluchen. Noch einer.“ – „Ich wollte nur erklären…“ – „Hier wird nichts erklärt, hier wird gerichtet.“ – „Habe ich denn keinen Verteidiger?“ – „Leg Deine Exfrauen auf die Waage.“ – „Sie sind keine wirklichen Ex; ich liebe sie alle noch!“ – „Dummes Zeug! Entweder man exekutiert oder bleibt ein Paar – wo sind die überhaupt?“ – „Sie leben alle noch. In guten Heften, glücklich und zufrieden – wegen mir, wenn ich mit Verlaub anfüg-“ – „Nichts wird hier beschönigt!“ – „Aber die erste blieb Jungfrau, die zweite –“ – „Lass das Aufrechnen!“ – „- auch.“-

„Wegen Auflehnung ein weiterer Minuspunkt.“ – „Dank mir wurde

die erste eine glücklich verehelichte Hausfrau, die zweite eine renommierte Bühnenbildnerin, die dritte –“ – „Mit drei Kindern wohl auch noch Jungfrau?!“ – „nein, aber fast; die Jungfrau Maria – “ –

„Blasphemie, Elender! Drei Minuspunkte!“ – „Die können doch nichts dafür!“ – „Maulhalten!“ – „Sie wurde dank mir eine freie Künstlerin.“ – „Ein einmaliger Abzug genehmigt.“ – „Danke. Der dritten verhalf ich zur renommierten Restaurateurin.“ – „Töricht genug.“ – „Was?! Sie war – sie ist –“ – „Restauratorin sagt man, sollst Du das etwa schon vergessen haben?“ – „Pardon, bin schon lange nicht mehr im Beruf.“ – „Schwachkopf. Vergisst den Beruf und dann die eigne Frau!“ – „Hab sie ja nie vergess-“ – „Du hattest ein aussereheliches Verhältnis mit einem Typ, Tintoretto oder so, schwule Sau! Für Sodomie, sprich Schwuchtelei, zehn Minuspunkte!!“ – „Aber der ist doch schon 500 Jahre lang tot!“ –

„Hier herrscht Ewigkeit, Zeitlosigkeit, Unverzeihlichkeit.“ – „Ich habe doch dem Jacomo den Laufpass gegeben!“ – „Zu spät, mein Lieber, alea iacta est. Du hattest wie Caesar den Rubicon überschritten.“ – „ Aber sie hat doch auch -“ – „Du hast zuerst – Schluss jetzt!“ – „Ich habe ja gebüsst, sie nicht.“ – „Egal, jetzt hast Du auch noch mit der vierten angebändelt, reine Polygamie, wie schon mal. Zwei Minuspunkte.“ – „Aber man hat‘s mir doch nahegelegt, zum Ausgleich angepriesen, sollte doch mal mit älteren Wei –“ – „Die neue ist gerade mal kaum ein Lustrum älter. Knusprigkeit schützt vor Torheit nicht, alter Bock!“ – „Mit Verlaub, ich bin so gut wie impo –“ – „Os tua venera / Sapientiae fons es / At potestas tua / Qua saevit ingenter / Mortifera sit / veneno mentis.“-

„Habe 60 Jahre kein Latein mehr gehabt.“ – „Aber man singt das auf allen Bühnen…“ – „Wer MAN?“ – „Wer stellt hier eigentlich die Fragen!?“ – „Pardon. Kann ich jetzt gehen? D.h. hier durch, oder zurück?“ – „Mit, äh, – 18 Minuspunkten, aufgerechnet mit ca. drei Tugenden und etwas Glaubwürdigkeitskredit, – da aber finde ich sieben Keuschheits-Verstösse, 12 Jahre geraucht, zweimal Feigheit vor dem Feind, bzw. der Ehefrau, Kindervernachlässigung… nee, da kommst du gerade mal ins Purgatorium. Da drüben; Leichenhemd, Pantoffeln und Zahnbürste mitnehmen; dalli, dalli, tu nicht so dement! …Der nächste bitte! Was, Sie hier?! Sie gingen doch gerade noch in der St.Karli-Strasse spazieren! Was ist ihnen geschehen? … erschossen? Doch nit mööööglich! Auch noch auf der Bühne! Wie abscheulich! Von wem denn? – Nein doch nicht hierhin, auf die Schale rechts, links sind nur die Pluswerte. Also: wer war‘s denn? Hä!? Der!? …Mercuriooo! Schnell, schnell, Sapper- Beeilung, hol mal den vorletzten da unten zurück! Der hat ja einen Mord auf dem Gewissen. Dem werd ich‘s geben, von wegen Vorhölle, unterstes Inferno, Sonderbehandlung, Endlösung, Magma, Quecksilber, Chlorgas, Zyklon B! Alles in einen Topf! Und gut durchgerührt!“

Ich renne um mein viertes Ableben.

Auf der Zuschauer-Balustrade für zugelassene Besucher lehnt mit aufgestützten Armen die schöne Helena wie der Schnabel-Gnom von Notre Dame über der brodelnden zehnten Bolgia Dantes, nachdenklich den neuen Paris bedauernd, der doch gerade erst am Horizont des venezianischen Karnevals erschienen war, ein bebrillter Bartträger, in den Heroides Ovids, Briefe 16 und 17 lesend, den Bleistift hinters Ohr geklemmt und auch sonst magistral verklemmt, aber doch ein guter alter Junge, den man hätte vorführen, verführen, ausführen, zuführen usw. können. Aber der hatte sich im von maskierten Selbstverwandlern überfüllten Venedig mit in der Via Garibaldi verlaufenen und ziellos umherirrenden drei Chinesen mit einem Kontrabass eingelassen, die ihn umherspuckend und schniefend nach dem Weg von „Spata“ nach „Tioja“ befragten, ob auf der Insel „Sint Helens“ „Makopolion“ begraben sei. Der zweite, triefnasig ohne Vermummung, wollte wissen ob ein „Heiwei“ oder eine „Blidsch“ dahinführe und als ich

„ Quatsch!“  ausrief,  lachten  alle  drei  aus  voller  Kehle

„Hahahahaha!“ aber nicht in die Armbeuge. Weil dort ein weiteres kehliges „r“ lauerte. Das war‘s dann.

Schade.

Giovanni Boccaccio, Decamerone

zehnter Tag, elfte und letzte Novelle.

In Siena lebte im terzo di Camollia in der contrada Lupa zu Zeiten des Tyrannen Pandolfo Petrucci ein im Laufe der Jahrzehnte ergrauter Messer Aurelio, der lange Schulmeister gewesen war und nun so nebenher Drucke von Heiligen und Moritaten vervielfältigte, um sie auf den Messen der Umgebung Sienas zu veräussern. Seine noch junge Ehefrau Concetta, die er in der Reife seiner Jahre als zwanzigjährige geehelicht hatte, verwaltete für ihn inzwischen geschickt Vermögen und Einkommen, das sie um kleine Prachtstücke der Weberei und Stickerei vermehrte, die sich auf den mercati der Contrada anlässlich der Kirchenfeste grosser Beliebtheit erfreuten. Zwei süsse Mädchen waren dieser Ehe erwachsen, einer früheren gehörten weitere nun erwachsene Sprösslinge an, mit denen man zuweilen in Eintracht verkehrte. Concetta war eine gesegnete Sängerin, die sich im Kirchenchor von Sant’Isidoro hervortat und in allen Vespern und Matutinen das Miserere und Ave Maria mit Inbrunst schmetterte.

Eines schönen Tages gelangte über Bologna und Florenz eine Bänkelsänger- und Theatergruppe ins Sieneser Land, um auf Messen und Märkten aufzutreten, angeführt von einem jungen Manne aus dem Walachenland jenseits des Danubius, den die türkischen Heere aus seiner Heimat vertrieben hatten und die Verlockungen des dolce vita im fernen Lande der Zitronen und Oliven jenseits der Adria zur Auswanderung veranlassten. Er war ein begnadeter Sänger in tiefen vibrierenden Basslagen, so die jungen Mädchen und Frauen aller Alterslagen zum Schmelzen verführten, seine schalkhaften kristallenen Augen und sein kavaliersmässiges Benehmen liessen ihm alle Herzen zufliegen. Als die jüngsten Osterspiele in Siena eine erweiterte Bühne mit grossem Choraufgebot erforderten, brachte Arnaldo, der eigentlich Arnabrodovic hiess, die besten Sängerinnen aus Klöstern und Kirchensprengeln auf, um ein Grosses Weltgericht aufzuführen, das Tausende aus dem Umland nach Siena zu locken vermochte.

Unter den Mitwirkenden tat sich auch Concetta hervor, die alsbald ob ihrer Stimme und ihrer zierlichen körperlichen Reize die Aufmerksamkeit Arnaldos erweckte, der seinerseits den Pfeilen Amors keinen Widerstand mehr leisten mochte, als sich die Falle für beide schloss.

Das anfänglich schlechte Gewissen Concettas ob der verbotenen Frucht, verflog im emsigen Bemühen, ihre so neue und ungewohnte Neigung zu verheimlichen. Sie, als Wirtschafterin des zerstreuten Aurelio kannte alle seine Wege und Termine und war gewohnt, sie vorauszuplanen, um ihm allen administrativen Unbill aus dem Weg zu räumen. Flugs waren erste Stelldicheins der Neuverliebten vor dem Hintergrund der Bewegungen Aurelios bestimmt und abgewogen; man traf sich vor der Stadt auf immer verschlungeneren Wegen, auf Messen und Kirchgängen, ohne ein Misstrauen in ihrer Umgebung zu entzünden. Nur Aurelio litt zunehmend unter der

Abweisung seiner Gemahlin, die ihm kaum noch in die Augen sah, sich in ihrer Kammer verschanzte, in jedem stets seltener werdenden Gespräch nur zum Widerspruch antwortete, ihre gewohnte Freizügigkeit und Unbefangenheit bei Entkleidung und Toilette ablegte und immer häufiger unvorherbesprochene Wege zu gehen begann. Wenn Aurelio geschäftlich unterwegs war, förderte sie zustimmend seine Abwesenheit, begann Haus und Garten zunehmend zu vernachlässigen, frönte bald ausnehmend ihrer und der Kinder Musik, die Aurelio zwar liebte, zu der er aber nicht ausgewiesenen Zugang besass. Als nach einem halben Jahr kein freundliches Wort mehr von seiner Eheseite erklang und die gemeinsamen Essenszeiten zu stummem unumgänglichem gegenseitigem Anschweigen gerieten, nahm sich Aurelio endlich eines nachts ein Herz, die abgewandt schlafende Concetta sanft zu wecken, um die erlittene, ihm unerklärliche Ungunst zu ergründen. Ein erstes unwilliges „lass mich“ folgerte schliesslich ein geseufztes „ich liebe einen anderen Mann“. Die so unerwartete Offenheit und Ungeheuerlichkeit traf Aurelio wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die er erst wortlos schluckte, bis er ausstiess „…wer?…“ und jede weitere Frage im Schmerz erstickte. Mit der lakonischen dumpfen und zögerlichen Antwort „Arnaldo“ und der so etwas wie „seit sechs Monaten“ gemurmelten Aussage, fiel’s Aurelio wie Schuppen von den Augen, hatte er doch unlängst die Aufführung des Kirchspiels „Maria Magdalena“ frenetisch beklatscht, weil sich sein Frauenchor mit Concetta an der Rampe soeben verbeugte, aber auch Impresario Arnaldo etwas schief zu Pferde, applausheischend über die Bühne ritt.

Aurelio sprang aus dem für ihn so unfassbar geschändeten Bett, eilte in den ebenerdigen Kontor, beugte sich über das hübsche Kassen- und Bestellbüchlein seiner Frau, das er ihr zu Jahresanfang geschenkt hatte, um alle näheren Termine vorerst einmal zu tilgen, und siehe da, alle in buchhalterischer Sorgfalt von roten Herzen umschriebene „A“s galten offensichtlich nicht den Betreffnissen seiner eigenen Geschäfte, sondern einem ominösen „A“ das Aurelio’s Anwesenheiten stets aus dem Wege ging, sich etwa dreimal des Monats über deren sechs periodenbewusst erstreckte und etwa begann, als Arnaldo das Weichbild Sienas mit gewisser Verzögerung mit seinem triumphalen Beschlag belegt hatte. Aurelio schwindelte es im Kopfe, vom Andrang und jähen Abfluss seines Herzblutes getrieben. Er verliess das Haus gen Innenstadt mit bebenden Knien, grüsste keinen Vorübergehenden, denn die brennenden Augen trübten ohnehin den Blick. Wohin mit der bestürzenden Nachricht, was mussten, konnten, was dürften nicht die Folgen sein!? Wer hatte wohl von seiner Schande als Hahnrei erfahren, wer würde ihn verachten, belächeln, bedauern? Was würde aus Concetta? Was aus Arnoldo dem Schuft? Müsste man ihm nach dem Gebot der üblichen Moral ein Schwert durch die verruchte Sängerkehle ziehen oder in den schuldbehafteten Unterbauch stemmen? Oder sollte man die Ehebrecher gemeinsam im Bette erdrosseln oder besser von gedungenen Mördern aus der Welt schaffen? Oder wäre ein Duell der Kontrahenten die ehrsamere Lösung, die sicher mit dem Tode Aurelios enden würde, gemessen am stattlichen Korpus des gestählten Heldenbassisten. Oder sollte Aurelio sich einen Dolch selbst in die Eingeweide pflanzen, im nahen Wäldchen und einen Überfall von Räubern vorschützen, damit er wenigstens in geheiligtem Boden beerdigt würde. Oder sollte er feige ausreissen, sich auflösen in Ort und Zeit, als Nomade oder Bettler in unbekannten Ländern umherirren? Oder nur eine

förmliche Scheidung beim Bischof beantragen, mit den Konsequenzen des Stadtgesprächs und der Last, das Kindervolk allein durchzubringen? Oder Frau und Kinder gemeinsam verstossen – oh Gott nein, er liebte SIE ja noch immer, der Narr der er war!

Aurelio beschloss den befreundeten Kanoniker und Prior Andrea del Fiore des Konventes San Romano aufzusuchen, um Rat und Tröstung zu suchen. Der etwas ältere und erfahrene Prälat war bekannt, nicht nach dem Buchstaben des Kirchenrechts zu urteilen, sondern den gesunden Menschenverstand walten zu lassen, zumal er in Ehegeschichten bewandert, wenn nicht sogar selbst gebranntes Kind gewesen sein soll.

Andrea empfing den sichtlich verwirrten Ratsuchenden mit beruhigender Herzlichkeit und ward alsbald ins Bild gesetzt. „Aurelio,“ sagte er nach langen Bedenken „Du willst Concetta sichtlich an deiner Seite behalten, nicht wahr?“ „Ohne Zweifel“ antwortete der. „Also verzichte auf Rache, Mord, Rechthaberei und dergleichen, sie würden Dich nur tiefer ins Unglück stürzen.“ „Aber dieser Arnaldo…!“ „Vergiss ihn; er ist ein Frauenheld und -schänder, wie alle Türken und Waräger. Er wird sich die nächste Blume pflücken und Concetta im Strassengraben zurücklassen. Von ihren Männern vernachlässigte, an der Grenze zur Matrone stehende Ehefrauen, die es um Haus, Hof und Gesinde zu betrügen lohnt, gibt es allemal genug. Befrage dich besser, was Du in der Ehe mit Concetta falsch gemacht hast und bessere Dich.“ „Aber sie will mich nicht mehr, verachtet mich, hasst mich am Ende!“ „Unsinn“ entgegnete Andrea, „Die Frauen wissen besser als die dummen Männer, wo ein echtes Herz für sie schlägt. Ist ihr Gemüt in ihrer Lebensmitte in einem Anflug verzweifelter Liebessehnsucht einmal getrübt, sind sie die ersten, einer gewandelten Einsicht die Chance zu geben. Nur Männer sind lebenslange Narren.“ Aurelio blickte stumm und betroffen ins Leere. „Heul Dich aus Aurelio, und schäme Dich Deiner Tränen nicht; sie sind reinste Medizin.“

Aurelio nickte halbblind und ungläubig, aber Andrea musste es als Arzt und Heiler des Konvents ja wissen.

ie schieden nach Stunden läuternden Gesprächs, gelockert von der Anwesenheit der Haushälterin Andreas, Solana, die mit ausgesuchten Speisen auch eine zurückgewiesene Liebe durch den Magen zu leiten verstand.

Auf den Rat des weisen Priors hin nahm sich Aurelio eine längere Reise nach Florenz vor, um die Gemüter sich unter dem Diktat wundheilender Zeit besänftigen zu lassen. Er liess sich von Andrea del Fiore überzeugen, dass die leidvollen Folgen der Entdeckung des heimlichen Verrats durch Concetta, sie von weiterer Verführung vorerst abhielten, mit Arnaldo einen wiederholenden Neubeginn zu wagen, selbst wenn sie ihn offen hätte ankündigen wollen oder dürfen. Die Augen über die kindische Torheit ihres Ver- und Vorgehens sei ihr sicherlich aufgegangen. Ein zweites Wagnis peinlichen Scheiterns sei bei einer für gewöhnlich berechnenden und abwägenden Frau in ihrer nur soeben aus Gemütsgründen mangelnden Klarsichtigkeit unwahrscheinlich, sofern das Verhalten Aurelios künftig mustergültig bliebe. Aber, machte der Prior die verunsichernde Einschränkung, da man Amor nicht steuern könne, müsse man der Zukunft die Zügel überantworten und der Natur, nicht dem Gesetz das

letzte Wort überlassen. Aurelio schluckte nur unwillig die zwiegespaltene Kröte, denn er hoffte, die Zeit spiele auf seiner Seite.

Das in erster Wut und Eifersucht ausgerufene Verdikt Aurelios, Concetta habe augenblicklich mit Arnaldo zu brechen, war weder rückgängig zu machen noch in seiner Absolutheit umzubiegen, zumal die Schuld der Zerrüttung ex aequo bei beiden lag und ein halbes Jahr Betrug Concettas gegen jahrelange Abwesenheit sichtbarer Neigungsgefühle von Seiten des nur um seinen maroden Körper und die Geschäfte besorgten Aurelio in der Waagschale Justizias und dem Füllhorn Fortunas lagen.

Aurelio sattelte im Hof am Ende sein Maultier, belud es mit den Waren, die ihm über die nächsten Wochen helfen würden, bat die Madonna della Strada im gepflasterten Durchgang zur Strasse um geistige Wegzehr und öffnete die Pforte seines Anwesens, an der Concetta, die Magd und die Kinder ohne besondere Anteilnahme standen, weil sein Fortgang zur Gewohnheit geworden war.

Beim Abschied küsste Aurelio jedoch Concetta von echter Erschütterung übermannt, auf den so lange entbehrten Mund und glaubte in ihrem verhaltenen Anschmiegen ein erstes Fünklein neuer Zweisamkeit zu erkennen…

Hier endete vorläufig die letzte Geschichte des minderen Ordensbruders Giovanni Boccaccio aus Certaldo, die er an seinem Lebensabend nicht mehr hatte vollenden können. Sie zuende zu spinnen wäre vielleicht eine Option für Literaturstudenten im Magisterstand…

_ _ _ _

L’Amore Coronolo

El amor en los tiempos del cólera O Amor nos Tempos de Cólera L’Amour aux temps du choléra Die Liebe in Zeiten der Cholera Love in the Time of Cholera L’amore ai tempi del colera

L’amore al tempo della collera di Dio L’amore coleroso che non si permette L’amore collerico che non condona L’amore tempestivo e collettivo L’amore collettivo tempestoso L’amore temporale collettivizzato L’amore con mascherina tempestata L’amore mascherato con preservativo L’amore del coitare contemporaneo L’amore profilattico in tempo reale L’amore del coito ergo sum

L’amore smascherato da tempo L’amore ai tempi di coltura L’amore colto dei tempi passati L’amore delle tempie coronate L’amore nei templi di Astarte

L’amore in templo Veneris Cloacinae L’amore nel Krak dei cavalieri templari L’amore nel tempo dell’isteria coronaria L’amore coronato da successo

L’amore di buona condotta L’amore condominiale L’amore condonabile L’amore di virago

L’amore virale L’amore sardonico

L’amore del sars longo In vita

breve

A Gabriel Garcia Marquez morto di polmonite 2014

Joggeli1

„Es heisst immer wieder, die Spitäler ‘kommen an ihre Grenzen‘; ich

stehe hier seit drei Tagen in Chiasso2  und es ist noch niemand

gekommen!“ sagt der übel hustende Joggeli3 von Zäziwil4 auf seiner Rückreise von Cesenatico mare5.

Joggeli fragt auch, was er mit der Armbeuge machen soll, wenn er hineingeniest hat. Ich weiss es auch nicht.

Joggeli fragt, ob er den Mundschutz in der Waschmaschine oder in der

Mikrowelle6 desinfizieren soll, um ihn wiederzuverwenden…man müsse

doch sparen!

Joggeli fragt auch, ob der Verzicht auf den dritten Schweizerkuss7 die Ansteckungsgefahr um ein Drittel verringere…

Joggeli fragt weiter, ob das Händeschütteln mit Handschuhen erlaubt sei…

…und warum man nicht in den Mundschutz niesen dürfe…

Joggeli fragt errötend8, ob man beim Zungenkuss jetzt ein Präservativ benutzen müsse…


1 Wie alles Geschriebene, sollte es rechtschaffen recherchiert sein, zumal so es in die Hände nichthelvetischer Leser geraten könnte, denen gewisse Umstände nicht bekannt sein dürften.

2 Grenzort des Kantons Tessin zu Italien, in dem das Coronavirus besonders hart gewütet hat.

3 Joggeli ist Diminutiv von Joggel. alias Jacob in Bernischer Umgangssprache. Wie der billige Jacob ist sein Name ein wenig despektierlich, weil er als Prototyp eines etwas dümmlichen Bauernbuben gehandelt wird. Die Basler benennen ihren Fussballclub im St. Jacobspark mit diesem nickname, zur Häme der Berner. Die Beliebtheit Joggelis geht auf einen Kinderreim zurück, vom kleinen Jacob, der zum Birnenschütteln ausgesandt wird, aber diese nicht fallen wollen. Wichtiger aber ist die Figur des grossen Schweizer Dichters Jeremias Gotthelf (1797-1854) in dessen Erbvetter-Novelle der Protagonist den Namen trägt und der im Handwerksgesellen des Romans der Wanderungen durch die Schweiz wiederkehrt.

4 Von Lützelflüh der Heimat Gotthelfs nach Zäziwil sind‘s gerade mal 20 km, aber die kulturgeschichtlichen Unterschiede der beiden Dörfer sind so gewaltig, dass kaum jemand es unternähme, je das andere Dorf aufzusuchen, sind sie sich doch so fremd, wie Mestre und Venedig.

5 Seit der Nachkriegszeit einer der beliebtesten Adria-Ferienorte der Schweizer nach dem ligurischen Follonica. Eine Städteverbrüderung geschah mit dem Walliser Sierre im Rhonetal. Das Coronavirus befiel 21 Personen. Joggeli nicht mitgerechnet, weil er bis Chiasso unbesehen durchbrannte.

6 Die Mikrowelle tötet den Virus nur in wässriger Umgebung. Gebraten ist er ungeniessbar.

7 Die Schweizer sind berüchtigt, als einzige Europäer sich dreimal küssend zu begrüssen. Bei Landesfremden geht der dritte unerwartete Kuss oft peinlich ins Leere.

8 J. ist ein wenig erfahrener sogenannter Jungmann, dessen Aufklärung zu wünschen übrig lässt.

…und ob beim Grenzverkehr die Puffmutter fürs Abstandhalten zuständig sei…

Joggeli will wissen, ob es eine weibliche Vira gäbe, da es ja einen männlichen und einen sächlichen Virus9 gäbe…

Joggeli will wissen ob er beim home-learning aufs Klo kann, ohne zu fragen…

Joggeli will wissen, an welchem Ende der Hundeleine die Ausgangssperre wirke…

Joggeli will wissen, ob Gassigehen mit dem inneren Schweinehund10 erlaubt sei…

Joggeli hat Hals-Weh am Ober-Schenkel11; müsse er jetzt in Quarantäne?

Joggeli ist verliebt, darf er mit Joggelina den Mundschutz tauschen12 statt sich zu küssen?

Joggeli hat sich selbst angezeigt13: er habe die Ausgangssperre überfahren, er wüsste nicht ob sie noch lebe…

Joggeli und Joggelina sind eng umschlungen; dem Ordnungshüter in die Falle geraten. Sie rechnen ihm vor, dass der Erdumfang 40 000 km14 betrage, das genüge doch hinterrücks…“

Covid-Ferien in Venedig [Joggeli II]

Joggeli will wissen, ob Quarantäne gottgefällig sei, schickte er doch Jesus und so manchen Propheten für dieselben 40 Tage in die Wüste. Waren sie etwa von einer Seuche heimgesucht? In der Tat fallen Moses auf dem Berge, Elia als Freigast am Horeb, Jesus als vom Teufel Versuchter in der Wüste unter die Reihen der vielen 40-tägigen Auszeitkandidaten der Bibel! War etwa Palästina der Herd des Ur-Covid 00? Vielleicht hat Joggeli recht, ich müsste dem nachgehen…

  • Der Duden kann sich in der Tat nicht entscheiden und hat auch für die Mehrzahl keinen Begriff, obwohl sich der Erreger schwindelnd potenziert vermehrt, d.h. er schwindelt sich in gesunde Zellen ein und wird in der Folge omnipotent. Beneidenswert…
  • 1993 wurde der Hund von einem Bildhauer Galchiot gesichtet und in Bronze gegossen; er steht im Rheinpark von Bonn.
  • Oberschenkelhalsfraktur: SHF = der häufigste Knochenbruch (des collum femoris) älterer Menschen. Nicht zu verwechseln mit Halsgerichtsordnung Caroli V oder dem Ehebruch, aber peinlich sind alle drei und die Bruchlandung schmerzhaft.
  • Gemäss Boris Yoffe (26.3.2020; 20.03) beschreibt Autor Isaak B. Singer den Tausch zweier Brillen durch ein allzu schüchternes Liebespaar, das infolgedessen so gut wie blind wurde, was die Liebe bekanntlich auch von selbst bewirkt.
  • Protokoll Verkehrspolizei Chiasso Dogana, Freitag, 13.März 2020. Unfall Nr. 144.
  1. Eratosthenes (240 v.Chr.) von Kyrene irrte sich nur etwa 1750 km im Mass des Erdumfangs von ca. 40000km, gefolgt von Al Biruni um 1023 n.Chr. Kolumbus hätte das Liebespaar sich gefährlich annähern lassen! J. und J. machen‘s eindeutig richtig entgegen polizeilicher Besserwisserei.

…und weiter will er wissen, ob etwa das Wüstenklima für Covid-Viren unverträglich sei. Er würde gern eine Kamelsafari buchen, habe ihn doch ein ernster Husten nach dem Ansehen einer Ansprache Matteo Schlavinis im Fernsehen des windigen Foyers seines Luna-Hotels ergriffen und einem Lungenleiden Hals und Herzvorhof geöffnet.

Joggeli glaubt wie viele Naturisten an die Wunder des Knoblauchs und will erfahren, ob er die gebenedeite Knolle vor, oder nach den dreimaligen Mahlzeiten einnehmen müsse, um die antivirale Wirkung zu optimieren. Sein Tropenarzt habe ihn seit Beginn der Kur im helvetischen Zäziwil nicht mehr empfangen wollen. Und Joggelina sei ihm damals unerklärlich fremd geworden.

Joggeli möchte wissen ob er zur Bekämpfung des Virus in der Hotel- Sauna die Temperatur von 80 auf 140 Grad erhöhen müsse, um sicher zu sein, dass er den letzten Vertreter des Teufelzeugs erwischt habe. Und ob er dann davor ein Testament machen müsse, denn seine alte Reise-Zeitschaltuhr sei etwas hitzeanfällig….

Joggeli befürchtet von einem südländischen Spitalbesuch nicht wieder heimzukommen und schwört auf Eigeninitiativen: Er nimmt seine medikamentöse Virus-Jagd zum coronaren Herzen, sie geht ihm zwar an die Leber, dann auf die Niere, aber er legt sich schliesslich auf die Blase zur Lauer, um ihn schliesslich doch aufs Kreuz zu legen. Endlich geht ihm der Covid nach erneutem Entwischen auf den Leim und wird von Joggeli auf dem Wecker klebend gestellt, den er erfolgreich zerschmettert. Mission impossible completed. Patient tot.

Joggeli verlustiert sich im St.Elena-Park mit Alibi-Hund Carrellomagno, seinem gemieteten zweirädrigen Einkaufswägelchen. Zwei Ordnungshüter, im Karl-May-gewohnten Touristenmund Carabenehmsi genannt, stellen ihn zur Rede; als aber sein bühnenreif hündisches Jaulen im bernischen Idiom auch im Übersetzungsmodus nichts fruchtete, suchten sie in seinem Korb nach überführendem Picknickgut, Lese- oder Spielzeug. Da zufällig nichts drin war, als die zerknüllte Verlustanzeige des Nachbarhundes Waldi in Zäziwil vom Vorjahr, knurrten die Hüterhunde freundlich und wiesen ihn gestikulierend auf kürzestem Weg nachhause.

Joggeli wird erneut von denselben selbander patrouillierenden Aufpassern in der Allee gesichtet und nach kreuzundquerendem Auslauf gestellt. Aber diesmal hatte Joggeli vorsichtshalber ein fremdes wohlgefülltes schwarzes Kackbeutelchen aus dem Hundekot-Kontainer

gezogen, im geduldigen Carrello verstaut und nun triumphierend vorgezeigt. So waren‘s die Agenten der öffentlichen Sanità zufrieden, und gingen wohlwollend davon, sogar ohne auf Romanaccio zu bellen, geschweige zu beissen.

Joggeli und Joggelina sitzen auf einer der 70 verbotenen leeren Parkbänke von Sant’Elena. Kommt der eine Parkwächter wieder und weist darauf hin, dass man hier auf Bänken neuerdings nicht sitzen dürfe. Beide klettern artig auf die Bank, um stehend zu ruhen, doch das Betreten einer Parkbank mit Schuhwerk sei auch verboten, also liegen sie noch lange aufeinander, bis sich der Bankwärter genügend entfernt hat und sie sich die Unbequemlichkeit schenken können, wegen des gebotenen 1 Meter-Mundabstandes, Kopf an Fuss zu liegen…Joggeli fragt: war das die Liebesmühe wert?

Da auch Joggelina sich duftgedrungen zur Knoblauchkur hat entschliessen müssen, geben sich die beiden als Bruder und Schwester aus und hauchen bei jeder Personenkontrolle dem Ordnungsmann ins vermummte Gesicht. Dieser nickt kennerisch, ihm ist nicht nur der Gemeine Knoblauch (botanisch Allium sativum) zu Genüge vertraut, weil er so gemein odoriert, sondern auch der aktuelle Schlangen-Knoblauch (bot. Allium sativum ophioscorodon), der Chinesische (bot. Allium tuberosum, nicht zu verwechseln mit tuberuculosum), der Koreanische Bauer, der Kobold, der Monstrosum, der bella Italia und so weiter deren

20  Sorten  er  nach  ausgiebigem  Schnüffel-Seminar  kennt,  just  zur

Identifizierung geruchsauffälliger Delinquenten. Da im gleichen Haushalt nur je die beliebteste Sorte vorzuherrschen pflegt, dürfen die beiden fürderhin als Geschwister und in familiärer Enge einhergehen.

Joggeli und Joggelina sind so unsportlich wie Blattläuse; aber weil sie sich im Garibaldi-Park ergehen wollen, müssen sie sich in wunderlichen farb- und marktschreierischen Kleidungsstücken dissimulieren, Hanteln, Ballettreifen, Stoppuhren, Schweissbänder und Trinkflaschen umherschleppen, um ihrer Verkleidung gerecht zu werden. Kommt ein Parkaufseher, trainieren sie Ringergriffe, Armbeugen, Handstand und Purzelbäume, bis sie von Blaulicht-Sanitätern auf getrennten Bahren in ihr Hotel zurückgebracht werden müssen. Joggeli fragt: war dieser Sport sein Zeitmessen wert?

Joggeli und Joggelina üben der Ausgangssperre halber mit homelearnig Kamasutra an je ihrem eigenen Computer, auf die Distanz etwa zweier Doppelmeter. Aber die Geräte wollen nicht so recht mitmachen, weil sie sich immer am falschen Ort zur falschen Zeit mit dem Adepten ins Gehege geraten, sei‘s dass die Kabel sich verwickeln, sei‘s dass es der

Übertragung den Atem benimmt, sei‘s dass sich der italienische Strom vor Überlastung unterbricht, sei‘s dass ihre Mäuse zu erotonomem Eigeninteresse neigen, sei‘s dass die Farbe vor Errötung bleicht, sei‘s dass der Ton „ne fait pas la musique“. Die beiden einigen sich erschöpft und missgelaunt schliesslich auf das weniger anstrengende Synchron- Lesen erotischer Hotel-Literatur…

Joggeli will wissen, warum die Deutschen Klopapiere hamstern, dieweil im Lande der Zitronen selbst lagenreichstes Supertestprämiertes Goldband keine Rolle spielt, die Lager überquellen und, wenn ein Mensch im Einkauf solches Gut herumträgt, gleich als Ruhr-Barbar, als Düssel-ländler oder Spree-Neander angesehen wird.

Tja, die Deutsche wollten nie zu Potte kommen mit dem teuren Einbau von Bidets, wie weiland dies die Franken im Paris um 17-hundert vormachten. Dem Allemann ist alleweil Bidet Bidon und folglich Pfui, Papier indessen Hui wie allen Bürokraten. Und dass wir jetzt im Sonnenland am Klopapier ersticken, ist nur der Deutsche schuld, der uns den Rücken kehrt um vorm Virus auszurücken!…

Joggeli und Joggelina hatten gedacht, auf ihrer Rückreise von der Adria dem grassierenden Virus mit einem Hochgebirgstrip auszuweichen, doch in den grenznahen Après-Skihütten zu Österreich war ein solches Gedränge und Getobe von denen, die der Quarantäne von Ischgl entkommen waren, dass sie schleunigst das Weite suchten und sich im verwaisten Gotthard-Felsenhotel La Claustra bei Airolo einmieteten. Ihr geisterbahnartiger Reduit-Aufenthalt war mit einem Katakombi-Bonus gekoppelt, der erlaubte, direkt in einer anverwandten psychiatrischen Klinik eine mehrtägige Reha von ihrem unvermeidbaren Klaustrophobie- Choc mitzuerleben. Joggelina hatte nur eine gelinde Fehlgeburt und Joggeli ein Verlassenheitstrauma der besonderen Art zu kurieren, das er lebzeitig nie vergessen würde. Umso glücklicher waren sie, dass kein einziger Virus sich in die Höhlen des spendiblen Rustiko-Bunkers wagte, der nicht schon auf der Stelle starb, wenn er nur die Schlüssel des Verlieses scheppern hörte. Sie entstiegen der autonom gelenkten Untergrundlore garantiert keimfrei…


Arsenale

Was

Bern die braunen Bären Dem Gotthardpass die Kehren

Italien seine Pizzen, Dem Milchvieh seine Zitzen

Den Banken ihre Mittel Dem Adligen die Titel Dem Lehrer seine Noten Bestattern ihre Toten Touristen ihre Selfies Dem Fussballer die Elfies

Was Wien sein grüner Prater Ist Haydns Stabat Mater Den Katern ihre Mietze

Sind Deutschen ihre Kietze Den Caligae die Riemen Dem Walfisch seine Kiemen Dem Asgard seine Asen Sind Tiffany die Vasen

Was Stonehenge seine Steine Sind Lügen kurze Beine Was Harlem seine Räpper

Lipizza seine Klepper Dem Puff die blonden Luder

Der Gondel ihre Ruder Dem Meere seine Möwen Venedig sinds die

Löwen.


Sars longa vita brevis

Venexia, oh mein schön Venedig Bin ich Deiner Huld wohl ledig? Hast du mich im Turm vergessen Wie den Hölderlin in Hessen?

Tauben bringen mir die Nahrung Ihrem Scheine nur zur Wahrung Wie Sankt Paul dem Thebaiten Und dem Anton, Eremiten

Sitz Ich hier ganz ohne Kohlen Ist im COOP nix zu holen Vapos fahren ohne Menschen

Man gibt nimmer sich die Händ’schen Strafen tut man jed‘s Umarmen Durch die pingligen Gendarmen

Küsst man nun den eignen Mundschutz? Sorgt sich um den eignen Hundschmutz?

Wie entfliehn den Vigilanten! Mimt den fremden Ignoranten? Schiebt ein rädrig Kaufgerät? Oder shoppt besonders spät? Keuche stets brav in die Beuge Werde meiner Viren Zeuge

Schon schnürt‘s Übel meine Kehle Auf dass sich die Zunge schwelle Nun bist Du für Sanitäter

Nur noch ruchbar, Missetäter! Das sieht aus nach Quarantäne!

Nützt mir keine Trauerträne Vom den Fiebern durchgeschüttelt

Und von Bahren durchgerüttelt

„Cov, Cov!“ sind die allerletzten Worte die den Hals zerfetzten Ödemìen in Alveòlen

Hindern jedes Lufteinholen Weichbild Serenissima Schwindest und bist nurmehr da Als Coronis ultima

Dann stiehlt Sars die arme Seele Und entschwebt nach San Michele.

Was in Rom sein Ospizio San Michele

alla RIPa grande für die kranke Kunst wird Venexias

San Michele für die Toten

„della Moia granda“ zur Coronis

del diario triste del indimenticabile

anno orribile 2020

ÖTZI UND MOZI

(Geschichtsklitterung für meine ergötzlichen Kinder gemotzt)

Auftakt

Theodor Ötzi und Amadeus Mozi begegnen sich unweit der Wasserscheide über dem Tisenjoch. Sie mustern gegenseitig ihre Waffen. „Was ist das?“ fragt Ötzi. Mozi:

„Eine Harfe.“ –„Wie weit reicht die?“ Mozi: „nur bis an Ende des Konzertsaals“- „Hä?“

„Ja, etwa 20 Meter.“- „Nur? Was hast Du da für eine miese Bespannung, Mann?“- Mozi: „echter Katzendarm. Aus Ägypten.“- „Hm. Wohl auf der Reise verdorben.“ Mozi, oder familiär Rewolferl; „Dafür repetiert meine Harfe, sie trilliert in Serie.“ Ötzi:

„Ich lege nur einmal an mit dem Bogen, den ihr offenbar noch nicht erfunden habt und treffe haargenug in den richtigen Herztonus; man hat‘s ja an mir selbst ausprobiert.“- „Sie sind auch Musikant?“- „Nein, Jäger aus Kurpfalz; die gehört ja noch zum heil‘gen Land Tirol, hofere ich.“

Schlusstakt

Ötzi und Mozi gehen in der neuen Similaunhütte aufs Touristenklo. Ötzi sagt höflich

„Nach Ihnen“ – „Danke ergebenst, der Herr.“ Den Mozi trifft eine endneolithische Feuerstein-Pfeilspitze in die linke Schulter und ward nimmer gesehen. Die Pfeilspitze nämlich; bis 2001. Mozi ward auch nimmer gefunden, weil im Marx-Friedhof in einem Sammelgrab verbuddelt und, weil Freimaurer, von Engels nie gen Himmel getragen.

Händl

Mozi mustert Ötzis neolithische Flöte. Ötzi: „Aurignacien, Gänsegeier aus Kairo, Terz-Loch-Frequenz, im Altmodus, südschwäbisch, gute Arbeit.“ Mozi: „Zauberhaft; kann ich sie Ihnen für meinen Papageno abkaufen? Seine hat ein Malapartist kaputtgemacht.“ – „Hm. Was, Sie haben einen flötengehenden Papa? Nee, mein Lieber, nicht gegen 25 Kalauerimuscheln und wenn schon, eine gutgenesische Frau.“ Mozi: „Sie rigoletten, Frauen sind viel zu mobil, als dass man sie hier gebündelt herumschleppen und als Braut verkaufen kann. Ich verdi Ihnen was sagen, machen wir einen Deal: ich nehme die Braut und Sie geben mir die Flöte, ein alter kolonialistischer Brauch. Ok.?“ „Nix koronial, ich nehme die Axt und Du Deine Gamben unter den Arm. Du, Sie Zupfgeigenhansl Sie, Ländl-Streicher, i bratsche Dir eins über, così facciam tutti hier im Tirolerland!“. Die Folgen sind nicht überliefert, aber die beiden vertrugen sich wieder zur Not, unten, am Neu-Schwanensee unweit Meran beim Sippentreffen der Nibelungen.

Lange nach Tubalkain

Ötzi trifft Mozi bei Wieland, dem Schmied, aber der ist nicht da. Ötzi. „Brotzeit?“ „Nein Brunze-“. Ötzi: „In diesen eisigen Zeiten der Cholera brauch ich aber ein Brunzebecken für mein Schlagzeug; man sagt, die Hunnen kommen“. Mozi: „Woher wollen Sie das wissen? Sie ohne Postillon.“ Ötzi; „Hat mir ein Klemens Tito gesagt aus den Schluchten des Balkan, schon im May; sie sollen bereits die Basteien von Cairo erobert haben, den Schauspieldirektor König der Pastor, während seines Nozzierens aus dem Serail entführt und die Frauen geraubt haben. Nur eine Zaida, als Gärtnerin verkleidet, habe sich retten können.“ Mozi: „Was, diese Gans! Die drei

von sechs Mithridaten, mickrige, nur schwejkende Soldaten, verführte, den Ascanio und den Idiomedeo dazu, und die Schludrigkeit des ersten Gebotes dazu benutzte, Skorpione im Winternachtstraum zu erschlagen – nein, die hat nicht verdient, noch einmal davonzukommen, diese Hure Babylon!“- weiland kommt Wieland aus der Brunzezeit zurück in die Gegenwart, mit offenem Spagat und glaubt, die Hähne stritten sich, giesst Öl ins Feuer und entfacht einen riesigen Feuervogelstrauss um die Schlawinskys aus seinem Essezimmer zu scheuchen. Ötzi nimmt seine Keule von der Garderobe und trollt sich, den Hunnen des Zweiviertelmondes zu widerstehen, die sich bei Aquileia unter Lü Tütü im Schein des Morgensterns zu sammeln begannen. Mozi dachte mit Grauen an die Türken in Wienerneustadt die ihr faules Gemüse und vergammelte Kebabs über die Stadtmauern warfen und hoffte, der Friede von Karlowitz sei keine Scheherzerade geblieben, gönnte sich eine Schokoladenkugel und verliess den rumorenden Hephaistion.

Überlebenscamp

Mozi und Ötzi konnten keine Antigene gegen den Koronalvirus entwickeln, weil das Kaiserhaus in Wien und die Neandertalclique in Nordrheinwestfalen an der Düssel eifersüchtig den Vergleich ihrer Forschungsdaten verhinderten. Die beiden entschieden eine Art überdisziplinäre Homo-Ehe einzugehen, durch wiederholte Blutsbrüderschaft, um den Austausch der gutmütigen aber kampfbereiten Genome zu befördern. Sie bezogen ein Iglu auf dem Tisenjoch, das nur von sensationshungrigen Touristen besucht wird, die man mit Leichtigkeit mit Lawinenabgängen und versprayten Hungertüchern schrecken konnte. Der unweise Sapiens Mozi war mit Regenschirm, Spitzenhemd, Zopf, Dreispitz und avec-Culotten heraufgekommen und war so dem Klimawandel nicht sonderlich gewachsen. Hominide neandertaliensis der Haplogruppe G-FGC5672, Ötzi gemeinhin, eiszeitgewohnt, mass dem schlotternden Ankömmling einen Umhang aus Birkenlaub zu und band ihm eine übrige Bärenfelljacke auf, die ihm Frau Ötzi sorgsam aufgezwungen hatte. Mozi zeigte anfänglich Anzeichen einer Corona Sars 19 Erkältung, doch war das reine Hysterie. Kleinere Syphilis- und Malariawellen hatten den Musiker seit längerem im Griffbrett gehabt. Das Quarantäne-Iglu war spartanisch eingerichtet und Mozi hätte es lieber gesehen, wenn der Igluhimmel voller Geigen gehangen hätte. So genügte man sich, Ötzis Schalmei-Etüden (B. Yoffe, Knöchelverzeihnis Fr.13, B-moll-Solo, Issos 333) zu lauschen und die Zeit mit ‘ Schere, Stein, Papier‘ zu verbringen, wobei ersteres und letzteres Ötzi in gewaltiges Erstaunen versetzte, denn nur der mittlere war ihm als Allerweltgerät vertraut.

Ich muss die weitere Schilderung dieser rührenden Symbiose hier unterbrechen, weil das Ende der verordneten Auszeit erst bevorsteht. Ich komme gern zu gegebener Zeit darauf zurück und zeichne dann genauestens auf, was Ötzi und Mozi noch so trieben…

Zurück am Display fällt mir ein, dass ich nächtlich im Traume den beiden auf der Zugspitze begegnet war. Und das sah so aus:

Klangwandern

Ötzi und Mozi hatten beschlossen erfrischende Bergwanderungen zu unternehmen, um sich vom Muff der Vorgeschichte und des Spätbarock zu befreien. Sie konnten sich nicht entscheiden, den länderübergreifenden Mont Cervin/Monte Cervino/das Matterhorn zu besteigen, wegen des Streites der keltischen Veragrer (die als erste das Viagra im Wallis kultivierten), mit den Nantuaten oder späteren Burgunder, und den italianophilen Monterosianern um den Besitz der gehörnten Trophäe aller Eispickel, Bierhumpen und Gamshüte der Region. Also erstiegen die beiden als Alternative die Zugspitze, weil es dort so schön zieht und die Corona-Virusse aus ihren territorialen Mini-Spikes-Verankerungen zu reissen verspricht und sie anschliessend vom Winde verweht. Angekommen hob Ötzi seinen einst erfrorenen, nun plombierten Goldfinger in die Höhe, die nautische Wetterlage zu prüfen, während Mozi beschäftigt blieb, seinen Windgong, Geschenk des chinesischen Botschafters Kaisers Qianlong in Wien, nach dem herrschenden Luftzügen auszurichten. Das tibetische Windspiel begann alsbald melodisch zu bellen und Mozi sputete, die Klänge in seine Partitur des vierten Violinkonzertes einzubauen, die bis in Puccinis Butterfly nachbeben sollten, ja Long Longs Vokalkunst im Rigoletto zu Bregenz 2020 nicht unwesentlich beeinflussen würden. Als ein Flugzeug von Easy Jet brüllend vorbeiflog, zog Ötzi reflexartig sein Excalibur 9mm blank, um den vermeintlichen Drachen Siegfrieds herunterzuholen, doch die Blitzlichter aus dem metallenen Leib des Vogel Roch erschreckten Ötzi so sehr, dass er sich mit aufgesperrtem Maul in Mozis Windorgel verfing, womit die Kinnlade zur Windlade geriet und seine Zahnlücken zusätzlich einige interessante Zwischentöne erzeugten. Mozi war‘s der musikalischen Ausbeute zufrieden, dankte dem Hüttenwart für die Freihaltung der Aussichtsterrasse vom Hunnenschreck und der asiatischen Völkerwanderung, befreite und beruhigte den in die Gong-Schnüre verhaspelten Ötzi und die Ausflügler bestiegen den gemieteten Schlitten ins Höllental hinab, eingedenk Bond’scher Verfolgungsjagd vom Gaislachkogel unweit des heutigen Ötzi-Denkmals. Es war ein befriedigender Ausflug zum Kythera der Zugspitzensportler, Selfiliebhaber und Alpen-Proskynesen. Ötzi hätte sich nichts Schöneres für das Tisenjoch gewünscht. Die beiden wurden im Talgrund von den Freiburger und Berner Stadtmusikanten mit einem Tusch gefeiert, weil vom genannten Virus quarantisiert, für Wochen im Schnalstal festgehalten, wo sie nichts anderes tun konnten, als militärische Tusche zu ihrem Lose zu üben, über ihren Kummer zu leeren, d.h. zu vertuschen, dass sie alle vom Heimweh der Greyerzer, vom delirium melancholicum befallen waren: le ranz des vaches, «Lioba, lio-o-ba…», das Beethoven, List und Wagner so rührte und inspirierte, vor allem aber Rossini im Wilhelm Tell… Mozi hatte ihn vom Vater Leopold als Ohrwurm in seine Karriere mitgenommen und wurde ihn selbst in der permanenten Frostigkeit der Zugspitze nicht wieder los. Man höre nur das Rondo für Hornvieh und Orchester von 1781! das Mozi tiefbewegt vor sich hersummte, als der Tusch zuende war.

Gegenwärtigkeiten

Analog zu Kara Ben Nemsi, muss Omar, zu Old Shatterhand Winnetou, zu Journalistin Sue muss Crocodile Dundee, muss zu Mozi auch Ötzi in die Provinz- Grossstadt entführt werden, um sich mit den Errungenschaften der roaring economy und des dolce vita bekanntzumachen. Als erstes ging Ötzi seiner süssgrasgepolsterten, geschnürsenkelten Rindslederlatschen verlustig, die es mit den Asphaltgold-Sneakers der Passerpromenade nicht aufnehmen konnten. Dann war es ihm auch in den Patchwork-Leggins aus Ziegenfell zu würmzeitig warm, dass ihm Mozi ein Paar luftigere Kniehosen lieh, und einen zwölfköpfigen Gehrock über

Brokatweste mit Spitzenposchette aufnötigte. Ötzis verzweifelte Gegenwehr nützte nichts, als auch ein Dreispitz hermusste, obwohl auf den Strassen, die sie begingen, sich das Volk verwundert umsah und die Peinlichkeit verschlimmerte. Mozi sah nicht ein, dass man alte Zöpfe beschneiden müsse und versilberte Spazierstöcke nur noch am Carnevale in Venedig trug, aber er mass diese neuen Albernheiten von Jeans und T-Shirts nur den Mode-Intrigen des missgünstigen Antonio Salieri zu.

Selbander lustwandelten sie in der Folge wie Paradiesvögel, aber nurmehr virtuell durch das Colosseum, den Prater, Mainhattan, Spreeathen und Erbflorenz, weil im gegenwärtigen Meran nur ein einziger Reisevermittler ihnen noch Prospekte von Traumdestinationen auslieferte: Reisebusse, Kreuzfahrschiffe, Nachtschlafwagen und Mietwagen seien zur Zeit keineswegs ausgebucht, nein stillgelegt, einer Seuche zuliebe, die sich von der Krönungsmesse eines gewissen Mozart ableite. Sagte der vom entlassenen Personal blossgelegte Besitzer und merkte nicht, dass Mozi inzwischen errötet war und mit Ötzi alsbald das Weite suchte: im laténezeitlichen Hinterwäldnerland des Zenoberges, wo sie auf einer Bank des Kurvereins rasteten, unschlüssig, was sie mit der gewonnen, oder auf der Suche nach der verlorenen Zeit erneut geschwundenen, anfangen sollten. Da proustete plötzlich Ötzi in die Armbeuge und meinte, im Reisebüro habe eine ausgestopfte Fledermaus aus Wuhan gehangen und ihm ein magisch-allergisches Niesen, Migräne und Bauchgrimmen angezaubert, er müsse schleunigst in die Büsche. Mozi wartete geduldig bis in den Abend hinein auf seiner einsamen Bank und komponierte die Waisenhausmesse, die missa brevis und ave verum corpus bis ihm die Zugluft die Kreativität einfror und er die Bahnhofsmission aufsuchte, wo auch Ötzi endlich, grün im Gesicht und trotz Einnahme seiner Leibmedizin aus dem Sud des Birkenporlings gegen Spulwürmer, an seiner fürderhin zu erwartenden Gesundheit zweifelnd, eintraf. Sie teilten das einzige Himmelbett der Pension auf den Wunsch Mozis hin, weil die modernen Wasserbetten im Haus gewiss seekrank machten. Und schieden friedlich mit gegenseitigem Bona nox.

Messnerismus

Ich schlage Ötzi und Mozi vor, Reinhold Messmers M&M&M Corones-Museum auf dem Kronplatz – in Tirol, zwischen Gadertal, Olang und Pustertal gelegen, zu besuchen, den denkwürdigen Zeiten des coronalen Gipfels menschlichen Fortschrittes eingedenk, der 2020 über uns kam. Zaha Hadid – vermeintliche Überlieferin der Sprüche Mohammeds und gesegnete Architektin, hat den futuristischen Beton-Bau-Bunker B&B&B – kein B&B-Refugium wohlgemerkt – 2016 auf 2275 Metern Höhe erstellt, was nur um wenige Ziffern, nämlich 12, meine Hausnummer in Venedig übertrifft. Somit ist mir die Berechtigung gegeben, die beiden ungleichen Blutsbrüder zu begleiten, zumal mich eine frühe Begegnung mit Messner auf den Isarauen in München 1995 fürs Leben geprägt hat, nicht ihn, der es nicht wissen konnte, weil er mit Familie im Gras picknickte und ich von der Reichenbachbrücke (auf die man in Bern seit dem Mittelalter wartet) auf das Kletterwunder heruntersah. Mich den damals noch Ahnungslosen, klärte ein Quartierweiblein dürren Zeigefingers auf, DAS sei der grosse Messner, von dessen Wirken ich in der Frauenkirche nie gehört hatte, geschweige er diese erklimmt hätte, wie ich als flugs Halbwegsgebildeter sofort schloss.

Inzwischen weiss ich, dass Reinhold mit unserem Wanderziel die sechste Perle und hoffentlich letzte in die Barons-Krone seiner Gebirgsmuseen gesetzt hatte.

Wir erlebten das grosse Glück, dass der Himmelstürmer anwesend war und uns zu empfangen geruhte, weil auch hier die Quarantäne ausgebrochen war und Messmer Zeit und Musse fand, die drei wunderlichen Niedergebirgsvögel zu empfangen.

Reinhold Messner.: Meine Herrschaften, was führt Sie zu mir?

Elija Rijeka: Schamster Diener, darf ich Ihnen vorstellen Theophil Ötzi und Amadeus Mozi, zur Zeit Gipfel- und Zeitenwanderer.

R.: und Sie?

E.: Autor. Mentor der beiden Herren.

R.: So, Mentor. Sponsor für Hochgebirgstouren?

E.: Nein, Führer durch historische Szenarien, so was wie Hysteriker.

R.: sie sind am richtigen Ort: wir haben gerade das Matterhorn-Drama der unglücklichen Erstbesteigung von 1865 nachgestellt, mit Kinderrutsche in Form einer Eisgeisterbahn, hat riesigen Erfolg…

Ötzi: Fein! Darf ich dann mal?

R.: Nur wenn Sie Ihre Ausrüstung an der Garderobe abgeben. Ihr Bogen könnte ins Auge gehen, und in ihrem Glutkörbchen rauchts. Wir haben überall Rauchmelder.

Ö.: Sehe keine. Ist wohl Friedenszeit?

R.: Sie kommen mir irgendwie bekannt vor, hätten wir uns nicht mal wo getroffen? Ö.: Ja, beim Bozner Pathologen Egarter Vigl…

R.: Richtig, Sie trugen damals Glatze und waren spindeldürr, nicht wahr?

Ö.: Ja, habe mich ein wenig erholt inzwischen, die Chefschamanen und Sonnenwend-Heilerinnen waren rührend, …bei meinem Zustand…

R.: Und Sie, der Herr – Kompliment für Ihre fantasievolle Ausstattung, Max Mara? Prada, letzter Schrei was? Die Hochgebirgsmode ist ja ziemlich konservativ. Ich liebe Exotik. Wir haben hier, alles was man seit 150 Jahren getragen hat, Zelte, Sauerstoffflaschen, Pudelmützen, Sherpa-Unterwäsche eingeschlossen, gewaschen, desinfiziert, versteht sich.

Ö.: Ich hätte gern diese Brille von diesem Clinton, der Schnee hier blendet mich.

R.: Weder verkaufen, noch tauschen wir was, Sie meinen wohl Hillary? Aber unten im Tal beim Schuhplattler Sepp finden Sie alles was das Herz begehrt.

Ö.: Hat man mir entfernt, diese Psychophysiopathologen…immer auf der Suche nach Sensation, nach Gallensteinen, Würmern, Bazillen, Listerien, Borrelien, Sporen, Spurenelementen, Viren, ja Viren besonders…Ich war eine Arche Noah für so Kleinzeug!

M.: Darf ich Sie geschwind unterbrechen, gnädiger Herr, führen Sie Windharfen, Gebetstrommeln und Gongs aus Tibet? Oder Querflöten aus dem Miozän?

R.: Aus hohlen – nein Höhlentigerzähnen, jawohl, waren tolle Miezen. Natürlich, meine Lieblingssammelstücke, aber nicht anfassen bitte.

M.: Ich studiere die vorgeschichtliche Musik. Leider gibt es keine Partituren mehr.

R.: Richtig, wir stellten sie ein, Partytouren sind out, seit es hier auf der Coroneshütte still geworden ist, auch der Schnee zum Abkochen fehlt seit Jahren; alles müssen wir nun heraufbringen Lavaredo, Acqua Cortina, Antica Fonte, Plose Quelle und natürlich das seit den Illyrern und Römern genutzte Kaiserwasser aus Innichen gegen Magen- und Nierenleiden –

Ö.: – genau das letzte muss ich unbedingt probieren! Haben die Mineralanalysten der Anathermie in Bozen gesagt!

M.: Seit wann brauchen Sie hier oben Kaiserwasser!? Igitt! Ist doch seit Vespasian bis Andi Pius und Franz bis Leopold kein Kaiser mehr fassbar, dem man es abzapfen könnte!

R.: Bittschön, kein Zapfenstreich fürs deutsche Reich! die Herren, wir sind hier in Tirol, bundesländische Exsklavin der Republik Österreich…Und das Wasser ist bakteriologisch so rein wie die Madonna von Pötsch im Stephansdom, oder ihre 23 schwarzen Schwestern im und ums Ländle, die Tirolerin von Schwaz und die von Einsiedeln nicht mitgerechnet.

M.: Sie glauben an die Gottesmutter? Ans Ave Maria? Hab eigens eins komponiert – R.: Ich glaube an die Überlebenskunst. Und als Museumsmanager an die Kunst an sich. Wissen Sie, alle Religionen sind Sekten, jeder soll mit seiner glücklich werden – M.: Ich bin zwar Freimaurer, aber der allmächtige liebe Gott ist doch eine gute Rückversicherung…

Ö.: Mir ist die Venus von Willendorf noch immer am liebsten, so richtig knackig, transportfähig, allgegenwärtig und eine gute Köchin. Sie wird alle Weltuntergänge Seuchen, und Halbseidenstrassen überdauern…

R.: Lassen wir das Religiöse, meine Herren, es ist ohnehin unerfindlich. Nur Höhenluft macht heilig. Wollen Sie nun eine Führung oder lieber eine Fütterung im Museumsstadl, es sind noch Speckknödel, Gröstl, Kaspressknödel, Marend, Brettljause, Kasspatzln, Kiachl, Schlutzkrapfen und Moosbeernocken da; aber es braucht Geduld, sie sind alle seit dem geplatzten Karneval eingefroren.

Ö.: Gefrornes bin ich gewohnt und würde gern das zweite wählen – von Allem ein Probe-Bisschen -, habe mich seit Frühjahr 2987v.Ch. am Hauslabjoch ausser an Wildbraten und trocknem Tiroler Speck an geröstetem irisch Moos, zu Alpen- Steinbock-Bier, an nichts mehr Hausmannsköstlichem laben können.

M.: Bin so frei, Herr kgl. Museumsdirektor, auch ich schliesse mich dem Kollegen Ötzi an – hat‘s etwa auch Salzburger Nockerln und diese… diese Schokoladenkugeln?

Messner zwinkerte verheissend aus seinem weihnachtsmännischen Mähnennest von gepflegter Unordnung. Ich nickte den dreien zu, denn auch ich spürte ein gewisses Rumoren in den Eingeweiden…

Lassen wir sie auf das Abtauen der Gerichte warten, deren genussvolles Verschlingen, den anschliessenden Kaffee wie Einspänner, Melange, Alm und Noisette…und die Kugeln, diese Kugeln, parasomnium 30mm!

Auf die Museumsführung warten wir noch heute, selbst Messias Messner war’s zufrieden…

Salzburger Wiesn-Luft

Ötzi und Mozi beschlossen, auf der Salzburger Festspiel-Wiesn einzukehren. Um nicht ständig von verwunderten Blicken verfolgt zu werden, verzogen sie sich in die hinterste Ecke eines entlegenen Bierzeltes und warteten ewig auf Bedienung. Als endlich eine vollbusige Maid im Salzburger Dirndl auftauchte, legte sich ihre Empörung, zumal das breite Lächeln des Fräulein Obers Frieden stiftete und ihr neckisches Zupfen an Ötzis Bogen seinen Besitzer ermunterte, zu erklären, was das komisches sei. „Mein Bogen.“ – Da muas aber der Zupfgeigenhansl an Riese sei, wann er das streichen tut!“ – Mozi schritt ein und erklärte, das sei ein Schiessgerät. Aber das Dirndl zupfte noch mal und es erklang ein tiefes Brummen. „Is doch an Instrument!“ Mozi lenkte ein und wollte das Gespräch verkürzen, um an sein Bier zu gelangen: “ja gut, mein Fräulein, es ist eine Art Harfe, genannt Trumscheit, ein Bier bitte!“- „Und Ihr der Herr?“ – „Einen Hagebuttentee.“ – „Was, hierzu kommens auf die Wiesn? Sowas führn wir net seit Christi Geburt.“ – Ötzi ist verlegen. „Bringens ihm

ein Kasererbräu mit Schuss oder an Glühwei.“ – „ der is nua an Weinacht im Angebot.“ – „Dann ein Kaserer von 1342, gut abgehangen –„ lacht Mozi.

Am Nebentisch tuscheln die Nachbarn und werfen neugierige Blicke. Oberstudienrat Joseph Wirsing doziert: „den hob i doch schonmal in Italien gsehn, Roma bei Sandi Aposdoli – “ – „Naaa, dea is doch dea Kassierer im Mozartmuseum –“ wirft Kanzleirätin KZiR Mariantonette Liedl ein, Wirsing schüttelt den Kopf – „aan Quatsch, der hat im Antquidäten Museum z‘Rom gsessn als Staffage vom Goede in dea Campagna, mit dea zwo linka Tischbein vom Füssli.“ Kommerzienrat Obermaier KmZiR, vermittelt: „Der tritt auf in da Oper heit amd, Figaro un is dea Giovanni, dea annere is dea Papageno mitm Fellkleid, di ham Probn ghabt heit frie.“- Professor Scheible Musikus zugroast aus Stuttgart greift ein:“ wollns nicht die Herrschaften selbst fragn wers tun darstella?“ Generalmusikdirektorin Gabi Müller GmD nimmt sich ein Herz und beugt sich liebenswürdig hinüber zu Mozi und tippt ihm fragend auf die Schulter. „Sind Sie nicht gnä Herr, heit inna Opa?“-„ Ja, gnä Frau, zweite Loge rechts vorn, mit Verlaub,“ – „Oh, darf ich Ihnen mein Billett…“ „Bittschön, Amadeus Mozi, gschamster Diener.“ Die Müllerin buckelt errötet zurück und ist froh im kleinen Jubelkreis wieder unterzugehen, in dem sich eine etwas betretene Stille der Ratlosigkeit breitmacht. Sollte der, oder beide gar verrückt sein?

Ötzi und Mozi erlösen die moll-Stimmung und verlassen, am Tresen dem verwunderten Kellner einen Theresientaler entrichtend, das Zelt. Ersterer hat sein so wunderlich mit Höhlenlöwen bedrucktes Glas als Souvenir einbehalten und in seine Felltasche gesteckt; die Maid hatts gesehen, aber wollte sich nicht mit dem sündflutigen Getüm anlegen, das ihr doch irgendwie sympathisch erschien. Sie würde mal heut nacht darüber träumen, wenn der Josl wieder nicht kommt…

Nichts für mozarte Gemüter

Ötzi liess sich von Mozi endlich breitschlagen, das Salzburger Mozarthaus zu besuchen. Oh weh, die unabsehbare Warteschlange von Tagestouristen, Flussschiffkreuzfahrern, Wochenendfliegern, Rucksacktrampern, Schulklässlern, Altersheiminsassen und dann und wann die Gegenwart eines verzweifelnden musikbegnadeten Mozartliebhabers, untergehend in der Übermacht des Pulks

gähnender, eisessender, sanitätsreifer, taxisuchender, centbettelnder, strohbehüteter, vogelzeigender, hundbegleiteter, gestikulierender, babyschüttelder, luftiggekleideter, kanonsingender, elternsuchender, kopfschüttelnder, zuteuerfindender, kinderverlierender, wasserlechzender, klampfespielender, sonnenbeschirmter,

stadtführerlesender, stadtplanwedelnder, toilettenerfragender, aufdiefüssetretender, brillenzertrampelnder, schweisstrocknender, denzugverpassender, limonadeschlürfender, notenkaufenwollender, smartphoneglotzender, taschendiebanhaltender, zeitungzuhütenfaltender, warteplatzbehauptender, diemamianrufensollender, nochaufdieburgwollender, taschenverlustmeldender, sonnencremeeinreibender, dasbusticketverlegthabender, mozartbiographieverkündender, museumsführerschwarzverkaufender, dietischreservierungverpassthabender,

garnichthierherkommengewollthabender, undniewiederhierherzurückkommenwollender,

Angehöriger der Spezies homo sapiens insanabilis! Sie nahm unseren Zeitwanderern die Lust, im Geburtshaus Mozarts einzukehren, in dem sich Mozi auch nicht mehr zurechtfinden würde, weil man da mit vielem Mobiliar gemogelt, Instrumenten geschummelt, Dokumenten gemotzt und Innendekor geklotzt hat, geschweige dass er die Auskünfte auf Fragen erteilen könnte, mit denen man ihn als vermeintlichem stilgerecht gekleideten Museumsführer bestürmen würde! – und dann die Selfies mit ihm so gleichgültigen, wie lästigen, ewig grinsendem musikignoranten Geschmeiss! Nein, beim wächsernen Sosias der Madame Tussauds in Wien, wie hat der’s doch schön zwischen Sissi und Franzl!

Und dann der Kinderschreck Ötzi mittendrin, verzweifelt nach einsamem Alpenfirn lechzend! Geschüttelt von Myriaden Bazillen, Bakterien und Viren der so gepriesenen Zivilisation! Nein danke, beim Barte der Venus von Willendorf! Sein tomographischer Sosias in Bozen hat’s doch so gut und reist jetzt steril und unbefummelt durch die Welt! Nach Canada, USA, Japan, China…wohin Ötzi immer schon hinwollte, als sapienter Völkerwanderer, was ihm aber mit seinem grasgepolsterten wildledernen Juchten-Schuhwerk nicht gelingen wollte, weil es Jahrtausende gedauert hätte und so ein Schuh kaum aufs winterliche Tisenjoch und wieder herunter langte: quod indagatoribus forensiter erat demonstrandum.

Carnevale venexiano 2020

Linda Pani, erwählte Maria von 2019, war eben noch als Angelo zum Mittagsschlag der Mori auf dem Uhrturm, vom Campanile di San Marco in die bunt gedrängte Zuschauermenge heil heruntergeflattert, als die Helfer in der Cella campanaria ihre Seile und Flaschenzüge fallenliessen und das Edikt der Behörden ernstnahmen, den weiteren Karneval abzubrechen.

Ötzi und Mozi standen selig in der Menge, ohne zu wissen, was über sie hereinbrechen würde. Sie hatten die lange Reise aus dem Tirol am Vortag unternommen, den berühmten Carnevale in Venedig auszukosten, sich im billigen

„Luna“ eingenistet, ohne aufzufallen, unter all dem 16. bis 19. Jahrhundert das da wimmelte. Beide erstarrten angesichts der bildhübschen zwölf Marien und ihrer prämierten Linda und schworen, noch nie so schöne Weiber gesehen zu haben. Ötzi bemängelte nur deren modischen Mangel an Hüftspeck und den gänzlichen Verzicht auf Fellmaterial beim Verarbeiten der Gewänder; aber als eine wandelnde Violine mit schwarzem Lockenwickler an seinem Bogen zupfte, schmolz er dahin und liess von einem grünen Dinosaurier ab, hinter dessen Mundschutz er ein fettes williges Weibchen wähnte. Er zog sein Gänsgeierflötchen hervor und spielte vivace o sole mio bis die verzauberte Geigerin von einem angetrauten Heinrich-dem-achten weggezerrt und mit der falschen Goldkette geohrfeigt wurde. Mozi verliebte sich indessen stehenden Fusses in ein von drei Pagen gezogenes Cembalo, dem eine holde Kokotte entwuchs und musste manu eines einäugigen Piraten daran gehindert werden, es rittlings zu spielen. Immerhin hinterliess er ihr heimlich nach ausgiebiger Verfolgung des voluminösen Gefährts eine signierte Partitur des Rondo alla Turca in der Waterloo-Bearbeitung ABBA.

Aber dann passierte das von niemandem Erwartete: Lautsprecher verkündeten den Abbruch des so lautstark seit dem Giovedì grasso angehobenen Deliriums und verlangten den sofortigen Abfluss der engstehenden Massen: Der Markusplatz leerte sich wie eine gurgelnde Badewanne und liess ein Meer von Konfetti, Strass- und Glimmerbesatz zurück, zertretenen Fanta-Flaschen, geplünderten Portemonnaies, abgefallenen Perückenteilen, weinenden Barockkindern, Spazierstöcken mit Silberknauf, zertrümmerten Spitzensonnenschirmchen, Hutfedern, aber auch Thermosflaschen und Tramezzino-Schachteln, herrenlosen Rucksäcken und frauenlosen Pensionären, selbst als Meerschweinchen oder Kolibri verkleidete Pekinesen hatten ihre Herrchen und Frauchen verloren. Ötzi war lediglich die Glut im Feuerdöschen am Gürtel ausgegangen und Mozi hatte einen Perlmuttknopf verloren, als sich ein Eselshintern an seiner Weste rieb.

Da standen sie nun und konnten nicht anders, als hilflos den Weg zur „Luna“ zu erfragen, obwohl ein Vigile abwiegelnd beschied, dass man nicht „alla luna“ übernachten dürfe, sondern einen Nüchterraum im Bahnhof aufsuchen müsse. Inzwischen war es Mitternacht, die raunzige Marangona-Glocke scheuchte das letzte schlachtenbummelnde Federvieh, Spitzengepluder, beschwipste befrackte und beflaggte Herren- und Damenvolk, die letzten Halb- und Achtelmaskierten, Zuhälter und Zuträger, Ordenträger, Hosenbandträger, Zweitagebartträger, Sonnenbrillenträger, Proseccoträger, Handyträger, Tote-Tauben-weg-träger, Welke- Rosen-zum-Verkaufe-träger, zum Tempel der Serenissima in die Fluchtcalli hinaus zu den Parkhäusern, lastschiefen Vaporettis, überteuerten Taxibooten, in die Kojen von B&B, die Eintagshotels und Jugendherbergen für Verflossene und dann und wann ins seltene eigene sweet home alla veneziana.

Auch wenn ihre wohlige Anonymität nur Stunden währte, und sie endlich zu den Narren gehörten, für die man sie stets gehalten hatte, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegten, so waren sie, als sie vom übernächtigten Patron des „Luna“ die Wahrheit über den epidemischen Schiffbruch des Karnevals erfuhren, doch glücklich, ihn wenigstens im Zeitraffer erlebt zu haben, könnte es doch der letzte in diesem Welttheater sein. Auf seiner durchgelegenen Matratze sinnierte Mozi noch

eine Weile und wandte sich an Ötzi, der gerade hektisch zu schnarchen begann

„Könnens nicht etwas mehr in Dur?!“ – „Häh? Mei Beil! wo is mein Beil?!“- „Ist ja noch da, mein Guter, unterm Kopfkissen denks!“ – „Beim Tutatis, ja, danke, was wollest so richtig sagn?“ – „Schon gut, drehn‘ Sie sich nur etwas zur Seite.“ – „Mir träumte von einem Dino, der mei süsse Violine küssen wollte…“ – „seien‘s froh, dass ich Sie weckte! – Übrigens, Sie habn gesehen, wie man so über die Zeitn lebte: wie würden‘s sich am liebsten wünschen?“ – „Hm. Eigentlich…eigentlich ist mir das Gezottel und Gezappel der Weiberei zu mühsam, die Epoche vor, wie heisst sie noch, Jusi -, Jett -, nein Christl Gebert, nein Geburt ist mir doch lieber…nua scho so an Bad in der Düssel, die nackete Wonne, und nicht eine hat heut gesungen das Uve wie bei uns dabei damals…“ – „Da mögen‘s recht haben, singen können‘s das Ave alle nicht mehr. Aber die feinen Dinge, die Koronen unseres Daseins, Karrieren, Karteien und Kartelle, Karossen, Karaffen und Kartuschen, Karneole und Karfunkel, Kardone und Karfiole, Kartoffeln und Karotten, Karpfen und Karnickel, Karies, Karzinome und Karbunkel, Karezzen, Karzer, Karussell, Kartenhaus und Kartenspiel, ist das nix, Mann?“ – „Jo mei, Steinobst un Steinpilzn, Steinsalz un Steinkohln, Steinbrech un Steinbruch, Steinmeier un Steinbeisser un Steingressler, Steinadler un Steinkäuz, Steinhuhn un Steinbock sin für mei steinzeitlichs Alter Steingut gnug…“ –

„na, da bleibns steinreich wie bisher und schlaffns wie an gleckta Stein!“ – und komponierte noch im Halbschlaf an seinem Karfreitagsrequiem herum.


Macheath‘s Hymne an die Hausfrau

Die Streptokokke stört Dir das Verdauen Die Skeptokokken das Gemüt versauern Die Skript-Kokotten den Poet bedauern Die Crèpe-Kokotten Hunger abzubauen Die Ramsch-Kokotten Antiquare grauen Die Strip-Kokotten uns ums Geld beklauen Die Trick-Kokotten sind die schlauern

Die Kleptokotte den Konzern erschauern Die Polit-Kokotten schänden Mauern

Die Klampf-Kokotte kräht zu Rap-Kalauern Die Kampf-Kokotten stets im Graben kauern Die Dampfkokotten nur die Zeit entdauern Die Rokokokokotten unter Rotlicht lauern Die Viragokotte ist für homophile Frauen Die Kleriseikokotten besser zu vermauern Die Trostkokotten uns am Grab erschauern

Die Spickkokotte nur vom Lehrer zu verhauen Die Puffkokotte blüht in Gassenhauern

Die Zuffkokotten lasst im Nüchterraume sauern Die Zuchtkokotten sind was für Gemüsebauern Die Witwokotten nur in Schwarz betrauern!

Dieweil tout-court-Kokotten überdauern…

Doch die Günste der koketten Längstbesessenen Kokotte

Ist doch stets die Hauskrokette Mit der kommt im eignen Bette Man noch immer gut zu Potte!

Meint der Schotte.


Wer!

Einst zum Geschenk Bekommen

Dich Deine Tugend Deine Jugend Zum Erblühen

Ich

Sind zum Zenit Erklommen Wir

Im Reifen Im Begreifen Zum Erglühen

Wir

Wer hat Dich Genommen Deine Reinheit Deine Weichheit Zum Verblühen Mir?

_

WER

Wer Mag Ich Sein? Will? Muss? Darf? Kann? Soll? Ich Um Selbst Zu Sein Ich MICH

Sein

?

Ballade vom erzgesunden Toren


Makula-Degeneration Keratokonus, Keratitis Katarakt und Starglaukon Ophtalmalgie und Arteritis Aphakie, Konjunktivitis Chalazion und Nystagnus Ektripium zum Überdruss?

Zieht sich Bindehaut zurücke?

Gibt’s noch was, das nicht sein muss? Fehlt noch was zu meinem Glücke?

Labyrinthitis und Tinnitus Otitis mitt‘s im Mittelohr

Tell-Verhöhr nach Apfelschuss Mühe mit dem Kirchenchor? Hörst‘ die Wut beim Eigentor? War‘s zuerst nur Hypercusis Ist es nun schon Anacusis? Kommt ein Echo je zurück? Singt Homer je „enepe musis“

Was fehlt noch zu meinem Glück?!

Hast Du Amitriptylin genommen Plagt Dich‘s Siögren Syndrom? Hast Du Antihistamin bekommen Schmeckt nach Heu-reka-Zitron Besser Lennon als Lemon?

Hast Hypogeusie erwischt Zur Gingivitis aufgetischt

Kotzt‘ die Meeresfrucht zurück Die im Trüben Du gefischt

Was fehlt Dir zu meinem Glück?

Streikst Du im Olfaktometer Weil Du Kokain geschnupft Oder fehlt Dein Nasenpeter Weil beim Ehebruch gerupft?

Hast beim Boxen Dich geschupft?

Fürchte nicht die Epistaxis In der Otorhynlaryngo-Praxis Weil die Rhinosinuitis-Tücke

Für die Rotznas nur ein Klacks is

Fehlt nur Schnee zu meinem Glücke?

Mussi denn‘ vom Los betrogen Nur weil mir das Tasten fehlt Ich zum Neuropathologen Der mein Ego wieder stählt? Nein ich hab ihn angelogen

Denn es fehlt nicht an Sensoren Mir dem unbeweibten Toren

Haut und Haar dem taste zurücke Dem die Fingerspitzen froren

Das ist’s was mir fehlt zum Glücke!

Bist heute noch in vollen Sinnen Auge, Nas, Hand, Ohr und Mund

Regt Liebe sie, nicht schnöd Gewinnen Dem Arzte, dem kein Glied gesund Lass der Tücke keine Lücke

Keine nütze Zeit verrinnen Minnen sollst Du, Minnen! Aber für gewogne Stücke! Keiner Krücke eine Brücke!

Dann fehlt nichts zu Deinem Glücke!

An François Villon

Vergiss

Wenn die erste Tasse Deines frühen Kaffeetrankes Schal ist

Und die morgendliche Bläue Deines Wiederkäuertages Fahl ist

Wenn Dein Mittagstisch Sich teilt mit Gestrigem Und morgen

Dein Tun Dir keine Echos bringt Von kommenden Verlässlichen Und borgen

Musst vom Schall der Schritte Der im Nächtegrau ertrinkt Wenn keine

Bücher mehr Dein Lager teilen Und Ausgelesene nur langeweilen Du Deine

Träume musst‘ am Horizont begraben Alleinig Dich nur vom Erinnern laben Als ob

Vertuschen Deiner wahren Nöte Dir Deckung vor dem Nichts erböte Darob

Doch nichts in Deinen Händen bliebe Als Schimmer ausgelebter Liebe Dann vergiss…


An Komiker Heinz Ehrhardt (1919-79) auf sein „Weil wir doch am Leben kleben“:

Lieber Alko namens Ehrhardt Der‘s mit Nüchternheit wohl schwer hat

Ich trink allgemein nur zweisam Und verzichte gern, wenn einsam Cola, Fanta, Bier ohn‘ oben

Hab ich stets von mir geschoben Trinke Milch der Denkungsart Die mit Frömme selten spart

Ich will keineswegs jetzt sterben Und mein Hab der Brut vererben Also heb ich eins mit Wasser

Denn mit Wässern ist’s nicht besser Bin zwar auch kein Alkohasser

Wenn man lebt auf Schneides Messer

Brotgespiel

Man sagt, der Mensch leb‘ nicht vom Brot allein Mag sein, es gäb‘ ja sonst nur Bäckerein

Er überlebt zur Not in Not allein von Brot Doch nicht allein, wenn Zweisamkeit tät‘ not Wem nur sein Brot im Tränenbad behagt Nicht rechtens seine Einsamkeit beklagt Weil jede Suppe einen Partner schreckt

Die eingebrockt auch noch versalzen schmeckt


Maskenballade

An François Villon

Wer hätt vor einem Jahr gedacht Was Covid aus der Welt gemacht

Sah einst man Scheichs verwundert an Hing den‘n ein Tross Vermummter dran Sind nun wir Muschlimms allgemein?

Beim Barte des Propheten, nein!

Wer will heute noch Exoten sehn Von Schwarz bis Gelb, auf Reisen gehn

Sich quälen durch Favillas Schmutz Wenn jeder Tropf trägt einen Schutz!

Was soll ich in Oman, Bahrein? Beim Barte des Propheten, nein!

Ich bleib bei meinem Mummenschanz Im Alpenland beim Maskenschranz Beim hausgemachten Karnewalln

Wo Hinz dem Kunz in Arme falln Hijab, Nikab, Verschleierein‘?

Beim Barte des Propheten – nein!

Ich find zum Gangstertrick zurück Mit Strumpfhos, Sehschlitz und Perrück

Am Steuer werd ich helmverpackt Vom ISIS modisch schwarzbefrackt Das alles sub coronas Schleim Beim Barte des Propheten, nein!

Ach Virus, Wuhans Stachelschwein. Was schenkst Du uns fürn‘ Popenpanz Du Morgenstern, im EU-Abendschein Bläust uns Suleikas Schleiertotentanz Mit morgenländischem Schalmein‘ Beim Barte des Propheten ein!

Nein!


Omnia vincit Labor

War Koronis Trug ein Rechtsfall Als Apoll sie schoss mit Rechtsdrall?

War des Heilergottes Sohn Aesculap ein Lohn der Fron? Ist der Wettlauf dieser Seuche

Um den Preis der Lungenschläuche Ein Gerenne Atalantas

Nur die Folge eines Mantras Um die Werte goldner Kugeln

Für die Wissenschaftler googeln? Ist sie Fluch von Moiren, Parsen Aus dem Steinkreis blauer Sarsen?

Ist sie Allahs Strafgericht Oder Michels Seelngewicht?

Haben Furien sie gewollt Weil dem Paris Eris schmollt‘? Ist das Ganze ein Versehen

Oder ein Geheimvergehen Ruhmbedürftiger Laboren Oder frankensteinscher Toren?

Ob endemisch webt im Stillen Mythisch ruchlos Seniorkillen? Ist die Übervölk‘rung Grund Dass uns droht die letzte Stund?

Werden wir es jemals wissen Wers Gewissen hat zerbissen? Besser ist’s wenn niemand grollt Wohin Alea uns rollt!

(Was im Vulgor etwa heisst Dass der alte Grümpelstolz Auf bebrilltem Afterholz

Langsam die Geduld versch(l)eisst)

Auf den Kosten der Natur Läuft uns jetzt die letzte Uhr Haben wir doch nur verdient Was Moral uns aufgeschient Diese ungestraft vergessen Müssen wir zu Ichversessen Selbst ermessen.

Und die eingebrockte Suppe Notgedrungen oder schnuppe Selber essen.

Sabina optima zugeeignet

_

Was soll ich hier?

Soll beim Klang der Mittagsglocken Mit verbotnen Mais-Portionen

Ich‘s Taubenpack ins Bildfeld locken Und zugleich s‘ Habit verschonen?

Soll ich beim Asiaten essen Lächelnd für ein Sushi-Mahl

Kann man nirgendwo noch fressen Überfüllt ist jed‘s Lokal?

Soll ich Nippes heimwärts tragen Die in China sind gemaket

Mich mit Gläser-Ramsch vertragen Weil „Murano“ drauf gefaket?

Soll ich ums Bacino surfen Wo man mich für’n Helden hält Um in Harry’s Bar zu schlürfen Schnäpse für ein Heidengeld?

Soll ich farbigen Proleten Auf den ausgelegten Fetzen Auf die Sonnenbrillen treten Und sie richterlich verpetzen?

Soll ich Selfie-Stangen kaufen Und im Winter einen Strohut Und mit NIKE-Sneekers laufen Wenns an Gummistiefeln nottut?

Soll ich Kreuzfahrschiffe knipsen Und um Gondelfahrten streiten Heimkehrn mit „VENEZIA“-Schlipsen Und bemalten Blödigkeiten?

Soll ne Party-Schürze zocken Fürs Balkongrillier‘n in Zeil

Auf dem Davids G‘mächte locken Oder Evas obrer Teil?

Soll ich vorm Fenice stehen Für die letzten Billigsitze Um Vivaldis „Quattro“ sehen

Weil das Hören nicht im Prixe?

Soll ich Abende verlauern Weil die Fussballfans sich raufen

Und fünf Spiele überdauern Resigniert nen „Spritz“ versaufen?

Soll ich all die Marathone Hier erstehen im Spalier Wenn die Sputer oben ohne

Hecheln um mein Wohnsestier?

Soll in Gondeln ich verschaukeln Unter “Sole mio’s“ Krächzen Und mir das Gemüt vergaukeln

Dass die Herzensplanken ächzen?

Soll ich in Palazzi wohnen Weil von B&B gebucht

Statt mein Portemonnaie zu schonen Weil ich gänzlich unbetucht?

Soll im Mai ich Masken handeln Rüsten mich zu Karneval

Und mit TUJ mich schon verbandeln Grade noch im Pfingstquartal?

Soll vor Kirchen Schlange stehen Huldsam, duldsam ohne Groll Kino, Konzert und Museen

Als seis weihnachts vor dem Zoll?

Soll vom Kitsch der Galeristen Ich mich blinde leiten lassen Und Instinkte überlisten

Bis die Biennalen blassen?

Soll von Prad-Armani-Vuitton Mich der Modetrend verleiten Und mit Habgierde-Bennetton Meine Einkaufswahl bestreiten?

Soll ich ewig Pizzen frönen Weil die Kochkunst hier erstirbt Oder öde Kebabs dönern

Weil die Fastfood-Welle wirbt?

Soll ich mein Quartier nun räumen, Weil hier Taxiboote brummen Und im Hinterhof versäumen.

Was Maschinenbohrer summen?

Soll ich mich in Calli zwängen Weil die Campi brechend voll Und vorbei an Rülpsern drängen Deren Bauch vom Biere voll?

Soll ich anderweitig suchen Ausziehn aus der heilgen Stadt Um die Ferien umzubuchen

Weil sie kaum noch Wohnraum hat

Soll ich mit ihr untergehn Trotz des Schleusen-Grossprojekts

Weil das „acqua alta – scheen!” Jedem Gast hier besser schmeckt

Soll mich fern der Seufzerbrücken Wo sich eng Touristen blitzen Über meine Löwen bücken Meinen Greul in Marmor ritzen?

Was Kotzwillen soll ich hier?


Gereimte Gegensatzpaare

(für Anthea und Bilkis zum corona-homelearning)

Ihr Alten und Kinder in Frühling und Winter des Jahrs 2020

ob taufrisch ob ranzig in Reimen, die keimen, die neu oder faule

von Goethen, Jean Paule von Morgensterns Garn oder niemandem warn‘. Ihr kennt, ja den Hasen beim Schlittschuhen rasen tot und potzmunter,

vom Sandberg herunter… Doch hier will ich Ochse Euch nicht Paradoxe noch Oxymora muten

ihr Esel und Stuten sollt lernen zu dichteln

mit schlichten Geschichteln in Gegensatzpaaren und selber erfahren

wies einfach es ist, ein Poetchen zu sein. Macht selber so weiter und werdet gescheiter hier beispielsweise,

je gepaarte Beweise in gereimtem Gewand für Euern Verstand:

_

Eng oder weit sind Raum und Zeit,

trocken und nass oft Liebe und Hass; widrig und gern

mal Schale und Kern; sind süss und sauer Freude und Trauer plus mal minus

die Lene, der Linus; mal rauh mal glatt sind Zweige und Blatt.

Sei mutig und feige schwatze und schweige richt auf, oder neige Hammer und Geige.

Ist arg und geheuer wie Wasser und Feuer, von links oder rechts Klang und Gekrächz. Geholt und gebracht so Tags und bei Nacht wir steigen, versinken bei Essen und Trinken ob klein oder gross

bei Zug oder Stoss. Mal würzig und schal Ist Bergluft im Tal Mal gross und klein, Materie und Schein Wir erben, vererben

im Leben vorm Sterben wir weinen und lachen

vor Nichtstun und Machen ob munter und miese Zwerg oder Riese

ob her oder hin

bei Verlust nach Gewinn ob dreht nah oder fern Planet um den Stern sind wir böse und gut selbst bei Ebbe und Flut, erfreun uns, vermiesen in Palästen, Verliesen sind eifrig und lau

ob eklig ob nett beim Frühstück im Bett sowohl Mann und Frau ob man darf oder muss zu Lust oder Verdruss soll schlafen und wachen bei Unding und Sachen ob verlobt ob geschieden

in Krieg oder Frieden ob geistlos, gescheit in Minne und Streit ob arg und geheuer

wie Wasser und Feuer. Mal wider, mal gern ist Schale und Kern,

wir klotzen und kleckern mit Beifall und Meckern verhungern und mästen die Schlechten und Besten wir kalfatern, die lecken Böden und Decken

wir fügen und trennen die Hähne von Hennen mal gerade, mal schief trotz Düften und Mief mal süss, mal sauer, sind freudig in Trauer ob lebendig, ob tot

für ein Hü, noch ein Hott wo locker und fest sowohl Summe und Rest so wird spitz und stumpf manch Kopf und Rumpf, gar hell oder dunkel Schminke, Furunkel

ob nieder und nobel weder Fisch noch Vogel ist Gräte und Schuppe ob wichtig ob schnuppe? gehasst und gemocht

ob Wachs oder Docht adieu und grüssgott! zum Teufel, Liebgott beschenkt und beklaut sind Freikart und Maut Saxofon, Grammophon ob monoton, polyfon ob verträglich, gemein zur Ehre, zum Schein ist Geräusch oder Ton für Tochter und Sohn

zu Ruhm oder Schande ob in-, ausser Lande? ob einzeln, ob Bande inmitten, am Rande

in Luft, im Sande…

laut und leise doof und weise kalt und warm reich oder arm gut und schlecht

falsch und recht eng oder weit blöd oder gscheit gsund oder krank fett und rank falsch mal richtig wert mal nichtig alt wie neu

mutig und scheu billig und teuer bang, geheuer klug und dumm grad und krumm breit und schmal buschig doch kahl arm und smart weich oder hart

schmächtig und kräftig faul und geschäftig gelb oder blau

töricht und schlau drüber mal drunter schläfrig und munter lass rot und grün vereisen, verglühn loben und neiden blössen und kleiden fasten und prassen lieben und hassen schlucken und spucken lahmen und zucken säubern und schmutzen ängsten und trutzen loben und mäkeln mögen und ekeln

ob bellen, miauen

schlucken und kauen ob leeren und füllen füstern und brüllen gestrafft, gezwirbelt geglättet verwirbelt ermattet, befeuert vertrieben, geheuert langsam und schnell schummrig und grell schwarz oder weiss besser kalt oder heiss ob hoch oder niedrig reizend dann widrig mal unten mal oben ehrbar, verschroben verträglich, gemein

ob ehrlich, zum Schein

gespeist und getränkt vergraben, gehenkt vergiftet, erstochen verschluckt und erbrochen luzide, umnachtet begeifert, umschmachtet gewarnt und erschrocken ob feucht oder trocken gemartert, verwöhnt jubiliert und bestöhnt sauber, verdreckt erstorben, verreckt gezogen, geschoben gedrückt und gehoben bebraten, bekocht gebuddelt, verlocht geschächtet, geschlachtet gekrönt und entmachtet

wir müssen und wollen nehmen und zollen öffnen und schliessen

vertrocknen und spriessen wenn finden, verlieren brechen und biegen versagen und siegen sich grauen, geniessen vertagen, beschliessen verzieren, verwischen

poltern und zischen sparen, verprassen sich treffen, verlassen behalten, vergessen genesen, erkranken

erstarren und schwanken fangen und schmeissen pissen und scheissen stehen und rennen lachen und grännen

ob gezwitschert, gebellt verstummt und gegellt verlorn und besessen gelangweilt, versessen schmächtig und rundlich lappig und mundlich

zur rechten, zur linken nur duften und stinken geloben, verraten

ob gesotten, verbraten ob zu mager, zu fett schlampig, adrett zerstritten, versöhnt belobigt, verhöhnt machtlos und stark rechtlos, autark

leicht und gewichtig falsch oder richtig ob oben, ob unten

getrennt und verbunden fleissig und müssig offen und schlüssig

tief oder hoch weder nie und noch müde und wach stark und schwach langsam mal schnell dunkel und grell hungrig und satt munter und matt

ob dünn oder dick lumpig und schick ob freien ob raufen fressen und saufen nehmen und lassen erröten, erblassen

zerstören, erschaffen erstarken, erschlaffen beneiden, verachten aufziehn und schlachten sputen und bummeln wissen und schummeln sparen, verprassen einholn und chassen fliegen und tauchen dampfen und rauchen verdammen, vergöttern beloben, bespöttern

ob gestern ob morgen verleihen mal borgen

ob gespeist und ertränkt

gekrönt und gehängt wir hauen und stechen wir biegen und brechen sind gemartert, verwöhnt wird jubiliert und gestöhnt nach völlern musst kotzen

hie betteln da protzen mal hegen, mal fällen hier legen, dort stellen wie wachen, so pennen mal lachen, mal flennen hie mindern, da mehren da häufen, hie leeren mal lästern mal ehren erleichtern, erschweren gedenken, vergessen schätzen, vermessen mal heilen, verletzen trocknen, benetzen

mal lockern, fixieren erhitzen und frieren quasseln und schweigen dann rasseln und geigen brechen und kleben

hie fällen, da heben hetzen und schlichten ebnen und schichten dort füllen hier leeren mindern und mehren ob dick oder hager feist oder mager

ob spitz oder rund ob grau oder bunt

erstrahlt und verdüstert mattiert und gelüstert gestärkt und ermattet erhellt und beschattet beklatscht und bemeckert gesäubert, bekleckert vernarrt und entsetzt genäht und zerfetzt

ob leicht oder schwer ob gering oder mehr befreit und besteuert bestallt und gefeuert erkrankt und genesen ignorant, belesen beliebt und verhasst gesucht und geschasst

verschmäht und genossen verworfen, beschlossen verdorben, geläutert verschworen, gemeutert entgöttlicht, verpriestert bezirzt und verbiestert

ob Schlucht ob Wanten gibts Kuhlen und Kanten im Nehmen und Geben beim Sterben und Leben in Himmel und Hölle kommt Frische vor Rost zwischen Westen und Ost liegt Leere nach Völle

die Freude auf Trauer bei Bürger und Bauer in Bogen und Winkel für Kunzel und Hinkel mit Schub oder Zug in Treue und Trug

ob Matt oder Glanz

beim Tode im Tanz ist Liebe und Hass wie Tenor und Bass weder Lust noch Ekel

kein Euro und Schekel bringt Kinder und Kegel in Chaos und Regel aus Milch wird Molke wie Ursach und Folge für Vorsehung, Wille auf Lärm wieder Stille kein Berg noch Tal sieht je Krill oder Wal wie Schmalz und Butter sind Tetzel und Luther weder Tag noch Nacht hellt Turm oder Schacht mal Zierde mal Makel ist Kunst und Gekrakel am Anfang fürs Ende sind Füsse und Hände in Sack oder Seide

mal Tand mal Geschmeide

mal Murks oder Kunst zeugt Abscheu und Brunst zur Freude zum Leide

in Wald oder Heide. Weiber wie Männer sind Steher und Renner zu Anfang und Schluss von Ohrfeig bis Kuss

nach Sonne kommt Regen bringt Fluchen kaum Segen nur Brände und Fluten bergen Eis oder Gluten

nur Fund und Verlust folgern Freude und Frust was Salz oder Zucker für Streber und Mucker ist Handy und Fax

für Moritz und Max gebt Hänsel und Gretn zwei Bier und a Brezn zum Brot neben Wein auch Huhn und Schwein zu Pudding und Braten

ist Wissen, Erraten für Faulpelz und Streber wie Nehmer und Geber

in Freiheit und Knast mal Musse mal Hast nur Fasten nach Mast ist Leichte statt Last Jugendtreff, und Puff Nüchternheit und Suff weder Rotlicht, Mission kein Patriot ohn Spion Kellerloch und Fenster Engelgruss, Gespenster Sonnschein und Wolke Bouguerau und Polke ob Katholik, zum Atheist Agnost zum Buddhist kein Schiit wird Sunnit weder Arier Semit Protestant Islamist

ob Mormon, Adventist

kein Kluklux Rotarier Fleischfrass, Vegetarier kein Schlemmer Veganer nur Jungschütz, Veteraner

kein Modist Naturist Kapitalist Kommunist. für Ferne- wie Nahkampf

Heulsucht und Lachkrampf zur Wandrung die Rast zum Wurzelwerk den Ast ob nach Liv oder Lee

in Sand oder Schnee Hohlied und Schnulze für Müllerin und Schulze ob Stein auf Papier noch Schere gen Rapier

weder Hurrah und Protest mildern Kerker, Podest weder Peitsche noch Zucker für Willige und Mucker

sind Kind oder Kegel Gutmensch und Flegel bei Rechnen und Lesen wie Schaufel und Besen ist Klitsche dem Palast dem Ballon der Ballast über Treppen, Terrassen zu Teller und Tassen

mit Gabel und Messer als Trinker und Esser in Kipa und Klassen ob Einzeln, in Massen

auf Segler und Dampfer wo Motte und Kampfer sprüht Ängste und Mut bis Harnstoff im Blut bringt Fülle zur Leere und Schande zur Ehre von U-Boot und Kutter in Speisen und Futter in Rosenwasser, Gülle

würzt Gänsbrat und Fülle weder Salz noch Pfeffer jagen Jauler und Kläffer zu Beatle und Bach

in Stille und Krach wie Reichtum zu Müll wird Leder zu Tüll

zum Locken und Hatzen mit Kötern und Katzen

Verstummen und Schwatzen über Flossen und Tatzen Madonnen und Fratzen Wuschelkopf, Glatzen Rülpsen und Schmatzen

der Möwen und Ratzen die beim Verhungern vom geschäftigen Lungern vor Leere zerplatzen.


Culexit

Die Mücke zirpt mir um den Bart Tut sie‘s aus purer l’Art pour l’Art¨? Der erste Schlag, der ging daneben,

Verrenkte mir den Kiefer eben Kein zweites Mal wird sie entkommen Weil beide wir vom Rausch benommen

Ich aus baren Mordens Lust Sie des baren Saugens Frust Wir beide sind im Tod vereint

Sie vom Schlag entbeint Hunger mich entseelt Weil die Wange schwehlt Der Knochen greint.

Die Köchin weint…

Mors Culicis Pipienti Molesti

Pünktlich heut zur Morgenstund Hier mein Mückentod-Befund: Lange hat mein Schwur geköchelt Bis das Vieh den Geist verröchelt An der ehmals weissen Wand

Wo sich ihr Befehlsstand fand Klebt mein Blut und zeugt für immer

Für das freche Frauenzimmer, Das:

Über dem Gesetz sich glaubte Und mir meine Nächte raubte

Bis sie endlich kleingeschreddert! Vom Pantoffel flachgeschmettert Doch:

Ist der Putz, weil abgewettert Nun in Schichten abgeblättert Und die Klatsche ist zerspellt Als ein Fotoglas zerschellt,

Ist ein Kissen arg zerschlissen, Und der Bibelvers zerrissen So man keinen Feind erledigt

Nach dem Wort der Jesuspredigt Nicht die hingehaltne Backe

War vom eigenen Geschmacke Statt mir Mückenspray zu kaufen Ist mein Deo ausgelaufen

Und beim Kampf zu guter Letzt Ist mein Nachtgewand zerfetzt!

Nach:

Vier guten Raufens Stunden Ist das Untier überwunden! Fall ich wohlig ins Plumeau… Doch:

Erwache schweissesnass Summte da nicht irgendwas?

…von anderswo?!

Amsellied

(an die säumige Amsel)

Amsel- Mamsel Haben Möwen Oder Löwen

Dich verscheucht Bist entfleucht?

Vor Geläute Menschenmeute Schwankes Stehn Im Wetterwehn Hat des Gestern Abendvespern Oder Zorn

Dich verlorn Hat ein Kummer

Deinen Schlummer So gelängt

Und verdrängt Jede Wonne An der Sonne

Dein Geschnäbel Zugehebelt?

War DeinSang Dir zu lang? Komm zurück Dummes Stück!

Oder Gott Bist Du tot?

Mamsel Amsel?

Boridylle

(auf ein Bild der beiden Yoffes am Klavier)

Angela und Angelus Welch ein Synchrotongenuss Musizwitschern am Klavier

Nicht wie sonsten ohne ihr Kompostieren im Duett

Als obs gar nichts andres hätt Als das Enzyklop-Quartett

Zu vollenden die Million Marc o‘ Polos Frühstücksfron Ist noch ferne Metaphyse Stört die traute Alma-lyse Weder Musenalmanach

Noch des Metronomen Krach Assya träumt den Bällen nach

Und ist Kralsruh noch nicht wach…

Ach!


Laus Boridis,

Hätte der Goliath den David zermalmt, was wäre aus der Weltgeschichte geworden? Unausdenkbar. Zumindest kein Christentum. Weil der geheiligte Apfel nur vom Stamme zu fallen hatte.

Boris hat mir ein unverdientes Monument in den Karlsruher Schlosspark gestellt, das es schleunigst zu stürzen gilt. Hat man nicht auch der Wagnerbüste in den Giardini Venedigs unlängst böswillig die Nase niedergebrochen. Wagner ohne das adlernde Organ ist schlimmer als Gogol ohne seine Novelle.

Boris hat über die Blödelei scharfsinnig meditiert. Ich versuche der Albernheit auf den Zahn zu fühlen. Hinter der intellektuellen – nicht der oberflächlichen, beliebigen – Albernheit lauert die Traurigkeit des Clowns. Sie spiegelt die Befindlichkeit eines anonymen Publikums, das es zu unterhalten gilt, ohne Ansehen von Alter, Bildung, Herkommen, Geschmack. Ein herkulisches Unterfangen, in dem er jedes Mal unrettbar in Belanglosigkeit, Langeweile und Spott abgleiten und untergehen kann – in Limelight meisterhaft vorgeführt.

Boris, der tiefsinnende Schöpfer metaphysischer Klänge, die er aus seinem Innern wie Kinder gebärt, täglich, stündlich und nur dann an seine menschlich palpable Oberfläche gelangt, wenn ihn Gesellschaft, Familie, Arbeit und Pflichten zwingen – ein Horror für jede Ehefrau – wohl ein Problem für Schüler und Amtspersonen – ist, soweit ich ihn in den wenigen Momenten der Begegnung vor der Trennung durch die Seuchenkrise und die verschiedenen Domizile als haptische Figur kennenlernen durfte, ein ungewöhnliches Wesen fast volatiler Konsistenz, ist da und nicht da, hinter seiner schützenden Brille, mit dem vordergründig gütig-verständnisvollen Frageblick eines vorgeblichen Unwissenden, der seine Nach-innen-gekehrtheit entschuldigen möchte, aber auch eines kindlichen Zoobesuchers, der stets zum Lernen bereit ist.

Boris entschuldigt sich für alles und jedes: dazusein, fortzusein, zu kommen und zu gehen, zu nehmen und zu geben, zu sprechen und zu schweigen. Ausdruck, seine von ihm selbst schwer zu tragende Überlegenheit zu dissimulieren, sein Einstein-sein abzuwiegeln, seine Empfindungen abzuleiten, wie ein Blitzableiter in empfängnisbereiten Boden. Boris ist ein Erbe jüdischer Bescheidenheit und Ergebenheit, die sich oft in Metaphern artikuliert, mal in Ironie und Witz, mal in Sarkasmen, wohlgedämpften, um nicht zu provozieren. Seine Bildung in fast allen Kunst- und Kulturbereichen ist eminent, obwohl er auch wissentlich und selektiv Dinge aus seinem Gesichtsfeld ausscheidet, die ihn nicht näher belangen. Das kann bis zur Intoleranz reichen, derer er sich selbst einmal in einem Interview bezichtigte; aber er steht zu ihr, argumentiert sie, verteidigt sie, solange auf intelligiblem Grunde ausgefochten; und dann: ist er in seiner Grosszügigkeit und Akzeptanz bereit, den aus seinem Geschmackskreis verlorenen Sohn wieder aufzunehmen, neu einzuschätzen.

Boris ist nicht nur ein auditives Genie, sondern auch Eidetiker mit einem seltenen vergleichenden Gedächtnis, der das Gesehene zu verknüpfen versteht, und dessen Formen und Bedeutungen fast zwingend in Verhältnisse setzt. Die audiovisuelle Begabung erlaubt ihm sogar aus Literaturen die nicht seinem Sprachenkreis angehören, die Quintessenzen zu filtern und herauszusehen: ich bin noch keinem Menschen begegnet, der Wortspiele aus verschiedenen Idiomen identifizieren und im selben Witzegrad weiterspinnen kann. Ein Chatgefecht mit ihm ist anspruchsvollstes Blitzschach, anstrengend, herausfordernd und oft in seiner Reichweite nicht ausschöpfbar – auch hier ein untrügliches Zeichen jüdischer Intelligenz.

Nur seine spontane, vielleicht unzügelbare Liebe zu gewissen Dingen, Personen, Situationen, Ideen unterliegt der Kontrolle intelligiblen Abwägens nicht. Hier ist er Romantiker, aus der Zeit gefallen, beheimatet in einer Welt der Ganzheit, Integrität und Intimität, die es nicht mehr gibt: Venedig. Da ist er Liebender aus Oper und Theater, überschwenglich, dramaturgisch, das nicht zuletzt auch seine Literaturvorlieben prägt. Aber auch da schwenkt er aus, in eine weitere Domäne: die des Unwirklichen: die audiovisuelle Gegenwelt russischer Autoren des Non-sens, des Absurden, des nurmehr metaphysisch erlebbaren Nichts. Die Welt russischer und sowjetischer Irrealität, ihrer Maler, Musiker und Dichter, die eine Antwort auf den Überrealismus der pyramidal gestalteten Gesellschaft war, mögen auf Boris sehr früh eingewirkt haben. Sein Witz legt diese Wurzeln frei und entblösst Wahrheiten der Kindheit, erlebte unerfüllte Bedürfnisse, Schmerz und Armut.

Boris ist ein Heimatloser, den eine Familie gottlob beheimatet, ein Wanderer, dem sein exponierter Beruf das Wandern nur mühsam erlaubt, ein Zerrissener, den seine unglaubliche Begabung zusammenhält, ein Schöpfer, der aus der Tragik des Alltags seine Goldpartikel wäscht und der Welt beweist, wie schön sie ist, auch wenn es niemand sieht oder sehen will. Er ist einer jener wenigen Narren, die der Existenz ihre Berechtigung verleihen oder begabt sind, den Sehenwollenden die Augen und Ohren zu öffnen, auf das Wahre, Gute und Schöne…

Venexia-„Ohe!“ un manifesto da capogirare

Ort und Zeit: Venedig 15.8.2020; Ferragosto, an der Theke des 4feri, Osteria damals noch bei San Barnaba, Treffpunkt von Intellektuellen, die hier gerne Säbel und Florett kreuzen unter den sanften Augen der Wirtin Elisabetta Fiore, die soeben eine Reservierung am Smartphone entgegennahm: Viertel vor Zwölf, noch läuteten die Frari-Brüder nicht zum Mittagsgebet.

Die ersten Gäste; Toni Rioba und Pier Salò, genannt „il Gobbo“ entfernte Verwandte des Pasquino-Clans, einst aus Rom eingewandert, als der Lockdown des Libro d’Oro der Aristokratie noch nicht Neuzuzüger auszuschliessen versuchte. Händler der erste, der sich mit dem halbseidnen Strassenverkauf gefälschter Glasmurmeln und Glasaugen aus dem fernen Wuhan im südlichen Kataj eine goldene Nase verdient hatte, die aber infolge der derzeitigen Pandemie stark zu rosten angefangen hatte, Staatsdiener der andere, der schwer an den Lasten der Administration zu tragen hatte, weil er sie nur zu gut durchschaute und seit dem Untergang der Concordia seinen krummen Rücken in sozialen und politischen Demonstrationen zu begradigen suchte.

Die beiden trafen wieder einmal zum „Spritz“ und stiessen einträchtig ihre Calici an, obwohl sie nicht immer der gleichen Meinung gewesen waren. Bettys fettglänzendes Smarty lag auf dem Tresen; sie hatte aus Versehen die Diktattaste statt des „Aus“ gedrückt; so blieb uns die Unterhaltung der Zecher erhalten:

Gobbo:-Retten wir Venedig! Cin!

Rioba:-Gut gebrüllt, Löwe! Wer will heute nicht Venedig retten! Wie, wann, warum, wozu, was zuerst…

G:-Gute Frage, aber fragen wir nicht, tun wir was. Niente cambia, se non cambi niente!

R:-Ok. Mit was sollte man denn anfangen? G:-Mit der Sauberkeit.

R:-Ist Venedig etwa nicht sauber? Denk nur an 1348!

G:-Nein, im übertragenen Sinne nicht. Jedes Lob für die braven Spazzini ist berechtigt, Veritas, die weissen Kragen der Administratoren, die Beutelträger der Exkremente, die wahlträchtigen Aufrufe des Bürgermeisters.

R:-Also?

G:-Die Kragen sind weisser als die Hälse darunter, auch lässt so mancher die vollen Beutel am Gassenrand liegen und der Bürgermeister meistert nur das Vertuschen seines Einkommens. Nein, der Schmutz sitzt tiefer, in den Hirnen, den Synapsen, den Meinungen und Begehrlichkeiten von Ökonomen, in der Händlermentalität der Spekulanten, der Liederlichkeit elterlicher Moral ihren verzärtelten Kindern gegenüber, dem mangelnden Verantwortungsgefühl von Lehrern, der Raffgier von Vermietern, der Gleichgültigkeit der Priester, dem Unverständnis für städtische Ästhetik, Historie, Kunst, Kultur, Ethik, Menschenwürde…

R:-Madonna, was denn noch?!

G:-Fast alles ist vom Ungeist infiziert. Covid 19 ist ein Schluckauf dagegen!

R:-Miesmacher! Der Tourismus boomt doch wieder, er bringt Arbeit, Geld, Lebensfreude, Dynamik, weltweite Aufmerksamkeit; der MOSE, die Fische, Delfine, Kamele, Asiaten und Amerikaner, die Biennalen kommen bereits wieder zurück,

bringen billigen Mietraum für Passanten, Grossraumkaravellen nach Marghera, Kreuzfahrer – ein bisschen wenigere vielleicht als 1204 – ok., aber Fastfood, Slowdown vor den Museen, mehr Platz beim Cappuccino, was will man mehr? Pandemie? Pest? War alles doch nur halbsoschlimm…

G:-Und wie sieht die schönste Stadt der Welt in Wirklichkeit aus? Bröckelnde Verputze, ausgewaschene Molen, algenverschlammte Kanäle, chemie- und hormonvergiftete Wässer, von Idioten versprayte Wände, rostige, löchrige verschmierte Rolläden aufgegebener Kleinstlokale, abgefaulte Wassertore, vernachlässigte Boote, hundsverkackte Rasen, absterbende neue, weil artenfremde Baumbepflanzungen, feuchte, rissige Mauern, blossgelegte aussandende Ziegelsockel fast aller Gebäude, Antennenwälder und Empfangsschüsseln auf allen Dächern des abitato minore, wo sich bullige, ewig surrende Klimaanlagen ungebremst wie die Tauben vermehren, bündelweise Elektro-, Gas-, Wasser-, Cyber- Verrohrung und Verkabelung von Haus zu Haus, ohne Respekt vor Wohnparteien, geschützten Bauten, Wänden und originalen Verputzen, keine lesbaren Tafeln an geschichtsträchtigen Monumenten und Wohnstätten, Geburtshäusern berühmter Gäste, ja das Fehlen von derartigen Hinweisen überhaupt, um die interessierteren Besucher inne-, oder zum längeren Verweilen an-zuhalten, die Pflege von prominenten Büsten und Rokoko-Statuen in den Giardini, wo etwa Wagner und Verdi seit Jahren ihre Nasen – wie Du Toni – durch Vandalen eingebüsst haben, dann haushohe, teils lachhafte, teils obszöne „Sponsoren“-Plakate an eingezäunten, angeblich über Jahre nicht fertigzurestaurierender Fassaden, deren hedonistische kommerzielle Inhalte nur für das Fotografieren von Kreuzfahrschiffen aus gedacht ist, die vor dem Markusplatz paradieren, dann unkontrollierter Wildwuchs von Neonreklame und Beleuchtung in den Gassen, keine einheitlichen Wegweiser für Alternativ-Routen  durchs  Trampelpfad-Gedränge  der  hauptsächlichen

„Ameisenstrassen“, die Bündelung von Kunstwerken in der überlaufenen Accademia, statt sie im Stadtnetz zu dezentralisieren und in bedeutenden angestammten Kirchen und Palazzi wieder anzusiedeln. Es fehlt der Stadt ein einfaches Cyber- Orientierungssystem, das Wissen über Orte, Plätze, Paläste und Kirchen und ihre Inhalte vermittelt, zumal fast jeder Besucher längst ein Handy besitzt und Google- Maps nutzt. Statt sparsam lukrativ plakatierbare Müllkontainer auszustreuen, damit sich ihre Überfüllung lohnt, sollte man besser Ruhebänke auf den grösseren Plätzen für ältere Besucher bereitstellen, damit sich Hektik und Gedränge vermindert, statt sie in den Giardini oder auf Sant‘ Elena zu Dutzenden fast unbenutzt zu massieren. Die grösste Verschandelung der Stadt sind hingegen die eisernen Rampen über die einst so harmonischen Brückenbögen, die das einmalige Panorama der Stadtränder Venedigs rahmten. Ursprünglich gedacht für die bedauernswerten atemlosen Marathonläufer, die armen, denen man das Stufennehmen nicht zumutete, werden sie nun zur stehenden Einrichtung zur Freude von Lastenträgern, Transporteuren von Schubkarren, Einkauftrolleys und touristischen Rollkoffern. Doch das stampfende und polternde Geräusch der hechelnden Jogger, die ihre Wänste und Speckhüften coram pubblico loswerden wollen, und die wie selbstverständlich und arrogant Venedig für ihre private sportliche Ertüchtigung vereinnahmen, als sich in den gähnend leeren Arenen zu ermüden, ist für eine Stadt, die einst zum würdigen und gemächlichen Gehen von Passanten geplant war, eine optische wie akustische Verschmutzung sondergleichen, die sich keine andere Kunststadt Italiens gefallen liesse. Um die Zattere herum sind die ersten definitiven Brückenstege – nun lediglich in edlerem Metall und Design – bereits eingerichtet, wohl für die nächste Ewigkeit vor dem kommenden Kollaps der Stadt.

Dass private Bootsbesitzer gern aufheulende Motoren aufpeitschen, kaum haben sie eine Fluchtdistanz zum Markusbecken erreicht, schert die Hafenpolizei wenig, ebensowenig das laute Übertönen der Motoren mit Popmusik, wenn sie durch die engen Kanäle tuckern und glauben, das Rums-Rums-Echo gefalle auch den letzten ausharrenden Bewohnern der umliegenden verfallenden Häuser.

Verschmutzung nenne ich auch das pseudomitleidige Füttern der überbordenden Tauben und Möwen, das zwar verboten, aber nie geahndet wird: wer räumt die Plastikgeschirre, Papiertüten und Servietten weg, wenn die „Ratten der Lüfte“ gesättigt davonziehen? Was mir die braven Spazzini so an Hinterlassenschaften der flegelhaften Tagestouristen aufzählen, füllte Horrorbände an Schmutzliteratur.

R:-Na, hast Du Dich jetzt genügend ausgekotzt?

G:-Ich komme noch einmal auf das widerliche Versprayen von Wänden, Türen und Fassaden zurück –

R:-In New York liebt und hegt man street-art – löst die besten wallpaintings ab und erlöst Millionen –

G:-Quatsch, Venedig ist nicht die Bronx! Hiesige Fassaden sind ungemein verletzlich, neue Anstriche wirken oft schlimmer als brutales Reinigen. In Venedig ist es die teuerste manutenzione überhaupt. Wer tagt oder sprayt ist ein Verbrecher, begeht einen Raub am Volksvermögen, ist nicht nur dummdreist und idiotisch, sondern sollte, wie seit Renaissancezeiten denunziert werden, und angemessenen Frondienst für die Gesellschaft verrichten. Die berüchtigte Verpetzung an den Bocche della verità, von den Franzosen seit Napoleon abgründig gehasst, diente in Venedig dem Volkswohl und Volksfrieden, und war nie in Frage gestellt. Das Verzeigen und Blosstellen von Sprayern – ausser vielleicht von Ethik-Pionieren wie Banksy, oder einstmals „Oekoterrorist“ Harald Nägeli, der „Sprayer von Zürich“ oder die gezielte als verschönernd geltende Auftragskunst – sollte endlich wieder salonfähig werden, statt das Verschandeln als unvermeidliche Plage anzusehen. Eltern, Lehrkörper, Journalisten und Stadtväter sollten endlich aufwachen und einsehen, dass ihre Stadt an diesem Übel ethisch und ästhetisch zugrundegeht. Hausbesitzer sollten angehalten werden, unverzüglich jede Ego-Duftmarke zu tilgen, die ansonsten sofort zu neuen ‚Mutproben‘ verleitet. Die Pandemie schenkte dem Unwesen eine merkliche Ruhezeit: die übermütigen Spraytrupps der Terraferma, die gelangweilten Schüler und arbeitslosen Jung-Blödmänner unterbrachen ihr Tun so radikal, wie Verbot und Verfolgung es nie erzielt hätten. Vor einer sauberen Fläche verzagt so mancher Megalomane, da ihn kein weiterer Konkurrent ermuntert. Gewitzte Administrationen im Ausland weisen längst bewusst den Unermüdlichen unbenutzte Industrie- und Plakatflächen zu, um sie sich dort austoben zu lassen…

R:-Wer geht schon nach Marghera um zu sprayen!

G:-Die Giudecca etwa hat verfallende Mauerzüge, aufgelassene Industriebauten und verwaiste Kirchenruinen genug, ein Laboratorium für Gernegross-Künstler zu bieten und sie manierlich einzugrenzen…

R:-Zugegeben. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden, besser, als sich nächtlich von Rowdies geköpft zu sehen. wie mich 2010, oder wenn teure Glanz-Plakatierungen mit den so aufregenden Leichenidyllen als erotische Gondelpassagiere eines gewissen Palazzo Sciaguri mutwillig von Dauergästen einer revolutionären Artisten- und Studenten-Bar zerrissen werden, so ist das doch ein Angriff auf die freie Meinungsäusserung, wie der Aktionismus hysterischer Grandinovi-Verbieter nur den Schiffsverkehr stören…

G:-Bla-Bla-Bla, Geld erlaubt doch nicht, sich gegen das Überleben, den guten Geschmack, die Würde der Stadt und die Unanntastbarkeit ihrer Lagune zu vergreifen!! Muss denn eine eingeschalte Kirchenfassade auf 120 Quadratmetern für

Swatch, Campari und Armani-Unterwäsche werben? Oder der Markusplatz für Fiat Toyota und Mercedes herhalten?

R:-sie finanzieren damit die manutenzione, die Restaurierungen –

G:-Weisst Du etwa, wo das meiste Geld landet? Ich nicht. Niemand weiss es. Siehst Du nicht ein, hätte man einen echten Venezianer als Bürgermeister und Comune- Mitarbeiter, die auch mal gratis und frank für ihre Stadt auf die Strasse gehen, um gegen Wellenschlag, Kreuzfahrtpötte, mordi-e-fuggi-Tourismus zu demonstrieren, gegen asiatischen Importplunder, das Verscherbeln erschwinglichen Wohnraums an Spekulanten, den Fastfood und die hundertste Billig-Pizzeria, gegen den Ruin der Glasindustrie, den Niedergang des Kleingewerbes, aufzubegehren gegen die Nöte der Universität, die Bettelei farbiger „Boniorno“-Wünscher, die Übermacht internationaler Konzerne, das Verdrängen der Einheimischen, die Lästigkeit der exotischen Schwarzhändler von Badetüchern mit Penissen Michelangelos, Strohhüten für Strohköpfe, nächtlichem Helikopterklimbim und Selfiestangen, schliesslich einzuschreiten gegen die Verteuerung des Cono der Eisverkäufer, hätten wir längst das einstige Paradies auf Erden wiederhergestellt, senza un’ombra di dubbio!

R:-Hm. Bona Elisabetta, bitte noch eine Ombra… G:-…e’l conto per tutt‘edue per mi.

Die frati der nahen Frari läuten beschwörend ins endende ferragosto-Gespräch hinein; mezzogiorno


TAGEBUCHEINTRÄGE

Brief an Harald Nägeli, den Sprayer von Zürich

Dienstag, 8.9.2019

10.30. Auf die Einladung der Stadtväter und –mütter Zürichs, der Verleihung des Kunstpreises 2020 an Harald Naegeli am 26. September in der Schiffsbau-Box des Schauspielhauses beizuwohnen, schreibe ich an den zu Ehrenden, nach der Verstreichung der Anmeldung vom 7. selbigen Monats meine Absage:

„Lieber Harald,

So sehr ich Dich, lieber Freund, zur verdienten Ehrung mit einem so hohen Kunstpreis beglückwünschen möchte, so sehr befremdet es mich, dass er seitens Deiner Heimatstadt ausgerichtet wird, die Dich fast zeitlebens verkannte, verfolgte, verleumdete, vertrieb, hinter Riegeln verschloss. Ist es eine Geste der Vergebung, der späten Einsicht, der Handreichung zum Burg- und Kirchturm-Frieden oder der Heuchelei? Ich weiss es nicht, vielleicht ein ungutes Gemisch aus allen diesen Motiven, mit dem man nun den späten Lorbeer zu vergolden sich bemüht.

Seit dem acqua alta des letzten Novembers, dem Lockdown der Pandemie, sitze ich in meinem Colombarium am Arsenal Venedigs und beobachte das Leben und Treiben der gebeutelten Stadt, die Du so sehr liebtest, dass Du ihr Deine zahllosen Orakelzeichen widmetest, die ich vielerorts noch hatte dokumentieren können, um sie Dir dereinst gebündelt und beschrieben, als Erinnerungspräsent darreichen zu können. Allein die wechselnden Zeitläufe, das stetig verschlechternde Klima – meteorologisch wie politisch und gesellschaftlich gleicherweise – Dein fernes Wanderleben, wie die oszillierenden Bedeutungsinhalte von Kunst an sich, nicht zuletzt im zyklischen Biennale-Tumult, störten das Vorhaben, das heute vor fast unüberwindlichen Mauerflächen steht, die jene Mentekel Deiner Hand übermalt, fremdversprayt, renoviert, sonnenverblichen, ausgewaschen, unlesbar, unauffindbar, und verdorben hinterliessen. Ein blosser Nachruf auf sie würde niemanden mehr wecken, an- und aufrühren, und doch will ich an sie gemahnen, nicht weil sie überholt sind, sondern zeitgemäss, prophetisch waren und nur von der Realität überholt wurden, die jetzt den Untergang dieser Stadt fast täglich anmahnt.

Was heute die Gassen und Campi Venedigs verunziert, sind nicht nur die Kreuzfahrtschiffer und Weltenbummler, die sich gegenseitig wieder auf die Füsse zu treten beginnen, die Kilometerflächen an konsumistischen Reklameflächen, die angeblich durch Jahre zu restaurierende Fassaden zieren, der Müll der Passanten, die dünne und dümmliche Auswahl an Andenken-Klimbim asiatisch gewordener Geschäfte, die Flucht der Einwohner vor Wohnungs- und Erwerbsnot, gefälschtem Mode-Plunder, Pizzerien und Kebab-Buden. Nein, das Mauerwerk dieser Stadt trägt nurmehr die Wunden der Verhöhnung, der Missverkennung, der stumpfen Mutprobe, der Provokation hirnlosen von Langeweile und Eitelkeit gesteuerten Schmierwesens, durch das sich bildungsferne Horden, zumeist der Terraferma, in der Freizeit mit Spraydose, Filzstift oder Farbbeutel austoben, sich auf die Werke transantlantischer Berühmtheiten berufend, oder nur ihren niederen Fussball-Instinkten huldigend.

Seit Deinen zugunsten der Lagunenwelt und ihrem Überleben gewidmeten Arbeiten vor Jahrzehnten, hat nur unlängst ein Banksy mit seinen wehmütigen Schablonen-

Aufrufen die Öffentlichkeit zu erwecken versucht, aber auch seine, nun zu Kostbarkeiten stilisierten, die Medien aufregenden Schattenbilder, kämpfen vergeblich gegen die Flut der lichtscheuen Stars von Tags and Stripes eines dumpfen Ignorantentums: auch sie werden mutwillig „kommentiert“, verulkt, verunstaltet, gelöscht.

Deine Fische, Skelette und Weibchen webten noch diskret in Winkeln, Wegverzweigungen und Sottoportici und wurden nur aufmerksamen Passanten gegenwärtig und nur bewussten „Lesern“ in ihrer schwarzweissen Sendung entzifferbar. Sie gingen nur zu bald im Farbgeschrei megalomaner Scheusslichkeiten unter. Seit wenigen Monaten erklärten freiwillige Oeko-Putz-Brigaden aus sonst friedfertigen Bürgern dem Spray-Unwesen mit Wasser, Lösemitteln und Bürsten den Krieg – man sollte sie beglückwünschen, denn von Harald Naegelis Zeichenmenetekeln ist ohnehin längst fast jede Spur verwischt.

Ich werde Deiner Feier umständehalber fernbleiben müssen, auch wenn ich Dir zuliebe gerne angereist wäre, unserer unvergesslichen gemeinsamen Abenteuer, Gespräche und Begegnungen eingedenk; die Hoffnung bleibt, Dich in Venedig zu erwarten, mit Dir auf den wenigen Spuren Deines hiesigen Wirkens und Werkens noch einmal zu wandeln, über die Unvernunft, die Schwächen und Paradoxa menschlichen Fehlverhaltens zu lachen, und mit ombretta und cichetti der gottlob noch verbliebenen venezianischen Lebensart zu frönen. Lebe wohl, guter Freund, auguri und carpe diem, es grüsst Dich Erasmus!“

Montag, 14.9.

Mein Morgenrundgang bis zu den Giardini bestätigt meine Befürchtung, dass das einstige noch funktionierende Dorfleben des Garibaldi-Areals am Absterben ist: die Monokultur von anonymen ellbogigen Restaurants und Bars, ausschliesslich für flüchtige externe Passanten gedacht, vertreiben die letzten handwerklichen und versorgungsnötigen Betriebe. Wo restauriert wird, ist es für Immobilienanbieter und Allerweltsfood-Lokale. Der eben wiedererstandene achteckige Zeitungskiosk steht museal wie vergessen zu Anfang der Via als dunkelgrüne Erinnerung ans beginnende 900 und hat noch keine reale Verwendung gefunden. Die wiederhergestellten Gärten am Molo füllen sich langsam mit dubiosen Skulpturen noch unbekannter Künstler, gedacht, Besucher auch ohne Biennale in die entlegeneren Winkel der Insel zu locken. An den metallenen Brückenrampen wird unentwegt repariert und „geschönt“, um sie der Stadtästhetik schmackhafter zu machen, doch den unermüdlichen Joggern ist das egal, ihr Trampeln ist zum unverwechselbaren Stadtgeräusch Venedigs geworden wie das Klickern und Rollen der Koffer zu den Vaporettistationen am frühen Morgen. Nur ein seltenes Winseln, Jaulen und kurzes Gekläff erinnert daran, dass Venedig zum Hundeparadies geraten ist, während die alternde menschliche Einwohnerschaft einer urbanen Hölle Sartrescher Vereinsamung inmitten strudelnder Ameisen-Geschäftigkeit von Touristen-Aliens entgegengeht.

Donnerstag, 17.9.

7.15. In der Schale des Wasserborns vom Arsenalpärkchen baden zwei Taubenpärchen. Der eine Galan wacht darüber, dass nur seine Auserwählte ihre Toilette besorgt und verjagt mit Schnabelhieben die andrängende Konkurrenz, bis auch er in der Folge sein Bad genommen und im Rasen neben seiner Täubin ruht. Nun kommt die zweite Riege mit dem Vorrag der Dame zum Zug und ein drittes Paar

wird vom neuen Kavalier vertrieben. Ordnung muss sein. Die Menschen haben den brachialen Rangstreit durch Schlangestehen und Nummernziehen abgelöst, aber ihre Zivilität ist nicht proportional zur Hirnmasse gewachsen. Selbst Spazzino Francesco trägt mir redselig die Beweise dieser Feststellung zu: nicht einmal 10 Meter dauert eine Erinnerung an die Nähe eines Mülleimers, ein unwert gewordenes Objekt zu entsorgen. Die durchschnittliche Vergessens-Distanz zwischen einer nikotinsüchtigen Lippe und einem zum Boden geschnippten Zigarettenstummel beträgt 150cm. Der Abstand zwischen zwei Moral-Synapsen kaum ein 1000stel mm.

Sonntag, 20.9.

8.00. Die Sonne erreicht erst jetzt die Molokante an der Arsenalhaltestelle. Es ist nun wahrlich Herbst und so kühl wie im Oktober. Jogger hecheln und poltern über die eisernen Brückenstege. Mir wird bewusst, dass kein körperliches Kennzeichen so aussagereich ist wie der individuelle Gang der Menschen; weder Theophrast noch Montaigne haben das beobachten können, weil Bekleidungen zur Verhüllung dienten, nicht zur Schaustellung des Bewegungsapparates. Die Gangarten, Haltungen, Vertikalität, Rhythmus, Tempo, Gleichgewicht und die gegenläufige Motorik ist jedem einzelnen so eigentümlich wie Körperbau, Haar-und Augenfarbe, Gestik und Gestimmtheit. Die gegenwärtige Pandemia-Vermummung mindert zwar die Erkennbarkeit der Individuen, aber ihr Gang würde sie unverwechselbar verraten, wenn man die nötigen Algorithmen fände, eine Person nach ihm zu bestimmen. Nicht eine Person läuft gleich der anderen, und wenn sie rennt, differenziert sie sich noch mehr von jener, da die Anstrengung sie von jeder angeübten Disziplinierung befreit. Es scheint sogar, dass man Gangarten nach Kontinenten und Hautfarbe unterscheiden kann, wie asiatisches Trippeln oder das afrikanische schlaksige Schlendern. Auch Berufe prägen das Gehen der Menschen, ob Buchhalter, Dachdecker oder Offizier, ob Bauer oder Bettler, Professor oder Gymnastiklehrer… Natürlich haben Schuhwerk, Kleidung oder Gewicht und Umfang getragener Objekte einen momentanen Einfluss auf die Bewegungen einer Person, doch dieser verändert deren Eigentümlichkeit wenig. Ein gebeugter Melancholiker bleibt auch unter einem Regenschirm ebenso identifizierbar wie sein sanguinisches Gegenstück beim Überspringen einer Pfütze…Auch die Hunde spiegeln den Charakter ihrer Halter nicht wenig, ein phlegmatischer Mops oder ein zittriger Zwergpinscher oder ein hochmütiges Windspiel sind beim Gassigehen die motorischen Abbilder derer am Ende ihrer Leinen.

Das Gehen und Rennen der holden Weiblichkeit gereicht ihr ebenso selten zur Bewunderung, wie das der zumeist nachlässigeren wenn nicht schlumpigeren Männer. Ihr selten idealer Körperbau ist im Zeitalter der Freizügigkeit und der Postmodizität, der offensiven und zurschautragenden Sportlichkeit ein Malheur, vor dem man vergangene Jahrhunderte der Verhüllung zurückwünscht. Ist ihre feministische Unbefangenheit zwar begrüssenswert, so ist der Zuschauergewinn ein Minusgeschäft, das zumindest die Überpopulation bremsen hilft. Was so alles schlenkert, schaukelt, wippt, wogt und wabbelt, entzündet nurmehr balkanische oder aussereuropäische Herzen, die an Schador, Hidschab und Burka gewöhnt sind. Den Männern gebührt indessen das Primat des Mangels an Ästhetik, die den olympischen Hellenen einst alles war: Kalokagathia. War schon die unnatürliche Disziplin der Geher stets ein Augengreuel, so ist das Joggen – wohlmöglich mit Puls- und Schrittmessern – von heute ein vielfaches an Ärgernis, zumal die Ausstattung der Läufer als wandelnde Plakate von Schuhproduzenten und Erfrischungsgetränken, Flatterhosen und Universitätsleibchen, die eine Faust aufs eigne Auge rechtfertigte.

Die Lagunenstadt hat seit eh das aristokratische, aufrechte Gehen seiner stolzen Bevölkerung mit dem physiologisch ausgezirkelten Bau von Brücken, Treppen und Gehwegen gesteuert; die Mode der Togati der staatstragenden Klassen liess weder Eile noch Unrast zu, gespiegelt im stets langsamen und witterungsabhängigen Bootsverkehr, der Verabredungen nur auf ungefähre Stunden hinaus erlaubte. Gemessenheit und Mässigung war die Tugend Venedigs in Tagesabläufen, in weiser Politik und Gesellschaftskultur, ja war der Harmonie von Musik, Architektur und Malerei inne, im vorbildlichen Gesundheitswesen und seiner jeder Völlerei abholden raffinierten Kulinarik.

Wenn sich die vom Wegwerfkonsumismus gebeutelte Stadt gegen Übertourismus, hypertrophische Kreuzschiffahrt, Wohnraumausbeutung, Wirtschafts-Überfremdung, Müll, Vulgarität und Spasskultur wehrt, ist dies lediglich ein Bewahrungsinstinkt einer Kultur die Venedig einst hatte entstehen lassen: Masshaltung zwischen Wasser und Land, Himmel und Erde, Zeit und Raum, wie Ebbe und Flut…

Donnerstag, 24.9.

23.30. Ich ziehe mich wieder an und wandere – ein wenig unsicher – nach der noch erleuchteten Piazza San Marco, la Sirenissima, halb zog sie mich, halb sank ich hin… Zwei letzte fast leere Fähren kreuzen sich im Bacino. Der Löwe des unzeitgemäss schwülstigen Monumento Vittorio Emanuele ist schweigend ins Gebrüll vertieft. Die Hochwasserstege sind wieder aufgebockt und warten auf ihren unvermeidlichen Einsatz. An der Piazzetta wird noch müde vor zwei Gästen konzertiert. Der linke der Uhrturmmänner schlägt zwölf und wenig später läutet die Marangona des Paron de Caxa Mitternacht. Es ist der schönste sonore Klang der Welt. Man hört ihn ohne jedes ablenkende Nebengeräusch. Man gibt sich ihm hin, ohne Absicht, noch Zeitgefühl. Nur sphärische Schwingung, Ton an sich. Über die Piazza bewegen sich noch einige Spaziergänger, Pärchen halten sich die Hände, Exoten lassen Leuchtflügler schwirren, statt noch wie unlängst, Rosen anzubiedern; die Seile der drei Markus-Fahnen schlagen im aufkommenden Wind an ihre Masten, gegen San Zaccaria hin ist in einigen Restaurants noch Lärm, und trunkner Happy- Birthday-Gesang aus einer Kneipe am Rio della Pietà, weiter östlich ist Stille und Dunkelheit. Modergeruch aus den Kanälen um San Martin, Gluckern der angeleinten Boote; eine Katze verlangt Eingang in ein ebenerdiges vom Windzug zugeschlagenes Fenster, leichter Nieselregen setzt ein. Man erwartet, dass ein Bühnentechniker die letzen Lichter löscht. Venise s’endort.

Montag,16.11.

Erster Regentag seit langem – ausgerechnet, am Tag, wo ich den Canal Grande überqueren will, als seis der Atlantik! Wo ich Regen doch inbrünstig liebe, insofern ich fern der Pfützen und Regenrinnengüsse…

Pandemie und USA-Wahl-Wahnsinn schreiten voran, so, als seien die apokalyptischen Plagen morganatisch verschwistert. Wenigstens unterhalten mich d i e Z ä h l u n g e n u n d W a h l w e t t e n i n m e i n e m l a g u n e – u m s p ü l t e n Hochsicherheitsgefängnis und lassen die Stunden der Verlassenheit verrinnen wie Schokoladeneis an der Sonne, die zwar nicht scheint, aber mit Wahrscheinlichkeiten der Meteorologen spielt wie Katz und Maus: welch fieberheisser Kampf zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle, biden- und bodenloser Frechheit. Man würde ungehemmt lachen, wenn es nicht gegen die political und medical correctness verstiesse, die lauthals nach Heilung ruft, aus der Sonora-Wüste Arizonas etwa…

Sonntag, 22.11.

5.00. Ein Traum setzt sich mir in irren Wachphantasien fort: Ich habe ein Kreuzfahrtschiff zu kommandieren, einer meiner steinalten Passagiere stirbt am Frühstückstisch an einer Thunberg-Gräte im Hals. Lauter zittrige Mitreisende strömen zusammen und beraten, wie man mit dem Toten umgehen soll: dissimulieren, verschweigen, über Bord werfen, einen Priester rufen, ein Orchester auffahren, oder aus der Not eine Tugend machen und ein Topdeck-Festival feiern, mit Totentanz, Kastagnetten und Klage-Gesang.

Nein, spinne ich im Wachsein weiter, angesichts der pandemiehalber grassierenden Kreuzfahrerkrise und der weltweit stillgelegten Pötte: wärs nicht die Idee, letztere als Sterbeschiffe umzuwidmen und entsprechend auszustatten, damit sie erlauben, ein allen schmackhaftes Dahingehen zu zelebrieren, einen Abschied zum fröhlichen Event zu gerieren, dem Tod die atemberaubende Mascherina zu entreissen:

Ihr lebensunlustigen Singels, unzertrennlichen Greisenpaare, unheilbar Liebes- oder Sucht-Kranken, ihr rücksichtsvollen von der noch unheileren Familienszene Bühnenabtretenden, ihr philosophischen Senecas, besinnlichen Gerontologen, narzistischen Selbstmörder, ihr pessimistischen Populationstheoretiker, ihr verlebten ultimativen Paukenschläger, ihr Abtreibungsfanatiker, paradiessehnsüchtigen Evangelikalen, ihr Gruppensektierer, Weltuntergängler, Seelenbekümmerte, vereinigt Euch, das Sterben zu einer lebenswerten Wohlfahrt umzupolen, zum Segen der überbordenden Menschheit, der pleitegeiernden Schiffahrtsgesellschaften, des maroden Sterbekonsumismus, der verarmten Bestattungsfirmen, der darbenden Pharmakonzerne und ihrer Zulieferungsindustrien, des Druckergewerbes, der arbeitslosen Musiker, Chorsänger, Trauerredner und Blumenverkäufer, der abmagernden Priester aller IHS-Lehren, der AHV und des ISIS. Das mobile See- Gastgewerbe soll mit neuen Ideen berückender Festlichkeit erblühen und das bisher so miesepetrige Trauer-Wesen in eine Grave-Fashion, eine Deadline-Erotik, eine Partitur fürs letzte Wirbeln auf dem Totentanz-Parkett ummodeln, das trübe Totenmahl, die „scheene Laich“ von einst soll zum unvergesslichen medialen Ereignis geraten, online, limelightig und in alle Welt posaunt; Komiker sollen sich des morbiden Georg Kreisler oder Nosferatu erinnern, Gespensterfilme neue Urständ feiern, Carnival zum ganzjährlichen Karneval auf ihren Schiffen ausrufen! Man wird auf den Aida– und Tuj-Bühnen Boccaccio rezitieren, spielt Sartres teufelische Stücke, verkauft Philippe Ariès Geschichte des Todes in zwanzig Sprachen, liest und sieht Travens Totenschiff, Thomas Manns Tod in Venedig und Mary Shelleys Frankenstein und aus Versehen Gogols Tote Seelen…

Natürlich fordert die neue Orientierung der Kreuzfahrt eine Umgestaltung der Schiffe, die aber kostengünstiger ist als das Kreuz mit dem mühseligen Abwracken, wie das der unseligen Concordia. Eine chambre ardente gehört künftig zur Grundausstattung und ein würdiger Grillrost des Heiligen Laurentius in die Kapitänskapelle, eine feierliche Rutschbahn für Romantiker der Seebestattung (mit unterseeischem Fangnetz, den Umweltschützern zuliebe, vom Genre, mit dem die Medici ihre protzig in den Arno entsorgten Goldgeschirre wieder eingeholt haben sollen), eine Predigtkanzel, Betbänkchen, Beichtstühle, Gebetsteppiche und Meditationsräume für Tantra, Yoga und mystischem Sargschlaf, verstehn sich von selbst. Schwarzgeränderte Menu-, Adress- und Einladungskärtchen sind ebenso obligat, wie Trauer-Mundschutz und botoxierte Tränensäcke. Eine schiffseigene Schneiderei verpasst modische Totenhemden mit Spitzen- und Strassbesatz, ein Schminklabor garantiert 30 Jahre Gesichtsverjüngung, eine Parfümerie ist auf Veilchen- und

Kamillenduft geeicht, Unangenehmeres zu überlagern, Edelschmuck wird gratis in blecherne Imitate verwandelt, Floristen florieren: ein ultimativer Kranz kränzt auch die unwürdigste Biographie…

Die Urnenlager sind unerschöpflich, jeder noch so persönlichen Formen- und Dekor- Phantasie offenstehend, ein Schauraum zeigt Töpfer bei der Arbeit, die ausgefallendsten pazifischen Spezialwünsche zu erfüllen. Auch ein Marmorista gräbt Lettern in kostbare Steintäfelchen mit dem Bestelltag als Todesdatum. Ein Photoatelier verfertigt die letzten lächelnden Abschiedsaufnahmen der freiwillig Todgeweihten, oder retouchiert die Verwackelten unerwartet Verblichener.

Befrackte Orchester üben Trauermärsche und „Näher mein Gott zu Dir“, was die Bordkapelle der Titanic gespielt haben soll, und verkaufen fürstliche Beerdigungskompositionen illustrer Komponisten auf CD. Überall liegen schwarze Te m p o – Ta s c h e n t ü c h e r a u f , n e b e n d e n e i g e n t l i c h  ü b e r f l ü s s i g e n Desinfektionsfläschchen gegen Covid 19. Und zur Aufmunterung hängen Slogans mit schwarzem Humor in allen Treppenhäusern und Liftzügen.

Venedig, die sterbende Stadt, ist Zielpunkt der meisten Schipper-Agenturen (und nicht etwa die Böcklin’sche Toteninsel) doch ziert sich die Serenissima, die vielen, nun schwarz umlackierten Ungetüme zu empfangen, seis, weil ihren Kaminen noch immer der Schwefelrauch des verfeuerten Schweröls entweicht, der sich auf die ausgehängte Wäsche der Venezianer und deren Lungen verteilt, seis, weil ein so gigantischer Sarg im Canale dei Morti steckenbleiben könnte, oder stracks in die Basilika zum Hochgericht, nein Hochamt gefahren käme. Die meisten „No Grandi Navi!“-Verkünder hätten es lieber, man liesse die Zudringlinge schon am MOSE scheitern oder versenkte sie mitsamt den Morituri in der Adria zur Regenerierung des Fischfangs und als Tsunami-Riegel, wenn der Klimawandel demnächst der seichten Lagune nach den Touristen auch noch die Taifune Ostasiens beschert.

Die korrupten Stadtväter allerdings sähen es noch lieber, wenn Hekatomben Sterblicher auf venezianisch-mestrischem Hoheitsgebiet stürben, denn sie brächten ein Gewerbe zum Leben, das wenig Spuren, aber viele Gebühren hinterliesse. Ist doch jeder heimlich exportierte Tote ein Steuerflüchtling zuviel. Und da die Beerdigungen auf San Michele längst an Überläufnis leiden, wäre eine hochseemobile Einäscherungsindustrie ein wahrer Segen für die klingelgebeutelte Schrumpfmetropole.

Gewiefte Berechner von Carnival erwarten im Monatstakt bei 4000 Passagieren pro Kreuzfahrt bereits eine 10%-ige Sterberate von mindestens 14 täglichen Verarbeitungsfällen, was die Leistung von Pandemie-Ansteckungen und deren mortaler Infizierung bei weitem übertrifft. Während Sars-Hospitalisierungen die Tourismusbranche Vermögen kostet, bringt die neue Formel 1 der Altenvernichtung (Senicid), konstanten Freiplatz-Zugewinn (rollender Kabinenwechsel), ja am Ende eine globale Bevölkerungs- ja Natalitätssenkung, und Unsummen Geldes ein, was die Konzern-Verluste von 2020 geschwinde ausgleichen könnte. Überdies senken Alters-Parosmie, Essensunlust und Demenz den kulinarischen Konsum bezüglich Menge und Auswahl, ein Sparpotential gehörigen toten Gewichts, was wiederum den Betriebsverbrauch an Personal und Treibstoff mindert, Schmiermittel für die Hafenbehörden nicht eingerechnet.

Kurz: Die Vorteile der Umrüstung des herkömmlichen Kreuzfahrbetriebs auf exquisite Todestouren, spannende Suizid-Safaris und No-Return-Romantik sind un- überseebar. Ich buche mal im nächsten Traum einen seesichtigen Relingplatz mit solidem Hanfseil als kostenlose Willkommens-Zugabe des Kapitäns. Ahoi.

Mittwoch, 25.11.

Internationaler Frauen-Schutztag. Gehöre auch ich zu den Mittelmassmonstern die ihre Ehehälfte missachtete, kujonierte, vergewaltigte, bevormundete, erniedrigte, verachtete, vernachlässigte, prügelte, betrog, verliess? Die Klagelitaneien der geschundenen und gebeutelten Frauen, die seit gestern unentwegt am Radio zu Worte kommen, müssten jedem Mann die Abscheu vor seinem eignen Geschlecht ins Gewissen treiben. Die Schöpfung zweigetrennter Menschenwesen war wohl ein Fehlentwurf der Natur, bzw. Gottes, der eigentlich selbst als ungeschlechtliches Vorbild der Jungferngeburt hätte dienen können: die Parthenogenese wäre im genetischen Rückblick wohl das bessere Modell gewesen, der es zwar an erotischer Spannung gebrach, wie dies Blattläuse, Stabheuschrecken und gewisse Würmer beweisen, aber dem Menschsein viel Ärger, Zwist und Enttäuschung erspart hätte. Die Parteilichkeit selbigen Gottes war denn auch Ursache allen Übels in der Welt, indem er Adam ohne jede Begründung bevorzugte und Eva lediglich aus einer überzähligen Reserverippe der Krönung der Menschheit schuf. Das erste Recycling der Schöpfung. Der IHR angehalste Sündenfall, dem Phallus Adams zu verfallen, war ja reine Männerphantasie und Mönchsrache biblischer Anmassung. Alle Verführung beruht lediglich auf der Neugier der Weiber, zu erfahren, was es mit dem gepriesenen „Ding“ auf sich habe, es könne doch nicht sein, dass…usw.

8.30. Man(n) sei im poststattlichen Alter noch die Krönung der Menschheit? Von wegen: mit Zehentaubheit, Fusskrämpfen, Gelenkschmerzen, Bauchgrimmen, Blähungen, Bluturin, Herzflattern, Schweissausbrüchen, Gaumenkitzel, Niessallergien, Nackenpickel, Haarbodenfurunkel, Melanome, Schorf, Sehtrübung, Kopfweh, Schlafstörung, Schwindel, Absenzen, Vergesslichkeit und was noch allem, hole ich mir den Tod in Venedig auch ohne Pandemie! Altern ist die abscheulichste Krankheit, gegen die es kein Medikament und nur Sedative gibt: Abstinenzen, Religion, Sport, mitunter ausser Joghurt und Joyce, alles was mir sonst widersteht: Jojo, Joggen, Jonglieren, Jobbing, Joints, Joga, Jodeln, Jodoku, Johannisbrot, oder bayerisches „Jo mai“, Joggelis blödes Gefrage und Johnsons Brexit.

Sonntag. 6.12.

Noch bevor die zweite Welle von Covid19 abgeflaut ist, spricht man schon von der dritten. Der Ausfall von Weihnachten errregt die Gemüter bis zur Hysterie in Bevölkerung, Politik und Wirtschaft. Als könne man sich nicht für einmal in häuslicher Stille und Beschränkung auf die engste Familie in Bescheidenheit der kulinarischen Bedürfnisse, ohne Geschenkewahn und gesellschaftliche Exaltation auf den eigentlichen Sinn des Festes zurücknehmen. Christ, Agnostiker oder „Heide“ feierten seit eh die Umkehr des Jahres, das Ende der Melancholie der langen Nächte, die Rückkehr hoffnungsvollen Lichts; was braucht es dazu überbordenden Tanz, Musik, Völlerei und Trunkenheit, wenn man nach zwölf lächerlich kurzen Monaten doch wieder am selben Startpunkte anlangt! Angesichts der schrecklichen Hekatombe an Toten der Seuche wäre ein dezentes Besinnen auf unsere gefährdete Existenz angesagter als Lupanare und Bacchanale.

Der heutige Nikolaustag genügte längstens als Tag der Geschenke im Glauben, Nikolaus von Myra habe sie im 4.Jahrhundet an die Armen und Kinder ausgeteilt. Man vergisst heute, dass sie einst in Schuhen Platz fanden, oder durch den Kamin passten, mitsamt dem umfangreich tradierten Bischof. Heute muss dies Geschäft der Paketvertrieb von Amazon und Post in Lastwagen besorgen, am eigentlichen Weihnachten dann erneut und mehrfach potenziert, manchmal auch noch zum

Dreikönigstag, wenn man beginnt, die doppelt erhaltenen Präsente zum Ärger der Verkäufer zurückzutauschen.

8.30. Selbst der Wind hat sich offenbar an MOSE totgelaufen und die Stille ist sonntäglich. Kam er noch nachts von Myra und Bari her, den Heimat- und Grabstädten des Santone Nicolao, so verfängt er sich leise kreiselnd in den Resten der Sichtschutztücher von Cà di Dio, als seis der Bart des nach Markus mächtigsten Heiligen hier und der östlichen Christenheit dort.

Mittwoch, 16.12.

10.00. Überraschender Regen. Nach dem sah‘s vor einer Stunde nicht aus. Deswegen die unruhige Nacht. Man wird wetterfühlig auf Meereshöhe und den Venedig-Koordinaten. Plus das zugehörige Alter. So wird man zur Sensibylle.

Ich liebe die nassglänzenden Rundziegel um mich her, denn ich weiss wie wohlig es ist, unter einem richtig ausgelegten Dach im Trocknen zu sitzen und in die triefende Natur zu blicken. Wieviele eigne Dachschrägen hatte ich in San Michele zu decken, als ich Lo Spineto aus seinem feuchten Ruinendasein erlöste und den Erfolg mit Freunden am Kaminfeuer bei Vino novello und gerösteten Kastanien, Bruschetta mit Aglio und grasig frischem Olivenöl feierte. My roof is my castle, müsste es eigentlich heissen! Alles, was darunter liegt, ist zweitrangig.

Auch das Biberschwanz-Ziegeldach in Bern liess ich neu decken und polstern, um den Kindern eine Dachwohnung und Spielwiese zu bieten, die jetzt von Bilkis allein bewohnt wird. Dort hauste ich einst während Jahren bei mir zur Untermiete, während des unentwegten Pendelns zwischen Rom und dem Berner Museum: ein Dach der Zuflucht und Einsiedelei in einer Zeit der Abnabelung von Bern. Die Wiederanknüpfung über Sonya und die Kinder gelang unter diesem familienträchtigen Dach; bis nur wenig vor Heute.

Schon immer war ich versucht Goethes „Wanderers Nachtlied“ über allen Wipfeln ist Ruh, in ein urbaneres Milieu zu übertragen:, was in Zeiten der Coronola in Venedig besonders gepasst hätte:

Über allen Dächern Ist Ruh‘,

Aus allen Gemächern Hörest Du

Kaum einen Hauch; Drohn Flaneuren noch Zechern,

Noch Möwen und Tauben die Stunde, Kranke und Alte, die Hunde,

Ruhn wie Du auch.

Nicht dass Goethe sich nun im Grabe drehe, schon Christian Morgenstern soll ihm sein gestisches Fisches Nachtgesang nachgeschickt haben!

Morgenstern und seine künstlerischen Ahnen westen im Riesengebirge, namentlich Wolfshau, wo mein Vater unterwegs war und natürlich Gerhard Hauptmann. Carl Morgenstern, Vater Christian‘s malte viel in Venedig etwas kitschige Veduten. Vielleicht erbte ich von allen eine Messerspitze Schlesiertum, Reiselust, Humor, Ironie, Kunstsinn, Sentimentalität und Reimerei…

Sonntag, 20.12. vierter Advent

8.05. Noch nie solange in den Tag hinein im Bett gebummelt; den Hexen sei Dank. Für einmal nicht um drei die fiebrige Wäsche gewechselt. Mein öffentliches Bäumchen zeitigt nette Wünsche aus dem digitalen All. Es kann ja nur besser werden, nach dem Regenbogenwunsch.

Italien hat den Feiertagslockdown beschlossen. Die 6000 Toten in der Schweiz sind überrundet. Selbst die Wirtschaft begehrt nicht auf. Die USA gehen langsam an Trump vorbei zu einstigen Tagesordnungen zurück. In den Alpen ist Skifahren pfui, unter den Weihnachtsbäumen ist Samsung-singen und Senden auf Huawei hui. Das Feiern zu anderthalb Personen ist im Visier. Das gemästete Weihnachtsfedervieh atmet auf – wer isst schon einen Monat lang an einem Truthahn! Über allen Zoos und Tierparks herrscht einschläfernde Ruh. Die Tankstellenhalter machen Ferien im trauten Heim hinter den Ölfässern. Die Metzger pökeln für 2022. Die Carosseriewerkstätten darben. Nur die Kerzenzieher und Panettone-Bäcker jubilieren. Die Postboten weniger.

Montag, 21.12. Sonnenwende

8.15. Die Hexenbrut bis auf die Besenstocksteife ausgeschwitzt und Speranza ein fragendes Fältchen auf die vom Mundschutz freie Stirne gezaubert: warum so spät heute? War was Besonderes los? Von solstizio hat sie wohl noch nie etwas gehört, aber von sollazzo, solitudine und soliloquio vielleicht…Dass jeder mal am Kopfkissen nuckelt und im Halbschlummern querdenkt, ist auch ihr nicht fremd. Die Verspätung des Mond-Cornettos, nun schon etwas weniger knusprig, wird genehmigt.

Die astronomische Sonnenwende solstitium = Sonnenstillstand, geschieht heute um

11.02 MEZ. Die Sonne erreicht ihre geringste Mittagshöhe und kann deshalb mein Sonnengeflecht (plexus solaris) zwischen Brustbein und Nabel nicht aufheizen, sprich aufmuntern.

„In älteren Schriften wird das Sonnengeflecht aufgrund seiner Funktion auch als Unterleibsgehirn (lat. cerebrum abdominale) bezeichnet, dem Empfindungen wie Sympathie und Gemeinschaftsgefühl zugeschrieben werden, sowie der

Sitz des dem Unbewussten zugeordneten Teils der Seele.“(wikipedia)

Genau, abominabel perplex, aber simplex wie komplex, die Sonne kann meinen Nabel so nicht beschauen und mir fehlt das Vitamin A, um einen positiven Seelenfrieden einzuhandeln. Da nützt das ganze Sonnenanhalten, wie schon Joshua und Hezekiah, nichts, auch wenn Kopernikus darüber nachdachte und Isaak Asimow über Kopernikus nachdachte, wie das gehen sollte.

11.02. Nur Nebel. Auch der goldene Engel vom hohen Markusturm kann den Sonnensolstiz nicht ausmachen; ihn selbst sieht die scharfsichtigste Touristenkamera nur vom Nebelschleier verhangen. Vielleicht erlaubt er sich ein unsichtbares Schleiertänzchen der Salome zum Schmieren der rostigen Gelenke? Die Diva Duse rediviva? Loïe Fuller, Maud Allan oder Mata Hari machten es vor. Ihre Glieder waren unübertrefflich geschmiert, von Wilde, d’Annunzio, Lautrec, und Moreau, und natürlich Strauss.

Dienstag, 22.12.

7.30. Mein morgentlicher Rundlauf bis zum Ende der Via Garibaldi, in sparsamer Dunkelheit seit dem geringsten Morgenlicht, das die Lichterketten über Via und Calli, den Kometen über die Arsenalbrücke, die nationalen Lichtdekorationen der ehemaligen Kirche San Biagio und des Arsenalportals, die Weihnachtsbäumchen in den Vitrinen und die Strassenlaternen löscht, lässt ahnen, wie eng Geschäfte und Stadtwerke mit ihrem Strom umgehen müssen. Unermüdlich nur die Lastkähne die ihre Kisten voller Viktualien, Weinreserven, Waschmittel, keimfreies Trinkwasser, Hygieneprodukte usw. anliefern, um die Bevölkerung am dezenten Leben zu erhalten. Unermüdlich auch die zumeist in eher fortgeschrittenem Leben befindlichen Läufer, die ihre Pandemieangst mit Sport abzustrampeln suchen, über die Eisenpasserellen poltern und Wolken viraler Atemluft ausstossen, zur geringen Freude der wirklich Alten, die am Molo ein wenig Bewegungs- und Überlebensraum abzuzirkeln suchen. Unermüdlich auch die wohlvermummten Hobbyfischer, die fest daran glauben, im trüben Lagunenwasser ihr noch so aussichtsarmes Petriheil zu suchen: ein 5-zentrimetrisches Glück zappelt im 4-Stundenrhythmus am Haken, wenn Petrus ein mitleidiges Auge schliesst. Mit weit mehr Erfolg und vergleichbarem Hygieneniveau könnte man die Abertonnen an Miesmuscheln von den Spundwänden, Treppen und Anlegepfählen schaben, die ungestört die Standflächen der Stadt überwuchern und seit einem Jahr Tourismusausfall so chemiearm sein dürften, wie vor hundert Jahren nicht mehr. Aber die überlebenden Wirte haben noch nicht die Gelegenheit ergriffen, die pasta alle vongole antivirus heftiger zu promovieren, weil die teilarbeitslosen Aufsichtsbehörden tiefer in die Herkunftsdokumente ihrer Produkte blicken können.

Ein aschgrauer Nebel lässt alle Konturen und Farben verundeutlichen, der Lido scheint unerreichbar weit und die Kräne von Marghera, geschweige die Monti Euganei bleiben unsichtbar. Die paradoxe Wirkung ist, dass die Welt unendlicher scheint, dass eine uferlose Wasserfläche den gesamten Globus umschliesst und sich vor das Bacino und die Basilica di San Marco als Kreuz- und Mittelpunkt schmiegt, wie das eine selbstverständliche Vorstellung im Mittelalter war, als Venedig die Nachfolge von Rom und Byzanz beanspruchte.

Freitag, 25.12., erster Weihnachtstag; Venedig

5.00.- 6.30. Im Nebenhaus bricht ein Streit zwischen Partnern aus: derselbe Mann, der im Sommer bei offnen Fenstern eine Geliebte am Smartphone anhimmelte, streitet jetzt mit seiner wortgewandten Ehefrau. Die Stimmen, anfänglich verhalten, steigern sich in Tonhöhe und Stärke, wechseln von Zimmer zu Zimmer, Türen schlagen, Sie ruft wiederholend: „non voglio, non voglio!“ und „mi divorzio, mi divorzio!“, redet den stotternden und immer mehr in die Enge getriebenen einfältig wirkenden Mann mit sich jagenden Wortkaskaden an die Wand, denn er hat Mühe, Sätze zu formulieren oder sich zu rechtfertigen. Später ist er allein und spricht weinerlich und stockend in sein Mobilgerät. Wohl der typische Ablauf eines Ehestreits mit den Ingredienzen von Ehebruch und Eifersucht, wohl eine der Tausend Dreiecksgeschichten! Brutale Gewalt in der Ehe entsteht wohl immer von Seiten des sprachlich wehrloseren Mannes gegenüber einer schneller reflektierenden und argumentereicheren Frau, besonders, wenn sie sich schuldlos im Recht fühlt.

Der ungewollte Hörer an der Wand ist schmerzlich berührt ob der ausweglosen Situation von Menschen, die soeben gemeinsam friedlich Weihnachten feierten und nun unweigerlich einer Familien-Katastrophe entgegentrudeln. Welch unvollkommenes Konstrukt ist der Mensch, der in seinem Genom nicht Hemm- oder

Warnmechanismen eingebaut hat, seelisches Leid zu verhindern, bevor es ausbricht, wo es doch für körperliche Leiden deren genug gibt.

9.00. Die grüngraue Lagune wäre aalglatt, kreuzten nicht die seltenen meist leeren Vaporetti vor der Mole und brächten deren zwiefach verankerte Genossen zum Aneinanderrumpeln. Nurmehr Hundehalter mit in der Mehrzahl tollpatschigen Welpen lassen sich über die Riva zerren, erstere bedacht, nicht beobachtet zu werden, wenn sie die Häufchen ignorieren, oder die geknoteten Säckchen, selbst in Sichtweite der Müllcontainer, liegenlassen. Mit den Rauchern und den Sprayern, die sich für Street- Artisten halten, sind sie die unzivilsten Nutzer dieser Stadt, die den Namen von Bürgern nicht verdient haben. Es sind dieselben Egoisten und Ignoranten, denen man seit Jahrhunderten schon verzweifelt die Pissecken mit künstlichen Schranken verbaute. Nur hielt man jenen Frevlern keine Alternativen der Erleichterung oder Verhinderung bereit, während diese heute für Halter und Hund längst bestehen.

Ein wenig Gewissensterror aus dem blitzsauberen Singapur täte der Venezianità wohl keinen Abbruch! Ich habe den Seufzer des liebenswerten Müllmanns Francesco im Ohr, der täglich die Kippen, Kaugummis, Kotbeutel, Flaschen und ihre Kapseln, Pizzaschachteln, Batterien, Zitrusschalen, Schneuztücher und neuerdings Einweg- Masken zusammenkehrt.

Samstag, 26.12., Stefanstag

6.40. Das unverwechselbare gemächlich-uhrwerkmässige Wischen des einsamen Francesco, der nach meinem Nachfragen eigentlich Giorgio heisst, in der nahen Calle Tagliapiera weckt mich; ich grüsse ihn aus dem Küchenfenster und erhalte die freundlichsten Wünsche zum Jahresausgang und dem Neuen herauf. Man spürt in seiner Stimme, dass er gerührt ist, und nicht ohne Grund stellt er wohl seinen Karren so oft in Sichtweite bei Speranzas Bar ab (die er aber nie betritt, weil er anderweitig und früher zu frühstücken pflegt), zu dem er konzentrisch aus den Nebenwinkeln den Müll herbei- und zusammenräumt. Das älteste zivile Gewerbe Venedigs dauert mit Giorgio seit den glorreichen Jahrhunderten Venedigs, ohne dass es jemandem innewird; so selbstverständlich ist sein demutvolles Tun, das gemeinsam mit der naturgegebenen Arbeit des Brauchwasserhaushalts von Ebbe und Flut die Stadt am Leben erhielt. Ohne seinesgleichen wäre die Serenissima wie die Vorstädte Bombays und Kalkuttas längst im pestilenzialischen Unrat erstickt.

Sonntag, 27.12, Tag I der Impfungen Covid 19.

8.30. Erfolgsgeschrei auf allen Kanälen, man habe die Pandemie mit dem europäischen Impfbeginn besiegt, auch wenn die Betroffenen noch immer wie die Fliegen sterben oder zu Millionen angesteckt werden. In der Schweiz sind über 6500 Seelen verblichen und trotzdem will man Skifahren und Feiern, Einkaufen und keine Einschränkungen auf dem Unterhaltungssektor. Der Parteienkrieg in den Parlamenten geht unvermindert weiter, Verschwörungstheorien blühen wie nie zuvor, Opositionelle werden kaltblütig ermordet, China wird erste Weltwirtschaftsmacht, ein Trump begnadigt seine kriminellen Getreuen. Die Welt scheint 2020 verrückt geworden zu sein. Ein weiterer Virus im Welthirn, den man noch nicht hat identifizieren können, weil er unsichtbar und allgegenwärtig ist. Fast glaubt man sich in den angeblichen Weltendwahn vor der Jahrtausendwende von 999 des Mönchs Rodulfus Glaber versetzt, wenn dessen Voraussagen nicht barer Mythos gewesen wäre. Fast fehlen uns die Massensuizide der Sonnentempler, die irren Räusche und

Tänze der Pestbeschwörer, der Flagellanten oder Geissler in Pestzeiten, die islamoiden Selbstmordattacken, deren schlimmste zumeist hinter uns liegen, die afrikanischen Bruderkriege und Menschenfresserpräsidenten, um diesem öden Wahnsinnsjahr auch die blutrote Farbe zu verleihen.

Mittwoch, 30.12. Felix-Tag

Die Schweizer Todesrate springt auf 7000. Ratlosigkeit wegen zwei neuer hochansteckender Covid-Mutanten. Das Impfen wird Monate dauern. Wenig Aussicht hier auf ein lieto fine. Die Politiker raufen sich um Rettungsgelder der europäischen Union. Für Venedig will man die Kreuzfahrschiffe definitiv in die Lagune nach Marghera umleiten, ein „Kompromiss“ des Wahnsinns, denn nichts würde gelöst, was diese Stadt erlöste.

8.30. Die Stadt dämmert im dichten Nebel: kaum erkennt man die Laufkatzen auf den Kränen. Die Ziegel schwitzen einen feuchten Glanz. Die grünverpackten Müllmänner schieben fast leere Karren. Viel Vogelzeug ist ausgezogen zu üppigeren Fleischtöpfen, nicht anders als die asiatischen Tingeltangel-Souvenir-Verhökerer, die pazifischen Fastfood-Brater, die afrikanischen „Buoniorno“-Bettler, die Modetaschenfälscher-Lakaien, die Pseudo-Krüppel-Weiblein aus dem Roma-Balkan. Denn die Venezianer kennen ihre Pappenheimer zu gut, um nach dem geringsten Obolus zu greifen, der das Gesindel zum Verweilen verlockte. Kämen sie alle mit den Grandi Navi zurück, im Schleppertau die B&B-Billigvermieter und mafiosen Immobilien-Aufkäufer, wäre der ethisch-moralische und ökonomische Untergang der Serenissima wohl rettungslos besiegelt. Möge die Pandemie solange dauern, bis den Spekulanten der Atem ausgeht, der lange Arm und die langen Finger fehlen! Sursum spem! Sursum funem! Sarsum corda!

Donnerstag, 31.12. Todestag des Hl. Silvester

Das lange Pontifikat dieses Papstes (314-335) hat sich mit den abstrusesten Legenden angereichert, obwohl genügt hätte, die „Konversion“ und Heilung Konstantins von Aussatz oder Lepra und die Einführung des Christentums als Staatsreligion mit dem Edikt von Nicäa 325 verantwortet zu haben. Als Schützer der Haustiere und Ernten, Erwecker eines Stiers vom unverdienten Tode, Pferdenarr und erstem disputativen Judenankläger, der aber auch einen renitenten Statthalter an einer Fischgräte ersticken lässt und in Rom dreihundert tägliche Bürger vom Gifthauch eines Drachen erlöst, scheint dieser heilige Rabauke (der Name meint Waldmann oder Waldschrat) mit babyface (Voragine) und Bekehrzwang, allerhand auf dem Kerbholz zu haben, das man mit Feuerwerk und Champagner kaum wird löschen können, wenn man ein Neues Jahr begrüssen will. Er wollte den Donnerstag, also heute, vor dem Sonntag geheiligt wissen und stritt sich mit der gesamten damaligen Christenheit deswegen, erreichte einen Pyrrhussieg mit dem Gründonnerstag als Tag der Firmungen mit dem heiligen Salböl als Sakrament, war aber nicht an der (erst durch Lorenzo Valla 1440 aufgedeckten) Fälschung der Konstantinischen Schenkung beteiligt, die erst nach 754 die fatale weltliche Einmischung in Güter- und Territorialfragen der Kirche sanktionierte, aber er gründete das Patrimonium Petri, dessen Privilegien und dessen erste Kirche. Er verhinderte immerhin dass 3000 heidnische Kindlein ihr Opferblut zur Heilung Konstantins in einem buchstäblichen Blutbad lieferten. Er entging dafür als erster

Papst dem Martyrium, was ihm so manchen Nachfolger bescherte, der es besser oder wenigstens vorzeitiger verdient hätte.

Papa San Silvestro wird besonders in den Fresken der römischen Kirche Santi Quattro Coronati von 1246 gefeiert; die Heilung Konstantins von seiner Seuche alludiert somit nur zufällig an die Corona-Pandemie, von der wir vom Silvesterfest 2020/2021 an befreit zu werden wünschen!

Freitag, 1.1.2021, Capodanno in Venedig

7.30. Beim Abwasch des Geschirrs vom letzten Jahr frägt man sich, was an guten Vorsätzen sich vom Vorabend noch erhalten hat, ausser dem, sich keine guten Vorsätze mehr zu machen.

Die für Italien so ungewöhnliche Silvesterstille hatte mich mit dem Vorsatz, in den Federn liegend den Wimpernschlag des Neuen Jahres zu erwarten, so eingelullt, dass ich erst am Morgen auf meinem Display entdeckte dass im Sekundentakt mein Handy aus allen Winkeln Europas von 00.00 an vollgewünscht worden war, während ich die Grenzen Europas längst verlassen hatte, um irgendwo zwischen Empyrium und dem Schosse Abrahams zu lustwandeln. So genoss ich zum Frühstücks-Mocca nicht nur die Konfitüren aus Bern und den Honig aus Mezzenile, die Butter aus deutschen Eutern, den Käse aus Gorgonzola, Camembert Edamer und Gervais, den Orange curd aus London und ein gefälschtes Müsli aus Tirol sowie die köstlichen Scheibchen eines vegetarisch verbotenen Negronetto Cremonese auf Pumpernickel, sondern auch die freundlichen Beilagen aus den jeweiligen Herkunftsorten meines unerwarteten und unverdienten Glücks. So gegen alle tückischen Fresszellen europäischer Virusse gefeit, ziehe ich in den Überlebenskampf von 2021 und wünsche Euch allen, was ihr mir so an Internettigkeiten angewünscht habt. Prosittsamst Erasmo, Venexia.

Montag, 4.1.2021,

8.00. Die Kräne drehen wieder, die Laufkatzen schnurren, die Schalter klicken. Man hat ihre Bewegung in der Ohnmachtsstille der „Festtage“ vermisst. Ihr Rumoren verspricht Leben, Ziele, Zukunft. Strohhalm-Philosophie ja, aber wenigstens eine. Barnaba unter mir wäscht, wie fast täglich, heute, ungeachtet des Dauerregens, hängt er seinen bucato auf die Leinen – wie ein Wäschestück Hoffnung, das unbeirrt auf Sonne zählt, irgendwann…

Er wacht gewöhnlich zwischen 6 und 7 auf, gähnt geräuschvoll, stösst melodische Seufzer aus, redet zuweilen mit sich selbst, frühstückt kaum, aber wäscht. Er geizt mit altersschwachen Klammern, die ich zuweilen auf der Gasse auflese, männliche Unordnung herrscht auf den Leinen, ab und zu fliegt ein Stück davon, andere verwickeln sich untereinander und verunreinigen sich am Wandputz, um stracks wieder gewaschen zu werden, andere werden von nachsichtigen Nachbarn an die Klinke unserer Eingangstür geklemmt, weil jeder weiss, wie, was und wann Barnaba wäscht. Elda Rizzi über mir ist herkömmlicher und ordnungsbewusster, wäscht in der neuen Maschine zuweilen auch für die Sohnesfamilie, sichtbar ob der grössenmässig anwachsenden Kinderkleider, und nur bei Sonnenschein, aber sie verdunkelt jeweils meine Südfenster mit ihren riesigen Leintüchern, die an meine Scheiben klatschen und deren Oberteile reinhalten.

In den abseitigen etwas breiteren Calli der Via Garibaldi herrschen ungeschriebene Wäschegesetze, zur Lust der Touristen und Fotografen, sobald die Stücke in komplementärer Farbenpracht und tonleitermässiger Grössenordnung quer über die

Gassen wimpeln und im Wind ihr impressionistisches Wellenspiel aufführen. Es scheint, dass eine verholene ästhetische Konkurrenz familiären Stolzes die Massstäbe setzt und die Orchestrierung leitet, die verbietet, gegen geheiligte Ordnungen zu verstossen: ein einzelner Strumpf würde nie neben einem blumigen Kissenbezug zu hängen kommen und leuchtend Blaues nie neben stumpfem Senfgelb, alles nur Weiss wäre pfui und altersgraue Bodenlappen nie neben irisierenden Spitzenhöschen, waschechte knallige Nike-Joggingschuhe schon gar nicht, Windeln längst nicht mehr, dafür Designer-mascherine im Dreifachpack, Socken wie Orgelpfeifen, und so fröhlich fort. Kein Clanoberhaupt weiblichen Geschlechts würde die Familienehre aufs Spiel setzen, den sonnegetakteten Wäschetag-Rhythmus zu unterwandern, oder obszöne, aufreizende, zu ärmliche, klassenfremde oder provokante Beweistücke nachbarlichen Neides oder bürgerlichen Ungehorsams (wie etwa die verbleichenden Fahnen vom Winde zerfetzten „No Grandi Navi“) so augenscheinlich vorzuführen!

Welcher Filmer würde den Wäsche-Aushang eines Jahres in überblendender Folge und Zeitraffer-Technik auf ein Video bannen! Allein Wachstum und Modegeschmack der jeweiligen Nachkommenschaft wäre eine Augenfreude, ganz ohne sich mit ihrer legendären Ungezogenheit berühren zu müssen!

15.30. Wagner und Verdi haben immer noch nicht ihre neuen Nasen enthüllt bekommen. Vielleicht sollte ihnen doch ein Ser Rioba di Cà Mastelli alla Madonna dell‘Orto einen Blechzinken ausleihen…Oder das Parlament muss in Rom erst über die richtige Krümmung befinden, denn nur dort hat man Erfahrung mit Buckeln, Haken, Riechern, deren Biegung und Beugung, mit Nasenstübern, Stups- Schnief- und Rotznasen, mit Nasen, die sich nach dem Wind drehen, denen man eine lange macht, zu was man eine gute und die immer vorne habe, die man hoch hält, oder darüber fällt, sie vergoldet, spitzt, bricht oder abschneidet. Man wird so Jahrzehnte darüber naseweise näseln, spürnaseln, einander eine drehen, sie in alles hineinstecken, sie rümpfen, herumführen, aufbinden, hängen lassen, begiessen, bis ein Zwerg Nase aus dem Geschlechte der Valmarana sie am Ende zuhauff treibt und zum einmütigen Pastetenfrieden zwingt, wonach man in den Giardini nach vierzig Biennalen die geflügelten Nasen feierlich enthüllt; doch inzwischen sind die Büsten von Winderosion, acque alte, und saurem Regen zu Kalk vergangen und auf ihren Sockeln sind nurmehr die Nasen zu sehen, die wehmütig laufen, tropfen, und sich verstopfen, Gogol seis geklagt…

Dienstag, 5.1.

7.00. Unsägliches europäisches Geschnatter über Impfverzögerungen, Verteilungshader, Logistikchaos, Produktewettkampf, Denunziationen von Schacher, Fälschung, Bevorteilung, Vorrechte und Wartetermine um die Impfstoffe. In Italien wollen die Oppositionen gar die Regierung stürzen, die Gelegenheit am Schopfe ergreifen, sich ungeachtet der menschlichen Tragödien Positionen zu erobern, Gelder und Sessel zu verteilen. Ein unwürdiges taktisches Gerangel, für das sich jeder vernunftbegabte Mensch bodenlos schämen müsste. Das Motto „Schulen zu und Skipisten und Arenen auf“ beschreibt das unwürdige Ungleichgewicht zwischen Bildung und Unterhaltung.

In Venedig branden mit Tausenden von Unterschriften Kulturbewusster gegen das Vorhaben des korrupten Bürgermeisters an, alle staatlichen Komunal-Museen, -Säle und -Events für vier Monate zu schliessen „weil sie ja doch kein Tourist besucht“. Die geistige und materiale Entmündigung der Bürger, die wie Schafe solchen Verführern

folgen und wie Kälber ihre eigenen Schlächter wählen, ist zwar mit Blick über den Atlantik und das populistische Europa nicht beispiellos, doch für Venedig so fatal wie noch nie in seiner jüngeren Geschichte. Petra Reski zündet zornige Petarden gegen Administration und Parteiungen, doch ist zu fürchten, die Wirtschaftsbosse und politischen Seilschaften, die Venedig in eine überregional gesteuerte Isolationshaft zwingen, behalten weiterhin das Sagen. (https://www.facebook.com/204130696289860/posts/3564140126955550/?d=n)

Mittwoch, 6.1. 2021

00.01. La Befana/Epiphanie/Drei-Königs-Tag

Viele Kinder in der Welt erhalten ihre Weihnachtsgeschenke erst heute durch die Hexe Befana ausgeteilt, so sind die meinen nach drei Wochen ja ganz pünktlich angekommen! Die Post hatte recht, sich nicht zu hexen! Die Schildkröte überholte in der 3-Königsdisziplin nach Achill auch Amazon und das Paradox des Zenon von Elea.

A propos, what funny epiphanyday: Ca. 4000 km per Kamelritt in 12 Tagen, welche Leistung, jene Tiere waren wohl von der Rasse, die durch Nadelöre passen oder blind auf Aladins Teppichen mitreisen! Und vor allem, die Könige waren gar keine, sondern eben Magier, Hexer, die ihre Gewalttour auf immaterielle Weise abstrampelten. Ihr Reiseproviant war ein Königskuchen à 8 Kugeln und einem gevierteilten Mittel-Google, der wie die Speisung der 4000, für anderthalb Wochen Wegs reichte; jeder durfte viermal hineinbeissen und hatte das Glück, auf je einem tönernen Königfigürchen einen Zahn zu spalten, was ihnen wundersame coronale Überlebenskräfte verlieh, wie etwa gewohnt je an Weihnachten in „drei Nüsschen für Aschenblödel“. Das Neue Testament hat die Abenteuer der apokalyptischen Kamelreiter nur etwas entstellt, weil ja niemand dabei war, als die Siebenmeilenreise losging. Als Fakire hätten sie auch bei Tuj auf Holzklasse buchen können oder Easyjet VIP goldenclass, (Ryan Air hiess damals wohl noch Royal Air), doch Herodes als Flugkonzern-Eigner und Kreuzfahrtschiffer war gerade einem Aktiencrash erlegen, als man hörte, er würde demnächst von einem König der Juden abgesetzt. So waren alle Flieger zum Grounding in einem Wüstencamp beordert. Ohnehin hätte man die Kameldamen, die als Schosshündchen hätten deklariert werden müssen, nicht durch die Personensperre gelassen, denn das Aufdenbodenspucken ist nur männlichen covidfreien Scheichs erlaubt. Die Magier wären überdies sofort als Schmuggler entlarvt worden, denn auf die heimliche Ausfuhr von auf 11-Meter riechbarem Weihrauch und Myrrhen stand die Todestrafe und nur falsches Talmi- oder Rauschgold und natürlich Bitcoins aus Ophir oder Oman waren erlaubt, Ohmannohmann!

Als die drei nun endlich am Einstern-Stall epiphanierten, stürzten sich die drei Kamele – oder waren es Trumpeltiere? – sofort über die Raufe und hätten fast das kostbare Kind mitsamt der Schüttung aufgefuttert, wären nicht Ochs und Esel eingeschritten, die gerade für Heu und Stroh anstanden, das beim täglichen Bettzeugwechsel mangels Wegwerfwindeln anfiel. Joseph verscheuchte das lärmige Viehzeug, das ihn am Schlaf des Gerechten hinderte, mit der Fliegenklatsche des Stallburschen und gewahrte erst jetzt die Magier, die etwas ratlos dastanden und nicht wussten, wem ihre wenig babygerechten Geschenke nun auszuhändigen seien. Da sie nicht aramäisch konnten, war die Unterhaltung schleppend und gestenreich und die drei verabschiedenten sich ziemlich bald mit artigem Hofknicks vor Marien, wie man sie solchen im Palaste des Herodes gelehrt hatte, stiegen erleichtert in die Sielen ihrer Wüstenschiffe und liessen schicklich die Gottesmutter an der Krippe

zurück, die mit einem Seufzer ihren aufbegehrenden Knirps zur Brust nahm. 4 O’clock-Milktime.

Die folgende Bethlehemgeschichte mit den gemordeten Kindlein war frei erfunden und diente nur der Propaganda der Abtreibungsgegner, um den antipathischen Herodes wiederzuwählen, der ja Morde, Kegel, Frauengeschichten und politische Ärgernisse wie Wüstensand am Meer produziert haben soll. Niemand weiss, was aus den drei gheiligten Magiern geworden ist, vermutlich stellten sie ein Asylgesuch, weil sie ein Land gefunden hatten, in dem Milch und Honig floss und wo auch die Fleischtöpfe Ägyptens nicht weit waren, dorten sich Dattelpalmen zu den Hungrigen neigten und wo man in Brunnen billige Sklaven fand. Waren sie doch die ewigen Sandstürme, die blutrünstigen Desert Storms und die schlüpfrigen Geschichten um Stormy Daniels leid und freuten sich auf ihre Pension als Krippenfiguren der Christenheit, wo ihr Ruhm bis heute überdauerte und wenn sie nicht ge….

Heute senkt sich auf ganz Italien die rote Zone, mit der die Hexe Bef(f)ana das Land zu absoluter Bewegungslosigkeit vergattert, der letzte Tag des grossen Feierns zum Jahreswechsel vor dem Karneval: eine letzte Warnung an die Unvernunft der Massen, die Pandemie endlich ernst zu nehmen und von den verheerenden Ritualen des bakteriellen und viralen Austausches auch nur für wenige Stunden abzustehen, den irren Totentanz für einen Funken der Einsicht und des Bedenkens zu unterbrechen. Noch nie hat sich die Überzahl der Dummen im Volke und der Schwachen im Fleische so offensichtlich manifestiert, wie in diesen Zeiten der Coronola! Und kein Savonarola um die Wege, die Gentaglia aufzurütteln! Schon er war ja bekanntlich gescheitert…

10.45. Auf die heute feiertags stillgelegten Kräne setzen sich wieder ungestört die Möwenpaare und schnäbeln. Sie wirken schlank, wenn nicht abgemagert. Sie haben sich wieder auf die mühsam zu erwerbende Fischdiät umstellen müssen, mangels des Proviants der Touristen, den man jenen im Sturzflug aus den Händen zu entreissen gelernt hatte, ein einträgliches Metier der ambulanten Instantfotographen und der Burger-Produzenten, die jetzt auf öffentliche Unterstützung angewiesen sind.

12.00. Greta Thunberg wird heute 18. Armes Nichtmehrkind dem man von nun an nichts mehr ob seiner abgelaufenen Kindlichkeit verzeiht! Und dessen Bekanntheit für Tausende von Schakalen ein alltägliches publizistisches Fressen ist, das keine Intimität, Freiheit und Anonymität wird mehr erleben können, vermarktet, verschachert, gegängelt und missbraucht wird. Irgendwann wird sie bedauern, jemals geboren worden zu sein, wie alle empfindsamen Naturen. Die Befana aller Grünen, Weltretter, Vegetarier, Tierschützer, Moralisten und Gutmenschen zu sein, ohne sie sich je ausgesucht zu haben, ist ein schweres Los.

Donnerstag, 7.1.

7.00. We live really in Interesting Times! Das Untier im Weissen Haus ist ausgepowert! Noch einmal hat es die Mascherina fallengelassen und den Pöbel aufgewiegelt; gut so, so wissen einiges mehr, um was es dem Usurpator der Demokratie eigentlich ging und geht.

Mein frühabendliches Schlafbedürfnis hinderte mich, die neuesten Nachrichten aus den USA zu verfolgen, umso bestürzender die Bilder heute Morgen und die Erleichterung, dass nicht noch Schlimmeres passierte. Ein Impeachement Trumps oder gar eine Absetzung wäre die Krönung seiner irrealen Karriere!

10.00. Venedig ist in wattigen Nebel getaucht, weder sieht man die Anlegestelle des Arsenale, ja kaum den nahen Turm von San Martin. Man bekommt das Gefühl, ein winziger unbeweglicher Weltmittelpunkt zu sein, der selbst die Geräusche verschluckt, ein graues Loch.

Freitag, 8.1.

6.30. Grüsse spazzino Giorgio aus dem Fenster, um ihn beim Wischen aufzumuntern, er wünscht jovial ein gutes Jahr zurück und meint, es könne ja nur besser werden. Roberto inspiziert seine Bar, die er Montag, so die Regierung will, wieder öffnen darf. Ich händige ihm ein Paket des Postboten aus, der es mir anvertraut hatte.

7.00. Die Enthebung Trumps ist in aller Munde. Plötzlich sind auch die letzten medialen und politischen Unterstützer von einst sich einig, dass dieser Präsident unmöglich ist. Man sollte sie alle mit ihren früheren Voten konfrontieren, um zu veranschaulichen was für Quislinge und Wetterfahnen sie sind. Selbst Trumps Freunde im Ausland kehren sich ab. So einfach ist Politik! So vergesslich sind die Massen!

Samstag, 9.1.

Noch 13 Tage: Totlaufen lassen oder Exempel statuieren: man brütet in den U(nversöhnbaren)SA über die Überwindung des Trumpismus. Die letzten Tage der Apokalypse im Weissen Haus. Oder das letzte Kapitel im Kapitol. Einerlei, es ist vorbei.

Dies verrückte Jahr musste noch seinen Punkt auf’s „i“ erhalten, um die interesting times zu ergänzen. Dämokartell oder Demokratie war die Losung, letztere hatte hoffentlich den längeren Atem.

Sonntag, 10.1.

Schon wieder Sonntag! Die Zeitverlorenheit ist ohne eine Pflichterfüllung oder ein Ziel, ohne Anbindung an Menschen, ohne Echo oder Antworten auf Gedanken, der sichtbarste Niederschlag meines Exils. Selbst der Jahreswechsel hat sich mir noch nicht eingeprägt, ja ich vermeine, noch immer im Jahre 2019 zu leben, weil alle ungelösten Existenzfragen seither offenliegen und am stärksten erinnerbar bleiben. Man klammert sich an Rituale von Tag und Nacht, Essen und Schlafen, Hygiene und Kleidung, Lesen und Hören, doch sie vermitteln keine Orts/Zeitbestimmung des Selbst und man verliert sich im Nichts. So einprägende Zeiterereignisse wie die Feiertage zu Weihnachten, zum Jahreswechsel, Geburtstage sind nur in der Gemeinschaft zu erleben und zu erinnern. Im Alleinsein sind sie Schall und Rauch, ja ihre unverrückbare Zeitlichkeit schmerzt.

Dienstag, 12.1.

6.09. Trumpeldeer und Pencel-holder noch immer unter einem republikanischen Überlebensdeckel, während sich die Nachweise eines nationalen Aufruhrs durch die Ultrarechten und dubiosen Verschwörungsgläubigen unter Aufhetzung ihres obersten Gurus häufen. Was da passiert, ist nurmehr grotesk und irrational. Hie Impeachment eines Wirrkopfes, hie Retter und Märtyrer der Nation Ein einzigartiges Spektakel

menschlicher Vernunftschwäche und zerebraler Disfunktion. Eine Welt, die sich in ihrer Gefrässigkeit selbst verschlingt, sich in ihrem Reproduktionswahn erstickt, sich in ihrer Unleidigkeit ausmordet, sich in ihrer Lieblosigkeit nurmehr erbittert hasst..

7.45. Ein niegesehenes Rosa färbt den gesamten Morgenhimmel von Ost nach West und die scharfe, dunkel abgesetzte Silhuettierung aller Dächerzinnen, Kamine, Gerüste, Kräne und Antennen scheinen mehr einer zweifarbigen Graphik als der Wirklichkeit anzugehören.

Zum ersten Mal sehe ich den Teich um das Garibaldi-Monument in den Giardini mit einer spiegelblanken Eisschicht überzogen. Darunter kreisen der gelbe riesige Koj und sein kleinerer roter Goldfischgenosse, die in enger Simultanbewegung einherschwimmen. Ihre unzertrennliche Freundschaft beobachte ich seit Monaten, nachdem sie sich einst unwirsch verfolgt hatten. Von Schildkröten keine Spur: die Kälte hat sie wohl in Winterstarre gezwungen. Die Büsten Verdis und Wagners bleiben weiterhin verhüllt, der Bücherbaum blüht in neuem Schund. Und die Bar auf Sant Elena serviert ihre Gäste vor der Tür in Pappbechern und mit vor Wochen eingepackten Waffeln, ein trauriges Schmausspiel absurder Pandemieverordnungen. Die wenigen Läden der Via Garibaldi lassen nur zwei Käufer selbander ein, nur der Obst-und Gemüsestand floriert wie eh und je dank der Jovialität der drei Händler von Sant’Erasmo.

Freitag, 15.1.

Vertreibe mir die Zeit eine Apotheose des Bürgermeisters Brugnaro zu verfassen.

Manifesto doganale per Luigi Primo Cittadino

Den Bürgern von Mestre, Marghera, Mirano und Venezia Centro zum Gruss!

Euer geliebter Bürgermeister Luigi I., Brugnaro, kurz B&B, beglückwünscht sich und Euch mit dem Sieg über die Oppositionisten der Kreuzschifffahrt innerhalb der Lagune, die Euch um Verdienst, Bewegungsfreiheit und Leben bringen wollten. Die wundervolle Vernunft der Arbeiter und Angestellten des Tourismusgeschäftes hat uns die Hoffnung wiedergeschenkt, im Schatten der Serenissima ein Auto zu unterhalten, die billigen Einkaufzentren der Terraferma aufzusuchen, unser märchenhaftes Öl des nahen Orients selbst zu verarbeiten, unsere eigene Chemie zu exportieren, unser Brauchwasser Ebbe und Flut wie eh und jeh anzuvertrauen und uns trotzdem die Museums- und Jogging-Sportstadt für unsere Samstag- und Sonntags-Ausflüge zu erhalten. Die unwirtliche, vermüllte, versprayte, beengte Innenstadt brauchen wir endlich nicht mehr physisch zu bewohnen, haben wir doch für sauberen und bezahlbaren Wohnraum nur 10 km vom Zentrum der überalterten hochmütigen, politisch sperrigen Mutterstadt geschaffen.

Euer Bürgemeister und sein Team haben folgende phantastischen Pläne für eine rosigere Zukunft bereitgestellt:

  1. Zur Verbesserung der Erreichbarkeit unseres internationalen Vineta wollen wir eine Aufenthaltsstaxe erheben, die Einwohnern das Benutzen der Gassen von 10 bis 16 Uhr vereitelt, um unseren auswärtigen Gästen das Lustwandeln, Joggen, Fastfoodeln, Hundeausführen und Einkaufen zu erleichtern.
  2. Euer Bürgermeister hat unter Einsatz von Finanzen und Geisteskräften erreicht, dass MOSEs vergoldete, geharnischte und gehörnte Schleuse funktioniert

und der Einlass der Hochseeflotten und Kreuzfahrtschiffe trotzdem nicht behindert wird. Die Hafenbehörden haben die Steuerung dank unserer Autorität im eisernen, wenn nicht rostfreien Griff, und jede Störung des Schiffsverkehrs ist seither unterbunden, weil die Presse und die Medien von uns entsprechend aufgeklärt und weise koordiniert wurden.

  • Auswanderungswilligen Bürgern der Innenstadt wird künftig ein finanzieller Bonus ausgerichtet, um ihren Umzug zu erleichtern und ihnen die Aussicht auf eine neue, saubere, verkehrsfreundliche und lebenswerte Heimat zu eröffnen
  • Die freigewordenen Lokale und Wohnräume sollen umgehend bestbietenden Eignern überantwortet werden und Instandstellung, Umbauten und Umnutzung geniessen staatliche Unterstützung, sofern sie dem Souvenir-, Gast- und Herbergsgewerbe zufallen.
  • Wir haben zur Förderung der Grünheit Venedigs vor, zur ökologischen Verbesserung der Gewässer und Erhöhung des Fischbestandes für Ansässige eine wöchentlich dreitägige Abstinenz von Kontrazeptiven, Blutdruckblockern, Purgativen und Schmerzmitteln zu verhängen.
  • Unsere überaus erfolgreiche tr(i)ump(h)nahe Regierung hat für Venedig das P r o b l e m d e r Ü b e r b e v ö l k e r u n g g e l ö s t , m i t i h r e r z u r ü c k h a l t e n d e n Pandemiebekämpfung neuen Wohnraum erschlossen, Besitz und Einkommen verarmter Immobilieneigner gehoben, exrakomunitären Zuzügern und grenzwertig Hilfsbedürftigen ein Einkommen gesichert, die kargen kulinarischen Essgewohnheiten der Eingeborenen durch phantasievolle Exotika bereichert, die Modebewusstheit durch ein fleissiges Imitationsgewerbe bereichert, 20000 neue bewerbbare Müllkontainer aufgestellt, das Fernsehen demokratisiert, indem alle, auch die Abstinenzler einen Kanon bezahlen, wir haben die meisten Ämter aus der Innenstadt in den ländlicheren verkehrstechnisch erschlossenen Satellitengemeinden angesiedelt, das Gesundheitswesen zentralisiert und mit dem Bestattungsgewerbe zusammengelegt, das Überangebot von Ärzten gemindert, die überangestrengte öffentliche Beschwerdemöglichkeit so kanalisiert, dass nurmehr zwei mundschutzbewehrte – und mundtotgemachte Kläger auf einmal pro Tag, abgehandelt werden müssen, können, dürfen. Jeglicher Bürgeraufruhr kann nun dank Pandemie-Reglemente im Keime erstickt werden, ein Segen für den gesellschaftlichen Frieden unter Einwohnern, Viren und Bakterien.
  • Zur Unterbindung von Neid, Eifersucht, Raubgier und deren kriminellen Folgen, wird das Veröffentlichen von Besitz an Grundeigentum, Aktien, Miet- und Berufs- Einkommen, Spiel-Erträgen, Steuerauszügen, Schmiergeldern und Boni künftig strengstens verboten. Unser Bürgermeister geht mit heldenhaftem Beispiel voran und man hofft, die seit Äonen dauernde Korruption in den Administrationsetagen und Seilschaftnetzen der Stadt endlich auszumerzen und auf pure Familienbasis zu beschränken.
  • Da Jugend und Lehrkörper der universitären Institutionen Venedigs von gesellschaftlicher Dissidenz und politischer Opposition unterwandert sind und sich in weitverzweigten exzentrischen Nestern des Stadtplans angesiedelt haben und somit schwer zu überwachen sind, planen wir, das Bildungswesen zu zentralisieren und bestenfalls nach Mestre oder Padua auszusiedeln, um die freigewordenen Stätten besserer Nutzung für segensreichen Handel und Gewerbe entgegenzuführen
  • Mit der jugendlichen, sportlichen, jovialen und geistreichen Figur des Bürgermeisters B&B hat sich Venedig zum ersten Mal seit seinem Niedergang 1797 mit einem ethisch und moralisch integeren Ausbund der Vorbildlichkeit geschmückt, der die so lange darbende Stadt zu neuen unvermüllten Ufern aus der ökonomischen Ebbe wird erheben können. Die verbleibenden Bürger der Innenstadt, nun MOSE‘s

göttlichem Schutze ausgesetzt, erbeten auf den letzten zugänglichen Altären die Segnungen dieses gebenedeiten Führers der geschwundenen Massen in konvertierter Dogen-Münze oder -Mütze zu empfangen, auf dass er, wie sein Vorgänger im schönsten der böhmischen Dörfer, Dux, sein erfülltes Leben als Dux Sancti Marci in Würde und Ehre beenden möge! Der Stadtrat gründet hierfür eine Donazione Fondiaria für eine Casa Nova des zu Ehrenden, nicht auf einer Insel der Seligen, die er schon besitzt, sondern im Naturschutzgebiet der Brughiera Duchcov‘s für seltene Entartete, virtuelle Schwesterstadt Venexias, unweit des Grabsteins unseres berühmten Frauenhelden Giacomo, dem dort nie ein Standbild zuteilwurde, was aber durch eine geschwellte Büste Luigi Brugnaros längstens gesühnt würde.

  1. Nichts weiter, als die Hoffnung auf ein tourismusgesegnetes Jahr in dem wir nun einem Karneval entgegenfiebern, der die Reihen unserer Gegner dank Herdenimmunisierung ausdünnte, die heimische Plebs von Calli und Campi verscheuchte und unsere glorreiche Serenissima der Flut schweissgetriebener Barfüsser, –bäuche und –busen endlich wieder freigäbe, zugunsten aller vereinigten Weltbürger mit Smartphone und freigiebigem Portemonnaie.
  2. Die letzte These: Fiat luxuries!

Donnerstag, 28.1.

Nach der Vertreibung Trumps wird es wieder still ums weisse Haus: man kehrt zu den brennendsten gesundheitlichen und den alltäglichen Pflichten und vor allem den vernachlässigten, zurück. Die Presse hat ihr Lieblingsspielzeug verloren und sucht nach neuen Reizthemen.

Das Hickhack der Regierungsparteien dauert an. Vielleicht wird morgen ales ausgestanden sein und ein Kompromissvotum Conte ter inthronisieren, weil es offenbar nichts besseres gibt, als eine Mehrheit auf Messers Schneide wie bisher: quamvis sint sub aqua…Ausser Spesen, nichts gewesen.

Um meine Chatgemeinde ist es still geworden, einen unausweichliche Ermüdungserscheinung. Ich habe nichts Aufregendes mehr zu berichten, um weiterhin den Einpeitscher zu spielen, und mir ist mittlerweile der Humor ausgegangen.

Meine Ablenkung durch die neue Intruse TV ist fatal, weil sie alle schöpferischen Absichten abwürgt, das konstante Gefühl anregt, etwas in der Welt zu verpassen, das Selberdenken ermüdet und physisch das Augenlicht und die Nachtruhe beschädigt. Das Radio lässt sich einfacher zum Schweigen bringen, als die farbigen Bilder, die Lebendigkeit vortäuschen, wo keine reale stattfindet. Der über die Monate gewonnene Lupenblick auf die kleinen alltäglichen Dinge erweitert sich plötzlich, richtet mit verlorener Schärfe die Linse auf Gleichgültiges, Allgemeines Unwesentliches. Ohne es zu wollen, gehöre ich zur undifferenzierten Masse meiner umwohnenden Quartier- und Haussiedler, deren Mediengeräusche mir vergewissern, dass sie alle an ähnlichen Futterkrippen zehren: ich werde einer der ihrigen, p r o g r a m m i e r b a r , g l e i c h g e s t i m m t , e n t m ü n d i g t . D e r v o r g e b l i c h e Selbstbedienungsladen der Meinungen suggeriert Wahlfreiheit und ist doch gesteuert von raffinierten Algorithmen des Konsums, der Politik, der sozialen Mechanismen, die niemand mehr souverän durchschaut. Hochmütig, wer meint, er bewahre sich die Selbstständigkeit des persönlichen Entscheids.

Was dachte sich Bruder Klaus, als er in Ranft Frau und Kinder verliess, um ein paar Steinwürfe weiter ein (schein-?)heilighaftes Leben in Freiheit zu führen? War er sich

der Illusion bewusst, oder war er nur eigensinnig, närrisch und verbockt, sein religiöser innerer Ruf nur Vorwand, die eigene Seelenruhe zu finden? Hätte er wie Sokrates seine Xanthippe ausstehen sollen? Hat man überhaupt die Wahl, ein unbeschriebenes Blatt zu bleiben oder ein solches zu beschreiben? Wer beschreibt das des Einen und löscht jenes eines Anderen? Gunst und Missgunst des Schicksals oder Verdienst? Wieviele Heilige, Märtyrer, Fakire oder Brahmanen braucht es, um einen der ihren mit der Beschreibbarkeit zu würdigen?

Die Zufälligkeit, mit der Anne Franks Tagebuch an die Weltaufmerksamkeit gespült wurde, hätte einen Bruder Klaus oder Franz, einen Heraklit oder Sokrates, Laotse oder Konfuzius, Spinoza oder Bloch zum ewigen Schweigen bringen können. Was sind wir für trockene Herbstblätter im Wind, mit dem wahnwitzigen Anspruch auch noch beschrieben zu sein!

Freitag, 29.1.

7.00. Giorgio, von oben in die düstere Gassenschlucht hinunter einen guten Tag zu wünschen, ist ebenso erhebend für mich wie für ihn, denn seine joviale, beschwingte Antwort verrät, dass ihm das unverhoffte Gotteswort in die Glieder fährt und seiner Arbeit eine Ehrennote aufsetzt. Auch ich erlebe, wie die folgenden routinemässigen Pflichten, wie Toilette, Anziehen, Frühstück bereiten und Gedanken sammeln eine Art Ordre de Mérite erhalten, wenn ich dem Müllmann von Gottes Gnaden meine so unscheinbare reziproke Achtung erwiesen habe. Le jour s’éveille…

17.00. Kaum begonnen, so verronnen. Zweimal durch Castello getrabt, um nicht zu rosten. Manche Läden rüsten zur Wiedereröffnung am Montag, wenn das Veneto wieder begehbar sein darf. Menschen stehen wieder Schlange; irgendwie ist wieder etwas Leben im sie gefahren und manchmal lacht jemand. Eine Welt von Einhändigen, denn niemand, der nicht am Tropf eines Smartys hängt und mit irgendjemandem unsichtbaren spricht. Einst trug man Hüte, Spazierstöcke, Schirme, Handtaschen, jetzt nur noch Eines: Smartphones. Einst sprach man in Begleitung, jetzt mummelt jeder vereinzelt in die hohle Hand. Einst trug man einen hochgradigen Flachmann als Seelenwärmer in der Westentasche, jetzt vibriert die Seele digital. Neu ist, dass man hinter dem Mundschutz ein Mikrophon trägt, wie längst gewohnt die Ohrstöpsel. Und man skyped mit selfischiger Selbstverständlichkeit im Selbstbedienungsladen mit dem ungeduldigen Partner in der Küche, statt sich mit einer Einkaufsliste abzumühen. Man trägt Rucksack statt der Taschen, weil dem Handy hinderlich. Und das zahlt auch noch den Einkauf, den Bus, den Flug, das Kino, die Zeche. Bald wird der Herzschlag getaktet, Fieber und Magensäure gemessen und die Gigasekunden bis zum Tod errechnet. Oh tempora moribunda…

Mittwoch, 10.2.

7.00. Die Pfützen trüben sich im Nieselregen. Die Wolken schieben ihre schwangere Last kaum über das Dächermeer himweg. Die Marangona läutet mit verfliegendem Schall als einzige Glocke von San Marco her den Tag ein. In den angeleinten Vaporetti gehen die Lichter an. Arbeiter trotten schweigend zum Kaffee, um ihre Laune zu lichten. Speranza trägt ihre Tischchen vor die Tür, auch wenn sie weiss, dass niemand heute dort in der Nässe sitzen wird. Sie entschuldigt sich, dass ihre Cornetti von gestern sind; den Lieferanten erwischte wohl eine Unpässlichkeit, schlimmstenfalls die Pandemie. Sie nimmt den Boden mit der althergebrachten Candeggina oder Varecchina, dem gechlorten Putzwasser auf, man wüsse ja nie,

wer was woher hereintrüge…Ich bin ihr erster Gast, aber bald dampft es von durchschweissten Kutten, scharren klobige Stiefel, raunzen Idiome von Istrien, Po und Isonzo durcheinander. Am Montag hätten die öffentlichen Transportmittel gestreikt, aber kaum jemand habe es gemerkt. Am kommenden Sonntag sei Valentinstag, wer wohl wen wo küssen dürfe. Aus dem Radio plärrt bezahlte Lustigkeit, zwischen einem Spot für Toyota und dem nächsten für Baci Perugina wird die xte Eifersucht mit Mord geschlichtet. Streit um wer wohl wem heute den Corretto zahlen dürfe. Ein Vorarbeiter räuspert sich vernehmlich. Im Nu ist die Bar wie leergefegt. Speranza atmet durch.

Ein Regenmorgen wie mancher andere.

Montag,15.2.

9.00. Das Wohltätigkeits-Kabuff neben San Martin hat ungewohnten Zuspruch bei dieser Kälte: Winterkleidung tauschen hier die Besitzer zugunsten armer Exo-Bürger, ganz im Sinne Martins von Tour, mit dem Unterschied, dass die neben der Kirchentür reihenweise ausgehängten Mäntel, alle unversehrt sind, bzw. unzerteilt vom Schwerte des Heiligen, dem sich der Heilige Franz so weise entgegensetzte, indem er aus der halben eine ganze Sache machte und lieber Ganz- als Halbgefrorenes vertrat.

Dass der Italiener keine Martinsgans verspeist, dazu empathisch Tauben und Möven füttert statt sie zu braten, ist vielleicht eine atavistische Aversion gegen französischen Legenden-Import und die kulinarisch-modisch-sprachliche Suprematie des Erzfeindes der lingua d’Occa. Lieber sang man im Konvent Vivaldis mit Engelszungen, als Gänsezungen zu schnabulieren. Frankreichs aristokratischer Nationalheiliger, den erst Jeanne d’Arc sekundierte, ist bis heute eine Gegenfigur zum Poverello Italiens, dem Papa Francesco endlich Ausdruck verlieh und der sich dessen Namen borgte – eine letzte leise revanchistische Geste gegen das fatuale Exil der Päpste in Avignon auch wenn der Träger ein (piemontesischer) Argentinier – nun ja, auch eine Art Urenkel des Columbus ist.

Endlich ein Gegenpart zum Idol des Islam – dem Sektenführer der ismailitischen Assassinen – dem „Alten vom Berge“ – unser authentischer „Olle vom Berge“ italienisch-katholisch-jesuitischer Asti-reiner Aszendenz, wanderfreudiger Giorgio Mario Bergoglio – was will die mediterrane Seele mehr! Welch hinreichender Grund, hin-und hergerissen zu sein, selbst für einen Agnostiker von Berufung!

Mittwoch, 17.2.; le ceneri (Aschermittwoch) 2021;

[gewidmet an Portaceneri (Aschenträger) Giorgio und Cenerentola (Aschenputtel) Speranza]:

6.30. Für einmal begegnen sich Müllmann Giorgio und Barmaid Speranza, jeder in seine Pflichten vertieft, am selben Ort, zur selben Zeit an der Gassenkreuzung Calle dei Forni (Ofengasse) und Ramo della Pegola (Pechwinkel), während ich die Wohnung darüber lüfte und einen guten Morgen ausposaune. Dreieinigkeit pure. Oder besser die göttlichen Kardinaltugenden des Aquinaten Tommaso unter einem Tressenhut vereint: Hoffnung auf das Füllhorn der Wirtschaft, Glaube an die Gerechtigkeit der Güterverteilung und Liebe zur so arbeitsamen Kreatur.

Wenn Günter Grass sie als die „Ladenhüter des neuen Testaments“ bezeichnete, so hatte ihnen immerhin schon Platon und nach ihm Cicero, den moralischen Rückhalt von Maß, Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit verpasst. Die vier Beilagevirtualien

lassen sich zumindest auch auf Giorgio und Speranza anwenden – ich halte mich bescheiden zurück, weil am Fensterln ja nicht viel Tugendhaftes ist – sie, die tapfer der Kälte trotzen, klug urteilen, am letztlich doch gerechten Lauf der Welt nicht zweifeln, und massvoll wirtschaften.

Das venezianische Staatswesen wurde nicht müde, zur Belehrung des solidarischen Volkes all diese Tugenden in ungezählten Schriften, Bildern und Skulpturen dem Gewissen der Untertanen einzuhämmern, einzupinseln, einzudrucken. Es scheint mit solchem Nachhalt, dass so vorbildliche Figuren nationaler Hefe sie bis heute unbewusst und vollbrüstig dem Hoheliede der Rechtschaffenheit nachsingen und in ihrer Demut sich nicht gegen die Gewalt des Konsumismus, der von aussen angetragenen politischen Machtspiele, der Korruption und Spekulation zu wehren verstehen. So geht denn Venexia in wehenden Dunstschleiern Margheras an ihrer Tugendhaftigkeit unter, noch bevor sie die Wässer der Polschmelzen verschlingen. Im Wintereis Vivaldis treibend singt Ophelia…

Samstag, 20.2.

6.00. Mir träumte, ich stünde vor einem riesigen hölzernen Bohlentor. Es war so gross, dass ein Heuschober hindurchpassen würde, vom Genre des Heuwagens von Hieronymus Bosch, dachte ich. Aber aber die Scheune blieb verschlossen und ich wusste, das Tor führe ins Nichts. Nur eine Luke war ausgespart mit einem Gitter und Angeln, sie zu öffnen. Ich fragte mich, ob ich dort hindurchkäme von Schulter zu Schulter, aber dann wurde mir klar, wozu auch, wenn dahinter nichts anderes sei, als dasselbe Nichts, eine nichtige Aussparung im Nichts. Oder doch etwas? eine Art Schlauch zum Etwas, in dem man sich auf allen Vieren entlangbewegte, eine Lichtröhre, wie die desselben Hieronymus zum gleissend hellen jenseitigen Nichts? Ich erwachte schweissgebadet und enttäuscht, das Enigma nicht noch gelöst zu haben, den Blick ins Nichts oder Etwas getan zu haben, um zu wissen, ob es sich lohnt, hinzukommen, darin aufzugehen.

6.30. In der Gasse hat Giorgio seinen Karren mit einem stumpfen Laut abgestellt, polternd Schaufel und Besen entnommen, mich mit seinen Geräuschen zum Fenster in den grauen Tag gelockt. Er wischt und wischt, wie ein langsames Wanduhrwerk tickt, bis er innehält und heraufgrüsst. Das Nichts ist für einmal wieder verscheucht durch ein unbedeutendes Etwas, das Françoise am Mittwoch auf meine Glosse hin mit nichts als vier lakonischen Worten treffend „la grandeur du microcosme“ beantwortete.

Ist der Tod im Sterben nur ein ephemerer Durchgang zum Nichts? Frage ich mich. Warum ist er für viele so furchterregend? Das Nichts hat keine Attribute, Kennzeichen, Inhalte, Bedeutungen. Nichts Fassbares, also auch nichts Schreckendes. Nur der schmale schwanke Übergang zu ihm beängstigt, wie eine altersschwache Seilbrücke über eine Schlucht. Wer sie verbundenen Auges quert, kennt Angst und Schwindel nicht. Er verlöscht am Brückenkopf angelangt, schmerzlos im raum-und zeitlosen Nichts, Mücke im Feuerschein, ein erkaltender Funken.

Alle Religionen haben ans Brückenende zum eigens verbrämten Un-Sein ethische und moralische Wächter bestallt, den Zustrom zu steuern, zu filtrieren zu selektionieren; durch den Engpass der Sanduhr wird nur der geschleust, der dem jeweiligen Weltbild angepasst ist, ihm nützlich ist, der Apotheose zuliefert, das Gottesbild schönt. Auch wenn das Opfer nichts anderes als Nirwana ersehnte, Nichts. Endlich Garnichts. Das eigentliche Schöne, Wahre und Gute, die magische

Trinität des Seins, sollte doch im wohltuenden Nichts verschmelzen dürfen, wie drei prismische Glasfarbenstäbe in den Öfen Muranos zum Weiss virtueller Un-Farbe! Und es dank menschlichen Ungenügens nicht tut. Menschseidank versagen Zauberlehrlinge noch immer.

Wogegen die drei biblischen Jünglinge im Feuerofen, atavistische Versprechen auf Wiedergeburt sind, Handgeld jeglichen Leichtglaubens: Deine Individualität soll ja gerettet bleiben, Deine Todesangst beschwichtigt werden, Dein Wiedergang verbürgt – mit Speck fängt man Mäuse…und der grosse Manitou mit Schirmnimbus, Charmhaar und Zauberzylinder schaut gütig zu…

Mittwoch, 24.3. Bern

Ein Schriftsteller ist kein Bittsteller um Anerkennung sondern ein Fallensteller in dessen Ränken sich ein ahnungsloser Leser zu verfangen hat um gefangen zu bleiben…geht mir beim Erwachen durch den Kopf. Weder erfülle ich diese Bedingungen, noch zwickt mich der Ehrgeiz in die Sielen und Ränge der Autoren und Schreiberlinge zu gelangen; ich sehe mich als lorgnonbestückter Buchhalter einer winzigen Singularität im sonst spiessigen Weltall der Gewöhnlichkeit und zähle verschroben Minuten und Sekunden aus Denkfragmenten meiner intimeren Umwelt, ohne mich nach der Wirkung auf diese oder dem cui bono zu befragen. Ich hüte mich, die Frage nach dem WARUM zu stellen, um nicht stehenden Fusses zu verstummen und den letzten Lebenssinn zu verlieren. Gläubige, Völler, Raffgierige, Liebeskranke, Deppen, Deterministen oder Politiker sind zu beneiden, denn ihnen stellt sich die so existentielle Frage kaum. Ihr selbstzündender Motor treibt sie unentwegt blind und relativ glückhungrig und -selig durch die Weltgeschichte. Nur Künstler wie Gerold Meister oder Psychopathen, Philosophen oder Altruisten wachen jäh auf der Parkbank auf und erkennen, dass sie weder einem aufpeitschenden, noch einschläfernden Wahn verfallen sind. Und lassen sich vom Fass des Diogenes in die Ewigkeit rollen…

Ich bin soeben dabei, mein vornehmes rollendes Fass mit Küche, Bett und Bad abzustossen, aber die Parkbänke sind noch zu feucht und kalt. Noch sind meine Erinnerungen zu voluminös, sie auf einer Parkbank zu versammeln und sie täglich je nach dem Sonnenstand von der einen zur anderen zu tragen. Und den Mut zur Einsiedelei gewinnt man nicht aus Kartonfusel, Möwenfutter-Brot und Caritassuppen. Die dämonische Anziehung von Venedig ist mit dem Abscheu vor ihrer nurmehr und mehr künstlichen Existenz untermischt: sein Realitätsverlust wird bald nicht mehr zu ertragen sein. Einst glaubte ich, in Rom die Metropole der absoluten Geschichte, in Venedig die der absoluten Schönheit, Bern die der absoluten Geschäftigkeit und San Michele das Symbol der absoluten Natur gefunden zu haben. Als die absolute erste Familie zerbrach und ich mich auf meine absolute zweite Muse verbohrte, wuchs der Elfenbeinturm meiner absoluten Gefühle in die Schiefe: Es gibt keine Absolutheit. Punkt.

Bern, 26.3.

Ein an unser Grundstück reichendes Mauerstück ist unlängst übernacht mit blauen Krakelhieroglyphen besprayt worden, was mich folgenderart ärgert:

Egobrünzler und Chaoten

Die Tage werden länger, die Nächte milder. Aus ihren Löchern kriechen wieder die pickligen  Würstchen  verwahrloster  Eltern,  die  präkriminellen  Chaoten,  die

gernegrossen Schriftsetzer von Samstags und Sonntags, die baseballbekappten und Nike-bekloppten Selbstverwirklicher mit den Spraybüchsen, die ihre ganze ärmliche Welt sind, weil billig und schnell gezückt, ihre geruchlosen Markierungen zu setzen, Hunden des Tags und Katzen des Nachts gleich. Während die Welt sich bemüht, streetart als künstlerische schöpferische Manifestation einzubürgern, zu zivilisieren, ihnen Orte anzuweisen, wo sich Talente begegnen um zur Bereicherung der Betonwüsten beizutragen, sind diese Individuen meist verkorkste unbegabte Einzelgänger, die ihr Ego in Strichhieroglyphen bekanntmachen wollen, deren Grösse umgekehrt proportional zu ihrem Gehirn ausgelegt ist. Sie haben keine Ahnung von Ästhetik, der öffentliche ist Freiraum ohne zivile Gesetze und Gebräuche, ohne Liebe zu Umwelt und Bürgertum, ohne Verständnis für Eigentum und Privatsphäre, ihr Tun ist Diebstahl und Vandalismus am Kulturerbe, ist pure Dummheit und Bosheit, mit der man sich untereins brüstet und die Produkte einander digital austauscht, als seis ein „auch ich war in Arkadien“. Sie ignorieren oder erfreuen sich an den ungeheuren Kosten, die die Schäden am Kulturerbe zu beseitigen suchen, so, als bezahlten sie nicht selbst die Zeche dereinst als Mitbürger, wenn sie nicht straflos abfallen in Kriminalität und Schmarotzertum, von der mildtätigen öffentlichen Hand geführt in die Nebel des Abseits.

Ihr Tun generiert immer neue Adepten, besser Adeppen, wenn die Älteren ermüdet und gelangweilt abtreten, weil ihre Zeichen und verklauselten Urinierungen für Jahre stehenbleiben und das Auge der zivilisierten Deuter beleidigen. Die Wucherungen überdecken inzwischen Kilometer von Bahngemäuern, Unterführungen, Strassenzügen, Autobahnbrücken Dächern und Gebäudesockeln, eintönig, repetitiv, ein Stakkato sich wiederholender kindlicher Comic-Schriften, die schon Mickymouse- Hefte eines vergangenen Jahrhunderts bevölkerten, ein ödes, längst nicht mehr lustiges Krausgemüse an Kalligraphie niedersten Grades.

Hin und wieder melden sich politische Slogans zweifelhafter Aussage und Herkunft, Alibiübungen der Ignoranz und eingebildeter Pseudomoral, ihre Aktualität verblasst schneller als ihre Materialität, ihre Atavismen verfallen schon nach Wochen der Lächerlichkeit.

Wo sind die Eltern, die Schulen, das öffentliche Gewissen, die Medien, die Kulturinstitutionen, die Gesetzgeber, die solches Verblöden und Verarmen des öffentlichen Geistesklimas tolerieren, verschweigen, verdrängen, umdeuten, ja beschönigen? Vae victis!

Schicke diesen Erguss an die Redaktion der Quartierzeitung „Arena“. Keine Antwort.

Mittwoch, 7.4. Bern

7.00. Schnee soweit das Auge reicht. Ein schweigendes weisses Leichentuch liegt über aller Blütenpracht, die Ostern hervorgebracht hatte. Das Morgenlicht verzaubert eine monochrome Welt von Weiss-und Grautönungen, bläuliche Schatten und Hellungen brechen durchs Wolkenmeer, das die Alpenkette verhüllt. Rabenvögel tollen auf dem Nachbardach und rollen kleine Lawinen in die Tiefe, plustern sich in der Rinne und nehmen ein Schneebad. Die Katze Lilith räkelt sich auf der wohligen Fensterbank und schaut dem Treiben gelangweilt zu: zu früh um durch den weissen Garten zu spuren, das kleinere Vogelzeugs hat sie schon längst dezimiert und der böse Quartierkater dürfte noch beim Frühstück verweilen. Die vorwitzigen Rehe haben die Rosenknospen längst abgeerntet und haben sich dabei trotz Töpfe- Rasseln und scheuchenden Zischlauten nicht stören lassen. Was machen wohl die Schmetterlinge, die vorgestern noch herumschaukelten und die Bienen, die im

Mirabellenbaum summten? Den Aprikosen ist der kleine Rückfall in den Winter egal, ihre Blüten waren schon am Schrumpeln und die Früchtchen bestellt. Der Hasel hatte sein Gold ausgeregnet und die Föhre beim Wetterwechsel ihre letztjährigen Zapfen zuboden geschickt.

Aus den umgerüsteten Kaminen dampfst erneut wie Gemüsesuppe und die zum Bus schlurfenden Passanten haben ihre Pudelmützen wieder aus der Mottenkiste gefischt. Man denkt an Goethes Pfingsten und Morgensterns Seufzer auf dem Eis, andere buchen einen Flug nach Mallorca, um endlich mit den Nachbarn in ein bierseliges Gespräch zu kommen und mit dem 15. Badekostüm zu protzen.

Die Schneeschippe darf weiter rosten, die Sonne leckt am Zaun, zum Abend wird der Zauber vorbei sein. Fiat lux.

Dienstag, 3.5. Venedig

5.30. Meine Amsel singt mich aus dem Schlaf. Noch sind die Impfwirkungen nicht ausgeschwitzt. Aber der wolkenlose Tag treibt mich nach Speranzas Morgenschwatz durch die Gassen. Ivan wurde seit langem nicht gesichtet. Neue junge Möwen blinzeln mich misstrauisch an. Mit den wenigen Tauben habe ich Frieden geschlossen: sie verkackten die Stadt weniger als die einstigen Touristenhorden. Letztere, nurmehr auf wenige Exemplare reduziert, sind mehr Bergsteiger auf Hochgebirgstour oder Orientierungsläufer mit stur aufs Handy gerichteter Vermummung, als gebildete Lustwandler. Sie machen den evolutionären Rückschritt zum animalischen Gebeugt-und Gebücktsein, parasitiert von einer elektronischen Schildlaus, die sich auf das Vertilgen von Synapsen spezialisiert hat. Diese Symbiose ist die schlimmste Pandemie des Äons und wird das Zeitalter des Homo sapiens beenden.

Freitag, 7.5.

6,30. Müllmann Giorgio freut sich über meine Rückkehr und erhofft sich einen baldigen Impftermin.

7.00. Speranza trägt immer neue selbstgemachte hübsche Mundschutz-Körbchen, die zum jeweiligen Outfit passen. Ihre Koketterie lässt sich nicht von der Pandemie unterdrücken. Man müsste sich neue Komplimente einfallen lassen! Sie klagt indessen, die Provinz falle in die orange Zone zurück, wenn‘s so weiterginge und es drohten neue Schliessungen und absurde Reglementierungen. Das Volk sei zügellos und die Sterbeziffern würden weit unterschätzt.

7.30. Der Strom der am Molo anlandenden Arbeiter kreuzt sich – neben den anbrandenden Horden von jugendsüchtigen Joggern – mit dem der gestressten Hundehalter, deren ungehaltene Lieblinge sich stetig verjüngen und vermehren. Der Appeal der jüngeren Männer auf die Weiblichkeit scheint sich auf die Caninität zu verlagern, die bislang Vorrecht alter fülliger Weiber und zittriger Greise war. Die Vermummung der Frauen wirkt wie ein Sedativ auf die männliche Reizanfälligkeit: ausgefallene Hunderassen boomen und die überall liegengelassenen schwarzen Kotsäckchen verbiestern das das auf Reinlichkeit gemünzte Gemüt Giorgios, der die unzivilen Halter zum Teufel wünscht. Was so in seinem Karren landet, ist beschreibenswert: entwurzelte trockene Zwergbäumchen, von ihren Leinen entflogene Unterwäsche. vom Fensterbord gefallnes Geschirr, hin und wieder eine zusammengerollte dem Nachbar untergeschobene Matratze, säuberlich gebündelte Aktenordner, eingestampftes Elektrogerät, kopflose Gartenzwerge, noch eingeschweisstes  buntes  Picknickbesteck,  ein  linker  Schuh  des  Manitou,

zerkleinertes Kinderspielzeug, dreibeinige Plastiksessel, durchgebrannte Lampenschirme, „NO grandi navi“-Fahnen, Katzenstreu, versteinerter Gipsmörtel, abgelaufenes Rattengift, Weihnachtsdekor, eiernde Einkaufswägelchen, von Möwen zerfledderte Tragetaschen mit Essensresten, Nippes von der letzten Kreuzfahrt, Rauchwarenabfall…

Auf den städtischen Müllkontainern und an den Plakatwänden erscheinen Manifeste, die zum Boykott von Feiern zu Ehren Napoleon Bonapartes, am 5. Mai vor 200 Jahren erfolgten Todestages ausrufen: er sei ein Verbrecher gewesen, der die venezianische Republik, die heuer ihre 1600-Jahrfeier begeht, zerstört habe. Sein Abbild wird dem Adolf Hitlers gegenübergestellt, ein starkes Stück für jeden Geschichtsbewussten, doch am Image Napoleons zu kratzen ist mitunter berechtigt, wenn man bedenkt, dass die Lagunenmetropole noch heute unter den kulturellen und sozialen Nachwirkungen des damaligen Politschachers zwischen Frankreich und Österreich leidet, der den Untergang der Stadt als europäische Musterrepublik besiegelte. Die Rückkehr des Korsen zum anachronistischen Kaiserkult und seine Triumphe auf Millionen von Leichen seiner rücksichtslosen Kriege und den unsäglichen Plünderungen, seine Rolle bei der Wiedereinführung der Sklaverei, ist in der Tat unverzeihlich und durch keinen Code napoléonien aufwägbar.

Sonntag, 9.5.

6.00. Meine Amsel sitzt auf der Nachbarsantenne und singt verhalten, ja fast ungewohnt leise in den wolkenlosen Morgen. Ein Täuberich setzt sich fett auf den nächsten Empfänger und gurrt sie verärgert an. Vom nahen Nest her stöhnt im Staccato seine vermutlich eheliche Brüterin. Das nachbarliche Einvernehmen ist sichtlich gestört. Meine Amsel resigniert ob der barbarischen Misstöne und fliegt einen entfernteren Sendemast an. Schliesslich verscheucht im Pfeilflug eine Möwe den übriggebliebenen Zeterich. Ich schliesse mein Fenster, löffle mein Müesli gesanglos und warte auf das Geläut von San Martin oder das Läuten Michele de Martin‘s an der Haustür, mich zum Cappuccino vor dem Chor der 40 Löwen abzuholen. Diese haben das erprobtere Sitzfleisch und spotten aller gesanglichen Ambitionen.

Samstag, 22.5.

Mittags. Mit dem Biennaleauftakt hat sich die Stadt wiederbelebt: Hotels öffnen schleusenartig, Restaurants bereiten sich auf die Lockerungen mit Lockpreisen vor, die Bars quellen über an spritzwütigen Gästen, die afrikanischen Bettler stehen wieder überall herum, gestählt und gestylt, mit Hundeblick und geheucheltem Gruss. Es sind vor allem gebildetere Touristen, meist zu zweit oder in kleinen Gruppen ohne Führer und zielbewusst. Sie kennen Gegend und Rituale, verbreiten sich über Gesehenes und planen Ungesehenes. Meist sind sie unbieder gekleidet, midlifebewusst, ohne Rucksäcke, aber beschwert mit kunstbedruckten Taschen aus entsprechenden Pavillons. Meist haben sie keinen Blick für das städtische Volk und seine Umgebung, machen keine Selfies und verachten den Touristenplunder der Stände entlang der Riva oder in den Vitrinen des Gassengewirrs. Sie sind schliesslich die intellektuellen Zugvögel, die immer schon einfielen, wenn sich Biennalen und Mostra del Cinema die Hand geben. Sie kennen einander und bleiben untereinander, wollen gesehen und erkannt werden. Nur keine Promiskuität mit dem gemeinen Volk, das es ja ohnehin kaum noch gibt und dieser Tage lieber im Vogelbauer bleibt.

Mehr denn je geben sich Pärchen jeden Alters die Hand: die Pandemie hatte sie ja unbarmherzig getrennt, nun darf wieder geschmust und geturtelt werden! Auch wenn die Maulkörbe noch zwischen brav und schlampig getragen werden. Wer einsam lustwandelt, tut dies zumeist mit einem Hund jüngster Auslese und Exotik: nie habe ich hässlichere röchelnde Möpse, quiekende Pinscher und riesige struppige Herdenhunde gesehen als in dieser covidgesegneten Zeit. Was wird ihnen geschehen, wenn die Affenliebe verflogen, der Hundehalterschwatz keinen Vorwand mehr liefert, das Gassigehen ob des Häufchensammelns keinen Spass mehr verspricht und das Haushaltbudget überdurchschnittlich gelitten hat? Der Tierschutz wird’s wissen!

Pfingstsonntag, 23.5.

„Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen; es grünten und blühten Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel; Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen, Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.“ (Goethe, Reineke Fuchs)

Wer dachte schon damals an die ersten südwärts pilgernden Touristen-, Biker-, Mücken-, Tauben- und Paparazzi-Schwärme! Wer an Himmelfahrt und Ostern seinen Stau wegen der Sarserei verpasste, kann ihn heute nachholen, denn die Verkehrspfleger schliessen ab heute beide Augen zu: kommt doch die mobilverkehrte Welt, am innern Zwang zur Ruh.

Wir stolzen Menschenskinder Sind eitle Bussen-Sünder, Und lernen gar nicht viel.

Wir spinnen Luftgespinnste Und suchen Umfahr-Künste,

Und kommen weiter nicht zum Ziel.

(frei nach Matthias Claudius‘ Text gemäss Asmus omnia sua secum portans (1783))

Aber sie kommen, sie kommen! Die letzten Maitage wollen gefeiert sein! Selbst Speranza und Tochter Isella schubsen sonntäglich die Rollläden hinauf und erwarten die „neuermunterten“ Schwärmer mit dem begründbaren Duft von mikrogewelltem Backwerk und geschäumtem Kaffee.

Der Himmel macht gute Miene und ist so heiter wie die Möwen, die in kühler Morgenluft bereits ihre Sturzflüge auf Pizza und Cornetto üben, die der pickmickrige Maulaffe Mensch am Molo gegen Mittag feilhalten wird.

Und dort freigeschwommen nach Rilke:

Herr: es ist Sommer-Zeit.

Der Sarsen-Kummer war sehr groß.

Leg deine Schatten auf die Sonnenbrillen, und auf den Fluren lass die Hunde los. Befiehl den ersten Früchten voll zu sein; gib ihnen kaum noch bodenreife Tage, dräng sie mit Phosphor zur Vollendung hin und jag die erste Süße in den Secco-Trank.

Wer jetzt kein Auto hat,

kauft keines mehr.

Wer jetzt im Stau steht, wird es lange bleiben, wird fluchen, nasebohren, lange Lücken meiden

und wird in Strassenschluchten hin und her mäandern,

wenn ihn die Parkuhrn treiben. Ach Venexia, Du fussfertige, hab Dich doch trotzdem lieb!

Pfingstmontag, 24.5.

7.00. Ein das Gemüt berieselnder Regenmorgen. Im katholischen Italien ist heute kein Feiertag. Speranza wundert sich, dass man nach dem Pfingstsonntag blau machen muss; ist die Ausgiessung des Heiligen Geistes im Norden Europas etwa mit einem hohen Pegel geistiger Getränke verbunden, den man im nüchternen Süden nicht kennt? Oder benötigt das Pfingstpilgern von Nord nach Süd einen vollen Rückreisetag? Oder war man genötigt, den unvermeidlichen Protestanten-Stau in vorauseilender Willfähigkeit zu heiligen? Oder wars einst eine Schrulle Sankt Gotthards, die verschneiten Pass-Schenken und -Alberghi einträglicher zu bevölkern?

Die Antwort ist wohl so komplex wie der kurzschlüssige Entscheid, ob ein Spritz mit Prosecco, Cynar, Martini, Campari, Gin, Limoncello oder Aperol versetzt werden soll. Ein tiefgründelnd geistiger offensichtlich, der in Kugel-Blitzesschnelle gefällt werden muss, um den Cameriere nicht zu verärgern, der noch Hunderte von Spritzen verabreichen muss, bevor die beflügelte Pandemia ihr 18-Uhr-Schwert senkt und alle Gemütlichkeit köpft. Kollateralschaden: Ernüchterung on the rocks. Santé oblige. Xundheit obliegt.

Dauerregen, wie ich ihn liebe, weil er alles Leben auf das Nötigste beschränkt, schnörkellose Natur, zeitloses Verdauern und Vertropfen, keine Zwänge, irgendetwas zu Tun, irgendwen zu treffen, irgendwohin zu denken…Stille und leise Rauschen vermengen sich zu einem Vorhang der existentiellen Ruhe. Das Ich entkleidet sich des Nessoshemdes aller Bedigtheiten, wird wach und aufmerksam: MAN IST sich selbst.

Dienstag, 25.5.

Der Tod von 14 Ausflüglern, die bei Stresa mit einer Seilbahnkabine abstürzten, das Highjacking der Weissrussen einer Ryan-Air-Maschine, um einen Dissidenten abzufangen, die mühevolle Einstellung der Kriegshandlungen in Palestina bewegen die Medien zurzeit mehr als der politische und sanitäre Corona-Rummel. Venedigs Tourismusindustrie erwacht und scheint nichts gelernt zu haben: Die Kreuzfahrtschiffahrt beginnt im Juni wieder mit Anlegeprivilegien und ökonomischen Schummeleien. Das pompöse Stolzieren der Riesenpötte vor San Marco soll

„vorübergehend“ wieder erlaubt sein, bis der alternative Lagunenzugang von Malamocco über Mestre nach dem Hafen Venedigs geregelt und technisch gelöst sei. Die Lagune habe keine Schutzrechte vor dem „Überleben“ der Stadt. Das indigene „Volk“ habe es so gewollt, lügen die gekauften Zeitungen. Der funktionierende MOSE ist das Zückerchen, der angedrohte Wohlstandsverlust die

Peitsche der Wirtschaftsbosse und –propheten, die nur auf die Zitzen Europas spekulieren, ihren Traum vom Las Vegas der Adria zu vollenden, dieweil Kleinhändler und Handwerksbetriebe eingehen, sanitäre und soziale Assistenzen, Schulungszentren und der Fürsorge- Wohnungsbau an Mittellosigkeit darben, die Kulturszene verarmt und verludert. Die Pandemie, die uns den Weg wies, wie Venedig wirklich sein könnte, wenn man die richtigen Massnahmen ergriffen hätte, die fatalen Zustände zu sanieren, ist kein Hebel mehr, etwas zu ändern: zu schwach der Impakt auf die eingleisige Psyche von Dirigenz und Finanz.

Mittwoch, 26.5.

Kalt und windig, ich verkrümele mich nach dem Cappuccino in die warme Wohnung. Boris vertont einen symphonischen Traum, den ich mit Calderon zu kurzem Leben erwecke. Ich muss ihm die Lust auf Venedig mit meinen bösen Glossen etwas vermiest und seinen Lebenstraum im Sinne der Klage der Witwe Bolte in Max und Moritz veräppelt haben: „Meines Lebens schönster Traum / Hängt an diesem Apfelbaum!” Ich ergänze das Bild des Adam von Rizzo im Palazzo Ducale, der offenbar von einem Covid-Husten befallen wird mit der Beischrift:.

„Venedig [pomerium sacrum des Veneto] ist der Apfel der Versuchung, der Adam im Halse stecken blieb, als sich seine Eva zum Schlangenweib entpuppte und als Canal Grande davonschlängelte…Diese Metamorphose fehlt bei Ovid…weil der christliche Mythos den Schluckauf Adams vertuschen wollte…“

Boris schweigt entsetzt zu meiner Blasphemie.

Samstag, 29.5.

Hatten mich gestern noch die Tiefflüge der Marineflieger gewundert, so lehrt mich Speranza, dass heute der Salone nautico 2021 eröffnet würde und die Marine sich gegen Mittag in grossem Pomp darstellen wolle. Hier grüssen stramm einander schmucke Marinesoldaten in gebügeltem Dunkelblau, frischgeweisste Carabinieri und andere der arma del genio in Feldfarben, Kadetten salutieren und stolzieren auf und ab, Tiefflieger köpfen fast den Markusturm, ein kleines putziges Kriegsschiff hat angelegt, das Arsenal wird von Besuchern gestürmt (bis zum 6. Juni), die Müllmänner wienern den Molo, heissa, fast ist Krieg!

Ich verstehe nun, warum man Wagner und Verdi gestern neue Nasen anklebte und die Möwen wie gebürstet wirken, das Fischsterben unterbrochen, jede Frau namens Marina für die Ewigkeit gepökelt und Speranzas Bartheke vor lauter Uniformen, Epauletten, Goldborten und Orden eingedrückt wird.

Boris schickt einen melodiösen Dada-Gruss, der zum Geschehen passt.

12.00. Die Frecce dell’arma donnern in Sechserformation über Arsenal, Bacino und Inselkranz, lassen ihre Farbstreifen am Himmel zurück, kommen zweimal für Sekunden zurück – vorbei ist der Spass, der Hunderte von Zuschauern zum Arsenal gelockt hatte, wo der Salon Nautico 2021 eröffnete. Roberto und Speranza hatten neben dem Brunnen des Campo sechs Tischchen unter Sonnenschirme gestellt und bedienten von der Bar aus die Gäste im Sauseschritt mit Prosecco, Tramezzini und Spritz, den ich als 100-Meter-Sprintz zu benennen beliebte.

Ich sass dort zwei Stündchen als Platzhalter und Lockvogel, sekundiert durch die Francoitalienerin der Nachbarschaft, die in einem Pianterreno wohnt und trotz des MOSE die Flucht ergreifen will, deren recht gescheite Redeflut ich kaum unterbrechen konnte und wollte. Wir quatschten über das Quartier und seine

humanoiden Wundervögel, unsere Reisen und die Zukunft der gebeutelten Stadt, waren einig, dass man den Bürgermeister ertränken und die Kreuzfahrschiffe versenken müsse.

Der Regen weiss nicht recht, ob er regnen soll und die Sonne ist zu müde ihn davor zurückzuhalten. Ich mache dem Samstag ein unrühmliches Ende und faule mich durch den Nachmittag bis zum Abend, durch Programme hastend, die aber alle meinem Geschmack nicht zusagen. Boris vermeldet einen für ihn positiven negativen Covid-Test und wird sicherlich die nächste Hürde zum Flixbus meistern. Meine ischiatischen Füsse fürchten seine voraussehbaren unermüdlichen Marschgelüste und ich überlege, was ihn an Kirchen, Ausstellungen oder Museen bremsen könnte.

20.10. Meine Amsel schmettert auf ihrem TV-Mast der sinkenden Sonne ein Oratorium an Virtuosität hinterher.

Sonntag, 30.5.

7.00. Halte verzweifelt Ausschau auf meinen Cappuccino, aber der Rollladen schweigt. Als ich aber unsere beiden Tauben – sie tragen je einen weissen Fleck auf dem Rücken – im Passgang die Gasse heruntertorkeln sehe, schwant mir, dass es um 7.20 noch nicht zu spät sei, die Hoffnung auf Speranza aufzugeben: in der Tat rumorts in den Innereien der Bar mehrstimmig zum Auftakt eines sonntäglichen Arbeitstages. Man verweigert mir, Mutter und Tochter die neuen Tische und Stühle zum Canale tragen zu helfen. Betty schiebt soeben grüssend ihre Zwillingsenkel vorbei, dieweil ihr Mann mit Hund Juke sein Fett abstrampelt, während nun auch Arduino eintrifft und beklagt, Barnaba sei der Unhold, der immer wieder seine Mülltüten von den Möwen zerhacken und zerstreuen liesse. Und in einem Nebenhaus sei soeben die Mutter Rodatis mit 84 gestorben, die vorher in der Wohnung des „Mongolo“ lebte und immer so schnarchte, hustete und stöhnte, dass bei mir die Scheiben klirrten. Der Trauer-Anschlag an der Kirchenpforte bildet eine hübsche Vierzigerin ab, die sich kaum mit der mir erinnerbaren Hexe Kaukau abgleichen lässt. Ivano ist nicht wieder aufgetaucht, ich muss mich nach ihm erkundigen, bevor er an der Tür von San Martin prangt, beweint von seiner Zwiebelfrau Wanda (den auch kein Osiris aus seiner geistigen Nacht wiedererwecken würde)…Mikrodramatik im Taschenformat.

10.00. Ich besetze als letzter Lockvogel des Lockdown eines der sechs noch immer leeren Tischchen am Kanal und im Nu sind sechs Milaneser Gäste und zwei Franzosen im Anzug, die den Salon besuchen wollen, die ich vor dem Wiederabziehen mangels Wirtin hindere. Speranza schickt mich nach vollendeter Rettung des Geschäfts in die Binsen. Der Laden laufe von selbst. Trotzdem: Ci vuole un campanello…oder einen Spiegel, der um die Ecke sieht…

Im Kanal üben fürs Salon-Publikum zwei Marinetaucher in der getrübten Brühe nach imaginierten Leichen und anderen Sprengkörpern: Die übrige aussenbordbewaffnete Gummibootcrew ist sinnigerweise blaugetarnt. Ihre grüngesprenkelten Landser- und schwarzen Carabinieri in Sonntagsdevise schauen von den trocknen Fondamenta aus angewidert zu. Arma virumque cano…(Vergil, Aeneis 1,1)

Was sagt man zur 777sten TB-Seite? Pleite. Ohra et Schlappohra hätte mein Grossvater Helmut gesagt. Und führte nie ein Tagebuch, obwohl sein Nibelungen- Deutsch das Wagners bei weitem übertraf.

Samstag, 26.6.

6.30. Eine von schlaflosen Unterbrüchen gestörte Nacht: die Invasion einer Mücke versetzte die Wohnung in ein ruhmloses Schlachtfeld, dem sie offenbar siegreich entkam, nachdem ihre Sturzflüge auf jegliche offenliegende Haut erst endeten, als ich mich ins Innere eines Bettbezugs verschanzte und ihr nurmehr eine lange Nase zum Angriff offenliesss. Die Walstatt stank nach Insektizid und Kerzenruss denn weder Chemie noch eine offene Flamme lockte das Vieh aus seinen Hinterhalten und Tarnkappenangriffen. So werde ich für die kommende Nacht eine neue Maginotlinie entwerfen müssen, mit Sprengfallen und Elektrozäunen, einem Fluchtbunker mit Reissverschluss und eine mit Fliegenkleber bestrichene Pulcinella-Schnabelmaske als Nasenschutz. Mal sehen, wer das combattimento des Trankredi mit der sarazenischen (besser zanzarenischen) Clorinda diesmal gewinnt!

8.30. Oh je. Ich finde Clorinda an Sauerstoffmangel sterbend im ungemachten Bettlaken ganz nach Monteverdi mit blutendem Herzen und der christlichen Vergebung gewärtig. Sie ging gemäss Tassato Torchio „Ver altra porta ove d’entrar [non più] dispone” (Ger.lib.1,4) und:

“in atto di morir lieta e vivace, Dir parea: “S’apre il ciel, io vado in pace.”

(ibidem 16, 7-8), Burgfriede sei mit ihr und ihrer Nachkommenschaft, die bereits am Fliegenfenster zirrt.

De mortuis nil nisi bene. Eine tote Mücke ist eine gute Mücke.

Montag, 28. 6.

Kühler wird es erst nach vier, wenn Tauben und Möwen wieder lärmen, der bald volle Mond eine Handbreit über den Dächern im wolkenlosen Morgengrau erbleicht und die ersten Nikotinasthmatiker zu husten beginnen, während ich die durchschwitzten Laken lüfte.

Ab heute kann man ohne Mundschutz im Freien lustwandeln und man stirbt weniger an Corona- als an Koronar-Verengung; doch droht eine rasend ansteckende Delta- Mutante am Ferienhorizont, im Deltasturzflug das virusfreie Aufatmen der Nestflüchter niederzuwürgen.

Die Durchseuchungs-Kreuzfahrtschiffe warten an den Piers Europas, um nach Mallorca, Ragusa-Dubrovnik oder die Philippinen auszulaufen, ihre Bier- und Sangria-Ladungen löschen zu dürfen. Allegria ist zurück weil man sich wieder ohne Mascherina küssen darf, und Allergia auch, weil man sich wieder näher kommt als unbedingt nötig oder wünschenswert.

7.30. Müllmann – mittlerweile von mir zu dessen Stolz Buongiorgio getauft – beklagt sich, dass er per Ordonanz so spät wischen muss und somit in die Hitzezeit und die Beine der Passanten gerät. Gemäss der Evolutionsgesetze, meint er, werden Bevölkerungsdruck und Frauenpower, Möwen und Haushunde, Schulden und Verschwendungssucht, Ansteckungsgefahr und Joggingschäden, Kreuzfahrschiffe und Vergnügungsparks, Strom- und Wasserrechnung, Kriminalität und Umweltverschmutzung immer grösser: prompt verspätet er sich mit unserem morgendlichen Schwatz am Molo immer häufiger und länger. Ich bekränze ihn dafür mit der Auszeichnung des akku-entratensten Dreck-Spazzino Venedigs. Wäre er nicht so sonnenverbrannt sähe man, wie er schamvoll, aber wonnig errötet… Morgenstund hat Gold im Mund – „aurora habet aurum in ore“ etwa zu deutsch:

„Aurora trägt Goldklunker am Ohr…“ – Ja die Frauen, die schlauen…!

Dienstag, 29.6.

3.00. Die nächtliche Hitze ist zunehmend unerträglich. Wie vor zwei Jahren treibt sie den Druck ins Hirn, erzeugt Schwindel, schwellende Gelenke und Schlaflosigkeit, treibt Schweiss in die Laken, lässt Dutzende Klimamotoren surren und die Mücken ausschwärmen. Kein Ort, einen Sommer auszuharren. Das Schreiben wird zur blossen Pflicht, Lesen zur Mühe, der Humor vergeht, das Gassigehen mit sich selbst wird lästig, Selbstgespräche drehen im Kreis, Freunde haben kaum noch etwas zu sagen, die Familien verstummen. Die Wiederkehr des Gleichen vertreibt alle Lust auf Neues. Die Tage versumpfen in Gleichgültigkeit und Langweile. Wenn die Sonne ihren Lauf einhielte, würde es kaum jemand bemerken.

Wohl dem, der Aufgaben zu erfüllen hat, Reisen muss, Treffen vereinbart, Wecker stellt, Agenden führt, Wäsche wechselt und Menus buchstabiert. Er hat sich keine Fragen zu stellen. Nach Sinn und Form seines Daseins.

Der Plot oder Abstract meines Lebensromans ist längst geschrieben – so unbedeutend er auch ist. Ich muss ihn zuweilen wiederlesen um zu prüfen, ob er wahr und wirklich war und noch immer ist. Denn er wandelt sein Gesicht und Gewicht von Tag zu Tag, von Tag zu Nacht, von Jahr zur Stunde. Je nach Blickwinkel und Gemütslage ist er mal Chimäre, mal Karneval, mal Abgrund, mal Wonne. Mal überfällt mich Ironie, dann homerisches Gelächter, mal Tristesse, mal Verzweiflung, mal Sehnsucht, mal Lust auf mehr.

Jedes Bühnenstück braucht einen überzeugenden, ob tragisch oder komisch applausiblen Abgang, ein resümierendes Statement, eine Coda, die alle Tendenzen und Abläufe in sich birgt, die man noch einmal aufgeführt und memoriert wissen will, bevor man aufsteht, die Spieler bedankt und zur Garderobe geht.

Mein Plot wäre schnell erzählt und fände auf zwei Seiten eines Programmheftes Platz, ob es nun eine komische Oper Goldonis oder ein Kammerdrama Strindbergs wäre. Selbst eine Novelle Maupassants, Gogols, Mark Twains oder eine Gotthelfsche Idylle liest sich vergleichbar in erträglicher Kürze.

Die Protagonisten sind X, und Y, die sich nacheinander Z teilen wenn nicht W wäre, der am Ende die Abläufe stört. Eine eigentlich recht alltägliche banale Geschichte zwischen Partnern und Generationen.

Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail…

Donnerstag, 1.7. Versuch eines Abgesangs

Spätes Erwachen aus absurden Träumen, umringt von einer Ahnengalerie verblichener Freunde. Die Toten sind allgegenwärtig, als wollten sie mich in ihren Reigen aufnehmen. Die Chimären aus Woyzeck sind auferstanden: der Eifersuchtsmord, die Plagegeister einer Weltordnung, die ich nie geschaffen hätte, Erbsenzählen, Erbsengericht wie Müesli-Alltag, Monotonie, Atonie, die Absolutheit von Vereinzelung, Einsamkeit und Tod.

Kofferpacken verlangt die Berechnung von Zeit, die so relativ ist wie der Zufall. Wie lächerlich ist es, die Anzahl von Stücken Unterwäsche zu zählen für einen Gang ins Leere, Ungewisse. Was lässt man in einem Kühlschrank, den man vielleicht nie mehr öffnet. Wie hinterlässt man eine Wohnung, in welche Andere dereinst einfallen werden. Jedes Staubkorn ist ein kleines Testament. Jedes Buch, das man nicht gelesen hat, eine Bosheit. Jede Notiz, ein Fragezeichen an verlorene Zeit. Der Computer ein Hort von Fragmenten, die sich nie mehr zusammenreimen lassen. Ich habe keinen Acker bestellt, keinen Regen beschworen, war für kein Licht besorgt,

das Meer von Dunkelheit in meiner Geschichte zu erhellen. Das Scheitern habe ich um des Scheiterns willen gehätschelt, den Untergang Venedigs wie Nero besungen, und war nur ein noch schlechterer Schauspieler.

Fragte man mich, ob ich mein Leben anders angelegt hätte, wenn ich es wiederholen dürfte, müsste ich bekennen, dass ich es gar nicht anders hätte bestreiten können, die Veranlagung, die Gene, die Lehren der Antenaten, die Zeitläufe, Zufälle und Bedingtheiten mussten mich so gängeln, wie es kommt. Es gibt keine Schuldigen die ich für Fehlgänge einfordern könnte, weder Klagen noch Anklagen sind uns erlaubt, Verantwortung abzulehnen, Zwänge zu belasten, Schickungen vorzuschieben. Jeder ist der er war und war, der er ist. Ich habe meine Bürde selbst und bis zum Ende des Pfades zu tragen, den man mir in DNA-ketten, biologischen Schaltkreisen und Gehirn-Synapsen vorgeschrieben hat. Diese in Selbstregie beherrschen zu können, ist Illusion – obwohl wir darin, dafür und davon zu leben glauben.

Es ist das Schicksal eines jeden Tagebuchs, dass aller Tage ein Abend ist, eine Nacht, aus dem es nicht wieder erwachen kann, weil seine Tage gezählt waren von Anbeginn an. Es ist somit Fragment, wie wir selbst immer nur Fragmente sind, in dem jedoch stets der Mikrokosmos einer jeden Zelle für das Ganze spricht, Spiegelbild des zeit- und ortlosen Weltkosmos. Eine beruhigende Gewissheit. Die Relativität zieht ihre Schleifen immer wieder zurück zu sich selbst, als ewige Wiederkehr, ein jeder darf sich als Singularität begreifen und der Kosmos straft uns nicht dafür, ist doch unsere Existenz Auflage und Geschenk genug, je nach der Perspektive, die uns gegeben ist.

Soll ich dieses Exil beenden wie ein Archibald Douglas Fontanes – „Ich hab es getragen sieben Jahr / Und ich kann es nicht tragen mehr / Wo immer die Welt am schönsten war / Da war sie öd‘ und leer…- oder soll man seine familiären oder ortsgebundenen Wurzeln mit Nachdruck und Überzeugung zurückerobern als sei es Recht und Ordnung, Mannespflicht und Rückgewinnung verlorener Würden? Also in einer Arena zwischen Jammer und Mut? Oder besser im Dunst zwischen Werbung und Stolz? Als Vabanque-Spiel oder Turnier? Zwischen Kaffeesatz-Lesen und Psychotherapie? Ist es das alles überhaupt wert? Exile sind Vexierbilder, Visionen.

Ich habe auf Signale gewartet und solche zuweilen zu provozieren versucht, die erkennen liessen, ob sich der Lebensstatus quo von selbst verändern könne. Hat er nicht. Sind die Spieler blind, wenn sie nicht wissen, in wessen Feld der Ball liegt? Oder ist die Gleichgültigkeit so gross, dass es irrelevant ist, danach zu forschen?

Wieviel Portion an Wahrheit kann man den Familien, den Freunden, den Bekannten und vor allem den Kindern zumuten, um das unerträgliche Schweigen, Relativieren und Vertuschen zu beenden? Wie offenbart man Wahrheiten, ohne Andere zu entwürdigen, zurückzusetzen, zu schwächen. Wie zeigt man Liebe, Ruhe und Verständnis gegenüber defensiver Aggression? Wie heilt man klaffende Wunden ohne Verbandmaterial? Wie dämpft man Vorurteile ohne mit Beweisen zu trumpfen? Eine Quadratur des Kreises. Eine Vierteilung der Gefühle. Eine Ohnmacht bei vollem Bewusstsein.

Meine buchhalterisches Journal wird kein lieto fine noch ein Ende mit Schrecken beinhalten, geschweige einen Schrecken ohne Ende prophezeien. Das alltägliche Leben ist Drama genug, als es mit bühnenhaften Poltertönen anreichern zu müssen. Mit Wetterphänomenen, Mücken, Tauben und Möwen, Hunden und ihren Haltern, Müllmännern, Wirten, Priestern und Seefahrern, Quartiernachbarn, Hausbewohnern, Künstlern jeden Couleurs und namenlosen Arbeitern ist auch in der Stille mit

erfahrungsreichem Gewinn zu wirtschaften, um diesen einzigartigen Moment der Lagunenstadt durchzustehen, in dem nichts war wie einst und künftig sein wird. Ein Moment der Besinnung, eine Chance, die zwar nicht wahrgenommen wurde, aber doch in der Erinnerung bleibt, als Menetekel für menschliches Schalten, gesellschaftliches Walten und oft widersinniges Verhalten. Für mich, den staunenden Beobachter, wars ein Glück in einem weniger glücklichen Augenblick meiner Existenz, als Gast der gebeutelten Stadt zwei Jahre ihr Schicksal teilen zu dürfen, um neues über die condition humaine in Käfighaltung und Ausgangssperre, Inselkoller, Maskenpflicht und Distanzierung zu lernen ohne dass es mir dabei an Humor noch Sprache verschlug.

Dass ich diese Prüfungen unbeschadet überstand, verdanke ich Ezio Toffolutti, Boris Yoffe und den Seinen, Antonio und Fiorella Manno, Valentina Sapienza, Augusto Gentili, Sabine Herrmann, André und Anne Blum, Franco Posocco, Barbara Oettle, Corinna Nisse, Elena Barinova, Thomas und Irene Schoeller, Eva Richter, Barbara Luisi, Michele de Martin, Petra Reski, Francesco und Betty alimentaristi, i due Bertoni, Betti dai 4feri, Gerold Meister, Ivano Venturini, Leonardo Calemani, Giorgio spazzino, famiglia Rizzi, allen Weddigen‘s und Kapossy’s, Uwe Assya, Matthias Klein und Christiane Wyrwa, sogar Riccardo Rodati und Boris Petronje.

Dienstag, 31.8.

Der wunderbare Dreimaster am Hafen und die drei grossen Privatjachten am Molo, die seit Tagen angelegt haben, beweisen, dass es einen echten und wünschbaren Tourismus gibt, der der Stadt etwas bringt und sie mit den Weiten des Meeres und entfernten Küsten verbindet. Eine schwimmende Kreuzfahrtstadt a 5000 Passagiere hingegen ist so anonym und heimatlos wie ein Grossraumflieger, gedacht, die Schätze der Welt lediglich zu plündern, abzunutzen und in ihrer Würde zu erniedrigen, ihnen den Anstrich eines Kuriositätenkabinetts- oder Zoobesuchs zu verleihen. Sie bedienen die niederen Bedürfnisse von purer Ernährung und Evakuation, wie Fastfood und Münzklo, neben ephemeren und billigen Erinnerungs- und Erlebnisschauern und Aha-Gefühlen der Selbstbestätigung einer geringwertigen Bildung.

Mittwoch, 15.9.

7.30. Beim Morgenrundgang treffe ich am Molo auf die unabreissbaren Ströme von Schülern beiderlei Geschlechts, die endlich wieder ihren Instituten entgegenspurten, ausgespuckt von den Vaporetti des Lido, den Inseln, Castello und der Giudecca; viel Jugendspeck, angeberische picklige Jünglinge mit Zigaretten im Gesicht, vorfrauliches Gemüse und spätpubertäre Dämchen, Troupeaux nach Clans massiert, schäkernd, schauboxend, rucksackbeschwert, in gelöcherten Jeans, oder dann auch vereinzelt sinnierende Tragöden, dazwischen Lehrkräfte, steckengerade und züchtig, bebrillt und taschentragend. Sie trichtern auf verschiedenen Wegen und Calli ihren jeweiligen Lehrstätten zu, kaum je ohne eine leuchtende Handyscheibe in der Linken oder mit obligat verkabelten Ohren, ein Völkchen, dem man kaum vertiefte Bildung zumuten möchte, aber von dem man weiss, dass es die künftigen Zeitläufte bestimmen wird.

8.30. Nehme mir ein Herz und läute bei Venturinis hinter San Martin: nein, Ivan sei noch immer bei San Lorenzo hospitiert, aber es ginge ihm besser, sei noch schwach, laufe bald besser und auch sein Gedächtnis sei belebter, er käme in absehbarer Zeit

zurück unter die Fittiche seiner inzwischen stark ergrauten Frau. Wanda bedankt sich fast gerührt und wird Ivan meine Grüsse entbieten. Für einmal ein Name mehr, den man noch nicht auf der Sterbeliste von Freunden abhaken muss…

9.00. Inzwischen ist meine erste noch schüchtern kleingehaltene Wäsche vom neuen Gerät fast trockengeschwungen und stolz auf der Leine ausgestellt. Die elektronische Bedienung ist mir noch ein Buch mit sieben Siegeln, aber das kauderwelsche Programm führte sich ohne Havarie und Unterbrüche und ohne mein besorgtes Einwirken zu gütlichem Ende.

18.00. Von einer Bank auf dem Campo della Bragora beobachte ich lange die kreischend ballspielenden Kinder, die alten Vetteln, rettungsbereifte Willendörflerinnen, die wie agyptische Abusimbel-Statuen nebeneinanderhocken und das Tun und Lassen jüngerer Generationen bequasseln und die gewindelten Jüngsten asthmatisch bequieken, die hungrigen Exterritorialen, die misstrauisch die Preise der sich bekriegenden Restaurants vergleichen, die Schosshündchen, die ihre Rechte auf ihren angestammten Schoss bekläffen, die seltenen Kunstfreunde, die aus der Kirche mit fliegenden Stadtplänen hervorstürzen, weil sie die erkürte gerade mit einer anderen verwechselt hatten. Nur der Afrikaner im Rastalook quert unbeirrbar mit seinem Schiebekarren voller Getränkebricks den brodelnden Dorfplatz, den unsichtbaren Segen San Giovannis im Genick.

Donnerstag. 16.9.

Der Himmel ist trüb, die Sicht geht kaum bis zur Giudecca. Ein wenig Regen wünschte man sich, den Dunst zu klären. Eine heilsame Gehirnwäsche nicht minder. Meine Tagebuch-Veduten zeitigen keine feedbacks mehr und es wäre müssig, die Covidtoten oder Impfproteste weiterhin zu zählen. Das Leben ist wieder Routine geworden.  Neue  Begegnungen  mit  erwähnenswerten  Personen  sind  ohne Greenpass kaum zu erwarten. Fische und Möwen sind es leid, mit immer den gleichen Heiligen zu verkehren. Die Freunde der heftigen Coronazeit sind nun mit eignen Nabelbeschauungen beschäftigt. Man muss sich hüten, seine Selbstgespräche pathologisch werden zu lassen, denn seit in Italien die manicomi – die Irrenhäuser – aufgelassen wurden, hat man keine Aussicht, sorgsam umfangen, in einer Klinik ins selige Vergessen gebettet zu werden. (Über meine alte Freundin Clotilde Puppin lernte ich in den 70er Jahren Franco Basaglia kennen, der ein Haus in  Venedig  besass  und  1980  dort  starb,  der  1978  die Abschaffung  der unmenschlichen psychiatrischen Anstalten in Italien erwirkte).

Montag, 20.9.

Facit des Buches von Petra Reski [Als ich einmal in den Canal Grande fiel, Vom Leben in Venedig; Droemer 2021]: es ist getragen von messianischem Ernst, journalistischer Aufrichtigkeit, besten Stils und sprachlicher Gewandtheit. Ein Manierismus ist ihr Umgang mit der Figur ihres „Venezianers“, den sie vergläsert, ohne ihn je beim Namen zu nennen, obwohl er Ehemann und Mentor ist. Sie versagt ihm eine wirkliche Annäherung, der sie gegenüber Venedig und ihren Bewohnern, seinem Leben und Leiden, Getriebensein und Treiben mit Akribie und Wärme nachkommt.

Ironie, Spott und Humor sind feinstimmig dosiert und die „Venezianità“ vollendet getroffen. Allerdings ist den gegnerischen Meinungen jede Toleranz versagt. Petra ist Kämpferin der ersten Stunde und würfe sich für ihr Credo jederzeit erneut in den Canal Grande.

Montag, 20.9.

10.00. Einfall nach musikalischem Lieder-Intermezzo am Radio: [E. an B.]

E.: Der Genus Homo erhielt erst sein sapiens-Prädikat im Moment, als er zu singen begann. Erst mit dem Gesang erfolgte die Sozialisierung des Menschseins, vielleicht noch vor dem Spracherwerb. Die Entdeckung des autonomen Klanges an sich, noch ohne semantischen Bedeutungshintergrund könnte die Entwicklung bewussten Existierens in der Gemeinschaft losgetreten haben. Er erhob sich buchstäblich auf Flügeln des Gesanges zur Geistigkeit. Die unmittelbare Folge war das Erfinden von Klangkörpern und Instrumenten, die das Stimmvermögen sekundierten. Tubalkain erhielt seinen Namen erst, als ihm Klang und Rhythmus instinktiv und ohne Bewortung bewusst wurden.

Dienstag, 21.9.

6.30. Gemäss Buongiorgio sei es heute schön, aber frisch, „oramai è l’autunno…“ In der Tat ist morgen Herbstanfang. Nie wieder Schulschliessungen tönt es heute früh aus dem Parlament. Aber ohne Impfpass dürfe man sich bald nirgendwo öffentlich mehr zeigen dürfen. Streiks und Proteste massieren sich am Horizont dieses Tollhauses. Die Covid-Negierer und Querdenker beschwören die Machtergreifung von Bill Gates und seinen teuflischen WHO-Helfern um die Erdbevölkerung zu dezimieren. Die Medien spülen die grotteskesten Geistesverirrungen menschlichen Irrsinns an die Oberfläche des Weltbewusstseins wohin sie früher nie gelangen, und kaum hysterische Gefolgschaften generieren konnten. Heute geht jeder Ideenfurz in Sekundenschnelle um die Welt und verstänkert den gesunden Menschenverstand. Mit 9/11 als Staatskomplott hatte es angefangen, mit Covid als Weltlüge begräbt man den letzten Schimmer von Vernunft. Wenigstens nimmt ein Buongiorgio solchen Müll ungerührt auf seine morgendliche Schippe.

Auf eine absurde Zuschrift von Boris, eine Philippika gegen Pandemie und Beherrschung der Welt durch dunkle Gewalten, verfasst von „wissenschaftlichen“ Verschwörungstheoretikern, mache ich mir Gedanken über den Zustand der Weltvernunft:

14.00. Ein nüchterner Blick auf das gegenwärtige Tollhaus von Hysterikern, und Hypochondern, von Phobien, Wahnvorstellungen, Verfolgungsängsten, Verschwörungstheorien, Weltuntergangsszenarien, Paranoien und Psychosen gesellschaftlicher, religiöser oder politischer Herkunft lehrt mich, dass es seit ägyptischer Mumifizierdämonie, jüdischer Alleinbegnadung durch einen Terroristengott, die christliche Papisten- Präpotenz und die islamische Raserei, den Beglückungen durch Ismen und Tyrannenwahn kaum Änderungen der menschlichen Gefühlswelt gegeben hat, die uns das Paradies auf Erden nähergerückt hätten, aus dem uns einst ein paar zusätzliche angemendelte und unvollkommene Gehirnwindungen vertrieben haben.

Die überproportionale Verteilung von Dumm- und Sturheit auf die Masse Mensch ist gleich geblieben, trotz Buddha, Platon, Heiligem Franz, Ghandi und anderen Dream- Träumern. Seit der Auffindung Ötzis ist uns die Existenz von Boshaftigkeit im Menschtum hautnah und zielsicher manifest und die Geschichte seither ein einziges Morden aus Habsucht, Egoismus, Neid, Sadismus oder pervertiertem Sex. Es beleidigt die Tierwelt, das Unverhalten des Menschen tierisch zu schelten. Sein ihm durch Evolution geschenktes Vorstellungsvermögen nutzte er einzig, um sich Vorteile auf Kosten seiner genetischen Verwandten, der Natur, der Umwelt zu verschaffen.

Ihmseidank – nicht Gott – wenn er sich dereinst selbst aus der Welt schaffen wird und es heisst, er sei ein Stumpfgleis der Naturgeschichte gewesen, trotz Vorsokratikern, Descartes, Einstein und Elon Musk. Seine selbsterklärte Gottähnlichkeit, stellt Vorbild wie Nachbild ein trauriges Zeugnis aus. Zum Glück hat man sich vor niemandem ausser sich selbst zu schämen, wenn von uns im Müll der Zeiten nurmehr die Venus von Milo und die Monalisa, die Sixtina oder die Saintechapelle, Picassos Guernica oder Grünewalds Kreuzigung übrig sind. Es gab mal auch schöne Dinosaurier.

Thomas [Schoeller] pflichtete mir hier umgehend bei. Als er anrief, wurde mir indessen klar, wie hilf- und sprachlos ich am Telefon stammle und nach Worten ringe: ich bin endgültig nur über schriftlichen Dialog komunizierfähig. Meine Einsamkeit hat mein Sprachzentrum in der linken Gehirnhälfte offenbar so lahmgelegt, dass ich es nur mit Mühe aktivieren kann. Assoziatives Denken gelingt mir nurmehr mit Hilfe des (inneren) Auges, wenn ich Worte zugleich sehe oder vorstelle.

Daher erklärt sich meine zunehmende Menschenscheu, mein zumeist gesenkter Blick, meine Abneigung gegen öffentliche Lokale und mein Ausweichen auf unbegangene Wege. Alles Ansätze, ein Misanthrop zu werden. Das weibliche Geschlecht, das ich einst so verehrte, ist mir als bewundernswertes und liebreiches Wesen seit meinem letzten elementaren Schock abhanden gekommen, entzündet weder Libido noch besondere Zuneigung, eher Furcht, Widerspruch und Misstrauen. In den hübschen schnatternden Gänschen auf ihrem morgenlichen Schulweg hier, sehe ich deren Zukunft als Matronen, ihre Körper als dereinstige Gebärmaschinen und betrauere ihre alsbald schwindenden Reize. Zuweilen kommen mir Frauen vor, wie ein vom umlagernden Körper gehüteter Uterus, der Geist und Seele, Dasein und Sosein, Gestik und Erscheinung antreibt, lenkt und beherrscht. Erotik, Sinnlichkeit und Sexualität, zwar als verklärtes Kaleidoskop in der Erinnerung aufgehoben und noch immer abrufbar sonnig, betrachte ich zumeist als Trauernder aus einem umgedrehten Fernrohr, äonenweit, unerreichbar, sind sie doch einem unsteten geheimen Säftehaushalt unterworfen, unberechenbar zwischen Feuerrsturm und Erstorbenheit. Heilige, Hexe, Hure und Hausfrau in einem, aber nie so, wie man sie gerade begehrte, bzw. bräuchte.

Darauf beginnt ein Schlagabtausch mit Boris Yoffe:

[09:59, 22.9.] B.: Kaffe und Cappuccino haben gewirkt, bravo! E.: Auf Hypophyse, Prostata, Kleinhirn oder Lymphdrüse?

B.: Geist

E.: …der stets verneint? B.: das ewig Hurische…

E.: …als ein gewisser Goethe reimte: Das ewig Weibliche zieht uns hinan, dem aber Mephisto das Hurische wohl beigemessen haben dürfte:

[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft. … Ich bin der Geist, der stets verneint!

Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, Ist wert, daß es zugrunde geht;

Drum besser wär’s, daß nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt,

Mein eigentliches Element.

B.: ich habe es schon erkannt und entsprechend beantwortet [Emoji]

E.: …nur den zweiten Vers würde ich austauschen: der stets das Gute will etc… B.: das sind die Linken

E.: die Selbstge-Rechten

B.: die selbstselig sind…

E.: wie die linkischen Rechten… Mir sind alle egal-

Weil allzu banal… Ihr Wirken fatal…

Ihr Schein allzu schal

Sonntag, 26.9.

9.00. Seit die Touristlocation B&B die Stadt bis in die hintersten Winkel überschwemmt,  wandelt  sich  deren  Geräusch-Identikit:  die  nächtliche  und morgendliche, die wochenendliche und sonntägliche Stille verstummt unüberhörbar und macht einem unentwegten Rollkofferrumpeln Platz, das von ankommenden und abfahrenden Gästen, die ihre Vaporetto-Approdi, Wassertaxistationen zu den unmöglichsten Zeiten anpeilen, um Flugzeug, Bus und Bahn zu erreichen, oder zu Fuss im Eileschritt das Gassengewirr zu queren. Da das Verweilen in der Serenissima zur puren Kurzweil verkommen ist, die mit B&B-Angeboten zum Schnäppchen geriet, ist die Stadt einem ununterbrochenen Kommen und Gehen ausgesetzt, von Biennalen, Filmfestivals, Ausstellungen, populären Konzerten, Kongressen und historischen Vergnügungsevents ums mehrfache beschleunigt. Das Rollkofferrattern, -klickern, -ruckeln auf den gebuckelten Trachitpflastern hat sich zum vornehmlichen Geräuschpegel Venedigs emporgeschwungen, übertönt die Bootsmotoren, das Möwenzetern und Taubengegurre, Hundegewinsel, das immer seltenere Kindertoben und die Schlagermusik, das TV-Marktgeschrei oder den Ehestreit der vergreisenden Eingeborenen aus geöffnetem Fenster. Nur die Glocken beherrschen noch vorlaut als Rufer zur Messe die wenigen Altsommer-Weiblein, die zur Vergebung der Sünden ihrer und ihrer fortgestorbenen martiri-mariti schlurfen. Der schicke, nurmehr chinesische Rollkoffer, billig praktisch, in sich immer ähnelnder Ausführung, Farbe und Performance, Härtegrad und Überlebensaussicht, mit Codes abschliessbar und nach deren Vergessen aufbrechbar, ist Wahrzeichen des Lustnomaden der Moderne geworden und straft mit Abscheu einen Lord Byron, der 1816 sich mit 14 Dienern, Dutzenden Hochseekoffern und einem Tierpark von 2 Affen, 5 Katzen, 8 Hunden, 2 Papageien sowie je einem Sperber, einer Krähe und einem Fuchs abquälen musste, um am Palazzo Morosini anzulanden, von wo aus er den mittleren Canale Grande und seine gesamte Weiberwelt für drei ausgelassene Jahre beherrschte.

Der Rollkoffer hat in Venedig längst die Gondola ausgestochen, da sich letztere als zu teuer, langsam und nicht schwindelfrei erweist. Auch das unerschwingliche Wassertaxi ist als Luxusgefährt verfemt. Der Rollkoffer ist hingegen demokratischer als sein Herkunftsland, mässig sportlich, unschlagbar billig und begüstigt die öffentliche Fortbewegung. Selbst Wasserleichen hätten darin Platz, wenn man eine böse Schwiegermutter loswerden will, ein Erwachsener bewältigt zwei Rollmöpse aufs Mal und selbst auf Treppen ist deren frohe Ankunft unüberhörbar. Bei Schiffbrüchen und Flugzeugabstürzen über Meer und Lagune hat sich sein Schwimmvermögen bewährt und so manchen Todgeweihten gerettet. Sein hybrides Verhalten zwischen Rollen und Getragenwerden hat ihn prädestiniert, die Reisewelt im Sturzflug zu erobern und künftig wird man Materialien für seine Selbstbeseitigung ersinnen, damit weder Luft, Erdboden noch Wasser unter Mikropartikelverseuchung zu leiden hat. Nur die Eat-Art verschmäht ihn noch, obwohl sich Skulptur und Malerei bereits seiner angenommen haben, und Hunde bevorzugen lieber die standfesten Beine deren Halter und Walter, als das wankelmütige Gefährt zu bepinkeln.

Noch hat das neuartige Transportvehikel ausser Schimmelschutz keinen Schutzheiligen, „Rollo“ böte sich an, Vorfahre Wilhelms des Eroberers, war aber noch ein hühnenhafter, widerborstiger unchristlicher Wikinger, der im 10. Jahrhundert die Normandie überrannte, damit zwar von geradezu chinesischer Investitionslust geprägt und wenig konziliant, kompromisslos, halbseidenstrassig und grausam, doch nicht so heilig war wie etwa Rudolf (Rollo, Rotho, Rolf, Roland) von Büren (1000-1051), Bischof des durch ihn heilkräftigen Paderborn.

Der standardisierte Rollkoffer ist hingegen Born vieler Verwechslungen bei Flug- und Flixbusreisen, womit er geradezu zum lustvollen Überraschungsspielzeug von Globetrotteln geworden ist, die mit Spannung die Öffnung ihres Behälters erwarten, worin sich nicht das befindet, was man einst hineingetan hatte, also etwa ein Monsignore die Reizwäsche einer Diakonissin entdeckt, ein Rauschgiftkurier nur die Falschgeldbündel eines Mafioso, der Oberlehrer die Pornohefte seines Eleven.

Das Rollkoffer-Zeitalter der new rolling Twenties ist längst angebrochen und wird wie Smartphons und Bitcoins, Pandemie und Covidmaskerade, Fastfootindianer und Pizzanerbuden, Schaukelgondel und Schneekugel, das Angesicht der Serenissima prägen, wie der Campanile -*el paron de casa“ – den Markusdom und die Dogendomäne. Seit die Pink Floyd-fans vor dreissig Jahren das Herz Venedigs verwüsteten, sind jetzt die Rolling Stones herzerweichend für die Rettung der Lagunenmetropolis aufgetreten und Rolling Venice ist das verführerische Eintrittsventil der Jungen. Man wehrt sich gegen das Überrollen der Stadt vom Overtourism, hofft, dass die Grandi Navi zukreuzefahren, man in den engen Gassen keine Eintagsfliegengäste des mordi e fuggi mehr kreuzt und dass man den Bürgermeister wegen Mafiositis kreuzigt. Der fliegende Rollkoffer hat den 1001mal übernächtigten Teppich und den wagnerhalsigen Holländer an mythischer Prägnanz eingeholt und überrundet, selbst ein nächster Asterix-Band dürfte sicherlich mit fliehenden Fahnen zum neuen Transportmittel überlaufen.

Ich habe mir gestern flugs einen für 29 Euro gekauft, um mit ihm den nächsten easy/ ryanair/-flax/flex/flix/flox/flux-Ausflug zu buchen…(der grossväterliche Germanist lehrte mich feixend, wie es aus dem lateinischen „alopex“ durch Vokal- und Konsonantenmutation zum deutschen „Fuchs“ gekommen sei: nämlich: „alopex/ lopex/ opex/ pex/ pix/ pox/ pux/ fuchs/“.

Pax tibi ave Helmutio! Exemplum sapientiae!)

Montag, 27.9.,

9.20. Am Früchtestand der Via Garibaldi erstehe ich die Ingredienzien für künftige helvetische Müeslims, und wiedermal Francesini bei der alten Bäckerhexe. Um diese Zeit sind die Eingeborenen noch unter sich und die Auguren unter ihnen grüssen sich jovial auf venexian. Gegen Mittag wird das Feld den touristischen Heerscharen überlassen und die einzige „Via“ Venedigs fällt zurück ins Weltallerlei. Wenn allüberall das Mittagsgeläut ertönt, will es ursprünglich an die Überwindung der Türken erinnern, als das übermächtige Heer Mehmeds II 1456 bei Belgrad von fränkischen Kreuzfahrern und Ungarn geschlagen wurde. Heute übergibt man den hungrigen und heidnischen Weltenbummel-Schwadronen zum Angelus die allerchristlichste Labung als menu turistico tutto compreso freiwillig und franko wenn auch nicht gratis, und sucht möglichst die Allerweltsgeschmäcker zu befrieden, welch Kneifen vor dem Feind! Sigara böreği, Mercimek köftesi, Köfte ekmek, Kebab, Falafel und Baklava, welch morgenländische Gelüste!, – hätte Mehmed nur ein bisschen länger gewartet, hätte er Venedig, das dritte Rom, mit wehenden Alkoholfahnen, ohne den Umweg über Konstantinopel eingenommen! Was sind schon Fastfoodies

wie friedliche Chicken, poplige Pommes, welkende Chips, aufgewärmte Pizzen und Coca-Cola light gegen das Fastfooting der Exoten auf dem Gabentisch Asiens, die mit ihren zwar unökologischen Essstäbchen längst die venezianische Hausmannskost Nero di Seppia, Baccalà mantecato, Cicheti, Castradina, Fegato alla venexiana, Frittelle, Pasta e fagioli, Sarde in Saor, ecc. – wer zetert da!? Nicht genug? – kreuzweise zur Strecke bringen!

Soeben hat Herr Bircher selig (Ernährungsreformer Maximilian Oskar Bircher-Benner lebte von 1867 bis 1939), mein selbstgemachtes Müsli gnädig gebilligt, der Herr sei ihm ebenso.

Dienstag, 28.9.

Die deutschen Wahlen erreichen selbst das für üblicherweise an Nabelschau gewohnte Italien. Auch Greta Thunberg ist keine Unbekannte mehr. Trotzdem quellen die Medien von verführerischen Verkaufsschmeicheleien für erdölabhängige Vehikel über, die nur noch Machos, Mafiosi, Spekulanten und untergebildete Volksschichten wirklich zu interessieren scheinen. In den Städten steigt der Bürger aufs (Elektro-) Fahrrad um, eine buchstäbliche Kettenreaktion, die man vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten hätte: das immer beliebtere Jogging hat offenbar zum ökologischen Denken die erlahmten Weichen gestellt, wie die stillhaltende Pandemie zum Halten von Hunden anregte, die wiederum das sportliche Gassigehen notwendig machte. Letzterer Luxus schmälerte zwar das Haushaltungsbudget, entfettete aber so manchen haltlosen Schmerbauch und setzte damit freigewordene Energien in Bewegung um, ein verheissender Kreislauf zum Wohle der Gesellschaft.

Noch ist Polonius nicht verloren!

14.00. Das schöne Wetter lockt mich hinaus, aber nach der ersten Brücke übermannen mich Schwindel und Sehstörungen. Ich erreiche mit Mühe meine Matratzengruft. Wie vor zwei Jahren. Ich habe weder Lust noch Einsicht, jetzt hier abzumatakratzen, schlucke Calzium und Magnesium, um die Chimären zu verscheuchen. Ich vermute Nebenwirkungen von Dutasterid und werde es ein paar Tage absetzen. Die Kombination mit Coveram gegen Bluthochdruck ist vielleicht der Grund. Doppeleffekt – mitnichten Dopplereffekt, gemäss dem englischen Physiker Christian Doppler, der mit 49 Jahren 1843 an der Riva degli Schiavoni 4133 (20 Vaporettosekunden von Cà di Dio) an einer Art Covid-Pneumonie starb und das Glück hatte, bis heute in protestantischen Ehren auf San Michele zu ruhen, u.a., weil er die Schallverzerrung eines vorbeifahrenden Zuges bemass.

Das Grausen, erst nach Tagen verrottend in meiner Wohnung ohne hohepriesterliche Besprengung mit 4711 gefunden zu werden, ist unerträglicher als der Gedanke an ein Ende mit Schrecken selbst. Die letzten Gespräche mit Gerold Meister kreisten um die Problematik, zwischen Ableben und Tod ja keinen klamorosen Dopplereffekt wirken zu lassen. Er wählte die zeit- und wellenraffendste, bestmögliche, unkomplizierteste und um- und nachweltfreundlichste Hintertür aus seinem abgestürzten Doppelleben: der Sprung in den Canale dei Morti.

Mittwoch, 29.9.

Die anlandenden Schüler am Molo tragen alle keine ledernen oder kunstledernen Schultornister oder Mappen mit sich, wie in meiner Jugend. Sie sind nurmehr das einsam überlebende Statussymbol von höheren, zweiteilertragenden Bankangestellten und Archivaren, denen man noch immer die Ärmelschoner der Filmfrühzeit andichtet. Die olle Aktentasche hat sich als schlappsiger Rucksack

mutiert auf den Buckel verlagert, vielleicht um eine Hand für das obligate Handy freizuhalten, die andere für die Zigarette, das Vitamingetränkefläschchen oder Energy-Drink-Tetrapäckchen als Ritalin-Ersatz. Die angehenden Dämchen tragen hingegen modische Umhängetaschen oder winzige langhälsige Rollköfferchen mit Comic-Aufdruck und angeklebten Smileys. Betreten sie den Boden der Riva, streifen sie ihre meist langen fliegenden Haare aufreizend im Nacken zurecht und bilden Grüppchen, wie Wagenburgen gegen die grob schäkernden Lümmel mit ihren Stimmbruch-Tenören.

Ansonst teilen sie sich flugs schweigend in Gänse- und Kamelschritte mittlerer Eile, je nachdem, welchen verspäteten Vaporetto sie gerade noch erwischt haben, der stampfend und gierend anpoltert, um fast völlig geleert gegen San Marco weiterzudampfen, stossweise sich seiner Dieselschwaden erleichternd um dem nächsten allsobald von Sant‘ Elena kommenden Platz zu machen, der soeben aus dem Morgennebel taucht.

[08:59, 29.9.] Boris antwortet darauf: mittlere Eile!…Gogol pur

[09:23, 29.9.] E.: Goliardischer Purismus? [Zitiere aus Georges Minois, Geschichte des Atheismus:]

„Im Milieu der städtischen studierenden Jugend tauchen im 12. Jahrhundert die Goliarden auf, die man als Gruppe nur schwer bestimmen kann: fahrende Leute, gebildet bzw halb gebildet, die Lateinisch sprechen, die manchmal auch als Jongleure oder Possenreißer bezeichnet werden. Ihr Name soll sich von gula herleiten, das Maul, und folglich Maulhelden bedeuten. In ihren Liedern, unter dem Namen Carmina Burana zusammengefasst, greifen sie die religiösen Autoritäten an, geißeln ihre Laster, ihre Lüsternheit, ihre Ausschweifung in absichtlich obszöner Weise und halten blasphemische Reden, die, wörtlich genommen, einen wirklichen Atheismus verraten: »Die Seele ist sterblich, ich kümmere mich nur um meinen Leib!«; ich bin »begierig mehr auf Wollust als auf das ewige Heil«; »ich will in der Taverne sterben, wo die Weine dem Mund des Sterbenden nahe sind“

[09:24, 29.9.] E.: Gogolgegoogle unter „Goliarden“ usw….sehe mich nicht schlecht repräsentiert…nur der Tavernen enthalte ich mich mangels ebenbürtiger Kumpane…

10.00. Das whatsapp-Schreiben ist eine zweischeidige Schneide, an der man sich viel öfters selbst verwundet, als man den Chatpartner verwundern, ermuntern und überraschen wollte, weil einem zwischen dem Entwerfen und Weiterschicken kaum Zeit und Musse zum Korrigieren, Bereuen, Vertiefen bleibt. Erst nach Tagen entdeckt man beim Wiederlesen, hie des Erinnerns halber, da zum Aufgreifen eines verlorenen Fadens, oder nur zur Nachzählung der Adressaten, in welche Widersprüche man sich verstrickt, wie viele Stilbrüche man verbrochen, was für Ungeheuerlichkeiten man verbreitet, welche Logikschnitzer man sich geleistet, gegen wessen orthographische und grammatikalische Gesetze man gesündigt hat. Gottlob weiss man, dass diese ephemeren Pflänzchen stracks verdorren und vom Empfänger nach gnädiglichem Konsum gnadenlos in den elektronischen Müll befördert werden. Fraglich bleibt, was von der so momentanen und spontanen intellektuellen Anstrengung eigentlich übrig bleibt, als seis nicht mehr, als eine sportliche Gymnastikübung, ein Spurt ums Viertel, eine kurzweilige Apnie in der Badewanne, das Lustgefühl nach einer überwundenen Ermüdung. Es ist keine schriftstellerische Leistung, verdient keine dichterische Wertung, ist ein Flatterprodukt jenseits aushängbarer Wäscheleinen herkömmlicher Schriftkultur. Am ehesten wird ihm das Prädikat „dialogisches Tagebuch“ gerecht und verzichtet wie letzteres auf einen Überlebens-Anspruch, es sei denn, es wäre an das Leben eines

Prominenten der Geschichte, der Literatur, der Kunst geknüpft. Die dialogische Zweispurigkeit verlangt zudem, dass beide Angesprochenen eine annähernd vergleichbare oder erträgliche Wichtigkeit entwickeln, wie Goethe und Charlotte von Stein, Abaelard und Heloïse, Madame de Sévigné und ihre Tochter, Plinius der Jüngere und Kaiser Trajan, der Briefwechsel Kafkas mit Felice und Milena.

Fast aller besagter zweisame Gedankenaustausch hat sich indessen erhalten, weil literarisch gepflegt, gehegt und heimlich oder zugegeben, auf öffentliche Lesung bedacht, keiner Zufälligkeit zum Opfer fiel, zudem einem verschämten Voyeurismus des Publikums gefällig war.

Die burschikosen Kruditäten eines whatsapp-Dialogs, oft nicht mehr als ein ulkiger Schlagabtausch zwischen Schattenboxern, sind des Aufhebens so wenig wert: weil schnell verraucht, kaum aufgebraucht. Eine literarische Verwertung erforderte mehr Aufwand, als die Energien zu ihrer Entstehung. Eppur si fanno…

Meine Gespräche mit Spazzino Buongiorgio, Strassenmusikant Leonardo, mit Ivan dem schrecklich Dementen, Barkeeper Ferdinando, Metzger Narciso, Ex- alimentarista und Jogger Francesco mit Hund Juke, die zwei unähnlichen Bettis, die einseitigen Monologe mit der schwarzen Nachbarskatze, den Tauben und Möwen, die nichts als unbeschriebene Herbstblätter sind, die gilben und verwehen, sobald sie in der Tastatur versenkt sind, dienen nur der eignen Erinnerungsspur bis die Nadel die sie abtastet, stumpf wird und das zu Hörende verrauscht.

Die unfruchtbaren Mühen des Sisyphos, der dafür bestraft wurde, dass er dem Tod (und infolgedessen auch dem Vergessen) zu entkommen suchte, bedrohen jegliches Schrifttum, zu allererst aber den neuen Gedankenaustausch am „Rechner“, mit dessen allgegenwärtigem Löschen unsres Tuns gerechnet werden muss, sobald ein unheiliger Geist, ein ungeschickter Körper oder eine mitleidige Seele den Stecker zieht. Die Auslese des Erhaltenswerten besorgt nur der Zufall. Er sei gesegnet, auch wenn manche glauben, dass es ihn nicht gibt.

Donnerstag, 30.9.

Unter Wolkentürmen, die einem Constable Ehre machten, ruht ein morgenroter Horizont im Osten, der sein glühendes Licht auf die Silhouette des Markusreviers im Westen bis nach dem Campanile von San Giorgio wirft. Ein opernreifes Spektakel, das sich im grünen Lagunenspiegel wiederholt, den nur die Boote mit ihren weissen Fahrwässern zerpflügen. Wer jetzt kein Handy hat, der baut sich keine bessre Bühne mehr, wer jetzt allein ist kanns mit niemand teilen… oder lange Briefe schreiben wie Rilke.

Dienstag, 12.10.

Winterzeit für Speranza: vor 7.30 gibt’s kein Cornetto aus der Mikrowelle mehr. Die Morgendämmerung hinkt der Uhrzeit fühlbar hinterher. Buongiorgio wischt eine halbe Stunde später. Bald soll die Sommerzeit ganzjährig gelten. Das Summen der Kühl- Ventilatoren wird vom Umlaufgeräusch der Heizungen abgelöst und mancher Kamin stösst die ersten Heiz-Dämpfe aus.

Bald jährt sich das Acqua alta zum zweiten Mal. Jeder hofft, dass MOSE die Wässer für immer bannt, auch wenn die Kritik am Schleusensystem noch nie so harsch gewesen ist: ebenerdige Räumlichkeiten, seit Jahrzehnten unbehaust, werden opportunistisch hergerichtet, geplättelt und zur Vermietung ausgeschrieben. Noch mehr „Paccotiglia“, Schundkram, Glasklimbim, Billigmasken, und Smartphone-Hüllen halten Einzug. Hüllenlose Konsumprostitution unpur.

Auf den Spiesserkommoden des Weltballs versammeln sich die Nippesbringsel zum Schaulauf der touristischen Eroberungen: jeder prominentere Ort hat seine Mahnmale: die bekreuzte Peterskuppel steht für Rom, der gemächtwärts entblösste David für Florenz, der beleuchtbare Eiffeltrumm für Paris, die Freiheitsstatue mit feuerspendender Zigaretten-Fackel für New York, ein ewig schäumender Bierkrug für den Oktober in München, ein japanoides Heidi-Figürchen für die ganze heile Schweiz, eine pummlige Matrjoschka Steckpuppe „vierfach“ für Moskau, ein Everest forever in Amber für Nepal, ein Aschenbecher mit Palme für Mallorca…und so weitergezetert bis zum Höhepunkt des Geschmacks, der Wippgondel Venedigs.

Das glückhafte Glucksen beim „Da-war-ich-auch-mal“-Bekenntnis der Kreuzfahrt- Rentner wärmt die winterliche Einsamkeit im Kreise der Enkel, wenn Hinz dem Kunz seine verpassten Abflüge und Anlandungen berichtet, das ostasiatische Darmweh und das Apnoe-Ertrinken vor Bali, weil ein Heidenshrek einen vermeintlichen Hai vermeldete, oder wie gemein doch die damalige Thai-Braut die Bringschuld für einen Impotenztanz kassierte, der beinahe-Hals- und Beinbruch in Helsinki, nein es war Helsingfors, ja, und Meingott wie billig ass man doch in Nairobi!

Wohin gehst Du Venexia, wenn kein Acqua alta hin und wieder den Vitrinen-Müll räumt und die B&B-Spekulanten vertreibt, die irren Taxiboote versenkt, die Gummistiefel entstaubt, die Eingeborenen verbrüdert, wenn die exorzistischen Warnsirenen nicht mehr singen und Monsignore Agostino von San Martin den apotropäischen Kelch zur Neige und dem Wohl der versinkenden Stadt nicht mehr erheben lässt: Ave, oh Weh Maria, bitt für uns Umweltsünder…

Chatsequenz:

Anna (Kusser, Ex-Oechslin): [10:30.] Woher weisst Du so gut, was die Senioren- Kreuzfahrer in allerwelt & zuhause machen – warst du auch dabei? – nicht im Müll wühlen! Nix bleibt wie es ist: kein Sinn das zu beklagen. Bestimmt wird auch wieder Schönes auftauchen (auch wenn wir nicht mehr dabei sind) – seien wir bereit, sie zu begrüssen!

[10:34.] E: …sehr optimistisch! gratuliere! Ich sehe ja in Wirklichkeit auch nur die Sonnenseiten, sonst wäre ich nicht hier…

[10:46.] A.: Ja, ich sitze in der Abendsonne, nach der man den Stuhl halt immer ein bisschen verstellen muss im Laufe des Tages und des Jahres … bella giornata! [09:16.] E: Besinnlich wie die Sonnenuhr…bella stagione!

[09:25.] A.: Grazie! Buongiorno!. [Bild mit Granatäpfelchen auf Buch] – eines von drei Granatäpfeln, die mein junges Bäumchen erbracht hat. – Warum konnte Paris nicht drei verschiedene Früchte überreichen [Auswahl]? Musste ein Kriegsanlass geschaffen werden? verfluchte Komparatistik!

[09:36.] E: Nur der Granat ist sexblättrig

[21:21.] A.: Also dann den der Aphrodite. Die Athene würde doch sicher etwas Pentagrammisches gefallen haben und Hera wäre wohl mit einem Haus- und Herdapfel zufrieden gewesen. Helena wäre sodann bei Menelaos geblieben und hätte sich halt ein bisschen gelangweilt, zusammen mit all diesen Kämpfern und Recken…

[22:10.] E: 1956 hatte mich die Ilias schon so gefesselt, dass ich sie als Gesang, auf der Landstrasse zu singen, nach „als die Römer frech geworden“ vertonte:

Hier in diesem neuen Sange Sing ich Euch beim Lyraklange Von Ilions Kampf und Fall

Wie ich es schon hundert Mal Vorgeleiert habe:

Einst sass um die Tages Mitte Hinterm Dornbusch Aphrodite Schnürte dort ihr Mieder sich Bis sie einer Wespe glich

Um zu kokettieren…

Unterdessen flocht Athene Ihre Amazonenmähne Repetierte Hegel, Kant

Einmaleins – an Fuss und Hand Manchmal auch im Kopfe

Hera, die sich schminken wollte Floh ins Feigenlaub und schmollte Denn von Eifersucht geplagt

Hatt‘ ihr Hemd und Rouge versagt Zeus, die schlichtre Hälfte!

Plantschen zwei im Meeresschaume Klebt die Hera sich im Baume (Evas biblisches Patentum)

Ein keusch Blatt zum Testamentum Huh! – da späht ja Paris!

Schmunzelnd äugt der Halbgestärkte Räuspert sich, auf dass mans merkte Im Olymp – und alsdann spie

Fort er seinen Kaugummi Und hub an mit Würde:

„Taillensuperschlankes Wespchen Apfelbäckigs Schnuckelespchen…“ Und da war der Phall schon klar, Pallas heult ganz untröstbar

Hera knüllt ihr Dirndl…

Venus nun, die wohlgeloste Wie sie drauf mit Paris koste Sagte dem die Zukunft an

Er würd bald Helenens Mann, Spartas Kuss-Miss Hellas!

Kaum wars Horoskop gesprochen Ist der Rüpel eingebrochen

Bei Familie Menelaus Schlich mit Lene aus dem Haus

Floh im Kahn nach Troia

Drauf, mit blutger Rach im Sinne Griff, helàs, zur Ruderpinne

Schiffte sich gen Bosphor ein Weil, den Schatzraub zu verzeihn Man dem Dieb nicht gönnte

Troia wurde eingeschlossen Mancher Brandpfeil abgeschossen Keilerei ohn Unterbruch

Ilion konnte nicht genug Für den Weibsklau büssen.

Als man bald zehn Jahre kämpfte Sich die Kriegslust merklich dämpfte Gabs versehntlich einen Knall Hektor fiel und um den Wall

Schleift‘ ihn der Pelide

Doch da wütete Apollo

Und entlud gehäuften Groll – oh!

Röchelnd sank Achilleus um Da lag Macho, Charm und Mumm

Mausetot im Sande!

Wie die Griechen vor den Mauern Troias um den Recken trauern Sann Odyss nah neuer List Pferdlings auf Athenens Mist

Ilion zu erschaukeln.

Uly trieb, dass man sich spute Mit dem Bau der Riesenstute Denn es schwand das Reisegeld Tauglich war kein einzger Held Vor Geschmeiss und Beulen.

Alsdann zogen die Hellenen Ohne Lebewohl noch Tränen Fort mit Kegel, Kind und Maus

Wie es schien, zu Schiff nach Haus Im Strande stak der Klepper…

Als die Troer tags erwachten Durften sie erstaunt betrachten Um die Stadt ein ödes Feld – Dachten erst, sie sein geprellt Für alles schnöde Schlachten!

Wo sich Desperados balgten Bis als Greise sie verkalkten Da, wo Zechen, wo Geschrei Dirnen, Hader, Räuberei – Leer wars und verlassen!

Im Triumph müht man die Mähre Über Mauern, über Wehre; Warnend brüllt Laokoon:

Halt! Verrat! – doch würgt‘ ihn schon Eine Pythonschlange…

Zu dem schrägen Jubelfeste Tilgte man des Weines Reste Sang und soff und soff und sang Stunden, Tage, Nächte lang

Bis sie holt‘ der Kater.

Als man schliesslich vollbetrunken Unter Tisch und Bett gesunken, Ächzte traumlos, trief und trumpf Klettern aus des Rosses Rumpf Ulysses und Genossen

Eilends funkt man Feuerzeichen Die Verräter zu erreichen

Die, vom Chef schlau ausgeheckt Hinter Tenedos warn versteckt Troia, oh, ohweia!

Da die Schar der Toreswächter War ein schnarchend Chor Bezechter

Stapelte man lebend sie Und es roch, ein Koch weiss wie,

Als man die vergarte

Abgemurkst und kleingemetzelt Hingeschlachtet und geschnetzelt Abgestochen und geköpft Durchgespiesst und aufgeknöpft Jeder nach Belieben

Schlimmer noch wars im Palaste Wo der Griechenpöbel raste Hingemäht ward Priamos

Als er mit dem Rittertross Hob zur letzten Runde –

Von des Hektors Tod gebrochen Hat Andromache erstochen Sich als man Astyanax

Ihren Sohn mit grausem Klacks Am Altar zermalmte.

Mangels Heiden, Juden, Christen Schächtete man Pazifisten

Ohne Standesunterschied – Der sonst manchen Greul vermied

Methodisch und mit Wonne.

Ilions Burg ging auf in Flammen Und nur wenige entkamen.

Während dessen lärmt bei Tisch Schrill der Götter bunt Gemisch Satt der Hekatomben…

Kaum geküsst vom Tagesschimmern Sah man Troia arg in Trümmern

Mit Äneas war geflohn Nur Askanius, sein Sohn Und Papa Anchises…

Als darauf die ruhmbedeckten Doch nicht minder blutbefleckten Griechenritter trollten sich Beutelahm die Flotte schlich

Um die Felsenküsten…

Heimwärts schifft man siegestrunken Poltert flunkernd in Spelunken Kürt zum Held sich bartumflort

Heimwehkrank indessen schmort Bruchpilot Odysseus…

Damit endet unser Jammer

Vom hellen‘schen Schreckenshammer Der die Troer traf mit Macht Wegen einer Hahnrei-Nacht

Im so prüden Sparta.

Die Moral von der Geschicht Ist des Federlesens nicht Hätt‘ der Menelaus beizeit Eine andre Frau gefreit

Statt zehn Jahr zu wüten!

Wär die Ilias halbsolange (uns beim Gräkeln minder bange)

Ein Äon hätt‘ Freund Homer Ungeweckt am Mittelmeer

Faul verschlummernn können…

In der Tat sangen wir, mein Schulfreund Peter Bassett und ich, auf unserer Griechenland-Trampertour fürbass, das Lied auf der glühenden Landstrasse zwischen Nauplia und Mykene 1956…

[22:18.] A.: Hübsch !

Samstag, 16.10.

Absurde Morgenträume: ein Linienbus kippt beim unvorsichtigem Halt in einer Müllhalde unter: von den tierischen Passagieren im Innern, die der Fahrer unbeeindruckt ausschaufelt, bleiben nur die aufrecht stehenden Skelette übrig: ein Elefant, ein Kamel, ein Pferd.

7.45. Ein Drei-Deck-Luxusdampferchen wird von zwei Schleppern durchs Bacino gezogen: ein erster Versuch, die Kreuzfahrtschiffahrt wieder anzukurbeln. Bei dieser Schiffsgrösse kann man noch ein Auge zutun.

An der Riva dei sette Martiri liegen drei Racing-Einmaster-Jollen aus Monaco eine Pracht der Ingenieurskunst, bedient von bärtigen Modekäuzen aus der Filmbranche. Speranza lässt anfragen, ob ich meinen Sgabuzzino für die Einlagerung von Dingen, die ihre Bar verstellen, hergeben würde, sobald Rizzis ausziehen. Die müssten aber erst mal allen Plunder aus 30 Jahren Mitnutzung ausräumen! Roberto besichtigt das Räumchen und hofft sich dessen Gebrauch als Getränkelager.

Das Herbstwetter ist klirrend schön. Boris lädt mich am Klavier in den Karlsruher Regen. Ich danke höflichst. Vor Anfang November dürfte er nicht kommen können und wenn, nur für drei Tage.

Mit zwei weiteren kreisen die drei Jachten im Bacino mit geblähten farbigen Segeln und verunsichern die Fähr- und Vaporetto-Dienste.

17.30. Sonntageinläuten. Casanova mildert nicht mein Verlassenheitsgefühl, das mich zum Molo treibt.

Ungezählte Samstagabend-Spaziergänger wallen stadtauswärts und kreuzen sich mit den Rückkehrern aus der Biennale. Die Riva ist besetzt von denen, die den Sonnenuntergang sehen und fotografieren wollen und aus der Via Garibaldi quellen jene, die an den Tischen keinen Platz mehr fanden; in den Giardinetti tollen fünfzig Hunde und Kinder sind eine Rarität. Die Windstille lässt die stolzen Jachten motorgetrieben anlanden, zum Schauspiel der Rivagänger, die eben noch die rote Sonne hinter San Giorgio ausfunkeln sahen. 18.45. Plötzlich Nacht um einen Dreiviertelmond. Die Stimmen werden leiser. Venise s’endort.

Montag, 18.10.

9.07. Speranza beklagt sich über den Wochenend-Eintagsfliegen-Tourismus, der ihre Bar fast ausschliesslich als Toilette missbraucht: ein Mitglied der oft vielköpfigen Familienclans aus der Terraferma tränke jeweils einen mageren Kaffee, der übrige Pulk stürme das Klo und hinterliesse ein übles Chaos. Sonntags zu schliessen, sei bereits eine Notübung, selbst Samstag sei mehr tormento als guadagno. Die nahen öffentlichen Toiletten über den Rio di Cà di Dio in Sichtweite erheben den Tribut eines Ristretto-Schlucks für jeden Eintritt zum Austritt, warum dann nicht beides amöner und reinlicher zum 00-Tarif haben?

Ich teile ihre Bestürzung und weiss nichts Besseres zu empfehlen, als eine lästige Schlüsselpolitik vieler gleicherweise geplagter Bars, die sich so des abuso‘s erwehren. Sollte man denn jeden Kaffee „mit“ oder „ohne“ ritirata besteuern? Oder die gesetzlich verordnete Existenz einer Toilette mit „magazino-“ und „deposito-“ Anschriften vernebeln? Oder mit einer fiktiven Beobachtungskamera sowie einer

„Feind sieht mit!“-Warnung drohen? Oder eine „alle fünf Minuten-Überschwemmung“ des Lokus-Lokals einrichten? Oder nur Insidern erklären, das „Geschlossen“- Aushängeschild sei (wass-)erlösende Unwahrheit.

Die Moral von der Geschicht: man fülle seine Blase nicht. Und Zurückhaltbareres trage man getrost nachhause. Wie Covid-Masken, Kotsäckchen, Zigarettenstummel,

die  Sonntagszeitung,  Fantaflaschen  und  böse  Schwiegermütter.  Müllmann Buongiorgios Montagmorgen-Dienst zuliebe.

Auswahl aus den Whatsapp-Kommentaren:

Françoise: [09:12.]: Ja, die Plage ist zurück. Hier ist es nicht besser. Sieht so aus, dass die Toilette die Hauptbesuchsatraktion sei.

[09:14.] E: Rom hat wenigstens ein Abwassersystem seit den Etruskern! [09:15.] F: Als hätten sie diese Plage vorausgesehen…

[09:17.] E: …da sie ja noch auf dem Totenbett zu trinken pflegten…consecutio temporum…

[09:17.] F: [3 lachende Emojis]

Anna (Kusser, Ex-Oechslin): [11:00.] Ja hm, was soll ich sagen. Verstehe die Dame gut. Gehöre aber zu denen, die öfter mal müssen, als sie Kaffee cum irgendwas vertragen. Soll man jetzt zuhause auf seinem Scheisshaus sitzen bleiben? In Tat und Wahrheit liegt hier auch ein Altersproblem, selbst wenn die Herren eher zum Verhalten neigen. Insofern trägt dein Moralvorschlag durchaus maskuline Züge. Die Stätten sollten sich m.e. überlegen, ob sie Menschen dahaben wollen. Im Wissen dass immer (bislang) der ganze Mensch kommt: Leib & Seele. Der ganze Mensch isst und trinkt nicht nur, er piselt scheisst auch. Und kann krank sein oder werden und Vieles mehr. Er haucht auch die Kunstschätze an und schwitzt. – Ich finde die Menschheit ästhetisch recht langweilig, wenn der Traum „Venedig sehen“ immer noch zieht und befeuert wird. Könnte man dieses Feuerchen ja mal ausgehen lassen, oder niedriger halten! Schimpfe also über Venedig, nicht die Touris. Bella giornata! Habe mich gefreut von Dir zu hören!

11:23.] E: Ist ja ein Panoptikum von Weisheiten, auf die man als ganzer Mensch oder Mann antworten sollte! Venedig sehen und möglicht bald darauf sterben ist und bleibt eine positivistische Option, der ich zur Hälfte nachlebe. Der ästhetisch langweiligen Menschheit stimme ich um 150% zu, wobei langweilig mir zu schmeichelhaft tönt. Auf Venedig habe ich schon so ausgiebig geschimpft, dass ich mein Mütchen mit Leib und Seele nur noch an den Touris auslassen kann. Dass Du meine zumeist ungeistigen Auslassungen liest, ist ein beachtenswerter Erfolg, den ich Deiner Nachsicht zuschreibe, denn es mangelte Dir an Vorsicht, sie mitlesen zu wollen. Jetzt hast Du die Bescherung. Altrettanto bella giornata!

Dienstag, 19.10.

8.00. Im noch zwecks Renaturierung eingezäunten Vorgärtchen des Museo Navale grünen die vom Wegstreu säuberlich ausgesparten Rabatten mit erstaunlicher Eile, obwohl man geglaubt hätte, die ungezählten Tauben würden das gesamte Saatgut längst aufgepickt haben.

Ich mache die Runde der verschiedenen Baustellen im Quartier und sehe dem geschäftigen Völkchen der Steinmetzen zu, wie sie die Trachitböden legen, die Molen befestigen, Verputze am „Carpaccio“ oder „Cà Formenta“ aufziehen, Gerüste auf- und abbauen, Material anlanden und fortschaffen, immer wieder Kaffee trinken und sich gegenseitig kehlige Befehle zurufen.

Auf wenigen Meterstrecken kann man die verschiedensten Handwerker in ihren Berufen und unterschiedlich beglückenden Berufungen beobachten, vom Maurer, Maler, Schreiner, Zimmerer, Dachdecker, Schlosser oder Elektriker zum Ausstatter, die alle emsig am Panorama menschlicher Behausung beschäftigt sind, die hier

ebensoschnell verfällt, wie sie geschaffen wird: Verputze, Verkabelungen, Fensterläden, Türschwellen, Blechrollos, Rohrleitungen, Markisen und jeglichem Mobiliar ist offenbar nur eine beschränkte Dauer beschieden, nicht anders ihren Besitzern oder Pächtern, die sich in erstaunlicher Geschwindigkeit die Klinke geben. Täglich weist das Gesicht der Via Garibaldi eine neue Runzel, eine neue Schminke, eine neue Aura auf, als drehe sie sich fast unmerklich auf einer Bühne der Commedia dell’Arte. Panta rhei. Da auch die fremden Besucher Mimikry und Mimese wechseln wie exotische Insekten, fungieren nur die Einwohner noch als an Stimme, Gangart, Gesten und Tonfall wiedererkennbare Statisten, die sich nach der x-ten Begegnung wie Auguren zwinkernd zu grüssen beginnen…

13.00. Exil und Asyl sind zwei Seiten der nämlichen Münze mit der man sich Fersengeld geben kann von Bindungen der Gesellschaft, Familie, Ehe, Beruf und Bekenntnis oder sich dort Aufnahme erkauft mit Falschgeld, oder Ehrlichkeit, Armut oder Überschwang, Lust oder Unmut, Pump oder Pomp. Die Negativzinsen sind hoch: Älterwerden, Gebrechlichkeit, Einsamkeit, Unruhe, Fremdheit und das Gefühl von Nutzlosigkeit und Entwurzelung. Der oft karge Ertrag: die Illusion von Freiheit, Neubeginn, Erkundungslust, Erfahrung und Abenteuer. Aber Illusionen sind die Wegzehrung, wenn nicht die Henkersmahlzeit der Scheiternden, der Wanderer auf dem Grat des Wankelmuts und der seelischen Schwindsucht, des Trübsinns und der Verzagtheit. Nur Gleichmut und Gelassenheit lehrte Demokrit, entbehren der Illusion. Wer Mitleid erheischt, hat mit Falschgeld gezahlt. Aber auch falscher Stolz ist fatal: geschweige Ranküne, Rache oder Reue. Manche meinen, Fatalismus sei Feigheit, Demut sei Devotheit, Einlenken Schwäche. Sie sollten Montaigne lesen, Seneca oder die älteren und neueren Kyniker kennenlernen. Ein stückweit war Gerold Meister ein Meister des Verzichts, bis zum Verzicht auf ein falschgelaufenes Leben, das keine Illusionen mehr bot. Er gab sich das Recht dazu, das wir ihm kaum gewähren durften, wollten, konnten. Aber er hatte recht, weil er kein moralisches Gericht über sich rechten liess. Er lachte wie Demokrit über die Abderiten, die Schildbürger der Antike, deren es heute mehr gibt denn je. Wieland hatte sie schon in die Moderne gespiegelt. Ich sehe sie täglich und ich gestehe, ich geniesse sie auch, weil ich mit ihren Eseleien meine grosse Freundin Euthymia füttere.

Françoise: [15:47, 19.10.] Bel nome per un gatto!

[15:51, 19.10.] E.: …potebbessere anche un serpente sul petto, o un cavallo alato, come vuoi…

[15:52, 19.10.] F.: Meglio il formato casalingo detto Schosskatze

[15:54, 19.10.] E.: i peli mi rendono asmatico…e in tempi di Covid sospetto Gegenseitiger Abtausch von Emojis.

Donnerstag, 21.10.

7.30. Noch ist es dunkel und nur ein dünner roter Horizontstreifen kündet den Tag. Heizungstechniker Renzo aus Burano, im Magazzino am Eck um die caldaie des nahenden Winters besorgt, trägt, wie seit Monaten schon, Speranzas Tische und Stühle zur ihrem Bar-Ableger am Canale dell’Arsenale, um anschliessend seinen Freikaffee zu schlürfen. Man grüsst sich immer freundlicher zur selbigen Morgenminute, wenn jeder seine Rituale auslebt, seine nächtlichen Chimären verscheucht, nach den Wetterzeichen späht, oder über den Klatsch vom Vortag meditieren will. Dieweil strömen in gewaltigen Vaporetto-Schüben die Schüler vom Molo her schnatternd und schäkernd durch die Enge unserer Calle hin zu den

Instituten um San Francesco. Dann zieht man seine Ellbogen ein und den Maulkorb über Augen, Nase, Mund und Ohr.

Immer häufiger befleissigen sich die Einwohner um mich herum, mir den „professore“ anzudienen, als sonnten sie sich in dessen Schatten, trotz des unerfindlichen Renommées. Vergeblich wehre ich mich gegen diesen Byzantinismus. Das Gassenvölkchen will es so und meine beiden bariste bekräftigen es lauthals schon von weitem, als umgebe mich der Nimbus von Heiligkeit eines Psychomanten, der im morgentlichen Kaffeesatz zu lesen verstünde. So zwingt man mich, stets die Haare zu kämmen, die Pantoffeln gegen ordentliche Schuhe auszutauschen, ein würdevolleres Gesicht aufzusetzen und den steinernen Talisman meiner kunstbeflissnen Bilkis umzuhängen. Wenn die schwarze Nachbarskatze beim Morgespaziergang sich dann noch schnurrend an meinen Beinen reibt, wird das Wetter heute sicherlich nicht schlechter und le ciel ne nous tombera pas dessus…So fabrizieren sich Mythen von selbst; bald werde ich behaupten können, die Madonna sei mir erschienen und habe mir die Markusflügel eines Poeten angesetzt, man würde es willig beherzen, wie die Schildbürger Ludbregs in Kroatien, die mich einst mit dem Teufel im Verbunde wähnten…

10.00.. Der Himmel trübt ein, von Süden drängt nasser Nebel gegen die Lagune. Besser jetzt eine Runde tun, denn warten bis die Tropfen an die Scheiben schlagen. Entlang der Marina dei 7 Martiri erheben sich ungezählte Eisenkonstruktionen für die Bühnen-, Ziel- und Startbauten des diesjährigen oktoberfestlichen Marathonlaufs, einem mir abwegigen Schauspiel der Sportmassen, die mit Venedig so gar nichts zu tun hätten, wäre da nicht die Autofreiheit und die vermeintlich saubere Atemluft. Man bessert auch die Brücken-Laufstege aus, damit keine Atalanta, kein Hippomenes stolpere, putzt die Fress-und Saufmeilen auf Hochglanz und stiehlt der Biennale für einen flüchtigen Moment Importanz und Zulauf aber nicht die intellektuelle Prominenz. Joggende Menschen aller Alters- und Gewichtklassen machen die Riven zwischen Zattere und Giardini so unsicher, dass man sich in die engsten Calli verzieht, um nicht überstolpert zu werden: leere Getränkeflaschen rollen im Wind nach  Nordost  über  den  Gabentisch  weggeworfener  Mascherine,  geknüllter Tempotücher, zerfetzter Greenpass-Manifeste und breitgetretener Kaugummis hinweg…

Freitag, 22.10.

9.00. Neblichte Feuchte kriecht einem in die Gelenke; man kommt ums Heizen nicht herum, das jetzt empfindlich teurer werden soll, wie Treibstoffe und Elektrisch, Lebensmittel  und Auswärtsessen.  Die  Pandemie  will  bezahlt  werden.  Die Hundehaltung wird zur Belastung, das Wohnen ein Notbedürfnis, Transporte ein Luxus. Die Radio- und TV-Arenen ein unendliches zum Erbrechen reizendes Billig- Gelaber.  Die  Anti-Greenpass-Demonstrationen  ein  Irrsinn,  das  italienische Politgeschnatter in den Medienblättern ein autistischer Veitstanz auf dem Vulkan. Man wundert sich, dass das eremitische Mönchtum nicht wieder erwacht wie einst im Hexenkessel der Völkerwanderungen und dem Niedergang der Reiche, der Hierarchien, Religionen, dem Verfall von Moral, Humanität, Spiritualität und Geist. Nicht dass ich damals hätte leben wollen…

Samstag, 23.10.

7.00. Es ist fast aussichtslos, beim morgendlichen Erwachen sich seiner Träume vollends zu erinnern: so sehr man sich auch bemüht, sie einzuholen, so flink entlaufen sie wie Atalanta und kein noch so güldner Apfel hält sie zurück. Nur wenn das Leiden, Lieben, Fürchten oder Sehnen zu gross war, bleiben Traumfetzen zurück, die erlauben, ein ungefähres kurzlebiges Mosaik wiederzugewinnen, das die Hintergründe unzureichend und oft entstellend erhellt. Wenn Freud nicht zuweilen gelogen hat, um seinen Träumen ein interpretatives Gefüge zu geben, das seine Theorien stützen half, so hatte er zumindest ein ungewöhnliches Fangnetz geerbt oder antrainiert, sie zu erhaschen und mit seinen Träumen und Traumata auf Du verkehren zu können. Der gewöhnliche Sterbliche muss sich bescheiden „gut“ oder

„schlecht“ geträumt, bzw. geschlafen zu haben und erwartet vom ersten Kaffee – wie vollendet passt doch der Name Speranzas in mein Morgenritual -, die unangenehmsten Bruchstücke herunterspülen zu dürfen. Die verbotene Märchenwelt schliesst ihre Paradieses- oder Höllenpforten bis zur nächsten Nacht, für die man sich vornimmt, den nächstkommenden Traumfilm dieses Theaters endlich auf den Leim zu bannen. Vergeblich; das Versteckspiel des Morpheus narrt uns von der Wiege bis zur Bahre und belehrt uns, dem Unbewussten, Unbeherrschbaren, Unerklärlichen seine Schlupfwinkel zu bewahren, wo es seine heiteren Phantasamagorien, und düstern Wahnvorstellungen, Illusionen und Delusionen, Hoffnungen und Verzweiflungen schmieden kann, ohne welche sich unser Erdenleben grau und determiniert in seinen endlosen Zahnradspuren abspulen würde. Der zielverliebte wenig beugsame orthostatische Wille benötigt die breitassoziativen und allesverknüpfenden Vorstellungen als irrationales Korrektiv und belebende Farbigkeit, ohne die wir im platonischen Kerker nur die neblichten Schattenbilder wahrnehmen würden.

Nicht ohne Grund überlieferte uns der griechische Mythos die Kunde der zwei Antagonisten Mnemosyne und Lethe, den göttlichen Quellflüssen des Gedächtnisses und des Vergessens. Das eine kommt nicht ohne seinen segensreichen Gegenpart aus, ob es nun das Gehirn Einsteins ist oder das Freuds, Till Eulenspiegels oder Don Quijotes, das Descartes oder eines Zanni oder Pantaleone der Commedia. Auch wenn wir unser unablässiges Vergessen oft bedauern, hüten wir uns vor dem Moloch ewigen Nichtvergessens, der uns im Gewand der Nützlichkeit und des Profits verheissungsvoll aus dem Internet zuwinkt, ein stets abrufbares Weltgehirn, das man dereinst dem Neugeborenen als Chip einpflanzen könnte, Feind aller Inspiration, Narrheit und Lebendigkeit, das uns lenkt und bewacht, bevormundet und bestraft, höhnt und belehrt, erniedrigt und entleibt.

Ich habe vergessen, warum ich noch vor dem Frühstück ausgerechnet an solch dürrer Kost herumkauen musste. Der Nebel draussen ist so trüb wie der Lethefluss, Zeit für Speranza…

Sonntag, 24.10. 2021,

35. Venice Marathon:

8.00 Bis weit in die Giardini hinein sind ungezählte Pavillons aus dem Boden gestampft worden, bewimpelte Transennen errichtet, Fress- und Sauftümer angefahren, die Zuschauermägen des heutigen internationalen Marathonlaufes zu besänftigen, Selbst Speranza kündigt des Mammons zuliebe ihre Sonntagsruhe. Die Restaurants in der Via Garibaldi haben ihre Sonnenschirme strategisch bis in die Strassenmitte vorgerückt, zwischen denen sich der uneingeweihte Passant, von utopischer Architektur ernüchtert und von Kunst-Bädekerei ermattet, mit gerunzelter Stirn wie auf einem Ski-Slalom entlangschlängelt. Antiquitätenstände, fliegende

Hemden- und Unterwäsche-Händler nutzen das Gedränge, ihre eingestaubten Waren loszuwerden, man „spritzt“ sich in und vor den Stehbars jovialisch zu, von Südwest nach Nordost weht Campari-Hauch und die schmucke sonntagsdunkelblaue Hermandad erwartet Tränengas-spraygerüstet eine Orgie von sportverbrämten berauschten Schlachtenbummlern, die hoffen, sie würden spätestens mittags von den Teleobjektiven der am Molo aufgetürmten Medienfahrzeuge erfasst und von den Daheimgebliebenen bejubelt. Die schweissgebadeten Nike-beschuhten Läufer aus aller Welt wird ja ohnehin niemand kennen, da ist ein frenetisches Winken aus der Zuschauermenge von Tizio, Caio und Sempronio an die Trippa-von-gestern-aufwärmende Mammina, den dementen Nonno und die noch laufunfähigen Nipotini eine andenkenswerte Lust.

9.40. Es beginnt die Rennerei vor der Villa Pisani in Stra, folgt dem Brentakanal, überquert den Ponte della Libertà, erreicht über die Zattere eine Pontonbrücke von der Punta della Dogana bis zur Piazza San Marco und endet über die Riva degli Schiavoni im Endpunkt von Sette Martiri unweit der eignen Haustür. 42 aus Hellas importierte Mythen-Meilen.

10.19. Muss mich wohl bequemen, selbst als Sportmuffel das Theater ins Auge zu nehmen, das da wie ein Tsunami von Westen anrollt.

13.00. Die aufwendige Übung ist jäh vorbei. Tausende Menschen wurden mobilisiert, Kilometer transenniert, Milionen investiert, drei Kenianer nach spektakulärem Spitzenwechsel intronisiert – ein vierter rettete die Ehre Italiens, die Damen brillierten miracolosamente mit der nämlichen Nationalfahne, gefolgt von drei Afrikanerinnen, die es kaum fassen mochten. Ich konnte alles im Zielraum beobachten und war sogar gerührt. Anfänglich liess man die Alten, Fetten, Halbtoten, Gehstock- und Krückenbewehrten, die Gruppensportler, die Notorischen, die Einstsieger und Einsteiger, einige Rollstuhlfahrer oder –schieber, dann die Youngsters parodieren, die seit Stunden unterwegs waren und sich bejubeln liessen, erst gegen Mittag kam die Elite angeflitzt mit Rekordzeiten von 2 Stunden und Wenigem, am Ende der dritten die Nachläufer, die sich um die Ehre des hosiannierten Letzten rangelten. Die Lautsprecher und der einzige Videoschirm erlahmten nach der Siegerehrung, es werden die Restaurants gestürmt, die Sportclans feiern singend ihre Lieblinge, man wischt sich manche Freudenträne aus dem Auge, kauft ein vom eisigen Wind konserviertes Eis unter einer prallen Wintersonne, vergleicht die geschossenen Selfies. Der 35.Venice Marathon ist vollbracht. Der Tages-Rest gehört den Medien, Sponsoren und dem Fiskus.

18.00. Die Brücke übers Bacino, die Abschrankungen, die Werbeplakate alles ist wie weggezaubert. Nur gegen die Giardini zu bauen afrikanische „Sklaven“ die Pavillons noch ab. Die grünen Müllmännchen haben den meisten Unrat beseitigt. Morgen früh ist der Marathon Geschichte

Der Sonnenuntergang übertrifft sich selbst – wo ist meine Kamera – immer nicht da, wenn man sie braucht. Wie die Geldbörse wenn man an der Kasse steht und kein Erröten sie ersetzt.

18,30. Ein wenig Schreiberei:

Jacomo rinominato

Tintoretto hat sich nie Jacopo benannt. Sein häufigstes persönliches Etikett war Jacomo Tintoretto oder Iacomo Robusti di(t)to Tentoreto.

Nur in seltenen lateinisch verfassten Dokumenten erscheint das „Jacobus“ (tinctor), das Jacomo als Signatur im „Sklavenwunder“ von 1548 Tizians eitlem „Eques“ jener Jahre entgegenhalten wollte, aber am Ende in demonstrativer Selbstbescheidung mit

„iacomo tentor“ übermalte. Als echter Venezianer nannte er sich mit dem Patronatsnamen von San Giacomo dall’orio in dessen Nähe er in jungen Jahren gelebt haben dürfte (San Cassian), und zwar in der üblichen venezianischen Diktion, nicht anders als etwa das uns später vertraute „Jacomo“ Casanovas. Selbst ein von der italianità Rossinis und Salieris angehauchter Meyerbeer verwendete das sanftere und melodischere Jacomo. Ebenso nannten sich wie dieser Zelebritäten wie Vignola der Architekt, der Maler di Chirico, Schriftsteller Leopardi, Papyrologe Lumbroso, Manzoni (wie Puccini, der Komponist), Bildhauer Manzù, der Politiker Nani usw. In Venedig herrschte diese Namensform allgemein vor, bis heute.

Dass man Tintoretto diesen heimischen Wortlaut in der Forschung bis heute verbat, ist wohl Schuld des in Arezzo geborenen Florentiners Giorgio Vasari, der ihm den Platz in seinen „Viten“, der ersten umfassenden Kunstgeschichte Italiens, nur unter einem unbedeutenderen Kapitel-„Vormund“, des Battista Franco, gestattete, vielleicht eine durch die Eifersucht Tizians generierte Unfreundlichkeit, ja Missgunst, die an Robusti haften blieb und erst durch die biographische Arbeit der Schrifstellerin Melania Mazzucco’s*, einer Aussenseiterin des Historikerfachs, in den jüngsten Jahren endlich dokumentarisch in Zweifel gezogen werden konnte und archivistisch 2020 erschöpfend belegt wurde**.

Das populäre „Jacomo“ war mitunter programmatische Wahl des die weniger noble Gesellschaftsschicht der Scuolen und Innungen, der Sprengelkirchen und devotionalen Stiftungen bedienenden Vielmalers, dessen Wegmarken mithilfe der Bottega schliesslich das gesamte Stadtbild zu durchdringen vermochten.

Sein Kleinwuchs und die einfache familiäre Handwerkerherkunft, seine vermeintliche Bescheidenheit, sein Umgang im Sozialnetz der Stadt und die Charakteristik seines religiösen Auftragspensums gaben ihm das Prädikat und den Zuspruch eines Mannes des Volkes, dem er sich als „Färberlein“ verbunden fühlte. Er wusste seine ikonographische, bis an Häresie reichende Eigenwilligkeit, Erfindungsgabe und Neuheit unter dem Deckmantel vordergründig traditioneller Erzählkunst zu verbergen, was ihm entsprechendes Missverstehen und folgliche Ablehnung – siehe Vasari – einbrachte.

Ich hoffe, dass die künftige Kunstgeschichtsforschung sich endlich zum angestammten Vornamen Robustis bekennt, den er mit eigner Überzeugung und venezianischem Selbstverständnis trug, nicht nur dem Pilgerheiligen San Giacomo dem Älteren von Compostela zuliebe, mit dessen Gewand und Attribut er sich einst der himmelfahrenden Maria empfahl (Bamberg***) sondern allen Nominativen wie San Giacomo in Paludo, di Rialto und dall’Orio gleicherweise.

*M. Mazzucco, Jacomo Tintoretto e i suoi figli. Storia di una famiglia veneziana, Milano 2009.

**Tintoretto, L’uomo, i documenti e la storia 1519-1594; cura A. Erboso & G. Giubbini, Marsilio 2020.

***E. Weddigen in: Die Bamberger Himmelfahrt Mariae, Arbeitsheft 42, Bayr. Landesamt f. Denkmalpflege 1988, S. 61-112.

(Mittwoch, 3.11. 2021)

Weibergeschichten „du temps jadis“

04.00. Habe von Witwen geträumt, ausgiebig von Anita K.- C., der ersten Liebe, die jetzt 82 Lenze zählt, jugendlich gehübscht mit der ihr ähnelnden Tochter im Alter von Bilkis, auf einem Balkon, unter dem ich in einem schrottreifen Landrover vorbeifahre und winke, sie, lächelnd vor einem bekränzten Bildnis ihres verstorbenen Geigenbauer-Mannes Karl sitzend.

Beim Erwachen mäandern mir weitere Freundeswitwen durch den Kopf:

Etwa die schöne X, Witwe des befreundeten “povero Marcello“ B., der als Baumeister vom Dach eines Hauses im lazialen San Michele zu Tode stürzte,

nicht anders als die unlängst 2018 gleicherweise verwitwete Frau Marianne H., unseres treuesten Freundes, Kunstsammlers und Schlossers „Housi“ R., in Niederwangen bei Bern,

so meine Cousine Astrid K., deren Mann Fernando R. so plötzlich verlosch wie eine Sternschnuppe,

natürlich Eva R., Fritzens B. so treue Bildhauermuse und ihre Vorgängerin Françoise, die schöne Fiorenza C., Frau des Luigi S.-S., dem Chefrestaurator der Accademia in Venedig, dem ich meine hiesige Wohnung verdanke,

Jacqueline S. in Ficulle, meines römischen Verlegerfreundes und Gentleman- Farmers Frau, dem ich lange Jahre landwirtlich nacheiferte,

Monique V.-C. meines Restauratoren-Mentors Paolo C. Frau in Basel, dem letzten Venezianer im helvetischen Exil,

die Frau Andrea Z.‘s, Wasserbohr-Ingenieur, nahe San Michele, der sich auf der Jagd einen Arm abschoss,

dann die Ehefrau von Künstler Ivan Z. im kroatischen Ludbreg, mein Sekundant im Gründen des „Centrum Mundi“,

und die Frau von Antoni G., dem Künstlerfreund aus Athen, einst in Rom mein Porträtist,

schliesslich Isabella, Doppelwitwe zweier Tonino‘s: des naiven Künstlers F. und unseres genialen Zimmermanns in San Michele in Teverina,

Künstlerin Barbara R.-Oe., Frau Angelo R.‘s, des wohl geheimnisvollsten aller meiner Sonderlinge,

Tonino R.’s, des noblen Cameriere-Freundes herzliebe Frau Gianna im noch träumerischen Rom der 60- und 70-er Jahre,

Susi B., die Ehefrau des Maler- und Druckerfreundes Hansjürg B. in Jegensdorf, der sich das Leben nahm.

Vielleicht habe ich noch einige vergessen…

Was haben alle diese Witwen durchgemacht, frägt man sich, und wären sie heute etwa glücklicher mit ihren noch lebenden Chimären, Egoisten, Ehebrechern, Haustyrannen, Invaliden, Verwirrten, Miesepetern, Alkoholikern und Melancholikern? Ab wann haben die Männer prokreativ ausgedient und geruhten, freiwillig das Zeitliche zu segnen? Sollte man als Mann nicht beizeiten abtreten, wenn er noch bei Sinnen ist und voraussehend sein Los demutsvoll erwarten oder beschleunigen kann, wie die Eingeborenenkönige des vorkolumbianischen Südamerika?

Die in der Regel überlebenden weisen Grossen Mütter hatten instinktiv und naturgemäss das gesunde Genpotential zu schützen und alle korrumpierte, korrupte, korrodierte Erbschaft vergammelter Mannheit auszuschliessen, zu vertreiben, hinwieder gar auszurotten mitsamt der erotogenen Wurzel allen Übels, wie Gaia genug hatte von Uranos und den Sohn Kronos mit der Sichel schickte; machte doch Sinn, oder?

Sonst wären die raffinierten abperlenden Hilfsmittel der altersschwindsüchtigen Weiblichkeit ja sinnlos: Menopause, Fettleibigkeit oder Anorexie, Migräne, Runzeln, Haarausfall, Brustkrebs, Karies, Frauenbart, Triefaugen, Arthritis und Demenz. Hingegen sind Gnadenschuss, Gift und Stilett weniger ratsam, sich der überlebensgierigen Männer zu erwehren, auch Liebesentzug, Trennung, Scheidung, ja Ehebruch oder Güterteilung sind sanftere Methoden, die schlechtere Hälfte

loszuwerden, bevor sie zum Hausschwamm wird und den Freischwimm für einen still-genussvollen Lebensabend behindert.

Und die Moral von der Geschicht: man unterschätz die Weiber nicht…

Donnerstag, 4.11.

Nach einer tumultösen Nacht ein scheinheiliger Friedensschluss der Elemente, als hätte sich kein Wässerchen getrübt und kein Lüftchen bewegt. Nur die Pfützen spiegeln die nassgepeitschten Fassaden und die vom Sturm entriegelten Fensterläden. Bauschutzplanen werden wieder angezurrt, Zementsäcke wieder abgedeckt, Zäune wieder aufgerichtet. In den Bars wird wieder gewettet, wann das acqua grande wiederkäme um ungehemmt über den MOSE herzufallen und das Consorzio für seine Miliardenmauscheleien, die es nicht für sich behalten konnte, zu bestrafen. Lieber solle Venedig untergehen als die mafiosen Unternehmer der bestialischen Terraferma zu bereichern. Die dritte oder vierte Welle käme vom Meere, nicht vom ungeimpften Bürgerruf nach elementarer Freiheit. Die Pandemiedaten kollern aus Radio und TV wie Kies in die Rührtrommel, um sich zu Beton zu verklumpen, dessen Ingredienzien man nicht mehr wahrnimmt. Zwischen Cornetto und Cappuccino sind die Toten eine Un-Zahl, die niemand mehr hören und sehen will, so als habe sich der obligate Mundschutz auch über Augen und Ohren verschoben. Man will endlich wieder übers Wetter reden, über Ferien, freie Arbeitsplätze, Essen und Familie, Fussball und Fussfall des Papstes, das dritte Geschlecht, und den kommenden Karneval. Soll doch Covid 22 die Taliban befallen, Stimmlähmung Trump, Salvini und Meloni, Demenz den Bürgermeister und ein Schwerölverbot die Kreuzfahrtschiffe! Drachentöter Draghi auf die Altäre! Nieder mit den Steuern! Tod dem Lockdownsyndrom!

16.30. Die Kirche S.M. della Pietà wird ihrer Schutzplanen entkleidet, die vornehmlich als Halt riesiger Reklametafeln der Modebranche dienten, und die Riva degli Schiavoni seit Jahren auf fotogene Meilen hin verschandelten. Dass die Fassade darunter restauriert wurde, war kaum ersichtlich, ist meiner Beobachtung gemäss auch wenig dringlich gewesen. Die Verkleidung war ein reiner Spekulantentrick der Sponsoren, nicht anders als die Kirche selbst, in der fast ausschliesslich nur mehr teure als billige Vivaldi-Konzerte stattfinden, mit Stücken die längst zum Touristen-Ohrwurm geraten sind: Quattro Stagioni ohne Pausebrot, melodischer Fastfood wie Pizza und Kebab. 30 Millionen Kreuzfahrer, Uhrläufer und Kurzweiler vereinigt Euch, andächtig des abend-roten Priesters Ave Maria zu lauschen zur kannibalisch wohligen Vesper-Stunde unsers Lagunentodes. Amen.

Samstag, 6.11.

6.50. Traumerinnerung: Orgelmusik zwischen Bach und Tannhäuser. Kämpfe mich mühsam bergwärts durch einen dantesken hochstämmigen Wald. Dessen oberen Rand errreicht, öffnet sich mir ein weites besonntes Tal und ich werde gewahr, dass es das Tibertal südlich Orvieto ist und ich auf meinem einstigen Felssporn stehe: Lo Spineto bei San Michele in Teverina. Blick in die unendliche südliche Weite bis zum Monte Soratte. Mein Haus ist offen und leer, aber sichtlich bewohnt. Ich fühle mich heimatlich und erblicke das steinerne Grabscheit meines Vaters, das nach den Sabinerbergen blickt. In meinem Rücken raschelt wer, ich erwache.

Dieser Tage würde ich die Olivenernte meiner 100 Bäume begonnen haben, denke ich; zuerst das Sicheln und Freischneiden von wucherndem Stachelgestrüpp, um die

Netze auslegen zu können, hie und da einen verdorrten Ast sägen, die Leitern verteilen, die Körbe stapeln. Sich des Geruchs der von blau zu schwarz reifenden Olivenfrüchte innewerden. Nachsehen wo die ersten schon zu Boden gingen und warum. Die Wind- und Wetterrichtung am Lauf der Wolkenmassen orakeln. Die Zeit am Glockengeläut der fernen Dörfer ermessen und den Oktaven des Hundegebells zur Morgenstunde lauschen.

Warum nicht zurück in die einstige Idylle gehen, in der Arbeitsschweiss adelte und die Müdigkeit zum Tagesende wiederbelebte? Freunde und Nachbarn wiedersehen, im vom durchgehend am offnen Kamin gewärmten Frantoio, der alten surrenden und rumpelnden Steinmühle, zu Landwein und dem Röstbrot Bruschetta, mit Knoblauch und frischem nussigen Öl bestrichen, den Erzählungen der knorrigen Bauern zuhören, den dampfenden Trester hinauskarren und die in Scheiben geflochtenen Pressmatten ausklopfen, schichten und wieder mit dem zermalmten Olivenbrei behäufeln, die drehen, drehen, und drehen. Dann der erste schwere grüngelbe Göttersaft als dünner Strahl aus der Stahlmündung in die säuberlich ausgeschwenkten Fässer, die sich mit Engelsgeduld füllen, das Glücksgefühl das nur den beseelt, der dabei war…

Montag, 15.11.

Speranza wundert sich über meinen Fleiss, die letzten Krümel meiner Cornetti stets säuberlich aufzuklauben, während alle Gäste ein Chaos von Blätterteig auf dem Tresen hinterliessen. Ich erkläre ihr dies mit meiner Gewohnheit, seit den hungergezeichneten Nachkriegsjahren alles noch irgendwie Essbare zu verwerten, angefangen mit vertrocknetem Brot, dem Kochsud oder Speiseresten, Salatdressing oder letzten Getränkeschlückchen. Mich hatte einst die Demonstration Joes Nkruhma, meines ghanesischen Restauratoren-Freundes und zeitweisem Mitbewohners in Bern, sehr beeindruckt, als er immer einen geleerten Milchkarton erneut stürzte und stets einen gehörigen Rest zurückerhielt, mit dem man auf Afrika umgerechnet, ganze Landstriche am Verhungern retten könne. Auch der Umgang mit dem Müll in Venedig liess mich stets erschauern, was an wertvollen, noch unberührten Speisen in die Container gelangt, die ein Drittel der Stadt ernähren würden. Das europäische Verbot, Speisereste an Tiere zu verfüttern, hatte mich seit je empört, und die Verschwendungsökonomie durch Überkonsum zu stützen, halte ich für eine Beleidigung der Menschenwürde.

Ergänze für Boris: Deinen so sorgfältigen Umgang mit den kleinsten Kompositionsfragmenten und -ideen halte ich für eine ähnliche disziplinierte Sparsamkeit, den Klangreichtum der Sphären [Boris erklärt sie als Wellen, ich nenne sie ein metaphysisches Wellenspiel] auszubeuten…

11.30. Die 12 000 Covid-Toten hindern die greenunpässlichen Freiheitsschwärmer des Veneto nicht, sich mit den Ordnungskräften herumzuprügeln. Steckt man sie aber in Hochsicherheitskrankenbetten auf Kosten des Staates, weil sie sich beim maulkorblosen Brüllen gegenseitig angesteckt haben, wollen sie Freibett, Freibier, Freipflege und Freiplatz im Cimitero mit freiem Blick auf die Dolomiten. Eine gehörige dreifache Paradoxonbehandlung täte ihnen und ihrem ungeistigen Umfeld gut. Hätte Franco Basaglia, der vor einem halben Jahrhundert die Irrenhäuser in Italien auflöste, gewusst, was aus einem demonstrierenden Sonderzweig seiner Pfleglinge geworden ist, hätte er ihnen ein eigenes Kapitel über die zivile Unvernunft gewidmet. Basaglia meinte bei einem seiner Besuche bei Clotilde Puppin D’Augier, meiner einstigen zeitweiligen Schlummermutter im Venedig der 60er-Jahre, einen Irren

könne man von einem Unvernünftigen so gut unterscheiden, wie ein halbvolles Schnapsglas von einem halbleeren. Beide seien gleicherweise geeignet, die Sinne zu verwirren.

Dienstag, 16.11.

Speranza hat Frei-Tag. Ich Cappuccino-Pause. Nur Gassigang ist obligat. TB-Eintrag Ludwigs XVI in der Hochzeitnacht: „Nichts“. Darf ich als Ebenbürger auch. Selbst ohne Hochzeit geschweige Niederkunft des Fallbeils. Corona auch den Ungekrönten! égailleté! fatalité! liberalité!…

Mittwoch, 17.11.

Den Steinmetzen zusehen und sie ermuntern. Der älteste und krummste unter ihnen karrt mangelnden Sand von der Bragora her über zwei Brücken nach dem Rio della Tana, wischt sich den Schweiss von der Stirn und meint „si debe lavorà, se no se mangia“. Aber er freut sich, dass man ihn anspricht und sein Tun beachtet. Im Nebenhaus legt man eiserne Riesenrohre vom Arsenalkanal her bis zur privaten Abwasserdekantation jeden Hauses, um die stinkende Brühe abgesetzten Unrats in ein Sammelboot zu pumpen. Wer weiss schon, was diese Arbeiter leisten und erdulden müssen, um jahreinjahraus unsere Ausscheidungen zu beseitigen. Auf Meter umgibt sie ein Pesthauch, den sie abendlich nachhause tragen, um wie Phönixe aus der Asche sich an den Familientisch zu setzen. Die grünen Müllmänner der zweiten Morgenstaffel läuten an jeder Wohnung eines jeden Hauses und warten geduldig auf den Unsegen eines jeden Bewohners, der zur Türe schlurft, um über hunderte von Metern seine lästige Last ins Müllboot befördern zu lassen. Buongiorgio ist längst im Morgendämmern über alle Müllberge weggebest und gönnt sich einen verdienten Kaffee in der städtischen Kantine.

Die „Werke und Tage“ -Ἔργα καὶ ἡµέραι – Hesiods vor bald 3000 Jahren in über 800 Versen verhexametert, kommen mir in den Sinn, in denen die ehrliche Arbeit vor die faule Hybris gesetzt wird und das duldbare Schicksal zu ertragen beschworen wird, um die Menschenwürde zu beschönigen. Die Hesiode von heute kümmern sich kaum um die Werke und Tage derer, die sie auf knorrigen Händen in die Redaktionshäuser tragen. Schon Montaignes Essays wie Schopenhauers Parerga vergessen die Hefe an Menschen, die das lebenswerte Leben erst ermöglichen…

Kommunizieren ist ein Elixier, wenn es an persönlichen Kontakten mangelt, um die Einsamkeitslücken, die zu jeder Tages-und Nachtzeit lauern, zu überbrücken; man wird von rattenhafter Geschäftigkeit übermannt, schreibt Schrullen, Glossen,

„Episteln“, Essays, Notizen, Briefe und was alles mehr an Freunde, Familiare, längst verstummte Adressen, um nur die gähnende Leere nicht zu spüren, die das Exil in den vier Wänden umgibt, das die Flucht aus dem Gewohnheitstrab bewirkte. Nur um in neue Rituale zu verfallen, Mechanismen des Vergessens auszulösen, Rettungsseile vor Abstürzen auszuwerfen, Brutstätten des Gewissens, der Selbstanklage, des Missmutes, der Minderwertigkeit und Verlorenheit auszuräuchern. Stets aber ohne Erfolg.

Finde in Andrea Calmos apotheotischem, in einem scherzhaften im Fischerdialekt gehaltenen Brief an den Freund Tintoretto von 1548, charakterlich-portraitistische Anklänge, denen zufolge die künstlerische Unrast des hochstrebenden Jacomo vielleicht einen ähnlichen abgrundnahen Selbstzweifel bemäntelte.

Beim Seiltanz über die danteschen „bolgie“, die Höllenstrudel, muss man bestrebt sein, unaufhaltsam voranzugehen, um nicht ins reissende Nichts zu kippen…

Freitag, 19.11.

7.45. Vor dem Carpaccio vertritt sich meine eremitische Garzetta die dürren Beinchen auf den Stufen der Anlegestelle, weicht hochflatternd dem Wellenschlag aus und zupft sich hin und wieder einen Jungfisch aus dem eisigen Wasser bis sie beim Anbrausen des Müllbootes das Weite sucht.

Sinniere über die Dauer meines eigenen Eremitentums. Wie lange noch fülle ich meine tägliche Garzetta mit Fischchen for Compliments, um das hungrige Vakuum an Anerkennung, menschlicher Nähe und Zuspruch zu füllen? Irgendwann landet das Müllboot an und verschleppt die Reste meiner virtuellen Existenz an die Ufer Lethes. Wäre es nicht Zeit, das Steuer umzuwerfen um nach anderen Horizonten auszuschauen? Sich von meinen Lesern mit Schlussstrich und Dank zu verabschieden. Fortan nurmehr fürs eigne Bewusstsein zu zeichnen, für Analfabeten zu schreiben, Erinnerung zu erwandern, Gespräche mit Unbekannten zu führen, Vergessen zu kultivieren, ein Kindsein wiederzuerstreben, und endlich das Altern anzunehmen? Alle Eitelkeit abzulegen, Stolz, Hochmut, Ranküne und Hass? Schwammsein, Leerstelle sein, Interpunktion zwischen Fragen, Geheimnissen und Vorstellungen des Seins, endlich Freund des Todes werden und die Überdauernden Lieben lehren? Lachen und Loslassen. Leben. Sich leben…

Vielleicht wäre es endlich soweit…

Samstag, 20.11.

7.10. Wie dörflich klein ist Venedig geworden, so ohne die hohen Paläste, Glockentürme, Kräne, Masten und Inseln im wabernden Dunst! Ein Vineta unter Wasser fast, ein Traumreich für Nixen, Sirenen, Meeresfaunen und Tritonen. Würden die Vaporetti nicht im Viertelstundentakt ihre Schübe von gackernden Schülern anlanden, glaubte man sich in einem nurmehr vorskizzierten leeren Bühnenentwurf. Ein Nebelhorn klagt aus dem grauen Lagunenvorhang, eine Ambulanz antwortet in Jodelquinten. Das Peitschen, Glucksen und Schäumen von Wellen wirkt dräuender und das Krächzen der Möwen frecher, das Hallen von Schritten martialischer wenn man ihre Quellen nur hört und kaum sieht. Gassen und Kanäle verlaufen im Nichts, selbst die sich entlaubenden Baumkronen scheinen nach oben zu wurzeln. Der Tag weiss nicht, ob er weinerlich sein wird oder doch noch zu lächeln vermöchte und zieht noch einmal schläfrig die Nebeldecke über die fröstelnden Schultern. Venise s‘ éveille un peu.

Die drei balkanischen Dachdecker poltern auch am Samstag bei acht Grad auf dem Gegenüberhaus herum, einem drohenden Regen zuvorzukommen. Ich sehe ihnen mit wohlig aufgewärmtem Interesse von oben zu, während ich meinen ersten Panettone dieses Jahresendes geniesse.

Aus K. besorgniserregende Berichte zum Yoffe-Lazarett, aus dem Boris im Schlafrock eine Klavier-Komposition entlässt, um heldenhaft sein Stehvermögen unter Beweis zu stellen.

Michele präsentiert seine Video-Plauderei zur Sant‘Orsola und die 11000 Jungfrauen Tintorettos der Mendicanti, wohlbedacht, mirzuliebe nur an Jacomo statt Jacopo zu appellieren (besser ammellieren?). Er berichtigt die fälschliche Transkription der unwahrscheinlichen Hekatombe in die wirklichen, wenn auch legendären nurmehr 11

Märtyrerinnen (Kürzung „M.“ wurde als mille gelesen!) deren spektakulärer Tod somit für das gläubige Volk unerheblicher und für die reliquienfreudige Kurie kommerzschädigender ausfiel. Michele verspricht zudem, mir am Montag beim Anwerfen des Picasso beizustehen, sofern die 11000 heiligen Nymphen den 1500 cm3 nicht nothelfen wollen.

Thomas unternimmt seinen letzten diesjährigen Motorrad-Ausflug an den besonnten Ammersee als Alternative zum Nebelmeer Venedigs.

Françoise meldet von rai3 informiert, auf der Piazza San Marco formiere sich eine

„Manif“ gegen die überbordenden Motorboote. Meine eignen motorischen Borderline- Syndrom-Syptome genügen mir vollauf, ich muss sie nicht noch an unbo(o)tsmässigen Taxifahrern, Touristenschippern und Cola-Transportern auslassen. Sollen die Venezianer selbst ihre Raser, Schwefelschwängerer, Beutelschneider und Radaubrüder über Bord und an die verseuchten Küsten Margheras werfen!

19.00. während ich The ghost whisperer (zusammengeflickte TV-Serie von 2005-10) ansehe, kocht meine Gemüsesuppe mit Kutteln anstelle trippa alla romana vor sich hin und schmeckt am Ende so gut, dass ich auf das passata di pomodori verzichte und für drei Tage mit einer nahrhaften klaren Brühe versorgt bin, auf der die Olivenöl- Augen schwimmen und mir ein anerkennendes passed zublinzeln.

Der aufwendige James Bond-Film Moonraker (1979) entwürdigt mit kindischen Verfolgungsszenen das Gassen- und Kanalsystem der Serenissima, macht sich mit dem Bersten von tonnenweise Muranoglas lustig und ironisiert die Touristenflut auf dem Markusplatz.

Analog zu Bond verfolge ich meine seit Tagen noch immer lebende Mücke durch die halbe Nacht, ohne sie mit Sicherheit zur Strecke gebracht zu haben. Der Beisser Jaws, ein 217cm grosser Elefant (Richard Kiel), aus dem Film, leitet offenbar beim vergeblichen Mückenmord die Regie.

Sonntag, 21.11.

Das war noch gestern, mal sehen ob ich oder die Mücke oder beide den heutigen Tag überleben.

Montag, 22.11.

Ob der profanen Biennale hatte ich gestern nicht nur den Protest der Moto- ondosigen sondern auch das religiöse Fest der Salute verpasst. Michele beschrieb mir sein Schlangestehen über die Pontonbrücke bis vor die von heilsuchenden Pilgern, einigen vor Covid geflohenen Ungeimpften, den unvermeidlichen Novax- Demonstranten und unzählbaren Neugierigen umlagerte Kirche. Michele gelang es indessen nicht, durch die schwarzgeballte Menge bis zur schwarzen Madonna vorzudringen und gab sein Unternehmen auf, um ebenfalls noch schnell die ebenso überrannte Santa Biennale aufzusuchen, um auf den modellierten, polierten, politisierten Altären der Baukunst für die Einfältigen der Altäre um Erlös zu beten. Es ist nicht leicht, zwischen incensurablen, also unbescholtenen Zertifikat-Trägern und beweihräucherten incensorati zu unterscheiden, denn beide buckeln vor einem Phantom, das einerseits begreifbar, aber anderseits unbegreiflich ist: die Einen küssen es in Verzückung transitiv durch die Anticovid-Trennscheibe – die Eine meinend oder der Allerheiligen Huld – die Andern glauben sich intransitiv von der Musen Einen – Kalliope, Urania etc., oder gar von Allenneuenen – geküsst. Die Benebelung beider Parteien geht so weit, dass sie bereit waren und sind, Blitz- und

Bluffkriege zu führen: Ikonoklasmus in Byzanz, Antikreuzzug der Zwänglianer oder Bildersturm und Kulturvandalismus in Bamian und Palmyra etwa.

Der Klatsch über Himmel, Hölle und Teufelei ist ebenso absu(r)d wie Rosenkreuztümelei, Moonscheinheiligkeit, das Syndrom des Clash of Civilizations oder die Urangst vor dem crash der Informatik auf dem häuslichen Bildschirm.

Mich dünkt es zwar menschlicher, einer Allmutter Isis oder Gottesmutter Maria zu frönen, als der Mutter aller Kriege von ISIS oder IRA, aber die Urmutter aller erlösungsdynamischen und dynamitardischen Entselbstung ist wohl doch die Einfältigkeit gewisser Hirne durch deren Absenz von Windungen oder abknickender Verstopfung nie ein entlüftender Wind des Enlightenment, der Erleuchtung, der Aufklärung gezogen ist. Beati pauperes spiritu quoniam ipsorum est regnum caelorum zu Küchendeutsch: mit dem Himmelreich fängt man Mäuse.

Heute ist die Madonna der Salute wieder salutarisch leer. Wenn es mir eine Lücke im Dauerregen erlaubt, gönne ich mir ein Stündchen in der Geist und Körper verkuppelnden Bahnhofshalle, die Segnungen geheiligter Architektur zu geniessen. Ein halbresignierendes Amen an die Biennale…

Boris schickt mir ein Gedicht von Riccardo Held

„Das was nicht da war“

(Ein Wutanfall oder eine konstruktive Imagerie über meine Stadt)

Es war November, es war gegen Abend, ein kalter Nebel wie im echten Winter, ich wartete auf die Gondel auf der Punta

(ja, leider von Benoni und nicht Longhena) de la Dogana, sie war nicht zu sehen.

Es war kein Mensch zu sehen am anderen Ufer. Keine Touristen, keine Reisegruppe,

keine Stände, Konzerte, Depliants, keine Dichter und keine Kunsthistoriker,

weder Brodskij, noch James , noch Thomas Mann, keine Sätze mit Ausrufzeichen:

Oh this is wonderful!, C’est magnifique! Mira que lindo! , Es ist ja wunderbar!

How sweet and lovely! cosy! pretty! nice! Nicht ein Gemeinderat, kein Denkmalamt, keine Spur von Ausschüssen, Komitees, keine Insula, kein Venice in Peril,

keine Masken, keine Gruppenführer, keine echten Murano’s made in China,

keine Biennaleschuft, ach! Die Stadt der Kunst! Auch kein Kinogesinde, was für Bilder!

Und das Echte, das Spontane, diese Frische! Ja, eine tausend vier hundert Jahre alte Frische! Weder Seiltänzer noch Gaukler und Performers, keine Jehowa Zeugen des Unwahren,

keine selbstlosen, schuldlosen Verehrer des Eigentlichen, Malerischen, Schönen

(steuerfrei-wohlgemerkt-weit vom Geschäft!)

Keine Schlafwanderer der Postmoderne, (verträumte Seelen- wissen Sie?-

Sie leben nur für Kunst, und wenn sie fallen, Gott weiß warum, nur auf die Butterseite!) Kein BBC, MDR, ORF, ARTE, France culture! Keine grenzüberschreitenden Ganoven,

die „Visual“ mit „Poetischem“ verkuppeln! (Das Erste ist Nichts als Hass gegen das Bild, das Andere der Hass auf jede Dichtung!) Keine die auch vom Kaff wo sie herkommen

Schon besser wissen wie man’s machen sollte! Keine wohltätigen Ladies, keine Dandys,

keine Zuhälter, ja keine Philosophen,

und sogar keine Schwindler, keine Hunde und keine Denker de la Décadence!

Es waren da, ja das war wohl zu sehen, Zwei Möwen waren da auf einer Fiale, Zwei Tauben waren da auf einem Stein, und weiter unten kaum Kielwasserschaum,

neben dem Schatten eines schwarzen Kahns!


[14:22, 22.11.] E.: TB, 13.48. Beunruhigende Covidnews aus Österreich, Deutschland, den Ostländern. Das Veneto steht kurz vor der gelben Zone; man stirbt fast nur als Ungeimpfter; mit Rilke und Co. gesagt:

wer jetzt kein Einsehn hat, braucht keines mehr,

wer jetzt allein ist, muss es ewig bleiben:

es lockt ihn’s Down in kleinen Scheiben

zum selbstgegrabnen Loch, wohin die Blattern,

Pest, Krebs, Sida und Malaria treiben…

Dienstag, 23.11.

6.50. Ob der Baugerüste unsichtbar rumort Buongiorgio in der Calle mit Besen und Schaufel, unverkennbar an dem ihm eignen Rhythmus der Bewegungen und Geräusche. Einen trocknen Morgen zu wünschen und „tutto apposto?“ zu fragen ist beider Ritual und so kann sich der grämliche Novemberdunst befriedigt in der schütteren Wolkendecke verflüchtigen, in die von Osten her die ersten Schimmer Morgenrot eintauchen und sich am Ende im erst stählernen, dann azurenen Blau der schönsten Waschmittelreklame verlieren. Der neue Tag ist da.

Aber die Bar hat Ruhetag.

Freitag, 26.11.

Black Friday!- heisst es überall. Doch die Schwärze steht in den Wolken, aus denen es bei neun Grad Kälte und 90 Grad Perpendikulanz Bindfäden regnet. Selbst der schwärzeste Kaffee wärmt den Freezingday nicht auf.

Ich schaue den Tropfen auf meiner Wäscheleine zu, wie sie sich sammeln, grösser werden, dahineilen, die grosse Welt in kleinen gläsernen Spiegelchen abbilden, um in schweren Kugeltropfen abzuperlen und sich weit unten im Pfützenmeer der Gasse aufzulösen. Metapher der dahinsputenden Menschlein, die sich als einmalig glauben, zusammenrotten und doch im Lebensbrei jäh untertauchen und vergessengehen.

Das obige erfundene Unwort Perpendikulanz erinnert mich an den Grabspruch des zum Hängen verurteilten François Villon «…Et de la corde d’une toise/Scaura mon col que mon cul poise.» (…und spür am Hals, wie schwer mein Hintern wiegt.)

Die NZZ bringt eine Illustration zum Blackfriday: Klebewand mit „Offer“-Überklebung unter der nur die Worte Bla, Bla, Bla übrigbleiben, so als hätte Greta Thunberg den Entwurf gemacht!!!: Eigentor oder Subversion?

Montag 29.11.

Knochenbrechende sechs Grad, schneeschwangere Wolken. Man zieht den Maulkorb freiwillig über die Nase. Die Jogger tragen Strumpfhosen und bepelzte Kopfhörer. Die über die Riva schwappenden Wellen am Molo sind froh über ihren lebensverlängernden Salzgehalt. Die Müllmänner verkürzen ihren Refrain, weil er im Halse gefriert. Speranza öffnet ihre Aussentheke nicht mehr, weil die Getränke beim Hinausreichen ebenso erkalten wie ihr Lächeln auf den erblauenden Lippen. Die Bauarbeiter auf ihren Gerüsten trommeln sich warm und die Glocken von San Martin scheinen magerer zu bimmeln. Die Tauben betteln nurmehr im Schwarm. Ein Morgen für den alten Jan Breughel, der auch mal in Arkadien zur Eiszeit geweilt haben soll.

Mittwoch, 1.12.2021

Tochter Klios Geburtstag. Schreibe ihr:

Meine liebe Klio,

Es ist mir kaum vorstellbar, dass Du heute Dein halbes Jahrhundert auf dieser Erdbahn feierst, wo ich Dich doch noch immer als unermüdlich geschäftiges Kind in San Michele sehe, wie Du mir die schweren Canali zur Deckung des Daches zutrugst, unter der brütenden Sommersonne Latiums, mit strahlendem Gesicht und wehendem Lockenhaar. Wie wenig hat sich indessen Dein Gemüt seither verändert, Dein bewundernswerter Optimismus, Deine Häuslichkeit und Zuwendung zu allem, was sich um Dich her bewegt, von Dir angeleitet wird, Dein Unternehmungsgeist, Dein Ordnungssinn, Deine unnachahmliche Handfertigkeit und Deine unfehlbare ästhetische Urteilskraft sowie die familiäre Ausstrahlung von Wärme und Verständnis für alle menschliche Umgebung. Deine liebenswerte Kinderschar zeugt für alles, was Du ihr an Tugenden und Strebsamkeit vererben konntest – lebende Manifeste Deines Charakters!

Hättest Du in der römisch-griechischen Antike gelebt, würde man Dich mit allen Bezeichnungen der Arete bezeichnet und Dir ein würdiges Standbild errichtet haben. Du konntest mutig alle karambolesken Situationen parieren, ich denke nur an den Brand des unter Deinen Händen kaum wiedererstandenen Hauses in Mezzenile oder der Kampf gegen die unvermindert wuchernde Natur um dieses, das Meistern der Jahreszeiten und ihrer Forderungen, die Mühen um Krankheit und Nöte Deiner engsten Familiaren.

Deine namensgebende Muse hat Dir das Geschenk der Wachheit für alles, was sich in diesem Erdenrund bewegt, sie verschönert und läutert verliehen: die regenerierende Neugier für deren Geheimnisse, Produkte und Geschehnisse: Du stehst im steten Dialog mit Umwelt, Kultur, Wissen, Geschichte und Alltag, den Du so besonnen an die nächste Generation vermittelst. Sie wird es Dir zu danken wissen, wie wir Dir danken für Deine bewundernswerte Existenz. Vale. Dein unwürdiger Erzeuger.

Klio antwortet umgehend:

Merci beaucoup! Trop de gentils compliments! ☺Si j’arrivais à en atteindre un dixième, ce serait déjà beaucoup! à bientôt

Donnerstag, 2.12.

Bern, Berlin, Rom, Paris oder Karlsruhe entrücken sich meinen Plänen immer mehr. Es wird wohl bei einer einsamen Weihnacht bleiben, denn auch die Alarmsignale aus den Medien suchen die Menschen vom Reisen abzuhalten: wurde doch aus Delta flugs Omikron und aus diesem gebieren sich allerlei Omnicorona, böseste Omina und Ominöses mehr.

Ich will ja nicht wie der Claudisch-Clownische Asmus Omnia sua secum nach Bern portieren um, statt am Ende des Alphabets, wärs auch O megaschön! – dafür das mickrige Omikron, flugs oder flixweise im Quarantäne-Gepäck zurückzubringen. Das Ospedale incivile gegenüber der Toteninsel San Michele wäre voraussichtlich mein definitives Ende allen Lateins.

Samstag, 4.12.

8.00. Er will auch heute nicht beginnen, ist doch mein Cappuccino wohl in Punta Sabbioni hängengeblieben oder in die Covidferien geschickt worden. Auch keine Cornettigkeit in Sicht, die Mangelwirtschaft des selbstgebrauten Troppolungo zu mildern. Pazienza mit Speranza.

Die Phalanx der Novax-Demonstranten ist seit Tagen im Veneto aufgebrochen und gedünnt, seit ihr schlimmster Anführer nach einer Sars Cov 2 – Intensivbehandlung über die Medien verkündete, was er erlebt habe, gönne er seinem grössten Intimfeind nicht: Alle, aber auch Alle müssten sich jetzt impfen lassen. Vor den Spritzzentren bilden sich bei drei Grad dampfende Klapperschlangen, die noch schnell von ihrem Pesthauch befreit werden wollen.

Das heisst krude und prüde: jeder Impfmuffel solle endlich gegen einen solidaren Piex eine covidale Pax einhandeln. Besser zu spät als nie. Doch die Omikron-Armee rollt unaufhaltsam über Landes- Provinz- und Comunegrenzen, erwischt Alt und Jung, Gesund und Krank, Geimpft oder Nicht. Nun droht man manu militari, den Verweigerern jede publike Zerstreuung zu entziehen: Kino und Konzert, Hochzeit und Mahlzeit, Fussball und Maskenball, Baden und Beten, erotischen und öffentlichen Verkehr. Fehlt nur, dass man sie auf Quarantäne-Inseln aussetzt wie in den Glanzzeiten der Serenissima, als die sich den ganzjährigen Karneval nicht nehmen lassen wollte. Der Staat lässt die Maske fallen und verhängt sie halskehrum für jeden Schritt und Tritt pardon, Tritt in’n Schritt, des vergebens auf Spiess-Distanz gehaltnen Bürgers.

17.00. Stockdunkel, als sei man in Sibirien, aber „nur“ sieben Grad für nordige Verhältnisse. Kaufe, was zum Cenacolo noch fehlt.

Alle Läden bereiten sich auf Weihnachten vor, von dem niemand weiss, ob es stattfinden kann: weil Knecht Ruprecht auf der Intensivstation liegt: wo er doch zum übermorgigen Nikolaustag sagen sollte, es weihnachte sehr!

Rupert Covidius Naso

Allüberall blinken der Tannen Spitzen, Auf denen Babbi natali sitzen, Umrieselt von künstlichem Firn, Und Kerzen, elektrische, blitzen Um Äppel, und Macbook und Co,

Sankt Niklas vermisst die Lakritzen, Kindlein, wenn bange sie schwitzen, Die Säcklein, die Ruten und so

Und Ruperts polterndes Witzen! Er runzelt wie ratlos die Stirn:

Auf Storm reimt sich niemandes Hirn Nurmehr ist‘s leeres Perform

Es sei denn man suche nach ORM* Und fände die Finte im Korn

*(Object Relational Mapping) Zum des Allmächtigen Zorn Blieb Ruprecht als Primus, i wo!

Schon im Kinderhort sitzen Verpasste die niedrigste Norm

Und musste sein Zeugnis stibitzen… Zum Kummer des Theodor Storm Des Weihnacht ist nimmermehr ítzo Wie einst so traut und konform.

Na so!

_ _ _

Dienstag, 14.12.

7.30. Eine gutgelaunte Speranza sieht ab Sonntag einer guten Woche Winterferien entgegen. Ein weiteres Zeichen für mich, an Aufbruch zu denken. Aber wohin?

Auf den Brückenrampen für geh- und denkbehinderte Jogger sind die Teppichböden bereift und aalglatt, auf den Eisenbrücken hat man bereits Salz gestreut, das soeben restaurierte Gärtchen neben dem Museo Navale ist nun den Hunderudeln geöffnet, die es in Windeseile verkacken werden, weil ihre Vormünder zu faul sind, dem unwürdigen unangeleinten Treiben Einhalt zu bieten. Im Untergrund der Via Garibaldi wird weiterhin der Jahrhundertunrat ausgepumpt, beschienen von Weihnachtsguirlanden mit tausenderlei Lichtern. Dieweil tönt es aus den Medien, das Veneto sei ab nächster Woche der gelben Zone verfallen, weil die Spitäler überfüllt, die Angesteckten und Sterbenden, sowie das Weihnachtstreiben von Kauf- und Rauflustigen, überhand nähme. Zwar sei Italien zurzeit ein Musterland an Disziplin, aber die kommenden Wochen seien ein Alptraum für die Magistraturen, die Ordnungskräfte und die Leute mit gesundem Menschenverstand.

Mein Nachbarhaus ist gedeckt und gelb verputzt, so schmuck, dass ich mich meiner schäbigen Bleibe schämen muss. Der Zwang zur strukturellen oder zumindest

ästhetischen Aufrüstung wird fühlbar. Nr. 2263 erblasst zur letzten noch ungeschönten Ruine der Calle dei Forni.

Offenbar soll Omnikorona auch die Geimpften und Genesenden von Omikron zum Omega-Ende des Lebensalphabets begleiten können wie Hermes die Untoten zum Styx; das charontische Virus sei zunehmend schlauer und lässt sich immer weniger von der Wissenschaft übertölpeln. Da es nun auch unsere Jüngsten angreift und oft unsichtbar behaust, ist unsere Gegenwehr ein Vabanquespiel, ein Gefecht der Neger im Tunnel hat man einst gesagt, als es solche noch geben durfte. Bald wird man die Zweimalschluck-Impfung einführen, die fünfte Boosterei, Isolationshaft à la Rapunzel für Jederfrau, eiserne Maulkörbe für Jedermann, Joggerverbot, Ältestenmord und das Hexenbraten am Stiel säumiger Politiker, virtuelle vegane Geisslerumzüge, Hasspredigten gegen Nowaxer und Niewixer, dampfende Inquisitionsgerichte, Ausweisung aller Einwohner, Gottesverurteilung des Omnikronion am Pranger der Götterversammlung und Ratschluss zur Rückkehr zum Heidentum. Amen.

Mittwoch, 15.12. (Letzter Aufruf zum Abflug?)

10.00. Erbärmliche vier Grad Kälte. Die morgendliche Lust am Schreiben ist erfroren, zumal ich kein Echo mehr auf meine Postillen bekomme. Meine Leser sind es leid, negativistisch-humoreske Glossen ungefragt serviert zu bekommen, sind überfüttert und ratlos, wie man sie verdauen soll. Auch Ausflüge in Lyrik und Larmoyanz, Dämonismus und Dunkelmännerschaft, Kritizismus und Gelächter, das Beobachten des Ceto minore von Barmaid, Müllmann und Dachdecker, die Rührung vor dem Treiben von Hunden und Haltern, Tauben und Möven erstirbt in der Wiederholung, und unterschwellige Bilder überfluten schnell das Aufnahmevermögen venedigferner Adressaten, Italiens Politik stinkt nach drei Tagen der jüngsten Gerichtsbarkeit, das Wetter ist meist das vom letzten Jahr, sollte man versucht sein, es abzurufen. Kaffeeklatsch, Kirche, Küchenkost und Kot sind keine Sujets mehr, die ein ermüdetes Publikum an- und aufregen. Schwor ich einst, mit dem Ausklingen der Seuche mein Schreiben darüber einzustellen, muss ich doch einsehen, dass diese kein Ende findet und in immer neuen Schüben die Welt überfallen wird. So soll mit Silvester zum Trubeljahr 2022 das Sektglas zerspringen, bevor es anstössig wird.

Gerne würde ich zum Abgesang die Comedian Harmonists auftreten lassen, so etwa mit der intriganten Schnulze:

(https://www.youtube.com/watch?v=zNlA1_HY-Lg&ab_channel=JackGibbons) – auch die erneuerten Bands haben sie kaum übertroffen –

und namentlich den taubenvergiftenden Georg Kreisler hätte ich gern dazu eingeladen, aber er ist seit 10 Jahren im Taubenparadies. Ich hörte ihn einst leibhaftig und quietsch-life in Bern und liebte seinen Humor fast so sehr wie den eines Morgenstern oder Heine als Leser.

Also wird niemand an meinem laienliteratnen Kenotaph stehen und weder einen welken Strauss noch eine verwundete Faust schütteln. Habe ich schmollende Leberwürste  gezeugt,  bitte  ich  sie  um  Vergebung,  für  Orthographieteufel desgleichen, wie stolpernde Reime und sonstig ungereimtes errötendes Rübenkraut. Wer als Unverbesserlicher nach meinen Ergüssen forschen will, kann es fürderhin im immernetten All meiner Jimdo-Seite tun.

Dieser Abschied geschieht natürlich mit unbeschränkter Haftung für seine Relevanz. Noch ist Silvester nicht ausgestanden. Mein Corona-Exil nicht minder.

Man sage nimmer nie. Nie!

Donnerstag, 16.12.2021

Die Reiseunruhe treibt mich schon um vier aus den Federn. Was erwartet mich jenseits  der  Alpen?  Kälte,  Schnee  von  gestern?  Erstarrte  Wetterfronten? Gelegentliches Aufheitern? Gebietsweise Sonne gemäss dem Lied: „Hab Sonne im Herzen ob’s stürmt oder schneit, ob der Himmel voll Wolken, die Erde voll Streit –?“ Kann man sowas weniger rührig ausdrücken? Probiern wir’s:

Nistet die Bangnis Im eignen Gehirn? Ist lieblose Engnis Der Eris Verhängnis?

Zu finden die Musse Auf fernem Gestirn?

Lass von Gefühlen Dich nicht verleiten Und unnütz zerwühlen Von ihren Gezeiten Von Qualen der Busse Dich grundlos verwirrn

Lasse das Streiten Wähl lieber die Muse Zum äthernen Kusse Die Mütchen zu kühlen Hint‘ eherner Stirn

Damit hatt’s sich wohl, ich schliesse die TB-Tore in der Hoffnung, die Pandämonie täte es auch.

Den wiehernden Pegasus abzuschirren die weinerliche Kleio zu ihren acht Gespielinnen zu entlassen, den Mahnfinger einzurollen, Speranza, die Hoffnung auch der Hoffnungslosesten in den Ferien zu wissen und endlich auszuschlafen – welche Wohltat!

Natürlich beende ich das TB hier nicht endgültig, es ist nur für meine Chatfreunde gestundet, weil durch Abnützung und Übernutzung der Alltäglichkeiten unnütz geworden, sein Nutzen zur Unterhaltung und Besinnlichkeit erschöpft ist, auch wenn die Fangemeinde erfreulich protestiert. Soll sie sich gedulden, bis sich mir neue, andere Wege der Kommunikation auftun, die es wert sind, die Morgenstunden zu verplaudern.

930 Seiten TB sind‘s nun, vielleicht 1000 in der Enderlösung. Waren sie umsonst? Hatten die eigentlichen Adressaten etwas davon? Vielleicht werde ich es nie erfahren. Ich verfütterte die lesenswerten Abfälle meiner Selbstgespräche mit den drei holden und zeitweise unholden Empfängerinnen an eine erweiterte Runde, die kaum die Hintergründe meines Tuns und Lassens kannte. So war die Mühe nicht für Katz und Maus, oder Möwe und Taube, ja in etwas noch Geringerem gerechtfertigt, um nicht als fauler Ferienparasit an der Sonne gelten zu müssen.

Für mich Alternden im Geiste war es Training, nicht dem schmollenden selbstanklagenden Dahindösen zu verfallen, ja beim Wiederlesen erkenne ich mich kaum selbst, so überbordend vielfältig erscheinen mir die Dinge, Visionen, Träume, Erfahrnisse, die diese einsame Weggeschlossenheit zu generieren vermochte. Die seelische Läuterungsprozedur ist längst nicht abgehandelt, aber mir dämmert doch ein Sonnenloch im Regenwolkendunst, dass die Katharsis im Gange ist und wirkt, der Tunnelblick sich weitet und die Konturen einer Vita Nova nicht allzuferne sind.

Ich konnte die Teilhabe an diesem Prozess nicht sichtlich weitergeben, denke ich, weil die Umstände, Alter und Gestimmtheit meiner lieben und engsten Gegenüber es nicht erlaubten, doch bleibt mit dem Geschriebenen letztlich ein abrufbarer Beleg zurück, der, hoffe ich, auch später einmal zu lesen und nachzudenken anmutet.

Venedig verdanke ich von Herzen, mir das ideale Panorama geliefert zu haben, mir Besinnung und geistigen Anreiz zu erlauben; ja selbst die Pandemie, so schrecklich sie wirkt, war – und ist – ein Vehikel der Selbstschau, ein Jungbrunnen des Selbstverstehens, Spiegel des Ichs und des Lebens an sich. Nur an wenigen Orten der Welt dürfte man ein so reichlich ausgestattetes Labor finden, Menschen und Gesellschaft, in Not und Tat, fern von Zwängen und Ablenkungen zu beobachten, zu befragen und zu beschreiben. Nicht als berufsgehetzter Journalist, sondern als dankbarer Zuschauer von Ebbe und Flut der Alltagsgezeiten einer zwar gebeutelten doch noch immer serenen Stadt: eben der Serenissima, ihrem hochgreifend stolzen Beinamen zum Trotz.

Das notarisch notorische Festhalten der Daten und Orte in diesem Diarium mag den Leser befremdet haben, finden ihren Sinn nur in der Möglichkeit, den Ablauf von Ereignissen, Dialogen, Empfindungen und ihrem Wetterwechseln akribisch nachzuvollziehen, denn die Texte wimmeln von Paradoxien, Kruziverbalismen, Gedankensprüngen, und Stimmungsbrüchen die sich etwa ein Roman verbieten würde. Es soll Notatorium bleiben, Seismograph, Hydro- und Hygrograph meines Lagunenstadtlebens, Gradmesser meiner persönlichen Säftelehre von umore und umorismo.

Eben: die Tage- und Stunden-Buchhaltung eines Sonderlings, der zwischen Glück und Unglück gondelte wie Sindbad der Seefahrer.

Vale Allerleicum.

Freitag, 17.12. 2021 doch noch nicht das letzte Wort…

8.00. Die Pandemie, die sich letztjährig alles Vergnügliche verbot, hat gegen die unbändige Lust der Menschen, sich nur zusammenrottend zu zerstreuen, die Wette verloren: Wie von Geisterhand eingeflogen, sind 27 Lastwagen an der Riva dei Martiri (sic!) aufgefahren und entfalten ihre Innereien an Unterhaltungs-Rummelei in die Breite und Höhe, entfächern Schiessbuden, Schleckereiläden mit Zuckerwatte- Trommeln, Skooter-Tanzflächen, Wirbelkräne, Achter- und Geisterbahnen, Schleuderkreisel, Glücks-Fischteiche und vieles mehr. Auch an Billetthäuschen fehlt es nicht und am Ende rücken die Notklos auf die Torturenmeile.

Die anliegenden Biennale-Gärtchen „Levante“ und Ponente“ hingegen sind inzwischen von allem Ausstellungsgut leergeräumt, selbst die elegante helvetische Modellbrückenkonstruktion ist zerlegt, in ihren betonierten Einzelteilen lieblos aufeinandergetürmt und zur Müllabfuhr bestimmt. Die Hunde finden kein farbiges Kunstteil mehr, ihr Bein zu heben, aber es lässt sich wieder hindernislos im Rudel

zwischen den Bäumen dahinjagen, ungeachtet der Rufe ihrer unangeleinten Halter, die ratlos mit den Kotsäckchen wedeln.

Die fahrenden Vergnügungswerker sind voll der Hoffnung, die leeren Kassen endlich dank der so lang frustrierten Kinder und ihrer genervten Eltern wieder füllen zu dürfen, selbst wenn es auf Kosten noch Gesunder oder bereits Genesener sein muss, die sich hier fleissig in Tagesfrist mit Omikörnchen, Covitrinchen und Sarsensteinchen gegenseitig bewerfen werden, als seien’s verfrühte Faschingskonfetti, denen man längst ebenso sehnsüchtig entgegensieht, heissa, bald ist Karneval 2022! Die Sargzimmerer krempeln ihre Overalls…

Weihnachten! Oh Wei! Für die einen stille Weihe, die anderen Wein des fröhlichen Anstossens halber, für die dritten ein Weinen um ein weiteres vergeudetes Jahr. Manche sehen darüber hinweg, weil Silvester droht mit Knarz und Rausch, viele sorgen sich um die letzen Ausverkaufsschnäppchen, die Kinder, Freunde und Verwandten zu beglücken, Gewisse begutachten die Nesthocker des vergangenen Bienniums, ob sie zum Schenken nicht doch noch weitertaugen. Wer prüft nicht, ob der schicke schwarze Mundschutz aus dem Vivaldikonzert, auch in der Mitternachtsmette noch tragbar sei (in der Mikrowelle leierten nur die Strapse aus…). Doch den Kinderherzen weihnachtets wie eh und je, sind sie doch gegen die glitzernden Festtagsreklameorgien der Medien immun.

In der endlich beheizten Kirche San Martin wird der Alltagsmuff und -mief tüchtig beweihnachtet mit Harz und Rauch. In der Krippe kribbeln die Ledleuchten über dem nackigen Kindl bei 2 Grad Aussenwärme und ein Marzipanesel ersetzt den geklauten Gaul vom letzten Jahr. Meine starblinden Augen leuchten ebenfalls im Widerschein der heiligen Nimben aus Messingdraht und es hagelt Sterne aufs schneegedeckte Scheunendach, darauf die Englein jubilieren wie Schwalben vor dem Abflug in die Jordanische Wüste. In der Endlosschleife chort es Allejahrewieder in italienischer Übersetzung, und der ausgeliehene Küster geht um mit der Klingelbüchse für den tönernen dritten König, den Schwarzen, den ein rassistischer Militant zerschmetterte.

Nicht ohne Rührung sehe ich den vermummten Weiblein, den Strohwitwen des Christentums, beim Ave zu, wenn es zu hören nimmer kein Festschmaus ist. Ihre fingerlosen gestrickten Handschuhe umklammern das ungenutzte Gesangbuch wie einen Strohhalm zum Jenseits, während Don Agostino zu Ehren der Covidtoten aus dem Kelche schlürft. Über allen ruht der sanfte fotogene Blick Papa Giovannis XXIII- simos, den man noch immer nicht austauschen mag, gegen den ausländischen Francisco, von dem Monsignore vergebens bescheidet: „Fürchtet ihn nicht!“ Dann orgelts im Rücken, man bekreuzigt sich im Bücken, das Kindl strampelt vor Entzücken – ich muss mich taktvoll als halbkonvertierter Agnostiker verdrücken. Ehrlich.

16.00. Dichter Nebel lässt die Nebelhörner auf der Lagune klagen. Meine Nachbardächer verfliessen nach 80 Metern im Nichts. Der Himmel eben noch graumeliert mit einem rosa Stich fällt in ein namenloses Grau. Ein fast voller Mond steigt als wattiger Schimmer aus den nur vorstellbaren Bäumen vor Sant Elena. Erleuchtete Fenstergevierte schimmern wie blinde Alabasterscheiben aus unbestimmter Ferne. Geräusche scheinen durch die Schwaden erstickt, niemand geht ohne Pflichten durch die Gassen. Kein Boot zerrt in den Sielen nach Befreiung. Nur Rollkoffer rattern einer nächsten Riva zu.

Längst sollte ich packen, räumen, ordnen, säubern, meine Abfahrt vorbereiten, nach Mitbringseln ausschauen – aber mich lähmt die Vorstellung, nicht wiederzukommen in meine Klause, meine Fluchtburg, die Bühne meines Exils. Ich werde bei meiner Wiederkehr in neue Wässer steigen, sagt mir die Vernunft, der alte Misanthrop in mir indessen schürt den Zweifel. Wenn ich nur eine Hälfte hierlassen könnte, als sichernden Anker meines Ichs.

Von Mitte April 2019 bis Mitte Dezember 2021 sind‘s 32 Monate einer wenig unterbrochnen Abstinenz oder Distanz von Familie, Haus, Freunden, Gewohnheiten, Büchern, Kleidern, Ernährungsweise, Wetter und Beweglichkeit. Für einstige Weltumsegler, Spezereienschiffer, Geographen, Freibeuter, und Länderbummler des Lagunenreichs waren solche Absenzen einst Teil von Beruf und Natur, man wartete beharrlich auf sie, bis am Ende einmal nicht wiederkamen und die Zurückgebliebenen sich ihn ihr und deren Schicksal fügten. Venedig war ein Hort von ewig Wartenden: Kindern, Ehepartnern, Enkeln, Freunden und Verwandten. Geschäftspartnern, Diplomaten und Mündeln. Wie sollte ich mich als Sonderfall betrachten vor der Geschichte und ihren Geschichtchen, wo eine lächerliche Stundenreise Flug, deren sechs bis neun in anderen Verkehrsmitteln Dich an Deine Wurzelstätte zurückbringt, zurückbringen könnte, wenn Du nur wolltest oder müsstest.

Doch fühle ich mich nun auch in Venedig verwurzelt, wie ich es einst in Luzern, in Bern  und  Rom  war,  im  latialen  San  Michele,  ja  selbst  im  kroatischen

„Weltmittelpunkt“ Ludbreg. Jeder Abschied von einem dieser Ankerpunkte hinterliess eine Wunde, einen Filmriss, eine offne Frage, ein Existenzvakuum, das nur die neue Bleibe schloss. Eine solche zu erschliessen, ist in meinem Alter fast Illusion. Illusionen zu hätscheln fast eine Narretei. Narrheiten zu begehen so töricht wie sie zu planen. Die Commedia dell’Arte Venedigs war eine Brutstätte der Narretei als Kunst. Vielleicht wäre es tunlich dem durch meine Rückkehr Rechnung zu tragen und im Gewand einer ihrer Figuren die Lebenskomödie weiter- und zuendezuleben. Alles andere könnte in Tragödien driften.

Mittwoch, 22.12.2021

Arztbesuch befriedigend, aber muss mich teurer Medikamente bequemen. Doktor Böhlen unternimmt einen Vollcheck meiner Innereien. Beim Untersuchen der Nieren sucht und sucht er linksseitig vergeblich, bis ich ihm bedeute, ich besässe nurmehr die gegenständige, da er die gesuchte doch einst entfernt habe. Er lacht zustimmend und erinnert sich meines Gedichtes, das ich für ihn damals auf der Bahre zum Op. Um mein Handgelenk (anstelle der obligateren Zehe) gebunden hatte:

OP-Patienten‘s Nachtgesang*

Das Wandern ist der Niere Lust, Tumoren rumzutragen Frust;

In des Demiurgen Schöpfersicht Wars Reisen der Organe nicht Zumal der ungebetne Gast

Ist eine gar gefräss‘ge Last. Des χειροῦργος höchste List

Die Trennung des Gespannes ist; Doch ums Wandern zu verhindern Muss beider Dasein er vermindern. Trauer wär ein falsches Zeichen: Kann zum Weiterleben reichen Jener zweiten Niere dank

Duldsam auf der Wartebank.

Ärzten sei ein Kranz gewoben (bodennah, statt schon von „oben“)!

Mit hippokrat’schem Eidesgruss Narkoselig: Er..ass…mu….us…..ss


* auf dem Weg zum Anästhesisten am 12.August 2013, 11.50

Ansonst höre man Georg Kreisler‘s selige Wanderniere, soweit sie das postoperative Lachen einem erwachenden Narkosepatienten erlaubt… (https://www.youtube.com/watch?v=l48BcA1d0b4&ab_channel=notleidendeskonto).

Konnte ich damals unter die Lebenden zurückkrebsen, so ist heuer die Lage um Covid ungewisser denn je. Das Geschwür unterwandert die Welt mit unheimlichen Siebenmeilenschritten. War 2012 die Vertreibung meiner verräterischen Niere das Überlebensgebot eines einzelnen Erdenbürgers, so ist die Immunisierung der Weltbevölkerung vor der tentakelbewehrten U-Bootmine Sars ein weit unabsehbareres Unternehmen. War im Rückblick auf meinen unscheinbaren August 2013, jene chirurgische Massnahme der heimliche Start in mein erst im August 2019 begonnenes verschriftlichtes Exil, so ist selbst ein zunehmendes Verklingen von C o v i d 1 9 i m k o m m e n d e n J a h r e i n M e n e t e k e l , d i e Ü b u n g d e r Tagebuchaufzeichnungen und ihrer Auszüge zum Jahreswechsel 2022 abzubrechen, bevor sie notorisch ausgelaugt und langweilig zu werden droht.

Mich von meinen Lesern der letzteren förmlich zu verabschieden wird dieser Tage notwendig sein.

Exil II

[Ausgewählte Tagebuchnotizen und Postillen]

Dienstag, 18.1.2022 Venedig

Vollmond über den rosa angehauchten San Marco-Kuppeln. Venedig liegt im noch stillen Lagunenwasser wie eine Auster in der Schale, die im müden Morgenlicht kaum jemand schlürfen will. Geschäftig sind nur die Schülerströme, die zu ihren Instituten wallen. Arbeiter stehen vor vertuchten Fassaden und warten hinter ihrem Mummelschutz auf die Minute zum Auftakt ihres Tagewerks. Die Hunde haben allesamt ihre erste Runde hinter sich und die zweite Morgenstaffel der Müllmänner kehrt die schwarzen verknoteten Kotsäckchen zusammen. Die Inseln der Lagune sind wieder in Sicht und unbewegliche Kälte kämpft gegen den ersten anlandenden Sonnenhauch von Sant Elena her. Die verrenkten Gerippe der kirrebemalten Rummel-Folterwerkzeuge warten wohl bis zum Karneval auf ihren Abbau, die Saison war mager genug und das Wetter zu trüb, um die Kassen zum Klingeln zu verlocken: die wenigen gewärmten Kirchen hatten grösseren Zulauf, nicht nur der Totenmessen halber, die an den Portalen angeschlagen sind, wie Sonderangebote von Supermärkten.

Während  das  Nachbarhaus  gegenüber  „abgerüstet“  hat,  ist  das

übernächste nun beim Einmummen, und auf seinem Dach wird bereits gehämmert: die Restaurierlust muss offenbar von der Kommune befeuert sein, und mein ansonsten ärmliches Quartier rafft sich zu neuem Sonntagsglanze auf: wie lange wird die Fassade meines eignen

„hässliches Entchens“ die Herausforderung tatenlos aushalten?

Mittwoch, 19.1.

8.00. Meine Insel schliesst mehr und mehr ihre Augen: Paolos Restaurant vermeldet Ferien und Restrukturierung, die Löwenbar ist selten noch offen, Francescos leeres Alimentari bleibt weiterhin ohne neuen Mieter, der letzte Tabaccaio sucht bereits nach solchen. Der Heiratsfotograf sitzt tagelang einsam vor seinem Computer, in Maxos Minuskel-Galleria ist nie ein Mensch zu sehen. Nur Speranza und Roberto als überlebende Geister des Lächelns und der Freundlichkeit gedeihen an der Leere, die auch das kaum erblühte Nobelhotel des Cà di Dio mit ausbleibender Kundschaft füllt. Dalmatini oder Albanesi (die republiktreuen „Schiavoni“) retten nun wie einst zum Niedergang 1797 in der Besetzungsabwehr die verkaufte Braut Venezia vor der moralischen Schändung, nun vor dem Geschäftssinn der ökonomistigen Mafia!

Mittags: Rundgang durch den noch verschlafenen fahrenden Vergnügungspark am Molo bis zu den Giardini, zupfe mir aromatische Kräuter und Lorbeer im östlicheren Giardinetto, zähle die eingegangenen Betriebe in der Via des längst vergessnen Garibaldi, begrüsse im Schatten dessen vermoosten Monuments, die beiden Goldfische, die sich seit Jahren in transgenetischer Anhänglichkeit im ewigen Kreisen verfolgen, begegne einem sonnengebräunten und jovialen Buongiorgio hinter seinem Müllkarren trabend, ermuntere einen Geländermonteur, der verzweifelt versucht, die korrodierten Balkon-Gitter des „Carpaccio“ mit einem Hammer vom Rostfrass zu befreien, lasse mich vom heranwinkenden Metzger Narciso nicht verführen und hole mir offenen Frizzantino bei Ferdinando, Ein Tagewerk ohne Werk.

Die Miniaturen der Dubliner Alltagswelt sind von Joyce so wirklich geschildert, dass mir meine Tagebuchnotizen aus Venedig blass erscheinen und ohne Mark. Welch Prätention von mir, meinem Freundeskreis Plattitüden anzudienen, oft ohne in der Eile an ihnen zu feilen und zu berichtigen, die welken Blätter herauszupflücken und farbigere einzustecken. Literarische Genügsamkeit bis zur Beschämung. Ich bin froh zu Silvester einen Endpunkt gesetzt zu haben, auch wenn ich nun ohne Dialog mit Freunden in eine erneuerte Windstille der Gefühle gefallen bin. Ihr Echo war ohnehin versiegt, wie die Neugier auf ein ihnen bis anhin ungewohntes Venedig. Dessen Untergang ist eine zu billige Münze geworden, angesichts der eignen Sorgen um Gesundheit und gesellschaftlichen Stillstand, Familie, Existenz- und Zukunftsängste.

15.30.   Plötzliche   Nebelschwaden    überfallen         die                  morgendlich          so sonnenklare Stadt, als zöge sie sich in höchster Eile einen Wattemantel über, der die ölige Glätte der Lagune zum Kräuseln zwingt und über der verstörte Möwen kreisen, als spähten sie nach der verlorenen Wärme. Die vertäuten Vaporetti scheuern aneinander und beginnen ärgerlich zu poltern, während ihre noch betriebsamen Schwestern unterwegs sich zuzurufen scheinen, wo’s langgeht durch das vorgezogne Abenddunkel. Aus den Medien tönt‘s, ein freiwilliges Lockdown habe das verordnete von letzten Jahr an Nachdruck überholt; in der Tat sind die Gassen und Plätze wochentags so leer wie lange nicht mehr, Vermummte begrüssen sich auf gehörige Distanz und Vorübergehende blicken ins Abseits um den         Atemfahnen   unbekannter   Unverhüllter            auszuweichen.                      Die Linienboote sind halbwegs leer und vor den Geschäften, Apotheken und Postschaltern bilden sich wieder artig ausgedünnte Warteschlangen: der ominöse Schnupfen Omikron ist ins Bewusstsein der Bürger eingefahren wie ein abstürzender Deltaflieger…Die Phalanx der Novaxpropheten wird durchlässig und man drängelt sich zur Spritze, um nicht von allem öffentlichen Zeitvertreib ausgeschlossen zu bleiben. Lieber spät als gar

nicht…Das „lieber beschimpft als geimpft“ zündet nicht mehr, wie noch vor Monaten und „lieber tot als…“ hat der Antiimpfstratege kluggeworden ausgehaucht, wer in Intensivster Pflege war mal Wochen angeschlaucht…

Donnerstag, 20.1.

7.45. Die „verstörten Möven“ von gestern locken mich an den Molo, denn auch heute segeln sie wie wildgeworden nur Meter über den Dächern. Ich werde Zeuge eines nie gesehenen Spektakels: Zwischen San Giorgio und der Riva degli Schiavoni tanzt eine schwarze Wolke abertausender Kormorane über den Wogen der Lagune auf und ab, wassert, schwingt sich vor den Kursschiffen fliehend in die Höhe, kreist und geht wieder nieder, um geradezu simultan zu tauchen und mit zappelnden Fischen im Schnabel aufzuschwimmen, die Beute spastisch schluckend sich wieder zu erheben um neue Wolken und Wirbel zu bilden. Auf den Anlegepfosten sitzen dieweil einige Silberreiher unbeweglich und dem Treiben zugewandt, den Beutezug ihrer Erzfeinde beobachtend wie Linienrichter eines Wettschwimmens. Tauben torkeln indessen unbeeindruckt und nervös ins Leere pickend über das Pflaster von Ufern und Campi, denn der biblische Fischzug geht sie nichts an. Die Kormoranwolke erinnert mich an die abendlichen Starenschwärme im Römischen Spätherbst, wenn sie nach böenhaftem Voltigieren in die Platanen der grossen Alleen einfallen und ein ohrenbetäubendes Geschrei um ihre Schlafplätze vollführen:

( h t t p s : / / w w w . y o u t u b e . c o m / w a t c h ?

v=RuB5Df4k5nU&ab_channel=RuediAbb%C3%BChl) – und die in höchster Eile um den Lack ihrer darunter parkierenden Lieblinge besorgten Autofahrer vertreiben…

9.00. In der Bar erklärt mir Speranza, dass das derzeitige emsige Fassadenrestaurieren auf meiner Quartierinsel ein Folge des Ende Dezember auslaufenden Gesetzes 110 sei, laut dem der Staat 100% der Kosten zurückzahle, der damit eine überhastete Aussenrenovierung der privaten Häuser verursachten. Unser Haus hat somit den Termin verpasst, eine Eingabe zu machen und man wird auf bessere Zeiten warten müssen, einen staatsseitigen Segen zu erhalten – sofern unsere fünf Parteien sich je friedlich und einstimmig zusammenraufen! Auch die Mieter oberhalb von Bar und Fotograf hätten Mühe mit Rizzi und letzterem, weil sie weitgehend verglaste Wände besässen und am Rest des Hauses nicht interessiert seien; aber man habe sich trotzdem in letzter Minute geeinigt und bald wird auch mein linksseitiges Nachbarhaus eingerüstet sein.

Joycen’s Kunst des Unvollendens seiner Miniaturen ist bewundernswert. Sie lassen je eine Fortsetzung ahnen, ohne diese aufzudrängen. Aber das schwermütige Milieu ist auf die Dauer dem Leser wenig genussreich und ermangelt der geringsten Prise liebenswürdigen Humors: die russ- und alkoholgeschwärzte Atmosphäre Dublin’scher Hinterhöfe beschwert den Geist und mehr als drei Novellen pro Tag sind unverdaulich. Aber die Meisterschaft des Genres ist unbestreitbar…

Freitag, 21.1.

Das Gärtchen neben dem Museo Navale wurde unversehens mit vier neuen Bäumchen bestückt, um dereinst die acht roten Bänke zu beschatten. Noch spendet der hundertjährige Gusseisen-Born kein Wasser, aber zufüssen der gestutzten Robinie und ihres hochgewachsenen Ahorn-Gegenüber hat man Rosenteppiche gepflanzt, die noch blätterlos auf den Frühling warten. Mit den ersten Sonnentagen werde ich auf eine dieser Bänke zurückkehren, wie vor dem Acqua alta, das die überalterte Anlage zusätzlich verwüstet hatte. Von dort aus übersieht man das Treiben von Einwohnern und Gästen über Brücken und Molen, ohne selbst als müssiger Voyeur in Erscheinung zu treten. Selbst das Schreiben und das Lesen ist vollführbar, wenn nicht Biennale- Horden hier die Reste ihres Pausenbrots an die Tauben verfüttern und das Brunnenwasser übermutwillig gegeneinander verspritzen.

12.00. Die beiden neuen Lautsprecher und der erhöhte Routerkredit sind eine Wohltat, die einsamen Sitzungen ohne Schreibzwang über den Tasten zu verbringen, auch wenn es mir noch an Ideen mangelt, was ich mit der gewonnenen Zeit anstelle, die mir zufiel, als ich meinen Freunden zum 1.1.22. das Lieferversprechen von morgendlichen Postillen kündigte. Das Echo war ein allseitiges Schweigen, das mich des schlechten Gewissens enthob, Freunden die Freundschaft entzogen zu haben. Ein warmherzigerer Protest hätte mich in Bedrängnis gebracht, den schroffen Abschied zu bereuen. So habe ich lediglich eine selbstverschuldete erhöhte Vereinzelung auszuhalten, die meinem ergrauenden Mönchtum nur eine weitere Farbe entzieht.

Michele de Martin ist in seiner Anhänglichkeit von meinem Klausnertum angesteckt und riskiert, seine Partnerschaft mit der übergeschäftigen Martina über kurz oder lang einzubüssen. Seit seiner Pensionierung vergräbt er sich tagsüber in historische und biographische Studien in der Bibliothek Querini-Stampalia und erträgt nur mit Mühe die eiserne weibliche Regentschaft sowie den beruflichen und häuslichen Vorrang der selbstbewussten und öffentlichscheuen Architektin, die den amateuristischen  Eifer  Micheles,  eines  Büchernarrs  Musik-  und

Antiquitätenkenners, wohl nicht gebührend wertet oder schätzt. So flüchtet er sich immer öfters unter die Fittiche eines Vorabend-Biers und eines erlösenden Schwätzchens bei mir, bevor ihn ein schriller Anruf an den Küchentisch befiehlt. Er, kulinarischer und gesundheitlicher Hypochonder, Narziss und Egozentriker, Nestflüchter aus erster Ehe, Camper und Nomade zwischen Liebschaften und intellektuellen Liebhabereien, nun berufslos und vom einstigen Banker- Gesellschaftsleben abgehängt, sucht Gehör für seine unendlichen Geschichten und Lebensbeichten, Erfahrungen und Meinungen beim vermeintlich Seinesgleichen, ist froh, ein geduldiges, abgeklärtes Ohr zu finden, das lärmige Wirtshäuser meidet, und wenn nötig, die Zeche bezahlt, seine Texte bekrittelt, seine ausschweifenden Litaneien zurechtstutzt, einen nutzbaren Wissens- und Altersvorsprung besitzt und genügend wortspielerischen Witz, dem er den seinen nicht zu unterschätzenden, entgegenhalten darf.

Micheles schrullige, aber gepflegte dunkle Kostümierung à la 1920,

seine hagere Figur, die länglichen, knochigen Züge, das strähnige Schwarzhaar über markanten Brauen und einem durchdringenden Blick ergibt die Erscheinung einer mehr sträflichen denn gräflichen Gestalt Edgar Allan Poe’s. Sein aufgerichteter und doch zielbewusster Schlendergang hat in einer unbeleuchteten Calle des Abends etwas Unheimliches; vielleicht weiss er dies und spielt seine Ungewöhnlichkeit genüsslich aus. Nie käme er zu einer Verabredung zu früh und seine Venezianità ist ihm eingewachsen bis zum Gebrauch des Dialekts, wenn ihm ein Einheimischer begegnet. Dass ihn jeder zehnte im Gewühl der Gassen kennt, habe ich selbst erfahren und das etwas jüngere weibliche Geschlecht scheint es ihm besonders angetan zu haben, obwohl er nicht zu den jovialen Verführern gehören dürfte, die sommers um jeden bunten Rock herumstreunen. Gerade seine noble Zurückhaltung dürfte Grund der Anziehung sein und der Anschein, seinem Gegenüber aufmerksam zuzuhören, lockt zum Dialog, den Michele sofort zu beherrschen und in seine Bahnen zu leiten versteht, denn seine Seele ist die eines Schulmannes, der seine Zuhörer belehrt und mit Wissen an sich zu ketten versteht: der zuweilen erhobene Zeigefinger in seinen historisierenden Videoauftritten in „Venezia caffé“ entlarvt eine verborgene magisteriale Wunschnatur. Er wäre wohl besser Gymnasiallehrer als Bankangestellter geworden; seine Ausstrahlung und sein gesellschaftlicher Umgang hätten kaum darunter gelitten. Im Gegenteil…

15.00. Jovialer Austausch auf Augenhöhe mit den Dachdeckern des

Nebenhauses über die Hässlichkeit und den Unnutzen der zahllosen Antennenmonster auf den Dächern im Quartier: gewiss, sie würden sie lieber heute als morgen abräumen, aber es sei nicht ihr Auftrag; sie müssen sie mühsam umrunden, isolieren, neu befestigen, statt sie zu

entsorgen…Eigentum sei geheiligt, Eigensinn unheilbar! Weil die Gasse zwischen uns liegt – „und die ist viel zu tief“, kann ich ihnen keinen schulterklopfenden Kaffee reichen…

19.30. Essen zubereiten und gemeinsam speisen ist ein unverzichtbares Ritual menschlichen Zusammenlebens. Dein Mahl kann noch so lecker hergerichtet sein, es fehlt ihm die letzte Würze, die letzte Farbigkeit, der Duft von Einmaligkeit, wenn Du es mit Dir selbst in öder Alleinsamkeit herunterschlingen musst. Greifst Du zu einer fixeren Alternative, gaukeln die   leuchtend   geilen   Verpackungen   der   Fertiggerichte    zwar paradiesische Genüsse         vor,      allein ein    meist   trübes und        betrüblich verdünntes Innere faden unidentifizierbaren Gehaltes, verkocht, geizig verlängert, billig an Zutaten, aber dafür dank E 203 bis 408 haltbar bis zum   Nimmerleinstag,   fällt   Dir   plump,        mikrogeondet          und    al  dente mancante in den Teller und spricht der klassischen Musik aus dem Radio Hohn, mit der Du versuchst, Dein jüngstes altersheimliches Gericht bis zur letzten Gabel wenigstens akustisch geniessbar zu erhalten. Auch der Wein aus dem Karton perlt im Sektglas nicht im Dreivierteltakt; hast Du besseren, ist er nach drei Tagen nicht DOC-er als ersterer, denn es stösst auf, was nicht mit Freude und Freunden angestossen wird… Unlängst liess ich mich zum Kauf einer Fertigschale „Rigatoni al ragout di anatra“ verführen, da die aufged(r)uckte Chinaente allzu treuherzig augenrollte      und          Ente         neben     Zeitungsente ein  eher        seltenes    und aufregendes Produkt zu sein scheint. Es müsse in der Mikrowelle 40 Sekunden vorgewärmt, dann kräftig geschüttelt und erneut anderhalb Minuten dauergewellt werden. Dass es sich in der Zwischenpause zu einem gewaltigen weissen Kissen aufblähte, hatte ich nicht erwartet, und nur ein frontaler husarener Degenstich mit der Gabel liess es vor dem Platzen und dem Ruin der gesamten Wellnäss-Apparatur erschlaffen. Getreu   der mischtechnischen Minuskelbefehle schwenkte ich den kollernden Inhalt einmal gen Washington und zweimal gen Peking und schlitzte in bester Harakiripositur die weisse Plastikhaut: Auf den Teller ergossen sich zwar hinreichlich Rigatoni, aber der dieselben umgebende beige Glibber in dem ein kümmerliches Griesgramm schwer identifizierbaren Materials schwamm, bekannte wenig Ähnlichkeit mit kulinarischer Entente und schmeckte eher nach der NZZ von vorgestern. Ich drehte die ebenso angealterte CD meiner Kinder von „Alle meine Entchen“ auf „la danse des canards“, denn die französische Zunge hat eine Vorliebe für dergleichen komische Singvögel und liess so meinen Hunger im Nu verfliegen. Nicht von ungefähr ist der Le Canard enchaîné die älteste satirische francophone Zeitung Europas (1915) und dem eher biederen helvetischen „Nebelspalter“ (1875) weit überlegen. Ob ich je wieder „Rigatoni all’anatrocolo“ oder „anatruffolo“ aus der Kartonküche essen werde, sei meiner kommenden Senilität anheimgestellt, wenn ich

nicht mehr unterscheiden kann, was auf meinem hölzernen Löffelchen liegt und man mich zu Anatripsis-Kuren triezen muss. Bis dahin wohl lieber vegan zu Vagantenliedern der carmina Burratina aus Cannareggio sprich dem hiesigen Burano, oder vergiftete Scamorza aus der Camorraküche, ansonst halt Hungern in einem der tessiner Fortini della fame zu Camorino…

Montag, 24.1.

Wieder voltigiert, schnörkelt, purzelt, rollt und schweift der Kormoranschwarm über dem Bacino, besorgt von Möwen beobachtet und wachsam in scharfem Segelflug begleitet. Aber das geschäftige Montagsrumoren der Hominiden auf der Lagune verscheucht die schwarze Horde von ihrem Fischleindeckdich alsbald gen Lido und die gewohnte Meeresruhe ihrer über- und unterseeischen Bewohner stellt sich wieder ein. Die Nebel verziehen sich ebenso und die Kälte verkriecht sich vor einer silbrigen Sonne in die schattigen Winkel des Gassengeflechts. Ein halber käsiger Mond zieht verschimmernd nach West um hinter den Monti Euganei seinen vermeintlichen Halt einzulegen. Ein fetter Gabbiano geniesst das Ausschwenken des Krans über dem „Gabrielli“ auf der äussersten Strebe seines Auslegers: weder Klickern noch Rattern bringt ihn aus der Ruhe; erst das Heranschweben eines mit Mörtel beladenen blechernen Schubkarrens beirrt sein angeborenes Weltverständnis und sein angelerntes Erfahrungskapital: Im Sturzflug Hamburger und Pizzaviertel aus den Händen von Picknickern oder Gondelpassagieren zu pflücken benötigte eine kürzere Lehrzeit, als mit dem Getriebe des verstörenden Bauwesens umzugehen…

14.50. Noch ist der Verschleierungstanz (- weder hat Loïe Fuller das

Foulard zum Schleiertanz oder Isidora Duncan den Cancan erfunden geschweige die Politiker den Ämtertanz unterm goldenen Kalb der Tantiemen -) um den Sitz von Primadonnone Draghilev, noch um den nach Sizilien geflüchteten Vortänzer und Staats- Häuptling Ammatzarevitsch in trocknen Seidentüchern angelangt. Der Totentanz um die höchsten Staatsämter hat erst begonnen, obwohl er doch eine Art Lebenslüge für den Erkorenen ist und nur gesetzten Herren und Damen zugemutet wird, deren Karriere in Ehren nach ihrer Wahl ins Abseits geraten darf: Staatsbegräbnisse absegnen, Dichterkrönungen beglückwünschen, Verträge unterschreiben, gesalbte Silvester-Reden halten, Aufmärsche abnicken, Ihresgleichen besuchen u.s.w. ist ihr künftiges Los…

Mittwoch, 26.1.

6.30. Buongiorgio weckt mich mit den Kehrgeräuschen seines Reisigbesens. Nunmehr wach unter dem nächtlichen Nebelmeer, trabe ich wie Morgensterns Maus durch die leeren Ärmel der Stadt und treffe den Trefflichen neben der Kirche, mit Verwünschungen ein Hundehäufchen in seinen Karren schwingend. Ich bitte ihn um seinen Familiennamen, den er stolz mit Ballarin beantwortet, einer Familie die sowohl in Chioggia, Murano wie in Padua seit Jahrhunderten im Veneto ansässig ist. Die seine stamme wohl aus dem exjugoslavischen Bale (das ursprünglich 1000jährige Valle d’Istria) unweit der dalmatinischen Küste, das mir als unwirklich schönes Bergstädtchen seit 1995 bekannt ist und wo man noch heute zu einem Fünftel der Einwohner venezianisch, ja sogar das autochtone Istriotisch spricht. Er sei am

12.April 1962 geboren und feiere somit heuer seinen 60ten. Noch fünf

Jahre Müllspurt bis zur Pension…

Während dem 7-Uhr-Matutin-Geläut von S.Francesco di Paola erlischt im Morgengrau die Weihnachtsbeleuchtung der Via Garibaldi und die grünen Männchen der zweiten Spazzini-Staffel schwärmen laut lachend und gestikulierend aus, ihre Müllwagen vor sich her schiebend, ermuntert vom ersten Kaffee einer fast nur für sie bereits offenen Bar. Die Hydrauliker die seit Tagen den im Strassenuntergrund verlaufenden Kanal auspumpen, werfen ihre Maschinen an, erste Beamte in dunklen Mänteln huschen mit ihren Aktentaschen den Anlegestellen zu, die ersten Filippine wischen die Lokalböden mit desinfizierendem Spülwasser, die böse Bäckereivettel steht am Tresen und räumt die letzten Cornetti vom Vortag auf ein frischer anmutendes Tablett, die Inselgärtner bauen schnatternd ihren Früchte- und Gemüsestand auf, eine erste greise Witwe führt ihren Pekinesen zum Pinkeln an die erste im Morgenrock erreichbare Laterne.

Die kleine Welt scheint in Ordnung, während die grosse in ihren Achsen

ächzt und in la Palma Feuer und Magma spuckt und in Tongas Tiefen die Stratosphäre mit Unterwasserexplosionen vom Genre des Krakatau zu verfinstern droht, Weltmächte mit Kriegsbeilen rasseln, Omikron ihre gesamte vitale Kruste mit Lungenödemen überzieht, auf Wetter man vor Unwettern nicht mehr wetten kann, die Umwelt darbt und die Einwohnerschaft des Planeten verdummt, verzagt, vergammelt, versäuft. Aber sie dreht sich doch noch immer von rechts nach links, nach San Giorgio blickend und nach dem Lido, wo MOSE die Wasser teilt, wenn nicht gerade gestreikt wird, oder man sich als Novax die Fäuste zu schwingen berufen fühlt, oder zur Unzeit einen neuen Staatspräsidenten ausrufen muss. O brave old world!

Assya winselt und heult aus dem Gassi-Park von K.: “Oh Uwe Uwe

Uwe!”

Donnerstag, 27.1. Gedächtnistag „Memoria della Shoah“

8.00. Kaufe mir am Kiosk den Promotionsband einer angehenden populären Kosmos-Publikation La materia oscura zu 1.99 Euro und vertiefe mich in die Raum-Zeit-Tiefen des Universums seit den Forschern wie Eratostenes, Galilei und Newton, endend bei Higgs, Hawking und jüngsten Propheten weiterer Big-Bangigkeiten, dieweil man in Rom noch immer um den Sitz des „Colle“, heute dem wichtigsten der sieben Hügel des einstigen Weltmittelpunktes feilscht, 1009 Prätendenten rangeln um die Kür des Qurinale-Würdigsten ungeachtet, dass draussen in der Welt die obskure politische Hölle weiterlodert, die unsere verarmte geistige Materie trotz oder wegen dem Energieerhaltungsgesetz infrage stellt.

Da  Barbarentum  und  gottgläubige  Einfalt  das  antike  Wissen  für

Jahrhunderte vernichtete, besteht wenig Hoffnung für die Weltvernunft, es heute besser zu machen: Politikaster prügeln sich in ihre Sessel hinein und hinaus und sollte der Erdkreis dabei untergehen. Engstirnigkeit ist gerade dort am heftigsten, wo Geschwätzigkeit, Geltungsbedürfnis und List in engster Symbiose angesiedelt sind.

Selbst am Tag, an dem man der grössten Verirrung der Menschheit in der jüngeren Vergangenheit gedenkt, fällt es den Parteien und Parteilichkeiten nicht ein, sich friedlich zusammenzuraufen, um ein überparteiliches Mitglied zu einem Symbolträger ziviler Menschlichkeit und gesellschaftlichem Zusammenlebens zu benennen. Dass man auf der Strasse den Kopf schüttelt und jedes Vertrauen in die Moral ihrer Volksvertreter verliert, kümmert diese keinen Deut, obwohl sie sich alle hochscheinheilig des Abends auf ihre Wähler zu besinnen versprechen und am Morgen ihre Aussagen widerrufen. Nie sah man eine so grosse Kluft zwischen Volksmeinung und ihren eidbrechenden Wortführern! Tiefschwarzer Rauch steigt zum vierten Mal aus den Wahl-Urnen, als habe man in letzter Konsequenz menschlichen Irrens von den Kaminen der Menschenverachtung, Gleichgültigkeit und Boshaftigkeit in Auschwitz nie etwas gehört…

Mittag. Immer noch 417 Todesfälle infolge Covid am gestrigen Tag. Man spricht von Plateau und Sinken der Ansteckungen, aber der Optimismus ist verhalten und die Umtriebe fanatischer Novax unvermindert heftig. Diese letzteren erinnern an die Unbelehrbarkeit rassistischer und ideologisierter Propagandisten wie sie die politischen Kochtöpfe vor hundert Jahren auskochten und zur Katastrophe führten.

Samstag, 29.1.

Schon zehn vor acht wird die Stadtsilhuette von Morgenrot übergossen und der goldene Engel des 100m aufragenden Parron de Casa leuchtet auf, wie einst der über 150m messende Pharos von Alexandria aufgeblitzt  haben  muss.  Ob  Fremd-  oder  Eigenlicht,  die  beiden

Antagonisten stehen für den unablässigen Auf- und Niedergang der Zivilisationen: ein äusserliches Erdbeben stürzte nach mehreren vorangehenden der Antike um 1480 endgültig den einen, innere Altersschwäche 1902 den anderen; wenn man den letzteren penibel wiederaufrichtete, wird vielleicht dem vorangehenden dereinst eine Wiedergeburt blühen und wenn auch nur als propagandistische Fälschung (Plan von 2009) – wie der Markusturm in Wahrheit zum heimlichen Wahrzeichen der Unzerstörbarkeit des Serenissima- Gedankens wurde. Der Tourismus vereint die Türme wie er sie als Glaubensinhalte versetzt. Auch in ihrem Doppelsinn des Wortes…Die beiden wohl reichsten Metropolen des Mittelmeeres Alexandria und Venedig galten je bis zu beider weltpolitischem Untergang als ein Schwesterpaar der Geisteswissenschaften, des Handels, der Künste, der Zivilisiertheit und der weisen Politik. O tempora o mores…!

Kreuzfahrtschiffe messen „nur“ gegen 70m in der Höhe wegen der

Brücken, die sie nicht mehr unterfahren können – welch turmhohe Bescheidenheit für bald durchschnittlich 7000 Passagiere und etwa 250‘ 000 Liter Treibstoff am Tag, dem mittleren Energieverbrauch einer Kleinstadt!

Freitag, 4.2.

8.00. Die Riva ist fast unbegangen, der Wellenschlag verhalten. Das Morgenrot wie von Turner gemalt. Nur ein Abglanz von Rubin legt sich auf die Wolkenbänke unter denen der Horizont verebbt.

Die Anziehung von Meer, Wasser, Wellen ist magisch, ob tags oder nachts, als zöge uns das Element in Urzeiten der Genese von Leben zurück in den Uterus der Schöpfung. Alle Angst vor den gefrässigen Umtrieben des Alltäglichen schwindet in der Unergründlichkeit der Tiefen und Untiefen einer vierten Dimension, in der man aufzugehen glaubt: der Zeit, deren Rhythmen man ausgeliefert ist, ohne Bedauern, ohne Forderungen, ja ohne Bewusstsein.

Nur an den Gestaden von Meer und Horizont erlebt man die bergende Vertrautheit mit einem Erdenrund das in jeglicher Richtung Heimat, Halt und Herd bietet, weil das allgegenwärtige Element uns umschliesst wie eine grenzenlos grosse Mutter, das der Deutsche zwar versächlicht hat und der Italiener vermännlichte, die aber im sanfteren Französisch mit la mer dem mütterlichen la mère am nächsten kommt. Wieder einmal haben die Griechen mit Thalatta oder Thalassa dem Meer die urtümliche muttergöttliche Bezeichnung verliehen, von der man alles Leben herzuleiten glaubte. Bei Nonnos (Dionysiaka 12,43) erscheint sie gar als die Mutter der Aphrodite, die sie von Uranos in einer Art Urzeugung empfing. Wer anderer als der Grieche, war so meerverliebt, ihm seine meerfahrende Existenz zu verdanken und ihm wie Homer den Rahmen

seiner Odyssee zu verleihen, wie vor ihm der Argonatenmythos und nach ihm die Argonautika des Apollonios von Rhodos! Kein antiker Mythos, der nicht dem Meere seinen Tribut erstattete und sei es ein tödlicher wie in Hero und Leander dessen vielfältiges Echo bis in die Konzertsäle und Bühnen der Gegenwart reichte. Caspar David Friedrichs Mönch am Meer drückt vielleicht am innigsten das Amalgam von Geist, Seele und Natur aus, das je dem Meere als Metapher des Seins gewidmet wurde.

Nachmittag: Eröffnungsfeiern der olympischen Spiele in Peking mit dem obligaten Ländereinzug ins Stadion. Perfekte Led-Spielereien, phantasievolle Kostüme, präzise roboterhafte Massen-Choreographie, verordnetes allgemeines Lächeln und Winken, aber nicht die geringste improvisierte Spontaneität und Natürlichkeit.

Samstag, 5.2.

Wieder ein voraussehbar ereignisloses Wochenende. Wenn es nur regnete, schneite oder stürmte, um eine Zäsur in den unbarmherzigen Ablauf namenloser Zeit in einem Wüstenort erstarrter Schönheit zu bringen. Die lächelnde Noh-Maske Venedigs ist pure Lebensverneinung für den Wanderer durch ihr schneewittriges Bühnengewirr. Wer da geniesst ist herzloser Plünderer!

Man sitzt am Rechner und stiert auf eine anonyme Scheibe in der Hoffnung auf ihr erschiene eine Überraschung, eine Begegnung, ein Ideenblitz. Man erwartet den Funken einer Regung aus dem Chor von Menschen, die sich hinter dieser matten Scheibe bewegen, handeln, streiten, fühlen und walten, obwohl man weiss, dass man nur selbst den Funken entzünden kann und muss, um das erstarrte Standfoto zum Laufen zu bringen, die flache Dimension in Perspektive zu verwandeln, um den Unraum zur Unzeit zu durchbrechen.

Che bella Venezia paradossale, ti amo lo stesso! O per questo…

Sonntag, 6.2.

7.30. Dichter Nebel hat selbst den nahen Kran über dem „Gabrielli“- Umbau aufgelöst und meine Gasse zielt ins Nichts. Der Bezugsraum vom Ich zur Welt schrumpft auf 80 Meter im Umkreis und das Selbst bläht sich entsprechend auf: man wird zum einsamen König ohne Kleider über ein inexistentes Reich.

Zeit, über die Einsamkeit nachzudenken, die als Untertitel über meinem Tagebuch steht, aber immer noch nicht Gegenstand näheren Grübelns geworden ist, trotz der 1000 Seiten die es umfasst. Friedrichs Mönch am Meer war mir aus dem Nebelmeer der Erinnerung getaucht, nicht ohne Fragezeichen, wieviel oder besser wieviele Einsamkeiten der Mensch zu generieren imstande ist, um seine Kunst-, Kultur- und Gesellschaftswelt

zu bestücken, sind sie doch der eigentliche inspirierende Motor unseres Erdenlebens.

Die Kunst ist das hauptsächliche Spielfeld sichtbarer Einsamkeit seit dem ersten steinzeitlichen Elfenbein-Selbstportrait eines Menschen, der sich sein Ebenbild zu schaffen versuchte, mit ihm in einen existentiellen Dialog zu treten: der erste Narziss der Menscheit, der sich von der Selbstverständlichkeit des Nur-Seiens abspaltet und im Spiegelbild sieht, wie allein er ist.

Hatte nicht schon der biblische Gott einen Adam geschaffen, einen Kent, mit ihm das grausame Spiel des Weltlaufs zu spielen, das nur die Einsamkeit gebiert? Oder krankte nicht schon Prometheus am schöpferischen Alleinsein, mit dem er letztlich wieder dafür bestraft wurde? Goethes Prometheus schliesst mit dem erschütternsten Bekenntnis zum Eigensein und Eigensinn des Einsamen : „…Und DEIN nicht zu achten, WIE ICH!“

Die Literatur lebt geradezu vom Thema der Einsamkeit seit Gilgamesch, Odysseus, Medea, Ovid über Petrarca, Gryphius, die Mystiker und Romantiker, Lenau, Nietzsche, Thomas Mann und Hesse und die Musik führt neben Mozart Schubert und Schumann ins Feld, die Malerei neben Friedrich etwa Feuerbach. Van Gogh, Munch, oder jünger de Chirico, Edward Hopper. Der Einzelbeispiele sind Legion, wer hat sich nicht schon darüber die Finger krummgeschrieben.

Montag, 7.2.

7.30. Morgengrau. Aber das noch glühende Pistaziencornetto Speranzas hellt es auf, auch wenn die Morgenstund‘ mehr Wundbrand denn Gold im Munde führt.

8.00. Auf dem Campo San Biasio vor dem Marinemuseum graben zwei overall orangegekleidete Arbeiter ein Riesenloch ins Pflaster. Der Neugierige wird freundlich gegrüsst und auf die Frage, ob sie den Turm zu Babel ausgrüben, meint der eine, verschnaufend auf seine Schaufel gelehnt, nein es sei ein Grab für Bürgermeister Brugnaro. – Warum es denn so gross sein müsse, setze ich nach. – So habe es noch Platz für seine treuen Trabanten. Befriedigt geht der Neugierige von hinnen. Ehrengrabmäler gehören an die Orte des Schaffens ihrer Helden. Die Arsenaldemonstration von gestern bekommt so ihren würdevollen Anstrich.

8.30. Der Gemüseverkäufer betrügt mich an seinem Stand wider die COOP-Mafia wie gewohnt um einen Euro beim Besorgen von Kakis, Nüssen und Äpfeln, da er meine Gewohnheit kennt, der Frühe halber nicht nach den Preisen zu fragen, wenn sie noch nicht angeschrieben sind. Aber seine Jovialität muss schliesslich belohnt werden und der

ersparte Hürdenlauf im Supermarkt um die Bruchteile von Verbilligungen ist eine grossmütige Messlatte wert.

9.00. „Oh wie wohl ist mir am Morgen“ singt leider niemand kanonisch nach der teutonischen Nationalhymne, da die Deutschen eher abendländische Weltuntergangs- und Götterdämmerungsgefühle bedienen. Karl Friedrich Schulz (1784–1850), und nicht der die neue alte Arie einläutende Olaf Scholz (*1958) soll das Ohrwurmlied erfunden haben. Aber schon Arcangelo Corelli hatte den Melodietypus wenigstens in die Weihnachtsabendzeit verlegt. Wenn es seinerzeit die Dusche schon gegeben hätte, wäre auch er sicher auf den Morgen des 25.12. verfallen, denn nichts lässt sich besser unter dem erfrischenden Strahl wohltemperierten Boilerwassers schmettern, als eine schillernde Ode an die Freude des Bades am Montagmorgen.

So mussidenn erneut zum Bettstättele hinaus um eine Grosse Wäsche zu veranstalten: eine Kettenreaktion, wenn man beginnt den ersten Zeh ins Bad zu tunken und am Ende Strumpf und Stylhemd, die Unterwäsche, die Garderobe, die Bettgarnitur und die erträumte Beischläferin wechseln muss. Roulez tambours, ma Bosch!

Dienstag, 8.2.

7.50. „Mein“ Silberreiher – nennen wir ihn Egon – steht auf den untersten von Tang überwucherten Stufen der Anlandestelle vor dem „Carpaccio“ und äugt in das seit langem nicht mehr so seichte Niederwasser – hat es doch seit Monaten nicht mehr geregnet. Eine Bande rotfüssiger kommuner Minimöwen umfliegt, umsteht, umdrängt ihn schreiend, um den Langhals zu verscheuchen, denn es hat sich ein Fischschwarm eingefunden, den es auszubeuten gilt, auch wenn dessen Pechschwänze zumeist für sie zu gross sind, um als Happen verschluckt zu werden und zappelnd auf den Stufen herumwippen, bevor sie ihr Schicksal als Hackfisch al minuto ereilt. Die gelbfüssigen viel grösseren Königsmöwen halten sich auf den umliegenden Dächern auf weiser Wartedistanz und überlassen den Völker-Krieg ihren braungefleckten Zöglingen, die sich prompt in ihrem jugendlichen Wagemut arg zerfleddern lassen. Auch Kormorane überfliegen im Dutzendflug die ihnen allzu enge Walstatt und suchen abwinkend nach einem ausladender gedeckten Tisch im ferneren Bacino. Die Garzetta wird am Ende ärgerlich und wählt sich einen ruhigeren Angelplatz unter der Brücke, die man nur im Kunstflug unterquert und die keinen konkurrierenden Spähposten bietet. Die Lachmöwen (Chroicocephali ridibundi) haben so nichts mehr zu lachen und übergeben schliesslich den grösseren Verwandten das Schlachtfeld. Dann rücken auch noch die Tauben im Verbande an, um nachzusehen, ob es was zu plündern gibt. Der  für  einmal  unangeleinte  Mops  der  ebenso  asthmatischen

Quartiermatrone in Lockenwicklern und breitgetretenen Pantoffeln macht dem aufgeregten Gevögel schliesslich kurzen Prozess und Campo wie Approdo sind wieder leergefegt bis auf ein dampfendes Gehäuf, das Madame verächtlich übersieht. Buongiorgio kommt erst morgen wieder vorbei, wenn die glückbringende Üppigkeit sich längst bis San Marco verlaufen hat…

Mittwoch, 9.2.

5.30.  Seltsamer Traum:  vor  einem Tribunal  von  vier  verständig w i r k e n d e n M ä n n e r n , d e r e n w ü r d i g s t e r Vo r s p r e c h e r e i n schwarzgeklufteter Jesuit ist, lege ich die Frage vor, ob das Nichttragen eines Eheringes eine dezidierte Absage an das Eheversprechen sei, und somit einer Scheidung ohne rechtliche Beglaubigung gleiche. Ich werfe selbst den Einwurf ein, ob nicht der Verzicht auf das Ehesymbol auch ein Zeugnis von Ehrlichkeit sein könne, nichts Unaufrichtiges vorschützen zu wollen; allein in der Heftigkeit der gegensätzlichen Meinungen erwache ich mit pochendem Bluthochdruck und frustriert, den Schiedsspruch nicht rechtzeitig vernommen zu haben.

7.50. unabsehbare Kormoranschwärme ziehen vom Lido herkommend

lange Bänder, wie die Schnüre einer dutzendschwänzigen Geissel bildend, gen Mestre hin, ohne ins von Booten allzu belebte Bacino einzufallen. Die Schleifen verwirbeln in der Ferne zu Schwaden, Knäueln und sich überrollenden Wellen, um am Horizont als graues Wolkenbett zu verfliessen. Das zierliche Möwenvolk mit schwärzlichem Augenfleck blickt hundertfach auf den wassernahen Pfählen wie Orgelpfeifen aufgestelzt dem abziehenden Feinde nach, und etwa morgengesternt:

Selbst aber vom der visavis gelegnen Dachterrasse Vom bösen Blick des grössren Bruders streng beäugt, Dem hermelin‘nen König dieser Räuberrasse

Die hier für ihren usurpierten Vorrang zeugt. Der Gott darüber aus Sankt Martins Trumm Matutint nur pünktlich,

Weder mild noch stumm. Ich rühre in der Kaffeetasse

Über „Möwen“ Brehms gebeugt Meinen Morgen um.


Donnerstag, 10.2.

Zwei Polizei-Staffeln haben gestern in kurzem zeitlichen Abstand die Bar Speranzas besucht, um nach Vergessern, oder Verweigerern, Verlierern oder Verluderern des Greenpasses zu forschen, etwa um die Statistiken aufzuschminken, oder die Staatskasse um je 400 Euro Busse zu füttern.

Die Heimsuchung blieb bis auf zwei Gratiskaffees erfolglos, aber mir wurde schwindlig beim Gedanken, dass das Dokument sanitärer Heiligkeit in nur 20m Entfernung und 20 Höhenmetern auf meinem Schreibtisch schlummerte. Dass Staatsmacht ungerechtfertigte Schuldgefühle generiert war mir bewusst, seit ich Besitzer eines Führerscheins bin, dass sie aber auch Cappuccino con Cornetto zum Aufstossen bringt, war mir bisher weder gegen-, geschweige widerwärtig…

Oh wie wohl ist mir’s Entsorgen Allen Minderwertigkeitsempfinden Darf ich mir vom Staat erborgen Meine Daseinsrecht-Verbriefung Ohne Schuldgefühlsvertiefung Kann die Seelenrast ich finden Ohne Ängste vor dem Morgen?

Kaum jedoch die Zweifel schwinden Ob der Fesseln die verborgen Lauern, mich zurückzubinden,

Ist’s bereits schon Übermorgen…


Montag, 14.2, Valentinstag

8.15. Die Riva ist übersät von Konfettis, die kein noch so emsiger Spazzino vor dem Ausklang des Karneval mehr zusammenfegt. Sollte es vorher regnen, wäre der farbenfrohe Matsch, der sich dann zusammenbraut, ein echtes Kopf- und Reisigbesen-Zerbrechen für die sieben Aufrechten der Müllabfuhr. Das Herumwerfen von coriandoli ist der einzige Kinderspass, der in Zeiten der Pandemie noch geblieben ist, verfangen sie sich doch unübersehbar im Haar von Herr und Hund, unüberhörbar im anfänglichen Säuglingslächeln aus Nachbars Kinderwagen, in der Zuckerwatte streitender Schlecker, bilden bunte Wolken auf Achterbahn und Scooterbühne, machen Tauben blind auf ihrer Nahrungssuche, verschrecken die von den Kormoranen übriggelassenen Sardinen, schwimmen auf den Schäumchen der besonnten Cappuccino-Tassen, erlaben Spritz- und Ombrettatrinker beim Plausch unter den Markisen, verstopfen Gullis und Gabbianigedärm, werden von modischen Sneekers in die entlegensten Winkel vertragen, wohin selbst der schlaueste Omikronvirus nicht hingelangt.

Mittags. Draussen ist‘s nieslig und grippekalt und verspricht einen

Wetterumschlag. Das Auge tränt, die Gelenke quietschen, das Haar verklebt, das Gemüt verhockt. Auf meinem Rundgang bis San Marco ist

nicht einmal ein kostümiertes Kind zu sehen, wie das um diese Karnevalstage früher üblich war. Auch keine kecke Dame von auswärts hat sich einen bunten Papphut zugelegt, obwohl sich die Verkaufsstände vervielfältigt haben und das Maskenangebot inflationiert. Die Basilika ist von Transennen umbunkert, aber niemand arbeitet, weil wer Einspruch gegen die geplante meterhohe gläserne Einschalung der Kirche erhoben hat: so wird man noch lange um die Rettung der Fundamente des goldnen Kuppelkäfigs hadern und im Trüben nach deren Finanzierung fischen.

Überall  wird  an  der  Riva  sondiergebohrt,  die  Trachyt-Platten

ausgegraben, die Molo-Ränder abgesperrt, Rohrleitungen verlegt und Baumaterial angelandet. Vielleicht hat Europa wieder mal einen Tropfen Kredit aufs heisse Pflaster der Spekulanten-Riege in der Magistratur Venedigs fallen lassen, für den man nun Betriebsamkeit vorschützen muss.

Dieweil prunkt „Saldi“ hinter jeder Vitrinenscheibe und das Verschleudern bis zu 80% der Ramschware feiert Urständ, obwohl niemand zum Kaufen aufgelegt ist, weil die Stadt noch immer den Venetern gehört und sich noch kein zum Spottpreis käuflicher Massentourist am Horizonte zeigt. Gähnend leere Restaurants buhlen um geizige Einzelesser oder nestflüchtige Rucksack-Pärchen; Partys feiert man lieber im lauen, aber wenigstens alphabetfreien omnikoronalen Daheim, wo kein dreizehnter Tischgenosse sein plötzliches Unwohlsein verhaucht.

Tja, Venedig ist wahrlich kein Markplatz der Eitelkeiten mehr, es sei denn man schreibt verzweifelt über deren Schwindsucht…

Dienstag, 15.2.

7.00. Buongiorgio ist des Regens halber neu eingekleidet: Von oben sieht er aus wie Aldrin beim Ausstieg aus der Mondfähre: Weiss in Weiss unter einer ausladenden weissen Kapuze. Er vermeidet es, heraufzublicken, damit der Regen ihm nicht ins Gesicht schlägt, aber der joviale Gruss mit einem gegrunzten „tutto bene!“ kommt an, ja, die coriandoli , die leidigen Konfetti, seien ein Problem, sie klebten an jeder Unterlage wie der Muschelbewuchs an den Fundamenten der Stadt, auch ein neuer Besen würde nicht mit ihnen fertig: „lasciamo perdere!“ bis Ostern sei auch die letzte Erinnerung an den verhunzten Carnevale zur Lagune fortgeschwemmt – ich ergänze mir: wie den musischen Igel zum Weiher Morgensterns. Schalmeialü tü tü.

Dass auch ich mein Flötenhemd für Igelweibchen Agel weitgehend

verblasen hätte, stösst mir während meiner wenigen Pfützen-Meter auf, die mich in die noch bettwarme Sicherheit meines Felsencastells 2263 zurückbringen: „Feins Agel die zum Nachbar ging“, welch feine Allgorese für ein Menschheitsproblem. „Wie siehst Du aus so furchtbar fremd?“ die

ewige Metapher für die Rechtfertigung von Entzweiung, Auseinanderleben, Schizokardie, wie das Gesetz: elektromagnetischer Polgleichheiten: sie stossen sich gegenseitig ab. So schlägt Harmonie in Harm um.

Muss man ein Andrer werden, um die Anziehung wiederherzustellen? Den „Nachbarn“ imitieren, überrunden, auslöschen, vom (Bezugs-)Netz nehmen, und so die Abstossung neutralisieren, ins Gegenteil umpolen? Kann man, soll man das überhaupt? Wem von zwei abgetakelten Minussen gelänge es, sich wieder zu einem anziehenden Plus zu wandeln? Illusion? Kurzschluss-Szenario? Einen Defibrillator bemühen oder Hypertonie-Medikamente? Vi-agrarforschung betreiben? Oder ist alles Um-Polen verloren, das Musen-Schmusen müssig? Die Galatea- Theorie in den Galaxien der Raumexpansion endgültig verflogen, verfleddert, geplatzt wie das künftige Universum?

Wer kann sich schon zum Big Bang des ersten Kusses zurückhaspeln, wenn die Lippen verdorrt, jedes Schmeicheln fadenscheinig, jede Blume eine Lüge, jedes Jawort ein halbes Nein verbirgt?

Fragen, Fragen, Fragen, immer nur Fragen, aber keine Antworten. Doch vielleicht sind sie der wahre Motor allen Lebens…

Mittwoch. 16.2.

Der jüngste Regen war fadenscheinig, zumal er nicht in Fäden schiffte wie erhofft und auch den nachbarlichen Dachdeckern mit ihren bargelegten Böden nur einen freien Tag beschied und jeden weit‘ren Schaden fein vermied. Auf das gegenwärtige geschweige künftige Wetter wagt man sich nicht einmal einen Schüttelreim zu machen.

Nebelschwaden bringen die Warnungshörner an der Reede zeitweilig zum Aufheulen und die Möwen segeln tief, als verlören sie sonst die wenigen Touristen aus den Augen, denen man eine Brotzeit stehlen könnte. Die fünf orangeroten Männer haben den Kanal im Untergrund der Via Garibaldi fast zur Gänze ausgepumpt und beratschlagen den Abbau und Abzug der bauchigen Rohre und Schläuche, die einen geräumigen Schlepper füllen werden. Endlich verstummen die Motoren, die nun Monate schon das Quartier erschütterten, den Restaurants und Hotels die letzten Gäste verscheuchten, die gesamte Länge der einzigen

„Via“ Venedigs in West- und Ostzone teilte und jüngst jeglichen Karnevalumtrieb verbat. Ob die hydrologische Wiederaushöhlung des einstigen Kanals bei jähem Acqua alta etwas nützen würde, bezweifelt der Eingeborene bei Spritz und Ombra aufs heftigste, denn seit der Pandemie und dem letzten blackout des MOSE glaubt niemand mehr an das Kaffesatzlesen der Magistraten, Wissenschaftler, Techniker, Experten und Prognostiker. Ja, wer umziehen will oder muss, hofft heimlich auf ein gelinderes Hochwasserchen, damit man olle unliebsame

Möbelstücke ungestraft in die Gasse entsorgen kann. Auch die saisonalen Verkäufer von Gummistiefeln könnten wieder aufatmen, die Hausratversicherungen würden endlich wieder einmal verunsichert und den Medien würde das unaufhörliche cowiderliche Pandemiegeschwätz verwässert. Wie lustig war es doch, als die Eintagsflügler selfiesüchtig durch den vollgelaufnen Markusplatz pflügten, Gondeln unter Brücken festklemmten, die Vaporetti vor lauter Sintflutflüchtlingen bedrohlich von Luv nach Lee gierten, und die Cola-Dosen unterm Frühstückstischchen a u f s c h w a m m e n w i e D r e i t a g e l e i c h e n n a c h  d e r  l e t z t e n Derattierkampagne, als man noch Heissa! rufen konnte, wie Kunzelmann und Sauerbrot, die nicht hatten glauben wollen, dass man eine Stadt bis zum Hals ins Wasser baut, um die Hinterbergler zu vergnügen.

11.40. Eine erste Amsel sitzt auf einer nahen Antenne gen Süden, blickt sich etwas misstrauisch oder verstört, aber stumm nach allen Richtungen um und fliegt nach diesem Augenschein einem weiteren Ausguck zu. Mein noch so melodisches Begrüssungspfeifen hatte nichts gefruchtet, aber vielleicht kommt sie wieder in mein Revier, wie einst ihre sangesfreudigere Vorgängerin.

Donnerstag,17.2.

Ballade vom schönen Schein

Steckt in jeder Frau ein Weibchen West im Manne der Begatter Ist ihr Äussres noch so fein

Beider Flor ist Sommerschnein Frage einmal den Bestatter

Obs die Liebe gibt in Scheibchen Deren Haut geschönter Schein

Tief im sanften Augenrunde Wisse, hinter glatter Stirne Lauert jäher Zornesblitz

Und verengt zum Schlangenschlitz Fältelt sich das Trickgehirne Schiesst Gesalznes in die Wunde Deren Heil ist schnöder Schein

Wisse, auch die schlanksten Lenden Bergen einen Sack Gedärm

Lippenrot und Nagelfarben Graben ehso Seelennarben, Keine Stille schwächt den Lärm Küsse so im Staub verenden Ihre Feuchte: schönster Schein

Mannesmut ist vag Geplänkel Steckt ein Lump in manchem Herrn Soll man Sinne stumpf verschwenden

Hass in Liebe stur zu wenden? Weibes halber Betteln, Plärrn Endet Mann so im Getränkel… Seiner Träume schönrem Schein

Lasst den Lauf, Naturgeschichten Gehn wohin sie jeden treiben Glaube, Liebe, Lust und Lohn Sprächen ihrer Würde Hohn Wollten wir der Welt verschreiben Sässen WIR ihr zu Gerichte

Wär es nur geschönter Schein

Merke, Wandrer, bleib allein Flieh die Last sich zu entzwein‘ Trotz der Liebeslust Schalmein‘ Aller Glanz ist schöner Schein.

An François Villon

Freitag, 18.2.,7.45.

Ballade vom zaudernden Hahnrei

Patri-Ärsche und Matchisten Heiratschwindler, Busengreifer Falschgoldschenker, Arrivisten Erbverprasser, Unterschleifer

Herzensspalter, Ehebrecher Nestverlasser, Witwenstreichler Reichtumsflunkrer, Glückversprecher Hausfreundlügner, Treueschmeichler

Ehr-Ereifrer, Jungferntöter Trauringfälscher, Schwiegerhenker Bierzeltschunkler, Kunsterröter Liebesschwätzer, Rosenschwenker

Fraunversteher, Treueschwörer Gattenmörder, Clanvergifter Töchterschwängrer, Sinnbetörer Mitgifträuber, Jammerstifter

Jeder dieser wollt ich sein Wär die bessre Hälft‘ nicht mein! Kämen mir nicht dumpfe Fragen

Übers weibliche Betragen:

Schweigt sie seit der letzten Kreuzfahrt Sieht sich um nach jedem Schnauzbart Schliesst die Tür am Telefon

Stört sich am gedämpften Ton Ist zerstreut und ungehalten Wenn sich Freunde unterhalten Und ist sichtlich aufgebracht, Wenn man über Witze lacht Fälscht sie ihre Lebensdaten Lässt Dich oft im Regen waten Täuscht zumeist Migräne vor Wenn sie die Façon verlor

Schminkt sich falsche Augentiefe Wie in Freundes Arm sie schliefe Kürzt sie jährlich ihre Röcke

Weil da sind noch andre Böcke?

Geht sie öfters ohn‘ Dich aus Weil der Ungeist haust im Haus

Küsst sie Dich zunehmend flüchtig Wirkt sie schamvoll, überzüchtig Furcht sie neuerdings die Stirne Weil wer ihr Benimm behirne Sammelt wild vagante Kleider Freche Spitze, Cut vom Schneider Fast zum Straucheln dünn: Stiletten Neuen Duft aus Glasflaquetten Taschen, Mäntel, Netzgestrümpfe Salben, Wässer gegen Rümpfe Brauenliner, Busenlifte

Wimperntusche, Lippenstifte Haargefärbe, Badesalze Nagelglänze, Hautgeschmalze Wird getönt, gestöhnt, geföhnt Bis der letzte Fleck geschönt Kannst Du sicher sein, oh Mann Dass kein Buhler schuld dran?

Mach Dich auf die lahmen Beine Hol zurück das ehmals Deine Wenn nicht längst ist‘s allzuspät Und Dir‘s besser stehen tät Suchtest Du alsbald das Weite Nachzugeben das Gescheite Abzugeben Deine Bürden Vorzugeben Deine Würden Hinzugeben was ihr rafftet Herzugeben was nicht haftet Auszugeben wie ein König Übrig bleibt Dir herzlich wenig Von der Lüste Last im Leben Fröne Deiner Freiheit eben Weder morgen oder später

Sei ein bessrer Übeltäter

Als der eifersücht’ge Rächer Der mit Giftgebräu im Becher Mittels Dolch, Seil oder Flinte Bestenfalls bloss böser Tinte Sich am End die Seelenruhe Aus vermorschter Mottentruhe Arg von Skrupeln überstaubt Schuld- und reuetriefend klaubt Und vom unbesonn‘nen Haupt Sich den letzten Lorbeer raubt Der die greise Stirn belaubt

Doch wie‘s kommt so öfter eben Zweifel bleiben länger leben Weil den Morgen künd‘ nicht auf Vor des Abendsterns Verlauf: Unentschlossner Altgeselle Willst nicht in gelobter Schnelle Eide brechen, ziehst nicht vor Als vom Leid geprüfter Tor

Herzens halber, Kropf und Kragen Endlich einen Sprung zu wagen, Deiner Hälfte zu entsagen

Um nach tiefern Gründen Suchend, ungetilgte Sünden Jäh sich kündend, finden Die im Ungebille mündend, Zu Debatte stünden:

Nur nicht fragen Weiterplagen Weiterzagen Weitersagen Weitertragen Klagen

Die ins Weite Ragen

Der langersehnte Sprung oh weh Endet wie der Vorjahrsschnee:

Den Hahnreih hat‘s wie Igels Leiche Fortgeschwemmt zum nächsten Teiche

An Christian Morgenstern

Dienstag, 8.3. internationaler Frauentag

8.00. Frauentag. Tja. Für viele Männer dürfte es ein heimlicher Muttertag sein, auch wenn sie es nie zugeben würden. Für sie sind Frauen Mutterersatz, also eine Illusion, eine Fata Morgana, das Unerreichbare an sich, infolgedessen ein Provisorium, mit dem man nur auf Zeit zusammenleben kann, Kameradin, Kindergebärerein, Erzieherin, Haushaltshilfe, Buchhalterin, bestenfalls Begleiterin während des Abenteuers Leben. Nur keine Mutter.

Die Mutter, die ich als Kind kriegshalber jahrelang vermisste, habe ich nie wieder auffinden können, weil keine Frau dem anspruchsvollen Wunschbild gleichkam, das man sich wie eine Wurzelalraune mit all dem bespickte, das man unwissentlich begehrte, beschwor, erhoffte, erträumte.

10.00. Gleichzeitig 24 Stunden Generalstreik der Verkehrsbetriebe im gesamten Lande der Zitronen. Von Männern, für Männer? Die Frauen haben die Gelegenheit verpasst, die Männer vom machistischen Verkehr zu suspendieren, als Warnschuss vor den Bug der Eitelkeiten. Auch in Weissrussland vergass man, die Frauen am Verhandlungstisch zuzulassen, also geht der Krieg unter Männern erbarmungslos weiter. auf Kosten der Frauen und Kinder, die vertrieben, ausgehungert, erschossen werden.

Frauentag, welch biblischer Irrtum! Wer Frau oder Mann ist, haben weder Jahwe noch Allah, weder Priester noch Advokaten zu bestimmen, sondern Gendergesetzlichkeiten, Säfte, Hirnformationen, zyklische Prozentualitäten, mutierende Kräfte. Man kann beides zugleich sein, oder alternierend, wird als der eine geboren und stirbt als die andere. Die physisch sichtbaren Unterschiede sind reiner Vorwand, die unsichtbaren mundtot zu machen, denn erst diese sind existentiell relevant.

Wie weise war es vor Jahrtausenden, die Grosse Mutter zu verehren; einen Grossen Vater gab es nie, entgegen aller männerzünftigen Manipulation: er war, sofern mythisch überliefert, ungütig, zornig und zeternd, eitel, nachtragend, eifersüchtig, wie es nur Männer in dieser mörderischen Potenz sein können. Auch Frauen sind von diesen Übeln nicht verschont, aber es sind Entlehnungen, Racheakte, psychische Machtkämpfe, hormonale Defizienz und Mangelsymptome, meist böse Antworten auf böse Anwürfe.

Wären wir doch noch intersexuelle, sprich zwittergeschlechtliche Wesen wie die Schnecken oder könnten wir uns umständehalber willentlich für eine oder mehrere Varianten entscheiden, erübrigten sich Aggressionen und Genderkämpfe, Liebeswahn und Totschlag, Überbevölkerung und Umweltzerstörung! Tja, Frauentag, eine verpasste Gelegenheit.

Donnerstag,10.3.

Ballade zum Weiberregiment

(Nachruf auf den Frauentag am 8.3.2022)

Caesar wär noch heut am Leben Hätt‘ er sich dem Tipp ergeben Den Calpurnia ihm gegeben Hörte auf des Weibes Rat

Lasst nur wohlbeleibte Weiber An des Volks geheimen Cyber Wählet nur beweibte Leiber Auf den Thron im freien Staat

So die Kunde aller Frommen Die in Gott’s Elysium kommen

Oder sonst die Macht erklommen Weil kein Mannsbild Mut zu hatt

Aber, frägt sich der Banause Ist die Welt dann noch zuhause Wenn in seiner engsten Klause Nurmehr FRAU das Sagen hat?

Was soll all das Brunftgetratsche Weiberklatsch und Machtgequatsche Über Mannes Seelenmatsche Wenn‘s im Beutel Ebbe hat?

Sinds sie’s wert die sechs Orgasmen Und die seltnen Sexphantasmen, Postkoitalen Kataklasmen

Wenn MANN sowieso schachmatt?

Soll bevor SIE Busen liften Und nach neuen Ufern driften MANN sie insgeheim vergiften

Wies ein röm‘scher Kaiser tat?

Soll bevor sie’s Erbe teilen Und an Buhlens Brust verweilen

Sie ein sanftrer Tod ereilen? An des eignen sichern Statt?

Grad wenn Augen liebvoll schmachten Soll man auf die Händel achten

Die nach Geld und Gütern trachten Die da stehn im Grundbuchblatt!

Soll man SIE beizeit erschiessen Eh noch Bart und Warzen spriessen Und sie’n Abendtrunk vermiesen Wann‘s trotz Eigengoal gesiegt hat?

Ist nichts öder als ihr Schweigen Statt gewohntes Mundwerk zeigen Und Dir Übles vorzugeigen

Nur weil‘s falsche Los Dir zutat?

Selbst wenn die Erinnyen schliefen Steigen aus des Schlafes Tiefen Zungen die nach Rache triefen

Ist Verzeihn ein weiblich Worttat?

Doch da regt sich Manns Entrüstung Über solch erboste Wüstung

Lehnt sich an des Weibes Brüstung S’war doch nur der Tröstung Untat

Komm geh her, ich lieb Dich trotz app.

Trockne Deine Wimpern, klotz ab Schneuz Dir Deinen trüben Rotz ab Mach mir jetzt was Guts zum Mittag.


Montag, 28.3. erster Frühlingstag

7.30. Wenn die Brückenrampen ins Nichts münden, das Bacino nur hundert Meter misst, und der Baukran keinen Ausleger besitzt, ist wahrlich Morgennebel angesagt, den man mit der Zeitverschiebung wieder geniessen kann wie ein Ei im Osternest. Die wattigen Schwaden umweben die Löwenmenagerie des Arsenals und aus dem Kanal glaubt man jederzeit einen tangtriefenden Meeresschratt auftauchen zu sehen. Man ist sich selbst näher gekommen und die Geräusche von Schritten, Rufen und Motoren verwirren Dich über deren Herkunft und Ziel. Noch dampft es aus den Kaminen, doch der Frühling lässt die ersten Knospen schwellen und Speranza hat einen neuen Blumenkorb vor die Türe gestellt, aus dem Margeriten, Hyazinthen und Goldlack leuchten. Viele Passanten haben bereits ihre Mäntel zuhause gelassen und die Schülerscharen wirken ausgelassener wenn sie ihr Vaporetto vom Lido her im Sechsdutzendpack ausspuckt und leer gen San Marco weiterfurcht.

Mittwoch, 13.4.

6.00. Meine Amsel jubiliert über das strahlende Morgenlicht, das sie von Osten    her so     lichte          anweht,    als       sei   dort nicht                das          schwärzeste Armageddon im Gange. Ihr Gepluster, Schnabelwetzen, Antennenhüpfen und Ausblicken nach allen Himmelsrichtungen lassen erwarten, dass sie weder             über                 Weltenängste,     schwere  Beine,    Husten,           Schwindel, Gliederschmerz, Schlafmangel oder sauren Magen zu klagen hat wie unsereins.            Die   dinosaurischen    Vogel-Antenaten          waren   bereits beweglicher und gesünder ausgelegt, als die von ungezählten Übeln behaftete, spätestgeborene und sauertöpfische Menschenbrut, die sich als Omnikrone der Schöpfung versteht und am eignen Untergang webt. Einer Wiedergeburt als Amsel in einem künftigen Leben würde ich mich nicht   widersetzen! Selbst          als      freigeistbeflügelter Engel        in          luftigem Unterhemd sähe ich mich jedem Vogeldasein unterlegen. Noch schiesst man mich nicht zum Engel, weil in mir noch immer der Tintenteufel steckt, der mit falschen Papieren handelt. Aber wehe wenn die Tinte ausgeht und mit Georg Kreisler mein Englisch verfänglich wird, mein Dasein zum Hiersein wird, das nurmehr die alten Tanten beobachtet, die tanzen mitten in der Nacht, die Amseln und Möwen und die Tauben, die turteln mitten am hölllichten Tag.

Auch die Apokalypse beginnt mit einem braven Frühstücksei.

Donnerstag, 14.4. Gründonnerstag

5.30. Meine Amsel ist Frühaufsteherin. Ihr pünktlicher Weckdienst signalisiert, dass wir uns auf ein engeres getaktes Zusammenleben zu einigen haben. Dies impliziert, dass ich meiner Nachbarin einen Rufnamen  geben  muss,  der  ihren  Qualitäten,  ihrem  Ruf,  ihrer

Personalität gerecht wird. So grüble ich denn nach einer adäquaten Auswahl, die Wohnort, Stimmlage, Lebensweise, Charakter, Beruf und Berufung miteinschliesst, so etwa:

Amselmia, Amselinde, Zwitscherona, Sopranette, Diskantina, Piepsienieda, Piepsicola, Arsenalaide, Arsenaletta, Meruleunda, Merulandei Singsalabimba, Cantalbina, Cantuccina, Aubadessa, Albatina, Serafina, Schnabulona, Matinella, Matutina, Schimpfeline, Sopranella, Fisteletta, Chiacchierona, Vespertina, Schwatzeline, Plapperella, Singelinde, Morgenstierna, Abendlärma, Pfifferlinda, Hoppsettina, Schwanzelotta, Nimmermüda, Nesteflicka, Capricietta, Insulana, Principazza, Antennella, Guckherummla, Fliegafortis, Ciaobellina…Die Mädchen werden die Qual der Wahl haben, oder neue Namen erfinden…

Freitag, 15.4. Karfreitag

–  eigentlich „Kummertag“ der Stille mit Tanzverbot.

8.15. Ich werde nicht Tanzen, Fleischessen, Fluchen, Ehebrechen, Meineiden, also werde ich mir ein Schlüsselchen mehr zum Himmelreich ergattern. Ich besitze schon einen 20pfündigen Bund alter Schrottschlüssel, auch solcher zu meiner Turmwohnung in Castello 2263, solche zu Rom, San Michele, Bern, Luzern, Mezzenile und einige zu den Dutzenden längst verschrotteter Vehikel meiner Lebens- Autobahn. Auch Schlüssel zu vergammelten Schlössern, Koffern, Schränken, Tresoren, Kasten und Kisten die es längst nicht mehr gibt, oder die ich nie wieder öffnen werde, wie jene zu verschlossnen Herzen. Schlüssel, die Gäste vergassen, antiquarische, die mir gefielen, rostigen die ich im Garten ergrub, defekte die man auswechseln musste, neue, die von noch neueren abgelöst wurden. Keinen noch so unnütz gewordenen konnte ich wegwerfen, weil an jedem ein Geheimnis hängt, eine Erinnerung, eine Verschwiegenheit, ein Versprechen, ein Ereignis, eine Geschichte, ein Schlüsselloch mit Blick in Vergangenheiten, die verlöschen, ist ihr Schlüssel einmal verloren gegangen. Ich lese in, schreibe an Schlüsselromanen, die ich nie editorisch erschliessen werde und schmiege Schlüsselbein an Bein in meinen Träumen. Den Schlüssel zu meinem Leben warf ich in den Canal Grande, damit ihn niemand findet, denn in einem Schliessfach lägen Leichen, die eine spätere Sonne an den Tag brächte. Dich dem Luxus zu verschliessen ist eine ebenso nachahmenswerte Tugend, wie an keinem Deiner Besitztrümmer Vorhängeschlösser anzubringen, denn auch Dein Sarg hat keine Schlösser mehr.

Nur Luftschlösser brauchen keine Schlüssel, sie Dir zu öffnen, sie

einzunehmen, sie zu bewohnen, sie zu verteidigen, Dich in ihnen für immer einzuschliessen. Schluss mit dem ewigen Schlüssel-Verlieren,

-Verlegen, -Verludern, -Verliedern. Die Zugluft-Illusionen sind hingegen

allgegenwärtig, pflegeleicht, transportabel, flugfähig, erfordern weder Unterhalt noch Frühlingsputz, Wachpersonal und Heizkosten, Investitionen oder Offshoreparadiese. Du kannst sie gross haben oder klein, in jeder Hinsicht veränderlich, mit Fernsicht, Pool, Bierkeller, Folterkammer oder Galgen, Bemutterung, Hausdrachen oder Suleika.

Anzubiedern jedem Mindestbietenden, schlüsselfertig. Als Ostergeschenk.

Mittwoch,4.5,

5.15. Die schmallippige Mondsichel verblasst im Morgengrauen. Amsel Mamsel singt, unsichtbar, weil arsenalwärts von meinem Dache postiert, bevor sie aus den umliegenden Taubennestern in rauem Pumpentakt überstimmt wird. Ihr Revier hat sich wohl manu militari um eine Handvoll Antennenmasten vergrössert und sie gerät nun seltener in mein Visier. Aber die Gassen widerhallen von ihrem erwachsener und eindringlicher werdenden Gesang. Ihre nächste Nachbarin sitzt auf den Giebeln der Corderie, eine weitere bestreicht den Campo della Bragora, eine perfekte Triangulatur hypothetischen Besitzes: Kiev, Odessa und Mariupol im Kleinen!

Mein Kaffeeklatsch mit Speranzas Apfelstrudel, der mir zur Gewohnheit

geworden ist, versichert mir, dass meine Überlebensbar nach der Ruhepause noch ebenso aufrecht steht wie meine Löwenkoppel vor dem Arsenal.

Das Inselleben, das am Morgen von Venedigs Geschichte 421 am Rivoalto begann und mit dem Untergang der Seemacht 1797 am Arsenal endete, gibt mir zu denken, dass ich als Arsenal-Exilant, umgeben von tausenden einheimischen Löwen in Stein, Ton, Glas, Holz, auf Papier oder in Öl, ein ebenso exotisches Gefangenenleben führe wie mein antikes Rudel, das da stumm vor sich hindöst und der Geschichte spottet, die es auf seinem Rücken buckelt. Zwischen Delos und dem hellenistischen und letztlich römischen Athen liegen fast ebensoviele Jahrhunderte von Kriegen und Völkerstürmen wie in der Spanne der jüngeren Meeresrepublik. Der dräuende Rauch aus den Schloten der Luigi Durand und die schmucken Uniformen, die Punkt acht vom Torpedo-Kreuzer her zum Besuchs- Apell in der Arsenalkommandatur eilen, vom Krächzen der Nationalhymne aus deren Lautsprecher begleitet, erinnert daran, dass die Geschichte doch noch nicht geendet hat, wie man im europäisch geeinten und verschlafenen Sumpfland vermeinte. Wer weiss, ob nicht mit diesen Tagen ein neues Halbtausendjahr angehoben hat, das den Erdkreis veränderte, und den Löwen erneut zu brüllen befahl.

9.40. Im Nachsinnen über den jähen Auftritt meiner Löwen erinnere ich mich des sonderbaren Traums dieser Nacht, der mich so früh weckte:

Grosse Einladung auf dem Campo dell’Arsenale an den Tischen Paolos: ich bin umringt von mir nahen Gesichtern: Buongiorgio und ein Trupp von Müllmännern, Ivan in Leichengestalt, meine Barbelegschaft, Freunde wie Ezio und Boris, Michele und Barbara 1 & 2, entfernter die alte Familie. Francesco und die Zwillinge mit Hund, Ferdinando mit halbgeleerter Sektflasche, Don Agostino sibyllinisch lächelnd, Narciso in blutiger Metzgerschürze; es spielen auf: Leonardo am Schifferklavier, Michelino mit seinem Saxophon. Zwei dunkelblaue Marinai tragen einen blechernen Kranz voran, hinterher schreitet Bilkis mit einer irdenen Urne. Alle Gäste erheben sich, stossen mit Spritzgläsern an und folgen den Marinesoldaten bis zum Löwen von Delos, dem mit einiger Mühe der Kranz übergezogen wird. Bilkis öffnet tränenblind die Urne und ich werde gewahr, selbst meine Asche zu sein, die in den Kanal vor der Dantebüste geschüttet wird, unter den Hochrufen der Feiernden, die gegenseitig ihre Gläser zerschellen, worauf ich schweissdurchnässt inmitten eines Meeres von Scherben auf den Campo zurückkrieche und erwache.

Unnötig, die Metaphern und Anspielungen zu entwirren, die diesen

Traum durchziehen…

Sonntag, 8.5. Muttertag, zugleich Tag der Befreiung (des Fötus von der Gebärenden?)

6.00. Selbst wenn eine Mutter längst nicht mehr unter den Lebenden weilt, ist ihre Nähe allgegenwärtig. Meine venezianische Klause ist voller Mutter-Erinnerungen, von den kargen Möbeln angefangen, übers geblümte Geschirr, Bestecke, zerlesene Bücher, Hausrat, Gästebucheinträge, Fotos, Briefe, selbst ein Kissen trägt ihr Portrait aus einer Zeit keinerlei Alterns und der tibetanische gestickte Filzteppich mit den verblassten Wundervögeln ist ein Relikt, das Sigrun aus der Hinterlassenschaft ihrer Mutter und ihres Stiefvaters Helmut nach Venedig gerettet hatte. Obwohl sich der Filzwisch längst in einzelne Fetzen auflöst, kann ich mich nicht von ihm trennen, um seine Existenz als Mutterrelikt nicht unwiederbringlich auszulöschen.

Am 23.6. hätte sie 106 Jahre gezählt, wenn sie uns nicht am 25.Oktober 2009 verlassen hätte. Ihre Mutter Ellen starb am 19.März 1976 in Luzern in ihren Armen als 85jährige. Aber irgendwie sind die Mütter unsterblich, weil wir sie stets mit uns weitertragen, wie sie uns einst ausgetragen haben. Ihre Asche fertilisiert das Weltgewissen, regeneriert die Liebe und den Willen zum Muttersein, unser Dank ist das bescheidenste Opfer…

9.15. Speranza wundert sich über meine Verspätung. Über meine Muttertagspost-Pflichten aufgeklärt, strahlt sie mütterlich, nicht wissend, dass erst die Sechsuhrnachrichten zum Ukrainekrieg mich mit der erschütternden Gewissheit überfielen, dass heute Tausende Mütter auf beiden Seiten der Fronten ihre Söhne betrauern würden, wenn sie nicht

schon seit Jahren und Tagen ihre Ehemänner verloren haben. Die Leidtragenden aller Kriege sind immer die Mütter; keine Mutation der Männerhirne hat jene Geissel der Menschenwelt beseitigen können: den Krieg.

Montag, 9.5. „Befreiungstag“ in Moskau

6.00. Bange Erwartung rund um die Welt, was heute in Moskau geschieht. Ob sich der Grössenwahn eines Einzelnen endgültig in surrealen Bildern marschierender Heere und furchtgebietender Waffen einer überholten Vergangenheit ausleben wird. Ob sich der kleine napoleonische Traumwandler die Rechte ins Wams auf Magenhöhe stecken und die Linke endgültig zum Führergruss ausstrecken wird. Ob die Diadochen endgültig ihr Lauern beenden und sich auf ein Dauern der Heiligen Russia einschwören werden, oder ob dem grossen Volk endlich der zum Ersticken geschnürte Kragen platzt. Während den Einen noch das Atmen verwehrt wird, halten die Anderen denselben an, in der Hoffnung, das Fatum habe ein Einsehen und mache der endlösungsmörderischen Grotteske ein jähes Ende.

Aus  den  Katalaunischen  Feldern  steigt  der  Gestank  verscharrter

Reiterhorden des Hunnensturms von 451, dem ein vergangener Ezio zu begegnen hatte. Zeit, Freund Ezio an den Ursprung seines Namens zu erinnern…

9.00. Grosse Parade in Moskau und Ansprache Putins. Kein Mutiger stört das martialische Gehabe tausender im Stechschritt stolzierender Heeresabteilungen. Selbst die uniform lächelnden Damenbrigaden im weissen Minirock marschieren wie Zinnsoldatinnen über den Roten Platz. Auf der Tribüne fehlt Gerasimow, nicht aber Kyrill mit Suleikahäubchen und ein Meer von gesichtslos versteinerten Generälen umsteht den Gernegross beim Ablesen seines Spickzettels.

Putin verzichtet auf den Vorbeiflug seiner farbensprühenden Kunstkriegsstaffel, und des unverwundbarsten Bunkerbombers aller Zeiten – hat ihm meine heimliche Wunschidee geläutet, dass da ein Tollkühner ausscheren könnte um in die Prominententribüne zu fliegen? Sein Auftritt blieb zahm gegenüber dem, was die Welt befürchtete. War es etwa seine vorletzte Rede?

Mittwoch, 11.5. Die Eisheiligen

5.00. Mit ein paar Medikamenten habe ich mir die Illusion angelacht, nach Schlaf und Schwitzen wieder gesund zu sein. Wenigstens ist der Ruhetag der Bar überwunden und auch das Wetter lächelt wieder breit vom Himmel.

10.00. Analog zur Einsicht, dass die Weltgesellschaft sich mit der künftigen Endemik der Pandemie abfinden muss, resignieren nun alle in den Ukrainekrieg implizierten Mächte, mit der Aussicht, dass sich der Bruderkrieg in eine unübersehbare Länge ziehen wird, zumindest solange Putin am Ruder des zensurgeknebelten Landes bleibt.

Meine Leser sind es müde, von mir Ein- und Auslassungen zur Ukraine zu erhalten, aber auch ich selbst bin es leid das unsägliche Geschehen in immer neuen Wendungen zu bekakeln. Allein schon die Ausschliesslichkeit des Themas bewirkt eine Gehirnwäsche, die kaum noch zu steuern ist, wenn man Partei nimmt, oder moralisch gesehen, nehmen muss. Ich werde notgedrungen zu Amseln, Möwen und Tauben zurückkehren, wenn sich weder aus Covid oder Krieg neue Rauchzeichen entwickeln, über die man nachdenken kann. Weder die Biennale-Ereignisse, noch das Alltagsleben um mich her bieten genügend Anknüpfungspunkte für literarische Postillen oder ironische Monologe aus meinem Exil heraus, das sich mehr und mehr aus einer Flucht in eine Zwangshaft zu verwandeln scheint. Mein zunehmender Missmut vertreibt die letzten Krümel von Humor, mit dem ich meine Freunde bisher unterhalten konnte. Mit dem Versiegen fast jeglichen Dialoges mit ihnen oder der Familie muss ich einsehen, dass einseitige Kommunikation ein angesägtes Brücklein ist (Schneider Böck in Max und Moritz’ens drittem Streich), zum Ufer der Verbundenheit mit der grossen und kleinen Welt. Mein Meckern gegen die Pickel im Antlitz der schönen Venezia verhallt im Ebbedrall der chemieträchtigen Kanalwässer und kein geflügeltes Möwen- geschweige Löwenpaar wird mich ans austrocknende Land schleppen, und keine noch so meisterliche Frau Böck mir das Bauchweh über die italienische Schummelpolitik wegbügeln. Also, kleiner Mann, was nun? Künftig alle Holzwege und -stege über die Kommunikationskanäle meiden? Nurmehr die sicheren, wenn auch versteinerten Brücken Venedigs queren? In ihren fondamenta endgültig anlegen, statt sich mit ihren fundamentalen Übeln anzulegen? Duldsam schweigen, huldvoll verdämmern? Oder

allein bleiben, wachen, lesen, lange unlesbare Briefe schreiben und in

den Alleen wandern, wenn deren Blätter in die Schaufel Giorgios, des unmüdbaren Müllmanns, treiben“? Also Rilke verhunzen und Morgenstern feiern, Tintoretto vergessen, und im Morgendämmern keine Ein- und Ausfälle mehr für eine gleichgültige Nachwelt speichern? Flüchtige Selbstwerte in der Bar Speranzas bei Marinekadetten, Dachdeckern und Hundehaltern erschleichen? Immer nur vorgeben, angeben, ausgeben, zugeben, hergeben, abgeben, statt geben mit nehmen auszutauschen? Eitelkeiten endlich loslassen und beerdigen, im festern Erdreich ankern, statt im Treibsand gründeln. Schön wär‘s. Woher den Mut nehmen, wenn man noch nicht fluchtlos mit dem Rücken

zur Wand steht, den Wanst füllen darf, und ziemlich sicher ist, dass die Amsel auch morgen noch singt?

Donnerstag, 12.5.

6.30. Dem Flug der Schwalben zuzusehen war mir früher nie in den Sinn gekommen, so, als hätte es sie nicht gegeben. Seit ich sie des Morgens beobachte, bewundere ich ihren Pfeil-, Sturz-, und Segelflug im wirbelnden Schwarm, der nichts gemein hat mit dem der übrigen Vogelvölker: etwa dem gemessenen Schweben der Möwen, dem Antennenhopsen meiner Amsel, dem kurzatmigen Nutzflattern der Tauben, dem geballten Angriffbündel der Kormorane oder dem geselligen Formationsflug der Silberreiher. Nur die individualistischen Sperlinge wirken wie unlustige Notflieger. So mancher Sittich in den in die Gasse hinausgehängten Bauern meiner Nachbarschaft – man sieht sie immer seltener – beneidet offenbar die Flugkünste des freien Vogelstandes vor dem Drahtnetz seines stets gedeckten Tisches, denn wenn sich eines der jenen in seine Nähe verirrt, erstirbt sein Geschwurbel und Geschnäbel und die goldrandigen Augen werden gross und wunderlich ob der Geschäftigkeit unterhalb des Käfigs, wo‘s Brosamen regnet, wenn der Hausbesitzer seine Flöhe ausschüttelt wie Frau Holle ihre Kissen.

Ich wäre froh, könnte ich wie ein römischer Haruspex aus dem Vogelflug

die Zukunft lesen, denn der Kaffeesatz aus Speranzas Dampflok ist bisher unergiebig geblieben und die Glaskugel, die ich einst als Briefbeschwerer nutzte, ist vor Jahrzehnten schon zerschellt, als man noch Briefe schrieb. An Horoskope habe ich nie geglaubt, obwohl mein Vater mir zum 20.Geburtstag einst eines von einer Berühmtheit in diesen Dingen ausstellen liess, dessen Inhalt wortwörtlich eintraf: Krankheit, Operationen, Beruf und Schicksalsschläge, aber auch Glück und Erfolg, ein unerhört genaues charakterliches Profil – das alles aus sieben Zeilen eines Schriftzuges gelesen und in völliger Unkenntnis meiner Person.

Montag, 23.5.

8.00. Brief an Boris:

Wundere Dich bitte nicht, dass ich keine Postillen mehr verschicke; zu sehr beschäftigen mich familiäre und persönlichste Dinge und nicht zuletzt die trübe Weltlage: da gibt es kaum noch Gelegenheit zu Humor, Wortspielen und geistreicher Unterhaltung. Ich bekam ohnehin kaum noch ein Echo auf meine Glossen, die ich in weiser Resignation unterbrechen muss, bis wieder besseres Futter vorliegt und bessere Zeiten anbrechen. Auch mein Tagebuch muss nach drei Jahren ein Ende finden, bevor es uferlos und langweilig wird. Wieder mal suche ich einen neuen Anfang für etwas, was noch gänzlich im Nebel liegt…

10.00. Diese Mailpost ist symptomatisch und könnte an alle meine Freunde gerichtet sein, wenn sie sich nicht schon längst aus meinem Weichbild heimlich und zehenspitzig verabschiedet haben. Es ihnen nachzufühlen, fällt nicht schwer, fiele doch jedem strengeren Auge auf, wie seit Jahresanfang meine persönliche Aufmerksamkeit den Adressaten gegenüber nachliess und ich in Allgemeinheiten abdriftete, wo ich eigentlich persönlicher hätte werden sollen. Die erschütternde Ablenkung durch den Ukrainekrieg, der eine Wegmarke unserer Gegenwartswelt bleiben wird, ob er nun baldigst beendet oder sich in die Länge ziehen sollte, kann mich nicht zurückführen auf das Gleis vom August 2019, als mein Exilabenteuer mit der ersten Tagebuchseite noch hoffnungssicher auf bessere Zeiten begann. Heute, am 23.Mai 2022 steht der König seiner gockelnden Tauben, niederpeitschenden Möwen, den jodelnden Amseln und zirpenden Schwalben, am Molo lagunenwärts krüpplig gegen den Wind haltend, nackt da, intellektuell leergepumpt, vom Publikum abgehalftert, starerblindend und ratlos, was man in diesem goldenen Beinhaus Venedig eigentlich tun soll, ausser die kulturellen Bestattungsrituale einzuhalten. Ich glaubte vergeblich mit mir und meinem trauteren Umfeld abgerechnet zu haben, ohne jemanden zu verletzen, ausser mir selbst, eine legitime Rache an Nemesis und den Moiren, die ich so zur Tatenlosigkeit verurteilt glaubte? Ein Irrweg mehr, zu all denen hinzuzählen, denen ich gefolgt war.

Mittwoch, 25.5.

Die Walze der russischen Übermacht rückt meterweise vor, umkreist, kesselt ein, triumphiert propagandistisch, unbarmherzig Zivilisten mordend und die Welt mit gefälschten Nachrichten fütternd. Die Versprechen des gesamten Westens, der Ukraine mit immer schwereren Waffen auszuhelfen, ist oft nicht mehr als Zeichen schlechten Gewissens und der schleichenden Einsicht, dass die Ostukraine – und welche Gebiete Europas in Zukunft! – auf die Länge dem Verständnis und der Doktrin unantastbaren Staatsgebietes verloren gehen wird. Survival of the immoral fittest. Hohn der Demokratie und dem friedlichen Zusammenleben der Menschen. China schaut spöttisch zu, Indien kneift. Andere Quislinge halten die Hand auf. Die widerwärtigsten Seiten menschlicher Schwäche und Bosheit liegen bloss. Wer jetzt noch rührige Gedichte schreibt, baut keine bessren Welten mehr. Bleibt Musik als letzte defensive Alternative des Gewissens, weil sie sprachlos ist und in direktestem Weg an unsere Gefühle gelangt?

8.30. Das Nachbarhaus ist nun ohne Gerüste, mit neuem Dach und rosa Verputz, aber mit Klimakiste (von 5) und Antenne (von 42!) bestückt; auch ihr Schüssel-Ohr lauscht wie alle die von mir aus 8 sichtbaren

Schwestergeräte, gen Südost gerichtet, um die widerlichen, meist dümmlichen Pubblicità-Unterbrechungen der italienischen Sendermafia im 20-Minutentakt im Buhlbett ohnmächtigen Konsumkonsenses zu empfangen.

Auch frisch erneuerte Fassaden sind mit wirrem Kabel-, Röhren-, und Schlauchsalat für Strom, Gas, Wasser, Lüftung, Kondensation und Gassenbeleuchtung verziert, ungerechnet die Wäscheleinen, die wie einst die Elektro-und Telefonkabel-Gespinste, die sich heute in endlosen Strängen über Gassen und Plätze spannen, sekundiert von den mindestens je vier diagonalen Stützdrähten der Antennen, die bei Sturm deren Schwanken bremsen sollten, aber nach spätestens einem halben Lustrum hoffnungslos erlahmen oder reissen. Wären wir in Indien oder Afrika bräuchte uns diese skurrile bis fotogene Wirrnis nicht zu kümmern, aber im Stammland Marconis ist die puristische Blosslegung aller häuslichen Kommunikationsstränge mehr als denkmalbedenklich und t e c h n i s c h d i n o s a u e r t ö p f i s c h . Z u m G l ü c k e n t g e h t  d e m otorinolaringoiatralen Sensorium des Touristen die olfaktive, sanitäre, wie hydrologische Gewissheit, dass Venedig noch immer kein besseres Abwässersystem besitzt, als seine meist uringetrübten Gondelstrassen… (in deren eine sträflich hineinzufallen sich Petra Reski zum Titel ihres jüngsten Venedigbuches machte).

17.00. Habe Lust auf ein Glas Wein und einen Tramezzino und setze mich an Roberto’s Molo. Kommen sechs Kroaten, um Bier zu trinken. Ich frage beiläufig, ob sie etwa Ludbreg kennten. Der einzige Italienissprechende nickt, natürlich kenne er das Center svijeta – das Centrum Mundi. Ich verrate ihm, dass ich dessen Erfinder sei. Die Handys klappen auf und man spricht mich fast ungläubig als Erasmus Weddigen an. Der Mann liest seinen Mitbürgern unter Schmunzeln die Legende von Ludberga und die Umstände ihrer diskutablen Heiligkeit vor. Man hebt die Gläser und ich entschwinde im Applaus. So wird man von seiner Vergangenheit eingeholt…Nastrovije!

Donnerstag, 26.5. Christi Himmelfahrt, Mannes Vatertag, oh nein!

8.00. Ob Männer in den Himmel kommen, den sie sich erfunden haben wollen, bleibt zweifelhaft. Beim Muttertag sind die Voraussetzungen eindeutiger.

Mater certa, pater numquam. Die Genanalyse hat das alte Verdikt um einiges aufgeweicht. Und überhaupt, die Leistung zählt, nicht die Einbildung.

Bald gibt es kaum einen Tag noch, ohne Feierlichkeit. Dereinst wird man das Jahr von 365 Feiertagen um ein Drittel erweitern müssen, um alle Anwärter, wie der Heilgen für deren Anwachsen Papa Franziskus soeben

um zehn gesorgt hat, der exotischen Numen und Götter, der Kriegshelden und Pazifisten, der Siege und Niederlagen, der Geburts- und Sterbetage gekrönter und verhöhnter Prominenter, der Verträge und Revolutionen, Jahreszeiten- und Wetterwenden, der Nationalmemorien und Memoranden, Tag des Buches und der Blinden, des Comic und der Trauer um was auch immer, des Sparens und Verschwendens, des Gesangs und der Stille, der Ungeborenen, der Wöchnerin, der Jugend und der Methusaleme, Herz-, Kropf- und Nierentag, der Krebse und Kebse, der Muttermilch und der Butterblume, eines jeden Haus- und Zootiers, der Insekten, des Regenwurms und der Wale, der Tauben und Falken, Tag der Amsel und der Mamsel, …befriedigen zu können.

Würde man den besagten 10 neuen Heiligen mit dem Segen Bergolios

auf der Strasse begegnen, würde man sie sicher übersehen oder Mitleid für ihre physiognomische Nichtigkeit empfinden: alltägliche Kreaturen wie Du und ich, plötzlich in die Heiligkeit entlassen, aus der Masse der Anwärter herausoperiert und auf einen Präsentierteller gestellt, beauftragt, von nun an unser posthumes Heil zu beschleunigen. Hinter ihnen stehen Hunderte Spalier demütig auf ihre Kanonisierung hoffend, oft seit Jahrhunderten; nun durften sie 20 Schritt vorrücken, 10 rechts, 10 links, ihre Zertifikate, Beweismittel, Wunderbegläubigungen, Curricula sanctitatis, ihre Inquisitionarien schwenkend, ihre Stigmen vorhaltend, ihre Beatitüden singend, ihre Kniefälligkeiten vorzählend, die gebündelten Ablässe unterm Arm; einige mit Exvotos im Gepäck noch mit dem ehrwürdigen Staub der Äonen überkrustet, andere müssen getragen werden vor Hinfälligkeit, und mancher wird nur fragmentarisch als Knochenhäufchen, als Reliquie, als Andenkenbildchen, als Ikone mitgeschleppt. Viele sind Opfer der eignen Verwechslung mit Figuren gleichen Namens oder Geburt und hoffen auf die Nachsicht der prüfenden, siebenden, versagenden Instanzen in ihren Kardinalsroben, Spitzenhemden und vergoldeten Papphüten am Ende allen Schlangestehens vor der Pforte zum Paradies der Erwählten…

Freitag, 27.5.

In der Arsenalnachbarschaft bereitet man den morgigen Auftakt zum Salone nautico 2022 vor, der den Zufluss der Besucher des Quartiers bis zum 5.Juni vervielfachen wird. Da ich weder Jacht, Gondel, Aussenbordmotor, Funkgerät oder schwimmende Haubitzen brauche, werde ich das Gewimmel der Reichen aus dem Winkel eines Barsessels am Kanal beobachten. Das Oligarchenloch dürfte die nach leckeren Verdiensten schmachtenden Schausteller bekümmern, waren doch die Russen  nach  den  diamantberingten  Golfanrainern  die  beliebtesten

wundersamen Geldvermehrer, die spendibelsten Hotelgäste, gierigsten Uhrensammler und elegantesten Kleiderkäufer der Vergangenheit.

Der Belsa-zar im Kreml erpresst nun Europa, gegen Aufhebung der Sanktionen, den Weizenabtransport aus Odessa zu erlauben, damit das arme Afrika nicht wegen der niederträchtigen Verminung der ukrainischen Häfen darben muss. Halsmagenherzerweichend. Was wird der kinderliebende Nikolaus (Sveti Nikolaj kroatisch, Svyatogo Nikolaya russisch, oder Väterchen Frost) als nächstes aus seinem selbstlosen Gabensäckel für den Welthunger auspacken!? Das s i ch selbstvermehrende Kornwunder des Heiligen aus Myra, Patron der Schiffer wäre jedenfalls mit einiger Fürbitte beim unheiligen Wladimir geeignet, sich erneut zu ereignen.

Wie aktuell ist doch Heine’s Gedicht Belsazar! Wer wartet nicht auf die enigmatische Schrift an der Wand: „mənēʾ mənēʾ təqēl ûp̄ arsîn (ְמֵ֖נא ְמֵנ֥א ַפְרִֽסיןוּ ֥קלתְֵּ ) zu deutsch: „gezählt, gewogen und zu leicht befunden“ aus dem Buch Daniel (Dan 5 – nicht weniger lesenswert als jede gegenwärtige Kriegsnachricht!) und dem folgenden Tyrannenmord am frevlerischen Schänder der Tempelschätze,  Belsazar,  dem  Sohn Nebukadnezars, dessen Reich Babylon in unmittelbarer Konsequenz von den Persern überrannt wurde!

Das Menetekel erinnert mich an jene alte Frau, die von der Polizei in Moskau verhaftet wurde, weil sie ein weisses leeres Blatt in die Höhe hielt, um gegen die „verbotene“ Benennung des Ukraine-Kriegs zu protestieren. Oder an die TV-Operateurin Marina Owsjannikowa, die man wegen Rowdytum festnahm, als sie während der Staatsnachrichten im Rücken der Sprecherin die Schrift „No war“ schwenkte.

Jede Diktatur fürchtet sich vor Schriften mehr als vor Fäusten und Chorgeschrei, selbst eine helvetische Demokratie ertrug einst die ephemeren chiffrierten Protest-Zeichen eines Harald Naegeli nicht, für die man ihn heute öffentlich ehrt.

18.00. Auf dem Campo della Bragora unter dem Olivenbaum in voller Blüte sitzend, beobachte ich einen glattgestriegelten prächtigen Gabbiano, der seinen Hals tief in einen Mülleimer streckt und nacheinander drei schwarze Hundekotsäckchen herausfischt, sie aufs Pflaster legt und aufpickt, doch jedesmal resigniert bis angewidert liegenlässt., schliesslich seine Inspektionen aufgibt und hochmütig davonschreitet. Die Lernprozesse in seinem Hirn sind offenbar doch nicht geschwinder als jene der Spezies Homo.

20.00. Besorge mir einen Kebab bei Sant’Antonin und geniesse den Abend beim Bier in Robertos Bar, ein unterhaltsamerer Kompromiss, als am eignen Küchentisch zu brüten, ich spiele den Statisten in dem bereits leeren Lokal, und nur die fette, geräuschvoll einen Kaffee schlürfende 3-

Hundemutter bietet die Würze zum Spektakel: ein Pekinese darf an der Leine laufen, die zwei weiteren sind im Rollwägelchen eingemummt, während die alte Quartierhexe unentwegt und unerhört auf alle drei einredet. Wenn man da nicht Spiegelparallelen zum eignen Schicksal zieht!

Dem frisch gesattelten Ferdl*

Neugeborne sehen aus, als ob sie Wunibald hiessen. Sie lächeln innerwärts, sind alleweil zum Schiessen Ihr Schlaf west noch im Schlummer der Gerechten Mit Vorschuss dass sie’s einmal zu was brächten

Der Einschuss aus der Schlemmer-Mutterbrust Besiegelt oftmals spätern Frust und Lust Noch zählt das Glück nach Zentimetern Der Dezibelgrad beim Protestgezetern

Sind Gene heil, Synapsen, Blut Ist dem Tropf die Parze gut Der tüchtgen Mutter Mut

Zur gelungnen Brut! Ich zieh den Hut! Obs helfen tut?


*zur Geburt eines Enkels im Hause Schoeller

Der Rollkoffer

Rollkoffer flieg,

Die Kreuzfahrt ist wie Krieg, Die Alten sind im Sommerland,

Das ist schon halbwegs abgebrannt, Die Jungen schüttelts Festival, Das ist im Fall ein Durchgeknall,

Rollkoffer flieg.

Der flog ins falsche Ferienland, Und wird dort keinem zuerkannt. Und landet auf dem Rollenband Im Müll von Samarkand.

Ich buche keine Reise mehr Auf Berge, Inseln, Asowmeer, Ich spiele keine Rolle mehr, Der unter meinen Koffer passt, Sein Inhalt fiele längst zur Last, Denn alle die Erinnerungen,

Von denen noch die Alten sungen,

Wiegen schwer…*

(*…wie in Villons Grabvers sein Hintern als Pendu…).

Montag, 8.8., Venezia eterna

Gestern, während meiner faulen Sofalägrigkeit, soll der Exodus in die Sommerhitze der Italiener und der gleichzeitige unaufhaltsame Reflux der Touristen über die Grenzen, ohne wesentliche Reibungen der Karavanen  vonstatten  gegangen  sein.  Die  Medien  begleiteten  das

Strömen und Strömern der Lemminge mit erlahmtem Interesse von Wiederholungsopfern des immer Gleichen an immer gleichen Orten zu immer gleichen Zeiten, als sei der Mensch lernunfähig und lernunwillig wie ein degeneriertes Herdenvieh. Die vom Sonnenkrem schillernden Wässer der beidseitigen Meere Italiens, ihr süsslicher Duft von Urin und Parfüm, die vermüllten Strände und der Dampf grillierten Fleisches der noch lebenden Spezies und seiner geopferten Fressfeinde haben den Waffenstillstand der Pandemie endlich überwunden, und das allgemeine Feiern, anstelle von Hekatomben religiöser Vergangenheiten, erhebt Herzen und Mägen in paradiesische Gefilde der Ergebenheit an Erotik und Brunst der Geschlechter, bis zur Übergebenheit überfüllter Mägen mit den Essenzen und Ingredienzen ungebremsten Konsums. Nach den ersten Stunden anfänglich sportlichen Stolzierens mit geschwellter Brust verlagern sich die Muskelpakete der Männer wieder in die gelockerten Zonen alsbald sonnenbranstiger Bäuche. Das Weibsvolk verliert Schminke und Gelock an den Wellenschlag kreischender Jungster, wenn das Eis am Stengel sein Sandbad abbekam, oder Wer das Ventil einer Fauteuil-Ente beim heimlichen Tauchen entschnullerte. Wer jetzt kein Handy hat, ist reif für die Klapsmühle, wer nicht den Sonnenuntergang bestöhnt ist schwer gestört, wer jetzt keinen Mückenspray bemüht, ist todgeweiht. Wer jetzt die Strände meidet, ein Misanthrop. Die frenetisch Wasserbadenden, die schwitzend Bergsteigenden, die unermüdlich Fahrradstrampelnden, die staubegeisterten Blechinsassen, die Bestohlenen vor den Polizeiposten, die hitzekollabierten Senioren, die sich ob stromlosem Navi Verlaufenden, die ungläubig unter überhöhten Rechnungen resignierenden Gäste, die stirnrunzelnden, weil allzu monoglotten Kulturkonsumenten, die in kühle Kirchen flüchtenden Ungläubigen – sie alle sehe ich von fern aus vedunkeltem ventiliertem Kabuff über die Mattscheibe tänzeln, zum selbstgebrauten Spritz und ausgeschaltetem Phone. Heissa, s’ist Ferragosto! Jubelt Euer Sauertopf.

Montag, 22.8.

8.30. Seinen Müllsack im Adamsgewand an einer Schnur die Hausfassade hinabzuhangeln ist offenbar für Touristen fotogen: so kam ich ins Visier einer asiatischen Kamera, als ich splitternass kaum der Dusche entsprungen, den sturmklingelnden Müllmann nicht enttäuschen wollte. So gerate ich schnurstracks in ein fernöstliches Ferienjournal als Typos europäischen Alltagslebens „威尼„Wēinísī wie es leibt und lebt!

Marco Polo hätte zu ebensolchem Beschrieb zumindest ein züchtiges

Polohemd übergezogen und so mit Mogeln die Nachwelt über die exotische Unsittlichkeiten der Mongolei für Jahrhunderte irregeführt. Dass die Venezianer aus konkurrierenden Hygienegründen täglich ihre gesamte Intim-, Bett- und Sportwäsche an die Sonne hingen, ist ein

längst dokumentierter Irrtum, der allen stereotypen Ansichten des Markusplatzes und der Seufzerbrücke die Schau stiehlt und der hypochondrischen Reinlichkeit der Ureinwohner ein falsches Zeugnis ausstellt: denn der oberflächliche Zeuge vergisst, dass mit der textilen Prozedur die ölgeschwängerte Luft von Margheras Raffinerien her für die Lungen der Lagunenbewohner seit der Charta von Venedig 1964 peinlichst vorgefiltert wird, und ihre durchschnittliche Längerlebigkeit (wie die seiner Monumente) erklärt. Diese ist inzwischen zu einer ebenso verbreiteten Lebenslüge geworden: werden doch die unwiederbringlich schwindenden Aborigines ebenso geschwinde mit widerstandsfähigerem Nachschub aus Asien, Afrika und Ozeanien ausgewechselt, sobald Pneumonie, Covid, Zeugungs- und Zahlungsunfähigkeit die einstige Hefe des Volkes und ihre Produkte wie Fische und Mollusken der Lagune, Früchte und Grünzeug von Sant’Erasmo dezimiert. Der globalisierte Tourismus sieht so die Gleichwertigkeit von Rassen und Geschlechtern, Beischlaf- und Essgewohnheiten gewahrt und die Unterschiede im Gebrauch der medialen Hilfsmittel auf Google, Wiki und Mikrozoff gemindert, kurz wir sind endlich alle ein und dieselben snikertragenden t.-shirtigen, shoppenden Trumpelhänse im Glück, die seelig in B&B-Betten kurzschlafen weil schon der Nächste Dein Bett braucht, dessen Laken zwischenzeitlich nach Marghera wehen muss, um mindestens soundsoviele Schwebepartikel einzufangen wie Du die Deinen ausstösst, damit das ökologische Gleichgewicht Deine schüttere Daseinsberechtigung bescheinigt und so weiter, u.s.w., usw….

Mittwoch, 9.11.

Die wattige Morgenstille lässt mich schon das leiseste Scharren von Buongiorgios Schaufel erwachen, gegen welches das Rattern der Eisenrouleaux von Speranzas Bar Gewitterdonnern gleicht. Meine Hausnachbarn sind so unsichtbar wie unhörbar, dass mein Zähneputzen, Husten und Schnarchen die letzte Maus mit Auditus damnum vertreiben dürfte. Giorgio prophezeiht Regen und Wind bei 8 Grad Pulloverzwang und vor dem stillgelegten Thermoschalter beginne ich schwach zu werden.

In der Bar herrscht Aufregung; um 7.07. habe die Erde gebebt. Meinen Schwindelzustand im selben Moment auf einem Bein in die Hose zu steigen, war ich so gewohnt, dass ich das Schwanken nicht weiter der Mutter Erde in die Schuhe zu schieben geneigt war. Erst die Versicherung Speranzas, alle Thekenlichter hätten geschaukelt, machten mir wieder einmal klar, wie sehr Veneto und Friaul in einer Bebenzone liegen und mich an die Katastrophe von Gemona und Venzone im Mai 1976 gemahnt, die fast 1000 Tote forderte. Das Epizentrum des neuen Bebens von 5,7 Stärke läge in etwa 8km Meerestiefe der Adria und unweit des marchigianischen Urbino. Bis jetzt lägen keine namhaften Schäden vor. Ein Blick zum schiefen Turm der Griechenkirche beruhigt: vielleicht konnte er sich sogar ein wenig aufrichten, nach so langer orthostatischen Geneigtheit gegenüber dem militanten Katholizismus, zumal Papa Francesco soeben in Bahrein den Islam hofierte und vom Beben ab- und zum Beten anriet…

9.30. Das prorepublikanische Erdbeben hingegen scheint in den USA noch einmal glimpflicher auszugehen als befürchtet. Die Demokratie tanzt auf Messers Schneide mit dem irrationalen Trampolismus ein schwankes Ständchen, das die halbe Welt bedroht und von dem die Ukraine nichts Gutes zu erwarten hat.

12.30. 16,5 Grad: ich gebe auf und heize mal auf 18. hoch.

13.00. Die Internetverbindung wird aus unerklärlichen Gründen gesperrt; Mein Herzschlag geht in Tilt. Soll einen PUK eingeben, wo ich doch nicht weiss, was und wo der sein soll. Finde ihn zufällig im untersten dem Müll zu opfernden Papierramsch und Roberto hilft mir aus der peinvollen Patsche informatischer Ignoranz. Nun gibt auch noch der Router den Geist auf und ich beziehe Internettigkeiten nurmehr aus der Bar gegen Flüssiges. Gott ist die Welt ein Kabelknäuel ohne Anfang und Ende!

15.30. Oh Wunder, ich habe wieder Teil an der Gnade der Elektronik, weil das Router-Ei zu Boden und auseinanderfiel und dank gottlöblicher Kontakte wieder flunkerte. Opfere Merkur einen Ristretto, auch wenn er mich zwei Stunden meines Lebens gekostet hat.

Alle Nachbarn haben heute Grosse Wäsche ausgehänkt, wohl weil es die nächsten Tage regnen soll. Ich lerne so den Hausstand meiner meist unbemerkbaren Quartierbewohner nach Menge, Geschmack und Geschlecht zu unterscheiden: Kinder und Paare gibt es offenbar kaum noch. Man ist vornehmlich Einzel- und Wiedergänger mit beschränkter Haftung…

17.00. Berührende Sendung bei GEO über Civita di Bagnoregio, seine Ruinen, sein letzten wenigen Einwohner wie Katzen, Poeten, Architekten und Überlebende eines kargen Bauerntums, wie ich sie als ländlicher Nachbar noch kannte. Ein seltsames Heimweh überkommt mich, San Michele am Horizont erkennend, meinen Felsen, die Ölbäume und das Haus, das ich mit Freunden wiederaufrichtete, die verwilderte Erde die ich pflügte, an die Kinder die dort aufwuchsen denkend und an die erste Frau Françoise die ich als Künstlerin und Poetin dortliess, die noch heute mit den Kindern und Enkeln die Oliven erntet, dessen köstliches Öl ich jedem anderem vorziehe, weil sein herbes Aroma unvergessliche Erinnerungen wachruft, wenn ich mir in Venedig ein Röstbrot, die Bruschetta damit beträufle, der Knoblauchzehen nicht sparend, die man auf der gebräunten Kruste verreibt, weil mein bäuerlicher Atem keinen Gast zurückschrecken lässt, wenn ich die Verse wiederlese, die ich vor Jahrzehnten schrieb:

CIVITA

Civita bagnorese Ich liesse Dich sterben In Ruhe und Würde, Weil Träume beglücken.

Statt Dich umwerben Mit bettelnder Hürde Finanzener Tücken

Zu einen die Scherben.

Und Civita stürbe Um unnützer Krücken Fundamente zu kerben,

Die Technik verdürbe Mit stählernen Brücken Am Ende, dem herben Die erfristete Bürde:

Ein Weltbild in Stücken Den Leichnam zu erben Zementen und mürbe: Des Zeitzahnes Lücken! S’ist besser zu sterben Als Deine Zierden

Unter Joche zu bücken Die Techne Gebühren

Nicht Dir Civita regia Che moia!


Heute besuchen Abertausende das in seinem auf Lehm gebauten Tuffstein dahinsterbende Civita, dessen malerisches Zerbröckeln man nicht aufhalten kann, wie man dies in Venedig mit zwar lebensverlängernden, aber ebenso vergeblichen Mitteln an Ziegeln, Mörteln und Verputzen, Marmor und Trachit versucht. Beider Verhängnis ist gleicherweise Wasser und Wind, Sonne und Kälte, aber nichts so sehr wie Zudringlichkeit, Achtlosigkeit und Entwürdigung durch die Flut an Besuchern.

Ballade du Octongénaire

(Hommage à François Villon)

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Wenn’s in den Gelenken knackt, Man nur noch blut’ge Kiesel kackt Man seine Bändel nicht mehr sterzt Weil jede Beugehaft Dich schmerzt Wenn immerfort Du Dich verschluckst

Weil Galle Dir den Magen druckst

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Wenn Angst die wehe Brust beengt Weil jedes Joch im Schädel krängt Beim Steigen Dir der Atem stockt Die Pumpe auf der Treppe bockt

In Sonnenglut Du Mäntel trägst

Im Wohnquartier nach Strassen frägst

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Die Krätze Dir im Rücken juckt

Der Zipfel aus der Hose guckt

Das Schwarz der Nägel Dich nicht kehrt Und niemand Deine Haare schert Wenn Übles durch die Zähne pfeift

Nur „Türe zu!“ der Nachbar keift

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Dann lieber Bruder wisse bald Zum Leben bist Du jetzt zu alt!

Du hängst am Galgen Deiner Lieben Die Dir zur letzten Frist geblieben Und denen Du zum Frust gereichst Wenn baldig nicht die Ruder streichst

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit ich bin bereit


Ersinne im Morgengrauen eine um drei Verse gelängte Version des Galgenliedes:

Ballade du Octongénaire

(Hommage à François Villon)

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Wenn’s in den Gelenken knackt, Man nur noch blut’ge Kiesel kackt Man seine Bändel nicht mehr sterzt Weil jede Beugehaft Dich schmerzt Wenn immerfort Du Dich verschluckst

Weil Galle Dir den Magen druckst

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Wenn Angst die wehe Brust beengt Weil jedes Joch im Schädel krängt Beim Steigen Dir der Atem stockt, Die Pumpe auf der Treppe bockt

In Sonnenglut Du Mäntel trägst

Im Wohnquartier nach Heimweg frägst

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Die Krätze Dir im Rücken juckt Der Zipfel aus der Hose guckt

Das Schwarz der Nägel Dich nicht kehrt Und niemand Deine Haare schert Wenn Übles durch die Zähne pfeift

Nur „Türe zu!“ der Nachbar keift

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Wird würzelos Dein täglich Essen Bei dem Du all Manier vergessen

Dir kaum ein Trank mehr richtig mundet Wenn die Krebshaut Dir verschrundet Wenn‘s im Haar bedenklich lichtet

Und das Ohr Gefälschtes trichtert

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Warst Du einst ein Weltverbessrer Bist kaum Herr der Körperwässer Seis beim Freuen oder Trauern Liegen, Stehen oder Kauern Keinen Horizont mehr siehst Nurmehr Schlagworttitel liest

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Wenn‘s Knie klemmt schon nach 20 Schritten Um Ausweis Kaufhaushüter bitten

Ein Parkwart Dich beim Bankschlaf rüffelt Ein Gassi-Hund Dein Bein erschnüffelt Und schwillt Dein Fuss nach jedem Schritt Schwindt die Zeit zum Sausen mit

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit

Dann lieber Bruder wisse bald Zum Leben bist Du jetzt zu alt!

Du hängst am Strange Deiner Lieben Die Dir zur letzten Frist geblieben Und denen Du zum Frust gereichst So ferner nicht die Ruder streichst

Bruder im Geiste am Galgen der Zeit Bist Du bereit?

Dienstag 30.5.Venedig

6.44. Mir fällt ein Liedchen für die Abreise meiner Schweizer Freunde, der Zug-Vogels ein:

Alpentraumliedchen für die Reise:

Rollkoffer flieg, Dein Eigner ist in Brig,

Der Dieb flixt durchs Tessinerland, Seit Mailand mit ihm durchgebrannt, Rollkoffer flieg!

Montag, 5.6. Welttag des Ambiente

Meine Gewittertaube mit ihrem weissen Erkennungsfleck am linken Flügel schaukelt in Speranzas Bar zwischen schweissigen Soldatenstiefeln nach Brosamen zerbröselter Cornetti.

Ich würge keine Taube tot Und lass sie lieber beben

Vor lauter Dussel-Säuselschrott Aus Grimms und Brehms Tierleben Denn Tauben sind wie Menschenbrut

Trotz Turteln, Aneinanderkleben Für alle Schurkereien gut Vogelfreilich eben.

Oh, das war weder autorenrechtsmässig, noch gut geklaut und nur halb verdaut.

Bangen vor Big Bang

Wollt‘ Ich mir nicht längst erlauben, über Räubermöwen, Turteltauben, anstatt ewig sie bestreiten,

still ein Leichentuch zu breiten? Hab‘ ich mit dem Federvieh doch wie Busch so meine Müh, weniger des Bratens wegen, als des Blitzableiters Segen,

ist doch jede Rache süss, hält ein Opfer man am Spiess.

Klopfte aus dem Busch die Feder zieht man heut per Bit vom Leder; Turtelmöwen, Räubertauben Krächzen, Turteln, Betteln, Rauben Sind seit Dinosauriers Sterben Unsre bestgehegten Erben

Wenig ist bis heut gewandelt Als ward Adam angebandelt eine Eva voll der Gnaden Drüsen, Busen und Gonaden

Gott was tatst‘ dem Menschen an Als den Möwen und den Tauben Prompt das Vögeln zu erlauben Magst Du hadern oder glauben wir sind nah am Weltend dran!

Bigger als Big Bang.

Donnerstag, 8.6. 7.30. Fronleichnam

Lebensweisheiten:

Mücken haben schon die Dinosaurier geärgert; sie werden auch mit den Menschen fertig. Wenn ein Elefant vor einer Maus auf einen Schemel steigt, war dieser zur falschen Zeit am falschen Ort.

Auch der Zahn der Zeit ist kariesanfällig. Wenn Gott ruht, läuft ihm die Zeit davon.

Zur Abendstund nimms Gebiss aus dem Mund. Frühen Vogel fängt der Sturm.

Humor ist wenn man dem Lachen trotzt.

Ungereimtheit: Ein Esel sass auf einem Kiesel und niemand merkte diesel, weil kein Wiesel. Zwischen Mir und Dir ist kein Unterschied, es sei denn ein orthostatischer.

Wortbrüchig wird immer, wer den Mund zu voll nimmt:

Ein Baum ist wie der Mensch, er wurzelt am falschen Ende.

Aufleben und Ableben ist gleicherweise mühselig – etwa wie Bergsteigen und Tauchen. Gebt mir einen Punkt im All und ich komme nie wieder aus dem Gleichgewicht.

Kopernikus war nicht so dumm wie Kolumbus. Archimedes überragte sie beide um Daumenbreite auch ohne die digitale Revolution.

Freitag, 9.6.

5.15. Habe das gurrende Taubengeschmeiss mit Höllengetrommel, Wasserwürfen, Sodastreu und ausgelegter Silberfolie – offenbar ein Trick von Nachbarn – für eine kurze Kaffeepause verscheucht. Das waren Zeiten, als noch die Amsel melodisch in den Morgen trillierte! Seit sich die unheilige Geistlosigkeit der Dächer bemächtigt, ist kein Schlafplatz der Gerechten mehr sicher vor dem Geblöke des Friedens-Federviehs, welch Parallele zum menschlichen Herdenvolk! Da das Taubenvergiften im Park der Hermandad ins Auge gehen könnte, rufe ich die Gemeinschaft ruhig Schlafenwollender des Erdkreises auf, eine galantere Endlösung des Problems zu ersinnen.

Da man nach einem Kampf gegen die Taubenheit ohnehin nicht mehr zur Ruhe kommt, flüchte ich ins Internet und entdecke einen Chatchor ähnlich Geschädigter und deren Methoden, mit dem Übel fertigzuwerden. Seitenweise Rat gegen Rattengift, Unrat und Ratlosigkeit, aber Lob zu, Windrad, Plastikrab, Raubtier-Attrappen, Laserpointer, Ultraschallsender, Drahtstolperfallen, Elektroschock, Wasserpistole, Taubennetz, eingebildete Taubheit, Psychiater, vorgezogene Grabmiete, am Ende Umzug unter falscher Adresse. Da letzteres gerade noch gefehlt hätte, nehme ich mir vor, Don Agostino demnächst zu fragen ob er eine christlichere Methode zur Friedensstiftung wüsste, ohne die Dreifaltigkeit zu beunruhigen bzw. zu entfalten, oder mir ausser der Heiligen Eulalia, Regina, Reparata, dem Remigius, Findanus und Kunibert noch eine effizientere Schutzfigur gegen Taubenkot, Brunftkotau und Liebesklönen empfehle. Da selbst die Millionenrotte von Markuslöwen gegen die Vögelei-Plage seit Marcopolo nichts genützt habe, müsse nun ein gewiefteres Attribuz-Personal her, etwa Thomas von Aquin oder Gregor der Grosse, denn der naive Noah hatte als erster ausgerechnet eine Taube auf die Menschheit losgelassen, ihr einen trocknen Nistplatz zu erkunden, hatte er doch übersehen, dass das Vieh noch in der engen Arche sich nicht hatte unterstehen können zu rammeln. So ist die Columba domestica Symbol für die Wohnungsnot in der Welt bzw. deren Übervölkerung geworden. Von wegen Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Montag, 3.7.

Taubenlied

[an Christian Morgenstern]

Die Tauben sind aufs Flirten aus Nichts als ekle Taugenichtse Von Weihnachten bis Nikolaus Nur Kacken, Gurr‘n, Gewichse.

Ich schiesse keine Taube tot Ich lass sie langsam serbeln Ich nutze ihre Futternot

In Gier und Schmach zu sterbeln.

Botulinversetztes Magenbrot Genügt, die Täubchen anzuwerben Dann füttr‘ich sie mit Plastikschrot Und feingestossnen Scherben.

In Mais gedünst‘er Mäusekot Mit Zyaniden abgeschmeckt Von Morgenrot bis Abendbrot

Wenns Täubchen nicht verreckt.

Oh Mensch, Du wirst nie ohne Plot Der Tauben Hurkunst überflügeln Sein Frust ist aller Lüste Schrott: Zwingt, jede Liebelei zu zügeln

Leider ist seit Nietzschens Tod Gott tot

Lasst ihn lieber weiter schlichten Wie Schreibergott Ägyptens, Thot Die thumben Tauben hinzurichten

Bis jenseits Du von Gut und Böse Dich erfreu der Tauben Brut:

Nur das Braten sie erlöse Von der Schuld der Liebesglut

Göttin Mut. Wie gut Das tut!

Mittwoch, 12.7.

Nächtliche Schwüle als läge man in einem lauen Bad. Die Haut klebt wie ein Fliegenfängerband, man bahrt sich auf im Bett wie in der Leichenschau, man zählt die Stundenschläge bis zum ersten Tauben-Gruh. Der Duschespund perlt ohne Seifenschaum und aus dem Badespiegel glotzt ein roter Troll. Was man vertrinkt, geht schleuslos wieder unten aus. Oh Graus:

Wer jetzt kein Hemd hat brauchts heut‘ nimmermehr,

wird weder lesen, Briefe schreiben,

ist doch ein Buch, ein Griffel tonnenschwer und Wandern in Alleen fast noch mehr,

lob vor‘m Abend längst den Morgen und den Tag gleich hinterher, hatte da ein Tor schon Sorgen, es drohe Regen, mittelschwer?

Muss mir bei Speranza borgen, was mir fehlt an Mittelmeer: Wetter, Winde, Wallen, Wogen, aufgebraust und schnell verzogen hohe Gischt und sanfte Kühle

die aus des Charakters Mühle frisch gemahlen, heiss gebräuter, aufgeschäumt kakaobestreuter Kaffeetraum im Morgengraun herzgeziert, schön anzuschaun mal gezuckert mal, amer

so liebt‘ ich das Weiberheer!

Doch wie‘s kommt so öfters eben Mit einer ist‘s nicht leicht zu leben Eben, eben.


Nur ans Mannsvolk zu verschicken…Wahrheiten kann man überzeugend offenbar nur in Gereimtes verpacken, muss schon Morgenstern bewusst gewesen sein. Relativieren,

Vernebeln, Veräppeln von Wahrheit ist ein Trick der Strassendichtung, des Bänkelsingens, von Pop und Flop. Hart am Kitsch segeln ist auch eine Methode, wie die Persiflage, die Pantomime, die Parodie, Binsenwahrheiten durch die Blume auszuposaunen. Der Lacher über sich selbst kommt meist ungeschoren davon.

Strohwitwers Sorgenbrevier

Schiebe Unbill stets auf morgen Wenn ein Andrer tut‘s entsorgen

Ehe ist ein Kleiderkauf auf Raten Am Ende mufft der feinste Braten

Die Treue ändert mit dem Markt Den die Männerwelt beharkt

Verliebtheit stirbt am Tag danach Liebe dauert bis zum Krach

Wonne hält kaum eine Nacht So Sonne sie zu Tag gebracht

Die Dirne raubt Dir’s Seelenheil: Beim Ehebruch ein Henkersbeil

Ein Paarlauf ist sehr bald entzweit Wenn‘s Eis darunter daumenbreit

Jüngling nimmt Dich früh beim Heft Klebrig ist das Hur-Geschäft

Wer ewig wem die Treue schwur War nie im Taubenschlag zur Kur

Das Werben ist kein Zeitvertreib Die Muse ist das treuste Weib

Das Alter ist ein Zeitsymptom Das Altern dessen Leidsyndrom

Ich hebelt‘ selbst die Erde aus Allein mir fehlt der Nutzen draus

Wer ewig an der Achsel schnieft War nie in Weltenduft vertieft

Reich wird nur, dem eine Rolle reicht ipso Von Weihnachten bis Nikolaus im Klo

So manch zu krummer Dichterfurz Führt stracks zu des Poeten Sturz

Lache, Lacher, nie zuletzt Bist der erste den man petzt!

Wollt, ich wäre nochmals dreissig Wüsst‘man: Rumpelstilz, so heiss ich!

Nehmen ist seliger denn geben:

Wer „nimmt zur Frau“, trägt sie ins Streben! Wer gibt sie hin, nimmt ihr das Leben…

…  …  …

Freitag, 14.7.

Der Vogelsang zur Matutin wird übertönt vom Summen der Klimakisten vor den Fenstern, auf Dächern, in Hauseingängen, vor den Gemüseläden. Ihre weissgekrümmten Rüssel und pimpernden Schläuche sind allgegenwärtig, und allwiderwärtig wie das Gedärm von Schlachtvieh. Die Aufrufe zum Stromsparen sind verdrängt vom Aufschrei nach Kühle, Feuchte, und Luftzug, man nimmt die Wäsche von den Leinen, um ihr Trocknen in den Innenräumen als Klimabremse zu verlängern, den Mücken zum Trotz, die den Schwalben vor den Schnäbeln gespart werden. Die Eingeborenen nicht anders als die B&B-Gäste huschen hinter wassergesprühten Gardinen splitternackt durch ihre Räume: heissa, endlich echte freizügige Hundstage! Durchgeschwitzte Kleider tumbeln zu Tausenden in den Wäschetrommeln der Stadt, als hätte man mit ihnen die Touristen herbeitrommeln müssen. Hekatomben von Schweiss dampfen aus den metallenen Altären gen Himmel der Göttin Hygieia zuliebe oder zugraus. Die Bittgebete um Regen für Blumenkästen, Giardinetti und Alleen, gegen Taubenkot und Hundepisse verhallen vor den Reklamen für Sonnenöl, Eisamstiel und zuckerfreie Büchsengetränke. Strohhüte mit eingebautem Propeller, aufsetzbare Sonnenschirmchen, Brillen mit Trübwettergläsern, Untenohneleibchen und Sandalen mit Barfusseffekt dürften Kassenschlager sein, gemessen am Ohrzuohrlächeln der asiatischen Verkäufer. Kirchen sind wieder voll der kühlenden Gnaden, auch wenn die Weihwässer modern und die Leihkerzen lodern. Museen und Biennale-Hotspots weibeln mit der funktionierenden Akklimatisation ihrer Exponate und der achselfreien Besucher. Tausende Kunstbummler picknicken mittags ahnungslos im dorrenden Gras der Parks, denn das Gassigehen geschieht im Morgengrauen. Die Müllmänner haben dann längst ihre erste Fracht in die Kähne geladen, und die Möwen und Tauben warten geduldig auf die vom Markusturm getunte Sext, wenn zum Futtersegen, der prompt aus den Containern quillt, wenn die übersatte Menschenschar dem frechen Vogelvolk das Feld geräumt…

Beileibe, hab ich etwa nur geträumt…?

10.30-12.00. Schwatz mit Michele an der Arsenalriva im Schatten von Mauer, Schirm und Charme, bis es mir auch dort zu heiss wird. Werfe mich in die Horizontale, um kein Glied bis zum Abend mehr zu rühren. Gemäss dem Zigeunerbaron:

Selbst Lesen und das Schreiben kann man kaum weiter treiben Zwar schon von Kindesbeinen befasst ich mich mit Reimen; auch war ich nie ein Dichter Potzdonnerwetter Paraplui,

nur immer Reimezüchter, poetisch war ich nie!

Aber auf das Reimeklauen, der Andren Spass versauen, verstand ich mich, und wie!

…  …  …

Da man in Italiens Medien ein entnervendes Canalhopping unternehmen muss, um den Reklameunterbrüchen zu entgehen, die mit perfider Regelmässigkeit jedem Film, jeder Dokumentation, jedem Dialog, jedem Konzert an die Gurgel fährt, bleibt einem nur, die beklagenswerte Nullität dieser Sequenzen aufzuzeigen, die eine Verhöhnung aller vernunftbegabten Bürger dieser Nation ist. Welcher dieser implizierten Unternehmer glaubt,

dass man seine Produkte nach dem dritten oder zehnten eingehämmerten Spot je kaufen würde, und welchem Televisionär wird nicht übel von all dem Gehopse, Gegrinse, Hüftenwiegen und Zähnefletschen, Chorsingen für Zahnpasta, und Pastateig, Kukident, weils Cookie brennt, tanzenden Hausfrauen um einen Mopp, Flipper oder Swiffer, schönen Weibchen, die blendendweisse Hauer in 10cm-Burger fletschen oder auf Auszieh-Diwanen fleezen, deren 75% Rabatt ein Teeservis miteinschliessen, Paaren, die geschniegelte Autos in menschenleere Städte kurven und sich in tropikalen Feuchtgebieten räkeln, die auch dem beschlipsten Stoffel reinstes Fahrten-Glück bescheren – was muss man nicht alles glauben, um selig zu werden!

Kinder die nach Törtchen gieren, Weibsen die sich Creme schmieren, Selbst auf Örtchen sich nicht zieren, Machos die sich rundrasieren, Hunde, die kein Haar verlieren, Dank der Werbung dreifürzwei!

Reisetipps zum Ferienmachen Kameras zum Überwachen Zahnersatz zum breiter Lachen Koffer für die Siebensachen Vitamine für die Schwachen Zaubert Werbung einszweidrei!

Pulver die beim Waschtag siegen, Pillen gegen‘s Krämpfekriegen, Stifte für das Lippenschmiegen Sprays für Duft und gegen Fliegen Bankboni im Trend zu liegen Wer‘s erwirbt ist einerlei!

Wer erliegt dem süssen Plunder Geht im Angeboote unter

Werbung macht nur Werber munter S’Leben ist nicht minder bunter Kommst vom Ross ein wenig runter Und lebst ohne

Es sei!

Montag, 14.8.

Geräusche die das Leben beleben:

5.00. Amseln quinquilieren in den grauen Morgen. „Trrilligrilliquipiep“

5.30. Tauben gurren sich heiser und wecken die unwirschen Möwen.

6.00. Rollkoffer rumpeln eilig zu den Taxi- und Linienbooten.

6.30. Das „Wiesch-Schiew“ der early-Spazzini wie Buongiorgio.

7.00. Die eisernen Rolläden Speranzas ächzen in die Höhe. „Rumms“

7.30. Nachbarn niesen, husten, gurgeln, pinkeln, brauen Kaffee.

8.00. „…zzinooo“ brüllen die Müllmänner und klingeln an den Türen.

8.30. Hotelkarren mit Wäscheballen quietschen zu den Lastbooten.

9.00. Rentner werden von ihren winselnden Kötern vorbeigetrieben.

9.30. Klickern und Surren der Baukräne über den Dächern.

10.00. Meine Haustür fällt ins Schloss. Ich bin’s. Nur ich.

Donnerstag, 17.8.

7.14. Meine Mutter lehrte mich als Kind, die Erdteile zu benennen und versteckte sie in Wortpuzzeln: So sass Amerika im Satze „AM ERIKA-Blümchen hab ich mich erfreut“, oder Asien in: „Ah SIE, ENtschuldigen Sie!“ Dann: „Ah, FRIKAssee vom Huhn schmeckt gut!“ Oder: „Isst Du Dein EI ROH, PApa?“ (Was ich heute etwa in „Dem EURO PAsst sich selbst der Rubel an“, modernisieren würde). In Ozeaniens nasse Gefielde wagte sie sich noch nicht mit etwa: „O ZEh, AN IHNEN hab ich mich gestossen“ oder: „lOTSE AN IHNen mich vorbei, Odysseus!“ Wobei man an die Lotophagen, Circe oder die Inseln der Seligen denken könnte. Die Pole, die damals noch unter ewigem Eis lagen, liess sie aus, weil oben noch „keiN ORTsPOLizist“ den Verkehr durch die geschmolzenen N/O oder N/W-Passagen lenkte und sie unten für die Antarktis ebensowenig eine Eselsbrücke gefunden hätte, wie für Australien, das sie zu meiner Überraschung mit „Australien ist der kleinste Erdteil“ puristisch und minimalistisch entkalauerte.

Ich verdanke Mutter Sigrun die Liebe zum Wortspiel wie zum Reimen, das sie bis ins hohe Alter pflegte und mir die Bewunderung von Busch und Morgenstern, Heine und so manchen spöttischen Romantikers übertrug. Ihr literarisches Gedächtnis, ihre Belesenheit und ihre Kennerschaft des deutschen Sprachschatzes bezeugte ihrem Grossvater Theodor Siebs, ihrer Mutter Ellen Siebs/von Unwerth/de Boor alle Ehre. Dass man mich mit dem anspruchsvollen Namen Erasmus versah, dürfte der Nachwelt allerdings wenig genützt haben! Von jenem Namensvetter ist mir nurmehr die Narrheit geblieben. Vielleicht Gottlob.

Donnerstag, 7.9.,10.00.

Die Weltuntergangsstimmung rund um den Erdball, mit Überhitze, Bränden, Dürren, Unwettern, Orkanen, Überschwemmungen, Erdbeben, Kriegen, Staatsstreichen, Konkursen, Hungersnöten, Epidemien und einer atemberaubenden Überbevölkerung ergreift am Ende die bisher blinde Politik, Wirtschaft, Industrie und Wohlstandsgesellschaft, die Medien, das Gesundheitswesen und was nicht mehr. Die olympische Göttergesellschaft würde in ein zynisches homerisches Gelächter ausbrechen, ob all der Hybris, die es zu bestrafen lohnte! Indes nehmen Papst, Kardinäle, Priester bis hinab zum gottverlorenen Dorfpfarrer Agostino missionarische Fahrt auf, die verdorbene Welt mit seifigen Worten zu retten, doch deren auf nurmehr handzählbarer verwitweter Weiblein geschrumpftes Gewissen ist so eingerostet wie zu Zeiten Babels und Gomorrahs. Das Fussvolk der geistig Heimatlosen flüchtet sich in die Betäubung von Fussball, Rockkonzerten, Arenenrausch, Drogendelirien, Paradiesversprechen und Ausverkäufen als gelte es, in einem Weltkino genüsslich den Untergang Roms und seiner Zivilisation nachzustellen. Ich wundere mich nicht wenig, an dieser Metamorphose, oder hoffen wir’s, heilsamen Katharsis der Spezies nie dagewesener Wucht als unverdienter Beobachter und Kommentator teilnehmen zu dürfen, als seis die Schlacht von Valmy oder Waterloo, um nicht diejenige von Kadesch, Aktium, den katalaunischen Feldern oder El Alamein zu nennen, die alle weit hinter dem, was zur wahrlich globalen Zeit passiert, hintanstehen dürften, weil sie auf ein lediglich numerisches Abschlachten, Dezimieren des Macht-Überproduktes zielten, nicht die zivilen humanen und kulturellen Begleitumstände beachteten, um die es heute geht. Hat da jemand „gut gebrüllt Löwe!“ gerufen unter den 41 Räubern am Campo dell’Inferno?! Nein? Na, dann warten wir noch ein siderisches Weilchen; Evolution hat Geduld…

Sonntag, 10.9.

5.30. Wollte gerade eine Glosse mit dem Titel „Hansa und Greta, ein Märchen über die Flugscham“ zimmern, da niest ein B&B-Gast im Nebenhaus so laut, dass es mir jeden längeren Atem verschlägt. Also ärgere ich mich über das Schlafen, dessen venezianische Sommernachtsträume mir menschmeiergemachte Laute vermiesen. Jetzt, bevor die ersten Smilybomber mit biblischem Donner von Marco Polo abheben, ist die beste Zeit in meine

Gassenumwelt hinabzuhören. Da es um mich her nur noch wenige Eingeborene gibt, sind die Geräusche zwischen halber 20 Uhr bis etwa acht abwechslungsreich und identitätsstiftend, weil die Schiffsmotoren dann weitgehend ruhen und Möwen und Tauben zufensterbrett gehen, bzw. ihre Kaminate beziehen. Die männlichen Duschgesänge reichen von „La mona è domabile“ über „Santa Luciiiaaaa“ zu „The yellow submarine“, wenn nicht gerade über den verkalkten Brausekopf gelästert wird, oder wer mit hörbarem Ekel einen 10cm-Klumpen fremden Frauenhaars aus dem verstopften Spund zieht. Frauen sind diskreter, wenn sie nicht mit der Progenitur über Zahnpasta im Waschbecken zetern, das neue Handy in der Badewanne oder das fehlende Salz für die Suppe. Durchfälle sind im Hochsommer an der Tages- und Nachtordnung und Spülungen rauschen wie die Niagarafälle als wolle man damit ein Elektrizitätswerk betreiben. Das Sprachenbabylon ist nächtens polyglotter als jede internationale Sprachschule, lernt man doch in jedem gewünschten Idiom Fluchen, Lachen, Pöbeln, Rülpsen, Jodeln, Falsettsingen, Körpersprechen wie –musizieren, oder auf Exotisch Esperanto, Schwyzerdütsch, Mandarin, Orange Clockney, Lemon Curdisch, Pinguin Inglisch, Whaleisisch oder Gibbonisch zu parlieren. Besonders lernfühlig ist die Rollkaffernsprache im halbbewussten Morgengrauen, wenn man die letzten bengalischen Fledermäuse von der Bettdecke scheucht und gewahr wird, dass man in einer hellhörigen Mongolenjurte eingebunkert ist und Dschingiskahn mit Maschinengewehrsalven zum Frühstück lädt.

Ja, wie war das noch mit Hansa und Greta?!…ein andermal… Dienstag, 12.9.

4.30. Nehme mir vor, eine Sammlung „grimmiger Märchen“ in Reimen anzulegen und beginne mit einem ersten Versuch:

Der Wolf und das gelehrte Lamm

Der Wolf im Bache bergwärts motzt Du trübst mein Wasser dumme Gans

Das Lamm nicht faul spritzt mittels Schwanz Bis Wolf verdutzt aus Kragen glotzt

Solang Du blind bist wie Homer Fürcht ich Dein zahnloses Gebiss Nicht mehr als eitel Vogelschiss

Wenn ich vom Glücksklee mich ernähr

Da trollt sich Isegrim voll Grausen Ob so viel lämmlicher Verschmitzheit Und literarischer Gewitztheit

Um fortan nur vegan zu jausen

…und schicke vom Spass beflügelt ein paar weitere Märchen hinterher:

Rapunzel

Grämt mit sechzig sich Rapunzeln War ich allzu niederträchtig Naseweise, selbstgerechtig?

War ich allzu wählerisch

Und den Werbern quälerisch?

Zählt ein Grauhaar mehr als Runzeln? Prinzen einstmals fesch und munter

Heut am Turm vorbeizuhinken Einer Gänsemagd zu winken Grad noch gut, so ruft mal einer Weil er Schulden hat wie keiner:

Wirf den goldnen Kamm herunter!

Der Wolf und die sieben Geisslein

Sagt die Zicken-Frau-Mama Ich geh fort und ihr bleibt da

Kommt nach Wochen Wolf vorbei Sind die Sieben dürr wie Streu Erst als Wolf sie aufgepäppelt Und die Fürsorg angeäppelt

Ist die Rumpf-Familienzahl Angemeldet und legal Was ist dran so arg fatal?

Erst mal fressen, dann Moral!

Fuchs und die Gans

Fuchs, Du hast die Gans gestohlen Gib sie wieder her

Wo solln wir das Zubrot holen Für das Eiermeer?!

Flugs geht Fuchs zum Standesamt

„Die ist mir längst angestammt! Bin auch krank und schier verarmt Den Behörden längst verharmt!“ Trotz der Zeitungsente

Fuchs bekommt die Rente Ehelicht die Beute

Sie leben gut bis heute…

Rotkäppchen besucht des Teufels Grossmutter

Omei, Oma du bist so schrecklich schlank Du bist nicht etwa sterbenskrank

Du siehst so ausgehungert aus

Als gält ich Dir zum nächsten Schmaus

Fürwahr mein liebes fettes Kind Nur wenig Deinesgleichen sind

Ich bin nicht Wolfsmilch Deiner Träume Zum Himmel wachsen nur die Bäume

Bei mir ist‘s lediglich zu warm

Nur Rumpelstilz mein engster Schwarm Mein Enkel hat stets viel zu tun

Und niemand liest mir vor beim Ruhn

Wie wärs mein Käpplein ohne Tarn Du flögst mir williglich zur Brust Und wirfst den Märchen-Mogelfrust

Dem nackten Kaiser-Mahl zum Schmarrn

Den Gabenkorb den leert das Käppchen Gemeinsam mit des Teufels Oma

Fällt alsobald ins Giftpilzkoma Moral:

Vertrauen gibt es nur in Häppchen!

Donnerstag, 14.9.

7.30. Der regnerischen Schwüle zu begegnen verliere ich mich in Reimen, um meine Synapsen anzuregen.

Der Liebe Lust und Leid

Hat ein Weib Dich mal beflügelt Und zu höh‘rem Sein bestimmt Heute Dich durchs Dasein prügelt Innre Stimmen nicht mehr zügelt Weil ein Andersein sie schlimmt

Räche Deine Wunden nicht Sei ein Mensch mit Blick in´s Einst

Hafer friss, auch wenn er sticht Hoff aufs nächste Sonnenlicht Wenn Du selbst im Finstern weinst

Schulden tust Du jedem Lächeln Gut sei nicht zum eignen Schein

Wenn wir nackt durchs Leben hecheln Stets bedacht ja nicht zu Schwächeln Werfe nie den (schw)ersten Stein

Liebe, Buch der Eselsohren Lieben, schleimiges Geschäft Treue, kaum gelobt, verloren

Lust, geschwind wie Wein vergoren Weil man‘s Leben halb verschläft

Wem Natur die Zweiheit gönnt Einsam ist, nur halbes Wesen Der Parzendreiheit zwar verpönt

Wird Qual ihm nun vom Los geschönt Wo Wahl zur Freiheit nie gewesen

Die Vielheit Homo lebt fortan So als ob sie ewig zeuge

Vom Irrlicht: selbstverliebter Wahn An Liebelei sei Fleischlust dran Bishin der Tod sie beuge

Versetzt der Glaube den Ural Drängt Liebe bald zum Zäumen Der Hoffnung Evas und Gemahl Ward Schickung im Neandertal: Statt auf unbequemen Bäumen Ein Nisten in geheizten Räumen. Die Lust an Seifenschäumen

Im Frust sich Aufzubäumen Stand Ein für Allemal Nicht mehr zur Wahl!

Wie schal!


Sonntag, 5.11.

8.00. Seit 4 Uhr quält mich die Zukunft. Beim kurzen Aufstehen überkommt mich starker Schwindel und Herzrasen obwohl ich die letzten Pillen schon am frühen Abend einnahm. Zwei Blutdruckmessungen hintereinander ergaben 131 und 112 zu 61 und 57 Werten und 78 zu 72 Puls. André wird dies besser beurteilen können, wenn ich ihn besuche. Ich plane meine künftigen Reisen nach Romainmôtier, Lausanne, Karlsruhe, Darmstadt und vielleicht München/Schliersee vor der „Heimkehr“ nach Venedig über Bern, wo ich mich wohl von Auto und Zelt verabschieden muss. Ein vielleicht überanstrengtes Programm.

Fühle mich getrieben, in allem Ernste an Boris zu schreiben:

„Lieber Boris, bester Freund; meine letzten Synkopen in Venedig und Bern sind alles andere als der heiteren Musik anverwandt. Ich muss mich ernsthaft daran gewöhnen, das intellektuelle oder unterhaltsame Schreiben ferner aufzugeben, zu gravierend sind meine Gedächtnislücken und Konzentrationsprobleme seither. Meine Schwindelanfälle summieren sich zu all den verschiedensten Alterszimperlein, von denen ich nicht gerne handelte und bis heute rede, die aber bedenklich zunehmen, ohne dass sie durch Arztkünste verringert werden können. Ich bin ohne zu übertreiben an Kopf und Rumpf auf den Tod kaputt, was im letzten scherzhaften wenn nicht geblödelten caput mortuum ausgedrückt sein wollte. Die begüternden Aufmunterungen seitens der Familie und der Freunde sind gut gemeint, aber verfangen nicht bei nüchterner Betrachtung der Wirklichkeit durch einen Agnostiker, Skeptiker und Fatalisten wie mich. Vielmehr muss ich nun meinem Schicksal zuvorkommend, meine Karten geordnet auf den Tisch legen, Revue der Vergangenheit ohne Ranküne passieren, Stategien für eine sicherlich gekürzte Zukunft planen, Selbstlügen und Selbstmitleid vermeiden und jede Weinerlichkeit beiseite lassen.

Wenn es irgend geht, komme ich gern nach K., um über die letzten drei wunderbaren Jahre mit Euch zu meditieren und zu scherzen, zu absolutieren und zu rekapitulieren, sowie in Sphärenmusik umgesetzt zu sehen und hören. Ansonst soll es in Venedig geschehen, wohin es mich am meisten zieht.

Dir mein Exil-Tagebuch und die Hunderten von Seiten unseres Chatverkehrs anzuvertrauen, wäre mein besonderer Wunsch; ich möchte Dir beides persönlich sobald als möglich übergeben.

Nun vorerst ein lieber Gruss in die bewundernswerte und mir ans Herz gewachsene Familie und segensreiche Wünsche, Euer Erasmo“

Die Antwort kommt umgehend zurück:

„Mein dolce duca, wir denken alle an Dich und wissen nicht, wie unsere Zuneigung sichtbar zu machen! Das Tagebuch brauche ich sehr, da bei mir ja alle Chats vor Kurzem verloren gegangen sind, wenn auch ein Teil auf dem Computer gespeichert ist. Wenn es in K. nicht klappen sollte, dann gerne egal wo, ich würde auch in Bern Dich besuchen, hoffe aber fest,

wer sehen uns ja noch genügend in Venedig! … Soll ich mich nicht allzu oft melden, um Dich nicht zu überanstrengen? Und was bedeuten die Anführungsstriche am Anfang?“

Meine Antwort: Gute Frage: da ich nicht weiss wie lange ich noch zureichend Gescheites schreiben kann, ist mein Breve natürlich im TB unter Anführungszeichen gelandet, (die ich am Ende bereits zu setzen vergass – sic!) damit ich morgen noch erfahren kann, was ich heute geschrieben habe. Dank für Eure Zuneigung – ein wahres Mannah!

Und Boris darauf: Nehmen wir das Anführungszeichen als „Mahnung“!

Darauf hin reise ich am 9.November 2023 im Flixbus von Bern nach Karlsruhe, um dem Freunde Boris das Konvolut als erstem zu überreichen.

Nachworte – Unworte- Intimissili

Zur autobiographischen Aufklärung:

Stexbrief eines Nixname im Flixbus nach Venexia aufgesext

Geburt: Nix besonderes, am 1. April 1941 in Agnetendorf, im schlesischen Riesengebirge als Scherz des Arztes und Geburtshelfers Otto Johannes Weddigen, – einer westfälischen Familie von Pastoren und Unternehmern um Barmen/Wuppertal, deren einer ein Dichter, Otto, und ein anderer jener Otto des U-Boots U 9 im ersten Weltkrieg war, der 1915 drei englische Kreuzer in halbstündiger Torpedierung auf den Grund schickte, für mich eine unverzeihbare Schrecklichkeit – Drex-Krieg! Nix wieder Krieg!

…- und der Sigrun Wolfhild von Unwerth, Tochter des Germanisten Wolf v. U. und der Ellen Siebs, Tochter des Germanisten Theodor, Schöpfer der Deutschen Bühnenaussprache, nach Wolfs Tod an der Grippe von 1918, Frau des befreundeten Germanisten Helmut de Boor, Übersetzer des Nibelungenliedes und Mitschöpfer der Deutschen Literaturgeschichte .

Otto Johann, von Jugend auf fast ausschliesslich im Umgang mit jüdischen Freunden, hatte eine Eva Milch in erster Ehe geheiratet, um sie vor der Verfolgung der Nazis zu bewahren, die exzentrische Ex floh nach England und lebte später in den USA. Mutter Sigrun war anfänglich seine Sprechstundenhilfe bis zur Heirat 1940. Beide wurden 1945 aus Schlesien im Umland Breslaus aus Haus und Praxis vertrieben. Wiederaufbau ihrer Existenz aus dem Nix am Ende der Welt im rhönländischen Wildflecken.

Patenonkel: Nix weniger als Dichter Gerhard Hauptmann in Agnetendorf im Riesengebirge, dessen Arzt und Freund Otto in den letzten Lebensjahren des Dramatikers war. Der Name Erasmus entwuchs der Abneigung der Mutter, das Söhnchen Gerhard zu nennen, und dem Kompromiss, dass Hauptmann und Frau Margarete einen Sohn in der Wiege verloren hatten, der Erasmus hiess, nach dem unehelichen Rotterdamer, der in Wirklichkeit als Gerhard Gerhardson getauft war. Im Familienkreis nannte man den Erasmus allgemein Asmus, weil es im Clan eine verehrte exzentrische Malerin dieses Namens, Hildegard, gab und Asmus der Held des Wandsbecker Botens, Matthias Claudius war.

Genealogie: In der Ahnenreihe mütterlicherseits figurieren schlesische nixnutzige Raubritter im Raume zwischen Bautzen und Görlitz bis ins 13. Jahrhundert, deren Stammschloss Unwürde bei Löbau in Ruinen noch erhalten ist; aber auch ein jüdischer Zweig lässt sich bis zu Rabbi Levi (1570-1621), Sohn des Chaim Levi von Deutz zurückverfolgen. Ein weiterer führt von Moyses

Abraham Wolff (1715-1802) über Emma Woff zu den Siebs, die durch eine Schwester Theodors, Anna mit den garibaldianischen Conti Cordova Savini im sizilianischen Aidone verbandelt waren. Den Unwürde entspross auch Gutsherr Fabian der Jüngere von Unwerth (ca.1480-1529), verheiratet mit Margarethe von Bora (1485-1531), der Schwester (bereits Tochter einer Margarethe von Unwirde aus Sagan) von Katharina, der Frau Martin Luthers. Schöne Bescherung! Heraus fand es unlängst Genealoge Jürgen Wagner 2015. Nix gelogen! (s. https://dieweddigens.jimdofree.com/zweig-von- unwerth/ )

Kindheit: während der Kriexjahre wird Asmus mit Schwester Angelika (*1943 – † Liebesfreitod in der Normandie Herbst 1962) ins Grosselternhaus nach Bern expediert und nach der Expatriierung der Eltern aus Schlesien im Nix des genannten Wildflecken angesiedelt, wo Otto in seiner neuen Praxis die amerikanischen Besatzungstruppen als Arzt betreut. Volksschulbesuch im „wildest spot of Germany“ und später Realgymnasium in Brückenau/Rhön/Unterfranken, wo Asmus nix besonderes lernt, aber auf Bäume kraxelt und mit laxen Freunden aus Königsberg Äpfel stiehlt.

Scheidung der Mutter, die mit Angelika nach Luzern in der Schweiz zieht, mit Stiefvater Siegfried Dreschel, ehemals U-Bootkommandant, nun städtischer Schulzahnarzt, denen 1952 die Stiefschwester Hjordis geboren wird.

Die getrennten originalen Kinder werden 1952 ausgetauscht, Erasmus geht strax nach Luzern ans klassische Gymnasium, die überintelligente Angelika verbleibt, vielleicht zu ihrem Unglück, beim Vater.

Jugend und Studium: E. unternimmt schon als Gymnasiast weite Tramper-Reisen zwischen Paris, Rom und Wien, Amsterdam und Athen. Will anfänglich Geiger werden, was wegen der Strenge der Lehrer nix wird, dann Sänger, was ihm eine Halstumor-Operation vermurxt, dann faxiniert ihn die Bühne und ihre Eingeweide; er schreibt und spielt sein erstes und letztes Theaterstück, wird ferienhalber Parkplatzwächter bei den Luzerner Festspielwochen und somit Freikartenhamster, dekoriert Papeterien, klext bei einem Malermeister, wird sommerlicher Bierbrauer, dann mal Nachtwächter, verliebt sich für sex Jahre in eine fixe Postangestellte, Anita Caminada aus dem romanischen Laax in Graubünden, macht die Matur, flieht vor einer voraussehbaren Ehe mit A. Hals über Kopf nach Istanbul (in Ermangelung des Fluggeldes für Indien) indem er ihr sein erstes Auto ein Kabriolett mit roten Ledersitzen, zum Troste schenkt, wird dort Grafiker in einer renommierten Werbeagentur Moran Company und entwirft Shell-Tankstellen, Sängeralben und Bohnenbüxen für Migros-Türk, maximiert sich zum Chefgestalter mit Professorensalär, nach nur drei Wochen Exerzitium, will dann aber doch studieren, vernixt den lukrativen Beruf, kehrt nach Bern inkognito zurück, wird vom Charme Marietta Eggmann‘s verhext, später bekannte Bühnenbildnerin in Norddeutschland, er wird nun Künstler, malt, bildhauert und exzelliert in allen Drucktechniken, letztlich für Nix, will dann aber in Bern Archäologie und Kunstgeschichte studieren bis ihn sein Ordinarius H. Hahnloser, Erbe einer namhaften Sammlung, nach Rom schickt, um sich sommers in Restaurierung zu bilden und am Istituto Centrale 1968 zu diplomieren. Zugleich besteht er die Oxentour des Doktorexamens in Bern, wo er nach fünf Jahren von Marietta ablässt, weil sie eine zu exzentrische Nixe ist, und zur Restauratoren-Kommilitonin Françoise Jaccard schwenkt, Exlehrerin aus dem französischen Jura und Lausanne, um nun nur noch französisch zu parlieren und quer zu denken, was zur Heirat führt mit Kindern wie Tristan Helmut Antoine (Bern 1969) und Klio Jeanne Sigrun (Bern 1971), später nach 20 Jahren als Klimax Anaïs Jenny Hespera (Rom 1989), die völlig italianisierte Nachzüglerin.

Familie im Outback: Erasmus übernimmt flux das grosselterliche Haus in Bern, baut es um, gräbt ein Atelier in die Fundamente, erneuert den Garten, wird Chefrestaurator der Berner Museen, gründet den Schweizerischen Restauratorenverband SKR, hofiert Sammler und Künstler, erwirbt Freunde und Feinde, arbeitet zugleich als Experte Tintorettos und besorgt eine Wohnung in Rom für sein sabbatical Year 1981 mit der Familie. Alles scheint in Butter, die Glüxsträhne ein Klax, aber kaum ist Bern im fixen Glanze, will die bessere Hälfte in Rom bleiben, weit wex von Bern, weil auch eine einsame Ruine nahe Orvieto erworben sein wollte, die Kinder in Rom eingeschult werden mussten, kurz, Bern ex usu, wieder nix. Erasmus pendelt jahrelang zwischen den beiden Städten um die extracellulare Familie zu ernähren, wird krank, erneut fehloperiert und schliesslich als exhabilitierter Invalide in die Frühpension geschickt; Expresskarriere im Nix. Aber welch ein Glüxfall: Erasmus wird in San Michele in Teverina zum Olivenbauer, mit Kettentrax und Pflug, pflastert Zisternen, mauert mit Freunden Kamine, ist Dachdecker und Fliesenleger, Elektrogenerator, Windradbauer, Strassenplaner, Holzfäller, Wildschwein- und Daxvertreiber, Gemüsepflanzer, aber nix Exeptionelles, am Ende für neun Sommer gratis-Restaurator der Schlosskirche des Dorfes, wo gesamthaft 150 Schüler und Schülerinnen aus sex Ländern unter der Fahne des „restauro povero“ werkeln, und sich gegen die eifersüchtigen Soprintendenzen wehren müssen, die nicht gerne sehen, wenn man nur für Brot und Kopfkissen, ex voto, also nix, der Bevölkerung zuliebe arbeitet, währen man in Rom für japanische exorbitante Milliarden die Sixtina schönt.

Der Nomade: Kaum ist die Kirche eingeweiht, wird Exot E. von Freund Thomas Schoeller in München gebeten sein Atelier für ein Jahr zu führen, während er die Barockkirche von Rott am Inn instandsetzt. Exklusives Mitbrinxel ist Sonya Melanie Schmid, Hochbauzeichnerin aus Zürich, familiär aus Sargans, letzte Elevin in San Michele, in die sich E. flux verliebt, weil Françoise explizit Künstlerin sein will, obwohl sie den Haushalt in Rom und San Michele bestens exerziert, aber für den pater familias wenig übrig hat – Die Liebe ist im Exit. Der Hans im Unglüx überlässt Françoisen die Wohnung in Rom und das Landhaus von San Michele plus die Hälfte der Pension, lebenslänglich. Hart am Existenznix

In München bekommt die bayerische Denkmalpflege Wind vom restauro povero-Experiment und bittet ihn, mitten im Kriexzug der Serben gegen das alte Jugoslawien im Schlosse Batthyàny im kroatischen Ludbreg an der ungarischen Grenze, ein Restaurierungszentrum als Ableger Zagrebs zu extemporieren, das die von den Serben zertrümmerten Altäre wieder zusammenflixt. Sonya geht inzwischen nach Bern, an die von ihm gegründete Schweizer Restauratorenschule, wohnt im verwaisten Haus mit den schrulligen Untermietern, macht flux ihr Diplom und wexelt tägliche Faxseiten mit Erasmus, die zu einem 500seitigen pseudonymen Briefroman „Ludberga“ anschwellen, voller Tagesgeschwätz, Mythenerfindung, Jux, Sex und Romanze, auf Grund derer eine recht extravagante Dorfheilige entsteht, sowie das „Zentrum Mundi“ wo als jährlicher Volkssexzess der

1.April (!) bis heut exaltiert gefeiert wird; Ludbrex Dorfstatus wurde schliesslich zur Stadt erhoben, der exotische Poet prompt zum Ehrenbürger taxiert.

Der CH-Bürger: Re-expatriiert nach anderthalb Jahren ins Bernische Haus, Convivium mit Sonya bis zur Geburt von Anthea Gefion Ludberga 2005, Heirat und Legalisierung der exogamen Beziehung, der nach vier Jahren Bilkis Adria Arsinoë folgen sollte. Sonya wird zu gewieften Restauratorin, Asmus zieht sich in die Kunsthistorikerrolle zurüx, publiziert sein erstes Buch in München zu Tintoretto als Pseudo-Renaissance-Dialog, interessiert sich für modernere Kunst, man ist regelmässig in Venedig, das er glücklich behalten konnte, reist im Camper mit Familie durch Europa, gewinnt neue Klienten, publiziert mit Sonya komplexe Essays. Im Guggenheim 2012, wagt er sich in die Rolle des Kurators einer Expo zum Ciclismo von 1912 und der vierten Dimension, von Zeit und Geschwindigkeit in der Zeit des Expressionismus vor Fluxus, hält Vorträge zur Restaurierung in ehem. Brixia, Mailand, Parma, Trento u.a.O. Propagiert für Kollegen Benno Wili die Methode der Mikroaspiration zur Freilegung von Gemälden, exponiert sich mit exzentrischen Exegesen zu Tintoretto, schreibt Expertisen, Exerzitien, Exkurse und Exposés… Das handwerkliche Restaurieren fällt ihm zur eigenen Zufriedenheit ins Nix.

Venexia: Am Aschermittwoch des Jahres 2019 hält er im Ateneo Veneto Venedigs den vermeintlich letzten öffentlichen Vortrag zu Tintoretto. Um das beschlossene „Exit von Tintoretto“ zu besiegeln. Aber es wurde wieder nix: in der Scuola di San Rocco wird doch wieder zum Jubiläum doxiert und unter seinem Anstoss musiziert. Aber jetzt soll Schluss sein. Nun wird tagegebucht, gereimt, gekalauert, gechattet, gemailt. Echter Exodus. „nix mehr nie Tintoretto“.

Ein Familiendrama überschattet das letzte halbe Jahr, in dem der alte unverbesserliche Nomade unter dem Damoklesschwert endgültiger Vernixung nach Venedig ausgebüxt ist. Sein Festsitzen in der Serenissima wurde durch die Virusseuche Covid 19 fixiert und sein Exil von neuen Freundschaften gekrönt. In Bern ist vorderhand nix viel anzufangen und nix aufzuhören, dort nix zu suchen, nix zu finden, aber man sage ja nie nix, auch wenn Fortuna druxt und Unmut am Nixtun muxt.

Ps. Aus Tristan wurde ein Profax phil. hist. in Zürich und Rex der Biblioteca Herxiana in Rom, verheiratet mit Julia Gelshorn Kunsthistorikerin in Freiburg CH mit exquisitem Töchterchen Héloïse, Klio Lehrerin und exemplare Gattin des Historikers Béla Kapossy in Lausanne mit exzellentem Kinderquartett, Leander, Solène, Aurèle und Charles: Anaïs ist Psychologin mit Praxis in Lausanne Töchterchen Alisia und Partner Emiliano Cordelli, exoterrestrischer Astronom, erst Fix-Sternwart in Bern, anschliessend ESA-Mitarbeiter im deutschen Darmstadt, wo beide leben.

Ist ja nicht Nix

(um Exkulpation des verflixten x-Stotterns der Tastatur in x Fällen wird gebeten!)

Die Geburt der Tochter Anthea hatte ich mit einem Gedichtchen bekanntgegeben, auf das ich mich heute nach 16 Jahren noch gern besinne:

Neueste Nachrichten von Sonya und Erasmus vom 16. Juli 2005, 01.25°

Der Storch auf jüngstem Billigflug Vom Abend gegen Morgenstern Verlor auf seinem Sammelzug Vom Asterweg zur Aare Berns Auf Hauses Nr.7 Schindel

Sein Bündel.

Dies ausgepackt, kaum festgestellt Ein busch’igs rosenfingrigs Weibchen, Sich prompt die cruxneFrage stellt Was schreibt man ihm aufs Leibchen Etikettenschwindel?

Nicht June, Augusta, Julia Kassandra, Lotte, Bette, Medea, Polyhymnia,

Nicht Sarah, Gritt, Mariette Passt zum Mündel!

Es schweigen Los und Kaffeegrund, Die Bibel, Münzwurf, Horoskop,

Nur Namen gut für Katz und Hund! Nichts, Pendel, Tarock, Heliotrop Orakelt aus der Windel…

Man forscht nach freundlichen Penaten, Prüft Mythen, Horen und Chariten

Auf den bestgewillten Paten Und besticht am End der Riten Klotho an der Spindel!

Doch nach schmerzgeplagtem Zahnen Scheucht ein einig Zeugerpaar

Die Divas, Heldinnen und Ahnen Und die ganze Heiligenschar Wies übrige Gesindel!

ANTHEA ist das erste Nomen, Die Kypris anverwandte Blume

An GEFION mahnt ein nord’sches Omen LUDBERGA nährt Kroatiens Krume Vom dreierlei Gebindel

Zufrieden Kindel?

Samstag, den 19.6. 2021 feierte Tochter Bilkis ihren 12.Geburtstag zu dem ich ihr schrieb:

Zum Geburtstag von Bilkis

Unter düstern Zeichen zwar Bilkis, jüngste meiner Elfen, Rundest ab Dein elftes Jahr- Trittst damit ins Rund der Zwölfen Eine Wunderzahl fürwahr

Klar und rar.

12 Apostel, Tagesstunden 2-mal 12 die Kirchensäulen

12 hat Dur mit Moll verwunden Auch wenn 12-ton-Fugen heulen Hat die Welt in Zahlen, runden Stets verbunden.

Dutzend ist das ältste Mass. Als vertrank die Zecherrunde Die an Artus Tafel sass Lachte aus Olympiermunde Längst der 12er Spass

Ohne Mass.

Lehrte altes Bibelwort

12 Stämm‘ und Propheten gab es Längst war Babels Turm der Ort Wo‘s hiess, 12 Sterngebilde hab es Seither lebt die Mär noch fort

Vom Göttertort.

12-Stern ziert Europas Fahnen China ist der 12 verschrieben Fluch und Alchemie lässt ahnen Was die Scharlatane trieben Die Natur find‘t ihre Manen

In Hexagrammen.

Meine Bilkis rüste sich Auf das 12er Leben hin

Und geniess‘ nach Fad und Strich Ihre Elf, solang sie drin

Lebt, liebt, labt und lobt fürs Ich Und die Ihren, fürsorglich

Mit Sinn.


Ihre Ankunft vor 12 Jahren hatte ich Freunden und Verwandtenfolgendermassen bekanngegeben:

Der neueste Inschriftfund auf der römisch-keltischen Engehalbinsel Rossfeld, Asterweg 7 und seine Deutung:

„DE P.AELIO HADRIANO IMP. ANNUNTIATUR

SUAVISSIMAM LUCEM ASPEXISSE: ANIMULAM,VAGULAM, BLANDULAM

BILKIS** ADRIA** ARSINOË**

DIE VENERIS XIX. JUNIO MMIX PTOCHOTROPHIO BERNENSI AD TILIAS

HORA TERTIA NOCTURNA MINUTULO VIGESIMO SEXTO QUADRAGINTA QUINQUE DIGITULIS OBLONGULA ROTUNDITATE INCERTULA.

MMM ET OCTOGINTA GRANULA PONDIT,

AB HONESTIS PARENTIBUS CERTISQUE NATULA SONYAE DESIDERIIQUE

GAUDENTE ANTHEAEQUE

QUAE! QUAE!

QUAËËË!“

.

*Bilkis:

war die gescheite und schöne Königin von Saba,

die König Salomo zum small oder besser heavy talk besuchte und mit Gold, Weihrauch und Myrrhen beschenkte, nachzulesen in I.Könige 10, 1-13 –

der Legende nach sogar mit einem Kind,

das Ururahne von Äthiopierkaiser Haile Selassie selig sei.

Bebildert hat sie der junge Tintoretto wie viele Meister von Piero bis Witz.

Nach ihr benannt ist eine vielleicht noch immer nicht ausgestorbene Gazellenart im Jemen.

Auch ein Asteroid erhielt 1906 ihren koranischen Namen.

**Adria:

erinnert an einen der wenigen sympathischen Dichter-Kaiser der Antike und seine Namensenkel,

uns aber an die Zweitheimat Venedig am Busen des adriatischen Meers und ihr venetisches / griechisches / etruskisches / römisches / keltisches /

italienisches heute verschlafenes Städtchen Atria/Adria,

sowie an die Tochter des Tizianfreundes und ersten Kunstkritikers Aretin, Förderer Tintorettos, Schriftstellers von Heiligenlegenden, erpresserischen Briefen und schlüpfrigen Sonetten

(man lese seinen Brief zu Adrias Geburt vom 15. Juni (!) 1537 an Maler Sebastiano del Piombo in Rom).

***Arsinoë:

war (von Apollon geschwängerte) Mutter des Heilgottes Asklepios; eine andere wurde von Dionysos in eine Nachtigall verwandelt; Arsinoë war Beiname der Aphrodite (wie Anthea);

der Arsinoë-Kypris wurde in Alexandria ein Tempel zu Ehren von Ptolemäer-Königin Arsinoë II geweiht, aber es gab deren vier,

die letzte war die unglückliche Schwester der von Caesar geliebten Kleopatra.

Ihre etwas anzügliche bzw auszügliche Gondelflucht aus ihrem Kerker (heute wieder im Zwinger zu Dresden) malte Tintoretto gegen 1580.

Die Römer tauften das griechische Krokodilopolis im Fajum ins amoënere Arsinoë um.

***

Ich befinde mich im Zimmerchen meiner Kindheit, das „Kitzi“, wo ein riesiger Tisch stand mit bodenlanger Tischdecke, ideal zum Verstecken. Ansonst nur ein von Büchern strotzender Vitrinenschrank und ein Klappschreibtisch mit darunter eingebauten Schubladen für Kinderspielzeug, längs der linken Wand eine altersgebuchtete Couch, auf der man sein Mittagsschläfchen verrichten musste, von

„Omu“ überwacht bei offenen Türen, spartanisch, aber sehr im Sinne der gestrengen, auf genaue Zeiten getrimmten Grossmutter. Hier begannen meine ersten Erinnerungen und hier hören die meinigen wohl bald auf, ein schöner Kreislauf.

Meine Flucht aus KA galt nicht Bern Stadt, zu dem ich immer eine gespaltene Beziehung hatte, sondern nur dem ausserstädtischen, damals noch ländlichen Haus und Garten Asterweg 7 auf der kleinen bewaldeten und halb bäuerisch genutzten Römerhalbinsel Rossfeld. Das fremdartige welsche Hutzelhaus mit einem drehenden Wetterhahn auf dem Dach war umstanden von zwei riesigen Pappeln und umbettet mit Spielsand vom Aareufer für unsere Tunnel und Burgen. Und das winzige Wiesengeviert entlang einer Brombeerhecke und mündend je in Himbeer- und Stachelbeerstauden diente vor allem einem hölzernen Kegelspiel für Jung und Alt oder dem Tischtennis, dessen Span-Platte vor jedem Regen weggewuchtet werden musste.

Nur sechs Nachbarkinder prägten meinen sozialen Horizont, darüber hinaus war hier ultima Thule, bis mich die Eltern in die Rhön, ihre neue Fluchtheimat verpflanzten, und ich diese auf Baumstümpfen sitzenden und in Blechnäpfen kochenden Wesen erst einmal kennenlernen musste. So wurde Asterweg 7 zum jährlich besuchten Traumpalästchen, Omu`s „Schlösschen“, wo auch stets die Verwandtenkinder aus Bayern eintrafen.

Francoise und Sonya hatten viel zur Modernisierung und zum teilweisen Umbau beigetragen, doch die Grundstruktur ist bis heute spürbar und das Mobiliar in vielen Teilen noch vertraut und dem Heimatgefühl zuträglich wie eh und je. (23.03.2025)